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giösen totfeindlichen Materialisierung des Immateriellen, im Spiritismus. Wenn ein grosser Teil der Gesellschaft sich diesem Rückfall in den rohesten Schamanismus und Animismus der Naturvölker mit Freuden hingiebt, so ist das nicht blos ein Beweis dafür, dass jede wahrhaft geistige Einwirkung des echt Religiösen auf das menschliche Fühlen verloren gegangen ist, sondern, wenn wir uns erinnern, mit welchen Zuständen geistigen Verfalls ähnliche spiritistische Erscheinungen in der Untergangszeit des klassischen Altertums auftraten, so deutet es auch auf eine rasch zunehmende Denkschwäche in der Masse hin, deren Folgen für unsere Zeit dieselben sein müssen, wie sie es damals waren. Sehen wir aber yar, dass Männer der Wissenschaft um spiritistischer Gaukeleien willen das Fundament alles wissenschaftlichen Denkens verkaufen, so haben wir hier ein solches Abwenden von jeder kritisch - idealen Weltanschauung, ein solches Versinken in den rohesten Materialismus und seine Einwirkung auf das Individuum vor uns, dass der Kenner der geistigen Entwicklungsgeschichte der Individuen wie der Menschbeit sich des Grauens vor der nächsten Zukunft nicht erwehren kann, die an Stelle des wissenschaftlichen Erkennens den Aberglauben setzen wird.

Unser Zeitalter ist ein hervorragend realistisches und empiristisches: das ist sein Vorzug gegenüber anderen Zeiten. Sein Fehler ist, dass es dazu ein materialistisches geworden ist. Es wäre aber ganz falsch, wollte man für diesen Fehler ausschliesslich seinen Realismus und Empirismus verantwortlich machen. Der Materialismus entwickelt sich im Gefolge des Realismus und Empirismus immer nur dann, wenn die geistigen, sittlichen und religiösen Ideale der Menschheit aus anderen Gründen bereits verloren gegangen sind. Diese können verloren gehen, wenn Reichtum und Macht die Menschheit zu Ueppigkeit und Uebermut, zu Genusssucht und Sinnlichkeit und damit zum ethischen Materialismus verführen, dem dann der theoretische Materialismus erst nachträglich gewissermassen als erklärende Theorie auf dem Fusse folgt. Der Materialismus kann sich aber auch aus einem ganz anderen Grunde entwickeln, wenn nämlich die geistigen, sittlichen und religiösen Ideale, die bisher den Menschen erfüllt und begeistert haben, im Verlauf grosser, gewaltiger geistiger Errungenschaften für den Menschen zu klein und zu kindlich geworden sind, wenn er also in Wahrheit über die bisherigen Ideale hinausgewachsen ist, er sich neue aber noch nicht hat bilden können. Dann wirft er im kritischen Vernichtungsdrang wie Faust mit den bisherigen Idealen eine Zeit lang wohl allen Idealismus weg und ergiebt sich einem rohen Materialismus des Denkens und Lebens. Immer aber entwickelt sich der Materialismus nie blos aus dem Realismus und Empirismus als solchem, sondern stets muss noch die Inadaequatheit der alten Ideale, zumal der religiösen, im Verhältnis zu der allmählich geschaffenen neuen Vorstellungs- und Gefühlswelt des Menschen hinzutreten. Realismus und Empirismus wirken höchstens insofern mit, als sie es gewöhnlich sind, welche jene neue Vorstellungswelt herausgearbeitet haben. Die Forderung darf also nicht dahin gehen, den Realismus und Empirismus zu verbannen, sondern dahin, dass wieder religiöse wie sittliche Ideale gefunden werden, die dem neuen Vorstellungsinhalt des menschlichen Geistes adaequat sind. Es muss mit dem neuen Realismus wieder ein neuer Idealismus verbunden werden, nicht aber darf der oft gemachte, aber stets misslingende Versuch erneuert werden, den neuen Wein eines neuen Realismus in die alten Schläuche eines veralteten Idealismus zu füllen.

