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VORREDE.

Bei der Beurteilung dieses Buches vergesse man nicht, dass es der Hauptsache nach für alle diejenigen ausserhalb des sehr engen Kreises der Fachphilosophen stehenden Personen der Wissenschaft und Bildung bestimmt ist, welche das Bedürfnis fühlen, sich mit den grossen Grundfragen der menschlichen Erkenntnis philosophisch auseinanderzusetzen und das Material für ein selbständiges Durchdenken der bedeutungsvollen, zumal naturwissenschaftlichen und religiösen Probleme, die den Geist unserer Zeit bewegen, gewinnen wollen. An die Philosophen von Fach, denen das Material dazu aus den Quellen selbst zu Gebote steht, ist erst in zweiter Linie gedacht worden.

Das Bedürfnis eines solchen zwischen der Fachphilosophie und den übrigen, zumal den empirischen Wissenschaften, wie den Bestrebungen der Bildung stehenden Buches scheint vorhanden zu sein. Man muss als Dozent der Philosophie tausendmal hören: „Wie gern würde ich mich mit philosophischen Fragen beschäftigen, um mir über Zweifel und Bedenken meines Innern Klarheit zu verschaffen, aber es ist mir unmöglich, die grossen Werke über Geschichte der Philosophie oder die Originalwerke berühmter Philosophen durchzustudieren. Die ersteren geben mir zu viel Einzelheiten, welche ich, da ich nicht Fachgelehrter auf diesem Gebiete sein will, zum Zwecke meiner Bildung und Aufklärung nicht brauche; die letzteren stellen die Probleme meistens in einer überaus schwierigen Form dar, welche den Laien vom Studium abschreckt, ganz abgesehen davon, dass ich auch nicht weiss, welchen Philosophen ich besonders oder in welcher Reihenfolge ich die Philosophen studieren soll."

Diesem Bedürfnis entgegenzukommen, müsste es ein Buch geben, welches die philosophischen Probleme in gedrängter Kürze, aber mit voller Klarheit sowohl in ihrer geschichtlichen Entwicklung darstellte, als auch die für unsere heutige Gedanken- und Kulturwelt daraus sich ergebenden sicheren Resultate verständlich für jeden, der Denkarbeit nicht scheut, vor Augen führte. Ein solches Buch könnte die Wirkung haben, dass auch für diejenigen, welche nicht Philosophen von Fach sein wollen und können, die Philosphie wieder zu einem allgemeinen Bildur.gsmittel würde, welches den wohlthätigsten Einfluss auf das theoretische Denken wie auf das praktische Wollen und Handeln aller Gebildeten ausübte. Im Augenblick ist dies in kaum nennenswertem Masse der Fall. Die grosse Menge der Gebildeten ist der Philosophie nicht bloss entfremdet, sondern sieht sie sogar, ebenso wie den, der sich mit ihr beschäftigt, mit einer gewissen, im besten Falle neugierigen Scheu an und hegt nicht immer nur in der Stille, sondern spricht vielfach ganz offen den Verdacht aus, dass die Philosophie und die Beschäftigung mit ihr eine herzlich überflüssige Sache sei; sie thut naiv verwundert, wenn sie zufällig mit einem „Philosophen" zusammentrifft, der sich gleichwohl als einen praktisch - verständigen und weltklugen Mann herausstellt.

