Abbildungen der Seite
PDF
EPUB

System das vorhergehende kritisch zersetzt, darf nur als Propädeutik und Einleitung betrachtet werden, denn in Wahrheit bringt es dem Leser, welcher in der Philosophie mehr als Gelehrsamkeit, nämlich sichere und dauernde Fundamente für sein ganzes Denken und Wollen zu finden hofft, nur eine Reihe von Enttäuschungen, insofern immer wieder der Archimedische Ruhepunkt, den er eben in einem neuen System entdeckt zu haben meinte, sich ihm als trügerisch enthüllt. Man muss denn doch zuletzt zu einem Resultate kommen; wo bleibt sonst der feste Ansatzpunkt für den Hebel sowohl unseres theoretischen Urteilens wie unseres sittlichen Handelns? Dieses Buch will daher den Versuch wagen, in sich vereinigt Geschichte, Kritik und Resultate darzubieten.

Geschichte will es geben, denn auch dies steht fest, dass ohne Kenntnis der Geschichte nicht, ja dass nur auf entwicklungsgeschichtlichem Wege die grossen Probleme des Geistes wie der Natur verstanden werden können. Und wir Deutschen gerade haben das Glück, einige wahrhaft grosse und philosophische Geschichtsschreiber der Philosophie zu besitzen. Ich will nur das eine Dreigestirn nennen: Eduard Zeller, Johann Eduard Erdmann, Kuno Fischer. Ich nenne sie philosophische Geschichtsschreiber der Philosophie, denn sie sind keineswegs bloss „geistreiche Analytiker der Philosophie", sie sind selbst originelle Philosophen, nur mit dem Unterschiede, dass sie nicht unmittelbar über die Welt und den Menschen, sondern über den Entwicklungsgang der Philosophie philosophieren. Damit lösen sie aber gerade die philosophische Aufgabe, welche nach Ablauf der Systemepoche sich als die notwendigste herausstellte. In der Flut der rasch auf einander folgenden Systeme verlor man leicht den Uberblick über die organische Entwicklung des Gesamtganges der Philosophie. Jedes System hatte die Tendenz, sich womöglich als das allein gültige zu isolieren, als ob nicht alle nur die Teile der grossen Einheit bildeten. Der einzelne Systemschöpfer selbst war sich auch gar nicht immer des kulturhistorischen Zusammenhanges, in welchem er stand, voll bewusst. Aus solcher Isolierung erwächst aber die Gefahr des trägen Beharrens bei einem und demselben systematischen Gedankenkreise, in dem man glaubt das Ende der Philosophie überhaupt erreicht zu haben, also die Gefahr des Rückfalls in eine dogmatische und unphilosophische Geistesart, des Rückschritts, des Absterbens und der Versteinerung. So ist es denn nach Ablauf einer grösseren Systemepoche durchaus notwendig, dass Philosophen kommen, welche wieder das Ganze überblicken, überall die organischen Zusammenhänge und die Kontinuität des Gedankenstromes nachweisen und dadurch klar machen, welche Probleme gelöst und welche noch zu lösen sind, welche Fortschritte nunmehr zu machen und wohin sie zu machen sind, Jetzt müssen also die Philosophen über die Philosophie , philosophieren, jetzt müssen sie als Geschichtsschreiber der Philosophie die Philosophie betreiben. Sie sind deshalb nicht minder Philosophen als die Systemschöpfer; sie sind es, denen nun die einzelnen Systeme als Bausteine dienen, aus denen sie das neue und ihr neues System aufbauen: das System des ganzen Zusammenhanges der philosophischen Entwicklung überhaupt. Sie wiederholen nicht etwa bloss den Inhalt der Systeme, sondern geben dazu als das Neue die Kritik der Systeme, sie formulieren auch die neuen Aufgaben und stellen sie ins richtige Licht, ja reichen vielfach sogar schon den Schlüssel zur Lösung. So kommt es, dass man aus den Werken der grossen Geschichtsschreiber der Philosophie extensiv und intensiv mehr Philosophie lernen kann als aus den Originalsystemen selbst, und wer diese Werke nicht bloss durchlesen, sondern durchlebt hat, wird die Wahrheit dieser Behauptung bestätigen können, denn er hat nicht bloss ein philosophisches System, er hat die Philosophie erlebt.

So haben denn jetzt die Systemschöpfer und die Geschichtsschreiber der Philosophie so bedeutungsvolle Ergebnisse zu Tage gefördert, dass es nunmehr an der Zeit zu sein scheint, dieselben für die verschiedenen Zweige der Wissenschaft fruchtbar zu verwerten. Meine Absicht ist, dies für das Gebiet der gesamten mathematisch-empirischen oder der Naturwissenschaften im weitesten Sinne des Wortes zu thun, um eine heilsame gegenseitige Durchdringung zwischen diesen und der Philosophie anzubahnen. Daher nenne ich auch das Buch „Philosophie der Naturwissenschaft". Doch möge man aus diesem Titel nicht etwa schliessen, dass es sich hier mehr um Naturwissenschaft, als um Philosophie, oder um eine Philosophie ausschliesslich für Naturwissenschaftler handle; der Titel will zwar ausdrücklich darauf hinweisen, dass das Buch eine Darstellung der Philosophie vorzugsweise für die Männer der mathematischempirischen Wissenschaften enthält; er will auch von vornherein den engen Zusammenhang, in den Philosophie und Naturwissenschaften hier gebracht werden sollen, ins Auge springen lassen. Aber da, wenn es sich um eine kritische Erörterung des menschlichen Wissens von der Natur handelt, eine solche nicht zu geben ist, wenn nicht zugleich eine Kritik des vermeintlichen Wissens gegeben wird, welches daraus hervorgeht, dass der Mensch die natürlichen Grenzen seines Könnens und Erkennens überfliegt, so sagt der Titel auch, dass die Probleme des Übernatürlichen ebenfalls ihre volle Würdigung finden müssen, mit einem Worte: dass es sich in Wahrheit um eine Darstellung aller Grundfragen des menschlichen Erkennens handelt. Es wäre nicht schwer gewesen, einen andern Titel zu finden; aber er ist mit Absicht so gewählt, damit er von vornherein andeute, nach welcher Seite der Geist dieses Buches hingravitiert, und dass das kritisch-empirische Element in ihm das entschiedene Uebergewicht über das dogmatisch-mystische hat.

