Abbildungen der Seite
PDF
EPUB

Drittes Kapitel.

Teleologie und Mechanik. – Empedokles, Anaxagoras und Demokrit.

Inhalt: Einfluss der Eleaten auf die folgenden Naturphilosophen. – Versuch der Vereinigung des eleatischen und des heraklitischen Prinzips. — Fortgang zum Dualismus und zur Teleologie einerseits und zum monistischen Materialismus andrerseits. – Empedokles. – Die vier Elemente. - Liebe und Hass, - Der Kreislauf der Weltentwicklung. – Empedokles, Lamarck und Darwin, - Die Entstehung der Organismen. – Urzeugung und stufenweise Entwicklung. – Mechanische Erklärung der Entstehung des Zweckmässigen aus dem Nichtzweckmässigen durch Selektion. - Anaxagoras. — Entwicklung zum Dualismus und zur Teleologie. -- Die Urstoffe als zahllose Homoeomerieen.

- Der zweckmässig schaffende Weltgeist (Nus). – Dualismus, Teleologie und Immaterialismus hier noch nicht völlig konsequent entwickelt. – Reaktion der physikalisch-genetischen Erklärungsweise gegen die teleologische. — Archelaos.

- Diogenes von Apollonia: Empirischer Beweis für die monistische Natur der Substanz. — Hinweis auf die Ursachen des schliesslichen Sieges der teleologischen Weltauffassung. – Kritik der Teleologie. – Die teleologische Schlussfolgerung. – Erster Hauptsatz: Die Welt ist zweckmässig geordnet,

- Vierfache Widerlegung. – Zweiter Hauptsatz: Erster Schluss: „Das Ordnende muss ein Denkendes sein.“ — Widerlegung. – Zweiter Schluss: „Das denkende, ordnende Prinzip ist ein vom Stoff verschiedenes.“ – Kritik, -- Demokrit. - Sein System der wissenschaftliche Protest der antiken Naturphilosophie gegen die Teleologie. – Entwicklung der Atomenlehre durch Demokrit. — Zurückführung der Qualität auf die Quantität. – Die Qualitäten als menschlich-subjektive Anschauungsweisen. – Atome und leerer Raum. — Die Fallbewegung. – Kritik der Atomistik. - Das Atom ein eleatisches Ursein, - Die Atomistik eine wertvolle Hypothese. -- Die Grundwidersprüche im Begriff des Atoms. – Der leere Raum eine unbeweisbare Annahme. – Die Atomistik und die Erkenntnistheorie. – Berichtigung der Atomistik durch die Monadenlehre. – Schematisch-Übersichtlicher Rückblick auf die antike Naturphilosophie. – Hinblick auf die weitere Entwicklung des philosophischen

Denkens.