Im weitesten Sinne des Wortes gilt es also, eine Verbindung zwischen Realismus und Idealismus herzustellen, das heisst, wenn denn doch die hauptsächlichste Vertreterin des Realismus die Naturwissenschaft und die des Idealismus die. Philosophie ist: Naturwissenschaft und Philosophie müssen ihren alten Bund wieder erneuern, eine Philosophie der Naturwissenschaft muss geschaffen werden, einer philosophischen Naturwissenschaft muss eine naturwissenschaftliche Philosophie die Hand reichen. Wenn die Vertreter des Realismus und Empirismus sich wirklich philosophisch-idealistisch durchdringen, so wird die Welt alle Segnungen des Realismus weiter geniessen, die materialistische Irrung und Wirrung aber wird untergehen.

Leider besteht heute ein nicht geringes Misstrauen zwischen

der Philosophie und den empirischen Wissenschaften. *) Eine Anzahl Philosophen, selbst unkundig der Forschungen der Naturwissenschaften, stossen jede Art des Empirismus als „unphilosophisch“ von sich; und die Empiriker fast sämtlich haben von der Philosophie eine Vorstellung, als handle es sich in ihr um höchst nutzlose und unfruchtbare, weder exakte noch überhaupt wissenschaftliche Hirngespinste. Beide Parteien haben im höchsten Grade Unrecht, aber die Hauptschuld an diesen Missverständnissen trägt leider die Philosophie, insofern ihre Entwicklung in den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts, zumal in Schelling und Hegel, das höchste Misstrauen der Naturwissenschaften gegen sich erweckte, da sie all den Nebel zurückführte, den gerade vorher Immanuel Kant mit gewaltiger Hand zerstreut hatte. So datiert diese feindliche Scheidung der Philosophie und Naturwissenschaft erst aus der neuesten Zeit; im klassischen Altertum bestand sie nicht, und den innigsten Zusammenhang beider in der Zeit nach dem Wiedererwachen der Wissenschaften beweisen die zugleich philosophischen wie naturwissenschaftlichen Bestrebungen und Werke der Descartes, Baco, Kepler, Newton, Leibniz, Kant. Erst in der nachkantischen Periode führte einerseits die erwähnte Missentwicklung der Philosophie, andrerseits der Umstand, dass die Naturwissenschaften sich immer mehr specialisierten und differenzierten, wodurch sie, den Blick auf das Einzelne gerichtet, den Sinn für die notwendigen allgemeinen Forschungen verloren, die üble Trennung herbei, die wir jetzt zu beklagen haben. Unleugbar sind durch diese Hinwendung der Naturwissenschaften auf die bis in's kleinste gehenden Einzeluntersuchungen Vorteile erwachsen, die nicht blos den besonderen Specialwissenschaften, sondern der Entwicklung des menschlichen Geistes überhaupt, also der Philosophie, im höchsten Masse zu gute kommen. Die mühsamen und vielfach trockenen Detailstudien haben den Rausch vertrieben, in welchem der philosophische Schwarmgeist meinte, das Bild der

*) Das Folgende habe ich in ausführlicherer Weise bereits erörtert in einem Vortrage: „Über Bedeutung und Aufgabe einer Philosophie der Naturwissenschaft.“ Jena 1877, worauf ich verweise.

Welt allein aus sich selbst schöpfen zu können; die nötige Kantische Nüchternheit zur Erforschung der philosophischen Wahrheit ist wieder zurückgekehrt; es ist ferner ein ungeheurer Vorrat von Thatsachen und Erklärungen derselben aufgehäuft, die erst die sichere empirische Grundlage geben, auf welcher die Philosophie sich aufbauen kann. Aber es sind auch die Nachteile nicht ausgeblieben, welche eine Vernachlässigung des philosophischen Denkens in allgemeinen Begriffen jedesmal mit sich bringt. Diese Nachteile zeigen sich als Fehlerhaftigkeit und Unlogik in der Form der Darstellung, wie wir sie leider bei so vielen Empirikern bemerken; sie zeigen sich aber auch hinsichtlich des Inhaltes ihrer Forschungen.

