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Die Erstürmung des Kirchhofes.

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ALD nach 1 Uhrstand die Division Goeben am jenseitigen (linken) Saal-Ufer. Kissingen war in unsren Händen, mit Ausnahme des am östlichen Ausgange der Stadt gelegenen Kirchhofs, der noch

eine bairische Be. fazung hatte und die an seiner Flanke vor. überführende Winkels.

Nüdlinger Chaussee beherrsqyte. Der Kampf um diese Kirchofs - Position bildet eine interessante Episode des 10. Juli und die Tapferkeit, mit der dieselbe vertheidigt wurde, hat die Anerkennung reichlich verdient, die ihr bei Freund und Feind zu Theil geworden ist; dennoch darf man behaupten, die Besezung selbst war cin Fehler. Links und rechts ließ sich die sonst gutgewählte Stellung ohne besondre Schwierigkeiten umgehn (nach rechts hin erfolgte diese Umgchung auch wirklich) und wenn unsre in Kissingen zurückbleibenden Bataillone den Feind an diesem Punkte festhielten, während unsre Umgehungs. Colonnen in der Flanke über den Stationsberg hin auf Winkels vorgingen, so mußte die Kirchhofs - Besaßung nothwendig bis auf den legten Mann gefangen genommen werden. Es war eben ein verlorener Posten und was das zi1 Labelnde bleibt: ein verlorener Posten ohne Noth.

Der Kissinger Kirchhof liegt hoch, wie ein Kastel springt er in die Straße vor, so daß, wer von der Stadt aus an ihm vorüber will, erst von der schmalen Front, dann von der langen Flanke aus unter Feuer genommen werden kann. Die Länge des Kirchhofs ift 200 Schritt, seine Breite 30; eine Mauer aus rothen Quadern faßt ihn ein. Das Mauerwerk, in Folge unebenen Terrains, wechselt zwischen 4 und 8 Fuß Höhe; etwa ebenso hoch ist der Erdwall (der Abhang), auf dem die Mauer fich erhebt. Zwei Gebäude stehen auf dem Kirdyhof: das Meßnerhaus und die Marien. Kapelle. Legtere, ein geräumiger, mit Bildnissen und vergoldeten Nococo - Heiligen reich ausgeschmückter Bau, liegt etwas zurück, das Meßnerhaus aber, hart an der Ecke von Front und Flanke, beherrscht das ganze Terrain, namentlich die breite, von der Stadt her zum Kird;hof hinaufführende Straße. Unmittelbar neben dem Hause (auch in Front) ist der Eingang zum Kirchofi steinerne Stufen führen hinaufi Hart an der untersten Stufe, den Eingang mit ihrer Krone überdeckend, erhebt sich eine Linde; in front der Linde ein Muttergottesbild.

Dies war der Ort, den Hauptmann Thoma, etwa um 12 Uhr, mit 300 Mann vom bairischen 15. Regiment besegt hatte. Mit ihm waren Oberlieutenant Hoppe und die Lieutenants Heßle und Mayer.

Als der Hauptmann – eine typisch - bairische Figur: klein, embonpoint, lebhaft und tapfer seine 300 beisammen hatte, gab er Befehl, alles zur Vertheidigung einzurichten, das Meßnerhaus wurde zu einer kleinen Festung umgeschaffen und an der langen Seitenmauer hin aus Tonnen, Sägeböcken, Bohlen und Balken (die man einem gegenübergelegenen Holzund Bretterhof, entnehmen fonnte) ein Gerüst hergerichtet, gerade hoch genug, daß der Mann fein Gewehr auflegen und selbst mit Leichtigkeit Deckung nehmen konnte. Die besten Schüben hatten einzelne Steine aus der Mauer ausgelöst und auf die Wcise Schießscharten gewonnen.