Tunter den Naturphilosophen dieser ersten Periode erscheinen

die Eleaten wie Findlingsblöcke im Jura, deren eigentüm

liche Gesteinsart, abweichend von der ihrer unmittelbaren Umgebung, auf eine entfernte Alpenkette als ihre wahre Heimat hindeutet. So wird denn auch der eigentliche Gehalt ihrer Prinzipien erst im Gebirgsstock des Platonismus erkannt und verarbeitet. Die ihnen unmittelbar folgenden Philosophen zeigen sich noch als echte Naturphilosophen; und doch tragen sie bereits ein etwas anderes Aussehen wie ihre ersten Vorgänger. Der Einfluss der Eleaten auf sie, trotzdem sie nicht Anhänger derselben werden, ist doch so gross, dass sie sich eben dadurch charakteristisch von den Ioniern unterscheiden. Es ist wohl dem Einfluss der eleatischen Dialektik zuzuschreiben, dass sie die naturphilosophischen Grundbegriffe mit grösserer Schärfe erfassen und sie über die Unbestimmtheit der Ionier hinaus zu grösserer Entschiedenheit entwickeln. Die im Hylozoismus enthaltene verworrene Unterschiedslosigkeit von Materie und Geist, wie wir sie kennzeichneten, klären sie auf und ab, indem sie einerseits in Empedokles und Anaxagoras zum selbstbewussten Dualismus und zur teleologischen Fassung des Alls übergehen, andrerseits in Demokrit jene Verworrenheit sowohl als diesen Dualismus durch einen reinen, monistischen Materialismus zu überwinden trachten. In der Fassung ihrer Grundprinzipien stehen sie ferner ganz und gar unter der eleatischen Einwirkung. Das Urwesen der Welt, die Welt an sich, die eigentliche beharrende Substanz der Welt in dem Wechsel der Aüchtigen Erscheinungen, ist einzig, ewig und unveränderlich. – Parmenides hatte dieses Dogma durch die Kraft seiner Deduktionen zum Axiom erhoben. Auch die nun folgenden Naturphilosophen erkennen es als Axiom an, dass die Substanz der Welt ewig dieselbe, unveränderliche sein müsse. Aber dass diese Substanz, dieses Ursein, nur ein einziges sein müsse, vermögen sie nicht zuzugeben. Wenn in der That Parmenides mit seiner Behauptung der Einzigkeit des unveränderlichen Urwesens Recht hätte, woher kommen denn alle jene vielfältigen Vorgänge der Veränderung, des Wachstums, der Bewegung, die wir wahrnehmen? Wenn Parmenides diese für blossen Sinnestrug erklärte, so beseitigte er damit die Schwierigkeiten durchaus nicht. Denn auch unsere Sinne stammen doch in letzter Instanz aus jener unveränderlichen Urkausalität – wäre diese wirklich eine einzige, absolut starre, woher überhaupt nur die Möglichkeit von veränderlichen Erscheinungen, selbst wenn diese nur Trugbilder wären? Hätten die Eleaten Recht, so hätten sie uns die Täuschungen der Sinne aus ihrem Prinzip erklären müssen, sowie uns der Kopernikaner die scheinbare Bewegung der Sonne aus seinen Grundvorstellungen einleuchtend als eine „notwendige Illusion“ begreifen lässt. Das Werden ist – das ist nun einmal nicht zu leugnen. Gleichwohl ist es auch richtig, dass das Urwesen der Welt an sich ewig und unveränderlich zu fassen ist. Wie lässt jene erste, unabweisbar sich uns aufdrängende Forderung unserer Sinne sich mit jener zweiten Forderung unseres logischen Ver.' standes vereinigen? Diese Vereinigung streben die nachparme. nideischen Naturphilosophen an; in diesem Streben zeigen sie sich einerseits als Naturphilosophen der früheren Zeit, andrerseits tragen sie den eleatischen Stempel auf der Stirn. Sie suchen dies Problem dadurch zu lösen, dass sie eine Vielheit an sich unveränderlicher Grundsubstanzen (Ursein) annehmen. Jede Grundsubstanz bleibt an sich ewig, was sie ist - hierin folgen sie Parmenides. Aber indem die rein äusserliche, man kann sagen, rein räumliche Beziehung jeder Grundsubstanz zu den anderen Grundsubstanzen sich verändert, entsteht das, was wir das Werden, den Wechsel der Erscheinungen, die ganze Fülle der Naturphänomene nennen. So erklärt sich das Werden, in dessen Bejahung sie Heraklit folgen. In diesen Grundannahmen stimmen Empedokles, Anaxagoras und Demokrit überein, doch unterscheiden sie sich in der näheren Bestimmung sowohl der Zahl als des Wesens der Grundsubstanzen, und zwar so, dass Empedokles der Naivetät der Ionier noch nahe steht, Demokrit dagegen bereits das in höchster Abstraktion erfasste allgemeine Erklärungsprinzip derartig mit den Ansprüchen der sinnlichen konkreten Erscheinung zu verbinden weiss, dass seine Theorie in ihren Grundzügen (die Atomistik) zum Eckstein aller Naturwissen

schaft bis heute geworden ist, während Anaxagoras die Mitte und den Übergang zwischen jenen beiden bezeichnet. So zeigt sich in der auch chronologisch richtigen Reihe von Empedokles, Anaxagoras, Demokrit derselbe Grundgedanke in drei Stufen seiner Entwicklung, jede folgende Stufe zeigt genauere Spezifikation des Grundgedankens und schärfere Abstraktion des Denkens, so dass am Ende der Reihe in Demokrit die merkwürdige Erscheinung uns entgegentritt, dass die Grundsubstanzen logisch wieder völlig in der abstrakten strengen Weise des Parmenides gefasst werden, und doch das gerade Gegenteil des eleatischen Idealismus, der barste Materialismus, auf dieses Prinzip gegründet wird.