Nachdem oben bereits auf den engen Zusammenhang dieses Buches mit den Werken unserer grossen Philosophen und Geschichtsschreiber der Philosophie hingewiesen ist, braucht kaum noch besonders hervorgehoben zu werden, dass häufig genug Anlehnungen an ihre Ideen wie Entlehnungen aus ihren Werken in diesem Buche sich finden müssen. Soll ich es genauer sagen, so sind die Bausteine zu diesem Werke aus drei grossen Schachten entnommen: aus der Geschichtsschreibung der Philosophie, aus dem Kritizismus Kants und aus den Ergebnissen der Naturwissenschaften. Der Kenner wird auch ohne besondere Zitate den ursprünglichen Fundort der einzelnen Bausteine leicht bestimmen können. Das Neue, welches ich hinzugefügt zu haben glaube, beruht viel weniger in dem Material, als in der eigentümlichen Anordnung und Beleuchtung, in welche ich dasselbe im Interesse meines Zwecks gebracht zu haben meine. Denn eben darauf kam es mir an, das vorhandene reiche Material für die empirischen Wissenschaften nach pädagogisch-didaktischen und kritischen Gesichtspunkten nutzbar zu machen; meine Arbeit ging überall darauf hinaus, das Verhältnis der einzelnen philosophischen Systeme und Philosopheme zu den Methoden und Resultaten der empirischen Wissenschalten klar und deutlich hervortreten zu lassen, und gerade dabei hoffe ich, dass, wenn auch die Ergebnisse unserer Philosophen und Geschichtsschreiber der Philosophie dankbar und pflichtschuldigst benutzt wurden, und wenn es auch schwer fällt, noch Originelles über manche Probleme zu sagen, über welche die berufensten Männer bereits ausführlich und vielseitig geschrieben haben, man doch eine selbständige Auffassung nicht völlig vermissen wird.

Der Umstand bedarf wohl kaum einer besonderen Erwähnung, dass es der eben gekennzeichneten Bestimmung dieses Buches gemäss darauf ankam, immer nur Hauptsachen zu geben. Nebensächliches, wie untergeordnete Lehrmeinungen oder biographische Einzelheiten, wurde mit Absicht ausgeschlossen, ebenso der ganze fachmännische Apparat von Noten, Zitaten und Litteraturangaben. Sollte der Fachmann hier und da etwas vermissen, das nach seiner Ansicht hätte gegeben werden sollen, so trage er sich, ehe er deshalb einen Tadel ausspricht, ob diese Auslassung nicht in der Absicht des Verfassers oder in der Ökonomie des Werkes begründet lag.

Das Buch will zweitens Kritik geben, und zwar in doppelter Gestalt: zunächst die geschichtliche Kritik, welche die Historiker vorzugsweise üben, wenn sie in einem jeden System die inneren Widersprüche aufdecken und das geschichtlich folgende System die kritische Zersetzerin des vorhergehenden sein lassen; dann aber auch die Kritik, welche ich die pragmatische nennen möchte, welche nämlich entspringt aus der Vergleichung einer früheren Lehre mit unserer heutigen Lehre über denselben Gegenstand, oder eines früheren Zustandes mit einem heutigen Zustande. Eine solche vergleichende Kritik lässt uns auf alle Fälle erstens genau den Abstand zwischen einer früheren Lehre und der heutigen erkennen; sie zeigt uns zweitens, dass vielfach unsere Lehre die gründlichere und richtigere ist, in welchem Falle unsere Lehre zur Kritik der alten Theorie, und der grosse, durch Gewohnheit oft vergessene Wert unserer Anschauung oder unseres Zustandes durch den deutlich erwiesenen Unwert der früheren Lehre oder des früheren Zustandes uns wieder lebhaft zum Bewusstsein gebracht wird; sie zeigt uns drittens manchmal aber auch das Umgekehrte, dass unsere Lehre oder unser Zustand im Vergleich zu dem, was früher war, sich mangelhaft verhält, in welchem Falle die alte Lehre zur Kritik der neuen wird und uns die Bahn weist, auf der wir das Bessere wieder zu erstreben haben; sie zeigt uns endlich viertens oftmals, dass Lehren, welche heute für neu ausgegeben werden, und in deren Besitz man sich einer früheren Zeit gegenüber als Wunder wie fortgeschritten! brüstet, im Keime auch damals längst vorhanden waren, sodass kein Grund vorliegt, hochmütig auf die

« ZurückWeiter »