Nadidem so alles vorbereitet und das Meßnerhaus mit einzelnen Posten zum Auslugen besebt worden war, zogen sich die 300 in die Marien. kapelle zurück, die einerseits Schut gegen die Mittagshiße, andrerseits einige Deckung gegen die dann und wann einschlagenden Granaten gewährte. Mehrere Grabsteine und Denkmäler wurden durch solche in die Jrre gehenden Kugeln und Sprenggeschosse getroffen, unter andern der Grabstein eines Preußen, des Sattlermeisters Carl Tesdiner aus Groß - Glogau, der am 5. Juli 1865 im Vade zu Kissingen gestorben, also genau vor Jahresfrist auf dem Kissinger Kirdyhofe beigeset worden war. Die Sprengstücke der Granate sowohl, wie des zersplitternden Grabsteins richteten noch unter den Nachbar - Monumenten eine Verheerung an und schlugen von

»nun

einem im gothischen Style errichteten Grabdenkmal die Spißen und Zaden herunter.)

Um 14 Uhr rüdten die Unsren, die fich bis dahin im Centrum der Stadt zurüdgehalten hatten, gegen den Kirchhof vor. Es waren Abtheilungen der Brigade Wrangel: die 2. und 3. Compagnie vom 15. und ebenso die 2. und 3. Compagnie vom 55. Regiment unter Führung Majors v. Boeding. – Die Posten im Meßnerhause machten Meldung.

» Nun, ihr Leute, machts hinausa, rief Hauptmann Thoma, kommen'8.«

Alles griff nach den Gewehren und nahm seinen Stand; die einen im Haus, die andern an der Mauer hin. Nur einer von denen, die in der Kapelle Zuflucht gesucht hatten, blieb an den Altarstufen zurüc. Er durfte es. Das war Kaspar Beger, der Meßner und Todtengräber. In seiner Familie war das Meßner. und Todtengräberamt schon seit dreihundert Jahren. Heute, am 10. Juli, war der hundertjährige Geburtstag seines Vaters. Er sank in die Knie und betete: »Gott, daß ich diesen Tag nie gesehen hätt'!«

Die Unsren rüdten rasch vor; sie nahmen die Giebelseite des Meßner, hauses unter ein heftiges Feuer; Kalk und Mörtel stoben umher, aber kein Baier war getroffen. Umso besser trafen die Baiern uns; ein Stocken kam in die Vorwärtsbewegungi es erschien unstatthaft, eine Position, die von keiner hervorragenden Bedcutung war, coute qu'il coute im ersten Anlauf zu nehmen. Man entschloß sich also zu retardiren, andre Compagnieen heranzuziehen und entweder eine Umgehung dieser Kirchhofsstellung oder doch einen Angriff von verschiedenen Seiten her zu versuchen, bis dahin aber ein Schüßengefecht fortzuspinnen.

Und so geschah es. Es mochte 3 Uhr sein, als sich weitre Abtheilungen der Unsrigen, namentlich Compagnieen vom 53., erst redits ausbiegend und dann wieder einsdhwenkend, in Gärten und Vorstadt- Häusern festgeseßt und auf Entfernung von faum hundert Schritt (wenig mehr als die Straße lag zwischen ihnen) der langen Kirchhofsmauer gegenüber eingenistet hatten. Jebt war es möglich, die Position von zwei Seiten her unter Feuer zu nehmen. Aber an der vorzüglichen Deckung scheiterte alles Tirailliren. Dies war kein Kampf, der mit der Schußwaffe zum Austrag gebracht werden konnte.

Von dem Augenblick an, wo das feststand, war auch die Sadie entschieden. In didten Sdwärmen brachen unsre 53 er über die Chaussee