An diesem üblen Zustande ist zu einem grossen Teil die Fachphilosophie selbst Schuld. Sie thut nicht Recht daran, wenn sie in vornehmer Abgesondertheit den berechtigten Forderungen der Laienwelt gegenüber die Ohren verschliesst; wenn sie vergisst, dass gerade sie ihrer Natur nach nicht ein Spezialfach, sondern eine allgemeinbildende Wissenschaft, und der Philosoph in erster Linie ein allgemein Gebildeter und allgemein Bildender im besten Sinne des Wortes und erst in zweiter Linie und als Mittel dazu ein Fachgelehrter sein soll, es allerdings auch sein muss. Die Philosophie handelt gegen ihr Interesse, wenn sie — wie es heute unter den gelehrten Specialisten Mode ist zu glauben, das sei der grösste Forscher, der die kleinlichste Forschung betreibt — lediglich eben nach diesem selben Ruhme strebt und vor lauter geschichtlicher und philologischer Kleinigkeitskrämerei ihre grosse Hauptaufgabe vergisst, Erzieherin, Fortbildnerin und Autklärerin der menschlichen Gesellschaft, besonders hinsichtlich der Fundamentalvorstellungen des menschlichen Geistes, von denen in letzter Instanz alle Theorie und Praxis abhängt, zu sein, und eben dadurch, dass sie sich selbst ihrer idealen Einwirkungen auf die Geister beraubt, dieselben dem Materialismus einerseits, dem Mystizismus andererseits preisgiebt. Detailuntersuchungen auch historischer und philologischer Art sind für die Gründlichkeit und Sicherheit der Lösung philosophischer Probleme ohne Frage notwendig und unentbehrlich, aber gerade in der Philosophie dürfen sie am wenigsten Selbstzweck, sondern immer nur Mittel sein, und ihr wirklicher Wert für die Menschheit, der nicht gleichbedeutend mit der bloss imaginären Wertschätzung ist, welche lediglich auf dem individuellen Lustgefühl eines zurückgezogenen Gelehrten oder Gelehrtenkreises beruht, bemisst sich allein daran, ob und welche Bedeutung sie für die Entwicklung der Gesamtkultur besitzen.

Die Gebildeten zeigen selten Interesse für die Philosophie, weil diese den Gebildeten selten etwas bietet, woran sie sich erquicken können. Wenn aber die Philosophie sich des Interesses der Gesamtheit beraubt, so zieht sie sich selbst den Boden unter den Füssen weg, in welchem die Wurzeln ihrer Kraft allein gedeihen können; sie erstarrt und verstockt zu einem kleinlichen Alexandrinismus und darf sich dann nicht mehr beklagen, dass man das Bewusstsein ihres Wertes verliert. Der Philosoph sollte sich also am wenigsten von dem verständnisinnigen Verkehr mit den Bestrebungen der gesamten menschlichen Gesellschaft los trennen: er vor allen sollte stets darauf bedacht sein, die sicheren Errungenschaften des philosophischen Denkens den weitesten Kreisen belehrend und erhebend zu gute kommen zu lassen. Treffliche Bücher, wie Friedrich Albert Langes „Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart" (3. Aufl. Iserlohn, 1876) und Otto Liebmanns „Zur Analysis der Wirklichkeit" (2. Aufl. Strassburg, 1880) sind als solche zu rühmen, welche jenes Bestreben in sich tragen, und deren vollverdienter Erfolg das Bestehen jenes oben genannten Bedürfnisses beweist. Aber Liebmanns geistvolles Buch setzt die Bekanntschaft mit der Geschichte der Philosophie in hohem Grade voraus und giebt mehr die Resultate der Entwicklung, als die Entwicklungsgeschichte: Langes Werk exponiert, wenn auch in klassischer Weise, die Probleme zu einseitig im Verhältnis und Gegensatz zum Materialismus: das vorliegende Buch möchte sowohl die geschichtliche Entwicklung, als auch die daraus gewonnenen sicheren Resultate darstellen, um einerseits bei dem Leser ein vollkommenes Verständnis der Hauptprobleme der theoretischen Philosophie herbeizuführen, andererseits denselben auch zu einer positiv abschliessenden Weltanschauung (was nicht etwa besagen will: zu einem positiv abgeschlossenen dogmatischen System) kommen zu lassen. An einer solchen gerade fehlt es heute den meisten Menschen; ihre konfessionelle Religion haben viele über Bord geworfen, aber dafür nichts Neues gewonnen, welches sie hielte Und leitete. So schwanken sie umher in ihrem Denken und Handeln, und die daraus erwachsende Charakterlosigkeit droht Signatur der Zeit zu werden. Das geschichtliche Vorführen der Probleme allein, wobei jedes folgende

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