Empedokles aus Agrigent (dem heutigen Girgenti) auf Sicilien (etwa von 492–432 v. Chr.) lehrt, dass die materiellen Grundsubstanzen (die „Wurzeln“) aller Dinge, die vier Elemente, welche seitdem zu ihrem hohen, erst in der neueren Zeit verlorenen Ansehen kamen, Erde, Wasser, Luft und Feuer seien. Ein eigentliches Entstehen eines vorher noch nicht Gewesenen und ein eigentliches Vergehen des einmal Vorhandenen giebt es nicht — was wir so nennen, ist nichts anderes als die Mischung oder Trennung jener vier in sich ewig identischen Ursein. Wenn Empedokles darin also noch ganz in den Geleisen der Ionier wandelt, dass er die (später selbst für sekundäre Zusammensetzungen erklärten) sogen. vier Elemente als die primären, ursprünglichen Grundsubstanzen hinstellte, so zeigt er sich doch in der Fassung derselben, als in und an sich unveränderlicher UrSein, auf der eleatischen Fahrstrasse. Was trennt und mischt aber diese Ur-Sein? Nicht in ihnen selbst liegen die dies bewirkenden Kräfte, sondern neben oder über ihnen steht die Kraft der „Liebe“, welche die Mischung, und die des „Hasses“, welche die Trennung hervorbringt. Indem Empedokles diese als von den Stoffen verschieden denkt, bereitet sich hier schon im Keim der Dualismus vor, den wir in Anaxagoras um einen Schritt weiter, in Platon endgültig entwickelt finden. Hier freilich ist es nur erst ein Keim. In ähnlicher Weise legt Empedokles auch ein Samenkorn für die Teleolologie (das zweite, wenn die „Harmonie

der Pythagoreer das erste war) in seiner Lehre von der Entstehung der Organismen.

„Liebe“ und „Hass“ als natürliche, aber vom Stoff getrennte Kräfte beherrschen und bewegen das All. Im Uranfang waren alle „Wurzeln“ des Seins durch die Liebe einheitlich zu einer allumfassenden Weltkugel verbunden. Allmählich kam der Hass zur Herrschaft und entzweite und zerstreute das Verbundene so entstanden Einzelwesen, die in feindlicher Disharmonie einander entgegenstanden. Die Liebe suchte diese getrennten Wesen wieder zu vereinigen, aber im Wechselkampf der beiden feindlichen Naturkräfte um die Herrschaft gelang es nicht gleich, die getrennten zu harmonischen Gestalten zusammenzufügen, vielmehr entstanden durch zufällige Verschmelzungen zuerst Wesen von den ungeheuerlichsten Formen, bis diese mehr und mehr untergingen, um im fortschreitenden Siegeslaufe der „Liebe" harmonischen Formen Platz zu machen. Wenn die Liebe völlig gesiegt hat, der einheitliche Urzustand also wieder hergestellt ist, beginnt das Wechselspiel der Kräfte und der Kreislauf der Umwandlungen von neuem. Diese allgemeine Theorie des Entwicklungsganges der Welt gestaltet sich nun insbesondere für die Entstehung der von den Menschen als zweckmässig bezeichneten Wesen, d. h. der Organismen, bei Empedokles so, dass man ihn getrost in weit höherem Grade als Anaximander einen antiken Vorläufer Lamarcks und Darwins nennen kann. Durch Urzeugung unmittelbar aus dem Schosse der sich entwickelnden Erde heraus entstanden zuerst die Pflanzen, darauf die Tiere, keineswegs aber gleich in ihrer jetzigen Gestalt, vielmehr haben sie diese erst im Laufe einer mehrstufigen Entwicklung erhalten. Bei ihrem ersten Werden nämlich entstanden sie nur in ihren (später erst vereinigten) Teilen als Wesen z. B. die nur Augen oder nur Arme oder nur Köpfe u. s. w. waren. Die zweite Entwicklungsstufe bestand darin, dass diese Teile sich rein zufällig im Kampfe der widerstreitenden Kräfte von Liebe und Hass zu ungeheuerlichen Bildungen zusammenfügten. Da entstanden 2. B. Stierleiber mit Menschengesichtern, wie Menschenleiber mit Stierköpfen. Viele dieser Missbildungen konnten sich nicht er

« ZurückWeiter »