In Wahrheit bilden alle noch so verschiedenen Wissenschaften eine untrennbare Einheit, denn sie sind sämtlich aus dem einen Menschengeiste hervorgegangen, der von der einen ihn umgebenden Welt befruchtet wird. Wie in einem Organismus jedes Glied nur im Zusammenhang mit allen anderen verstanden werden kann, so empfängt auch jede besondere Wissenschaft ihr volles Licht erst und nur aus dem Zusammenhange mit allen übrigen Wissenschaften. Je mehr mithin eine Wissenschaft sich isoliert, je mehr sie in ihrem Besonderungstriebe sich auf wenige Einzelobjekte einschränkt, um so mehr beraubt sie sich der Möglichkeit einer vollen Lösung aller in ihr liegenden Probleme, zumal der Grundprobleme. Gerade das aber haben die empirischen Wissenschaften in neuerer Zeit in hohem Grade gethan. Bei aller Vertiefung in das Einzelne ging die Besinnung über das Ganze verloren; den Teilen, die man in der Hand hatte, fehlte das geistige Band. In Wahrheit gab man nur noch Beschreibung von Thatsachen, aber keine Erklärung aus Ursachen, d. h. man verfehlte die eigentliche Aufgabe der Wissenschaft. Im Wesen des menschlichen Geistes liegt aber der Drang, erklären zu wollen. Erklären wollten also auch diese in die kleinsten Einzelheiten ganz vertieften Spezialisten. Da ihr Gesichtskreis aber ein zu enger war, so mussten notwendig auch die von ihnen angestellten Erklärungsversuche zu eng ausfallen, und es musste eine Menge von in sich widerspruchsvollen und einander widersprechenden Hypothesen entstehen, deren Widerlegung und Zurückweisung nur die Zeit für positive Aufgaben schmälerte und den stetigen Fortschritt der Wissenschaften verzögerte. Der Zustand der modernen Chemie in Betracht ihrer allgemeinen Grundprinzipien ist ein vortreffliches Beispiel für eine Wissenschaft, in welcher fast jeder Forscher ein anderes System bekennt. Bedeutende Naturforscher wie Helmholtz, Zöllner, Fick, Haeckel, Wundt, Dubois-Reymond, Huxley u. a. haben denn auch mit Schrecken wahrgenommen, wohin diese Vernachlässigung aller philosophischen Gesichtspunkte geführt hat, und sie haben um so mehr eine philosophische Durchdringung der Naturwissenschaften empfohlen und sich selbst einer solchen zugewandt, als sie in denselben immer und immer wieder auf philosophische Prinzipien hingewiesen wurden, je tiefer und gründlicher sie in die Probleme ihrer Spezialwissenschaften eindrangen. Der grosse Erfolg, den der Darwinismus errungen hat, beruht nicht zum kleinsten Teile auch darauf, dass in seinen Prinzipien ein allgemeines philosophisches Band gegeben war, durch welches die verschiedenen Naturwissenschaften zur Einheit zusammengefasst werden konnten. Raum und Zeit, die Grundlagen der Mathematik, das Atom, die Grundvorstellung für die Chemie und Physik, der Artbegriff, dieser vielumstrittene Mittelpunkt aller durch den Darwinismus in Zoologie und Botanik angeregten Probleme, die nervenphysiologischen Vorstellungen u. s. w. – sie alle haben es mit den tiefsten philosophischen Grundvoraussetzungen zu thun und sind nur im Gebiete der Philosophie völlig zu erörtern und zu klären. Sowie der Naturforscher diese Grundbegriffe nicht blos und auf Autorität hin blindlings annehmen, sondern sich über ihren Inhalt, ihre Tragweite und ihre Entstehung klar bewusst werden will, so ist er genötigt, sein Spezialgebiet zu verlassen und in die Philosophie einzutreten. Entweder er empfängt sie unbesehen auf Grund autoritativer Belehrung, dann glaubt er, aber weiss nicht, oder er will sie mit Bewusstsein denken, dann muss er philosophieren. So ist er durchaus in das Dilemma einer Rechtfertigung allein durch den Glauben oder durch die Philosophie hinsichtlich seiner letzten Grundprobleme gestellt. Sehr richtig hat Avenarius gesagt: „Der Frage, wie ist Philosophie als Wissenschaft möglich? steht mit völlig gleichem Rechte die Frage gegenüber: wie ist Wissenschaft

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