*) Die Groß-Glogauer, so wenigstens war intendirt, haben den Grabstein ihres Landsmannes (der ein in der Stadt sehr respektirter Mann war) durch eine geschidte Cementirung, etwa wie man ein Biscuit. Bild tittet, wieder herstellen und der alten Jnsdrift die neue hinzufügen lassen: warm 10. Juli 1866 von einer preußisdien Granate getroffen.“

vor, den Abhang hinauf und durch einen Seiten. Thorweg hindurch, den man von innen her mit Hülfe alter Grabsteine verrammelt hatte. Die Grabsteine stürzten um und über zahlreiche Kindergräber hin, die hier an kleinen Kreuzen die immer wiederkehrende Inschrift tragen: »Hier ruht das schuldlose Kinda (und dann der Name) drangen die von Kampf erhişten Westphalen in den Kirchhof ein. Der Thorweg war ziemlich genau in Mitte der langen Mauer. Das Einbrechen und Vordringen an dieser Stelle war wie ein Keil, der die Vertheidiger in zwei Hälften theilte; was rechts stand und noch Kraft hatte zum Klettern und Springen, konnte fliehn (man ließ es geschehn); was links stand, war abgeschnitten.

Links stand auch das Meßnerhaus, dicht besegt in Erdgeschoß und erstem Stock. Von allen Seiten her anstürmend, nahmen es die Sieger im ersten Anlauf; Widerstand war nuglos und die Meisten gaben sich gefangen, aber nicht alle. Ein 53 er fegte einem Baier das Gewehr auf die Brust und rief ihm zu: »nimm Pardona. Der Baier aber, statt aller Antwort, schlug das Gewehr bei Seite und sprang dem Westphalen an die Kehle. Auf so nahe Distanze konnte dieser sein Gewehr nicht brauchen und warf es fort. Beide zogen ihre Säbel und mit der Linken fich krampfhaft an den Kragen. stücken haltend, hieben und hackten sie jeßt auf einander ein. Eine preußische Kugel machte dem Kampf ein Ende.

Alles, was nach rechts hin die Mauer überklettert hatte,') hatte inzwischen das freie Feld gewonnen; mit ihnen war Hauptmann Thoma Alles drängte die Chaussee hinan auf Winkels zu. Halt, ihr Leutea, rief jeßt der Hauptmann, als er sah, was er noch beisammen hatte. »Halt!« und sie standen. Es waren noch 200 Mann.

Zur Seite der Chaussee, einen rechten Winkel mit ihr bildend, zog sich ein Graben; dahinter nahmen die 200 Stellung und suchten Deckung, so gut sie zu finden war. Ein kurzes Gefecht entspann fich; aber es war das legte Aufflackern des Kampfes. Dieser kümmerliche Graben war keine zil haltende Position und unter dem Feuer unsrer nad drängenden und über. flügelnden Schützen stob die dünne Linie auseinander. Hauptmann Thoma, auf den Tod verwundet, fiel in Gefangenschaft; mit ihm sein Oberlieutenant und wohl die Hälfte der Mannschaften. Der Rest floh auf Winkels und Nüdlingen zu.

161 Mann, die Todten und Verwundeten ungeredinet, fielen am Kissinger Kirdyhof den Siegern in die Hände. Sie wurden in derselben

*) Einer, ein „sicherer Mann", ließ sich, während des Kletterns, in den fleinen, drei. winkligen Raum hinabgleiten, der in der südöstliden Kirdyhofsede durd) cine schrägstehende Familiengruft gebildet wird. Hier mußte er bis zur Nacht verbleiben, ehe er seinen weitern Rückzug bewerkstelligen konnte.

Marienkapelle untergebracht, in der sie die Stunde vor dem Kampfe zugebracht hatten. Später schaffte man sie nad Preußen. Nur einer entfam glücklich. Er hatte sich, während alle andern Gefangenen unten im Kirchenschiff lagerten, oben auf der Kanzel einquartiert, duďte sich, als die Kirche geräumt wurde und rettete sich durch diese einfache Procedur. Uebrigens mag auch das noch eine Stelle hier finden, daß ein Münsterländischer Cürassier, den man als Wachtposten vor die Kapelle gestellt hatte, abzulösen vergessen wurde. Er stand zwei Tage lang auf Posten, ruhte dann und wann eine halbe Stunde, während welcher die Meßnersfrau den Wachtdienst für ihn that und schlief immer erst mit der Beschwörungsformel ein: » weden's mich, Frau, oder ’8 kost't mein Leben.«

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