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Zweiter Abschnitt.

Das Zeitalter der Begriffe

oder

die Entstehungsgeschichte der Naturverachtung.

Erstes Kapitel.

Die Begründung der Naturverachtung.— Piaton und die Ideenleere.

Inhalt: Die Sophistik. — Protagoras. — Gorgias. — Skeptizismus. — Subjektivismus. — Nihilismus. — Sokrates. — Das neue Problem und Sokrates' Lösung desselben. — Kritik des Sokratismus. — Piaton. .— Der allgemeine Begriff als das wahrhaft Wirkliche. — Kritische Untersuchung über das Wesen des Begriffs. — Die platonische Schlussfolgerung. — Kritik derselben. — Die Ideenlehre. — Die platonische Idee eine neue Form der Kausalität. — Wert derselben für die Erkenntnis. -— Die immaterielle Ideenwelt und die materielle Welt der Erscheinungen. — Das Jenseits und Diesseits. .— Weltschmerz und Weltflucht. — Die Organisation der Ideenwelt. — Der transcendente Gott. — Präexistenz, Immaterialität und Unsterblichkeit der Seele. -— Ihre sittliche Aufgabe. — Die angeborenen Ideen. — Der Erkenntnisprozess als Wiedererinnerung. — Praktische Tragweite der Ideenlehre. — Aristoteles' Versuch, den platonischen Dualismus zu überwinden. — Platonismus und Darwinismus. — Ideenlehre und Entwicklungstheorie. — Die „Beständigkeit der Ideen" und die „Konstanz der Arten". — Die Verfechter der konstanten Spezies als Ideenlehrer. — Die Widerlegung des Piatonismus als indirekter Beweis für die Entwicklungstheorie.

s ist eine merkwürdige und das Nachdenken herausfordernde Erscheinung in der Kulturentwicklung der abendländischen Völker, dass eine relativ so wohl begründete und auf gutem Wege sich befindende Naturanschauung, wie sie die griechischen Naturphilosophen ohne Zweifel geschaffen hatten, in der Folgezeit nicht bloss gänzlich verloren gehen, sondern auch dafür eine so hochgradige Naturverachtung an die Stelle treten konnte, wie wir dieselbe geschichtlich wohl zu erklären, nicht aber — und glücklicherweise nicht — gemütlich noch nachzuempfinden verstehen. Die Untersuchung der Entstehungsursachen dieser Naturverachtung ist nicht bloss geschichtlich interessant, sie ist vielmehr auch für die Zukunft insofern wertvoll, als sie, ich möchte sagen: eine prophylaktische Bedeutung hat. Indem wir die feindlichen Elemente durchmustern, welche gegen Ende des klassischen Altertums und im Mittelalter die Sonne der Naturforschung unter den geistigen Horizont der Menschheit hinabdrückten, drängt sich uns von selbst ein Vergleich jener Zeit mit der unsrigen auf. Wir bemerken, dass dieselben Feinde noch heute leben, wenn sie auch an Macht verloren haben, und dass sie noch heute bemüht sind, die Naturerkenntnis, wenn möglich, zum Stiefkind zu machen. Wir zeichnen also zugleich die gegenwärtigen Feinde, wenn wir die aus der Vergangenheit in ihrem Wesen erfassen. Eine Hauptbodingung, den Sieg zu erringen, ist ja doch die genaue Erkenntnis der Eigenschaften des Gegners, seiner Stellung, seiner Mittel, seiner Stärken und Schwächen. Diese möge die folgende Entstehungsgeschichte der Naturverachtung aufdecken und zur Anschauung bringen.

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Die zweite Periode des Philosophierens, das Zeitalter der Begriffe oder der Naturverachtung, wird von einer Klasse von Männern eingeleitet, die scharfsinnig genug sind, um rückwärts schauend das Frühere kritisch zu zersetzen, doch nicht schöpferisch genug, um wirklich Neues hervorzubringen, obgleich sie dasselbe anbahnen und dem Philosophieren die Richtung darauf geben.' Diese Männer sind die Sophisten, ihr Zeitalter das der Sophistik. Wir können hier nur kurz hervorheben, worin das Wesen dieser höchst interessanten und für die Entwicklung des Denkens ungemein bedeutungsvollen Erscheinung besteht. Die Sophisten sind die ungläubigen Kritiker ihrer Zeit; sie betrachten zersetzend alle bisher gewonnenen Resultate der Wissenschaft, decken die Widersprüche in und zwischen den einzelnen Systemen auf, und da sie unter dem Vorhandenen nichts finden, das ihrem verneinenden Geiste Stand zu halten vermöchte, so schliessen sie, dass es überhaupt keine sichere Erkenntnis der Dinge gäbe, dass vielmehr alles zweifelhaft sei. Sie machen also den Zweifel zum Prinzip und entwickeln daraus eine skeptische Weltanschauung, die sie in letzter Instanz konsequent bis zum radikalsten Nihilismus auf allen Gebieten der Theorie und Praxis durchführen. Indem sie nun das Zweifeln und Verneinen zur Hauptsache erheben, mit Erfolg bezweifeln und verneinen aber ein scharf eindringendes , in allen Sätteln gerechtes und auf Hieb und Stoss geübtes Denken voraussetzt, so ist es natürlich, dass sie das Wesen des Denkens zum Zweck der geistigen Gymnastik, wenn auch nur im Dienste ihrer nihilistischen Tendenz, anfangen zu untersuchen, dabei die philosophische Betrachtung mehr und mehr von der äusseren Natur auf das denkende Subjekt selbst, auf das Wesen des Erkennens hinlenken und hierdurch bereits, man möchte sagen wider Willen, eine Menge fruchtbarer Samenkörner für die neue Periode der Philosophie gewinnen, in welcher gerade durch die einseitige Betrachtung und Beachtung des Subjekts die Weltanschauung völlig umgewandelt wird.

Alle bisherigen Systeme wollten eine Erkenntnis der Welt geben. In Wahrheit aber folgt aus ihnen die Unmöglichkeit der Erkenntnis. Wenn, wie Demokrit wollte, es nur schwerkräftige Atome gab, so war, wie wir bereits zeigten, nicht einzusehen, wie aus ihnen jemals die denkende Kraft des Erkennens hervorgehen sollte.

Soll ferner ein Objekt erkannt werden, so gehört doch wohl dazu, dass dasselbe dem erkennenden Subjekt sein Wesen darlege und offenbare, wozu vor Allem das Objekt selbst ein fixiertes und fixierbares sein muss. Wenn das Objekt in jedem Augenblick sein Wesen verändert und sich in einem rast- und ruhelosen Wandlungslauf befindet, so kann man nirgends sein Wesen ergreifen, mithin es niemals erkennen. Wäre aber auch das Objekt ein durchaus beharrendes, dagegen das Subjekt, welches zu erkennen strebt, in jedem Augenblick der Wandlung und Veränderung unterworfen, so wäre nichts Beharrendes an ihm, also beharrte auch nichts in ihm; jeder in diesem Zeitpunkt gewonnene Vorstellungsinhalt wäre im nächsten bereits verwandelt; so käme es niemals zu Vorstellungen, die dem Wesen des Objekts je adäquat wären, mithin wäre das Erkennen ebenfalls unmöglich. Damit also Er

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