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nehmung hervorwachsen. Die ersten Philosophen sind durchaus Empiriker und Sensualisten, und es heisst ganz fremde Anschauungen auf sie übertragen, wenn man in ihren Lehren nach Hegelscher Weise schon tief abstrakte, metaphysische Spekulationen wittert. Auch Heraklit, zu dem wir jetzt übergehen, ist nichts anderes als ein solcher Empirist und Sensualist. Was er als Prinzip aufstellt, findet sich als Anlage schon in den Lehren des Anaximenes und Anaximander vor.

Wenn wir nämlich die Dinge beobachten, so zeigen sie nicht bloss Stoff oder Form, sondern vor Allem auch eine ununterbrochene Veränderung des Stoffes und der Form. Ein Stoff geht aus dem andern hervor, eine Form in die andere über. Niemals tritt völlige Ruhe und Stillstand ein, sondern in jedem Augenblick herrscht Bewegung und Wechsel, in denen Form und Stoff sich vor unseren Augen verwandeln. Es gicbt also etwas in den Dingen, das mächtiger ist als Stoff und Form, da diese von ihm nach Tielieben zerstört und wieder erzeugt werden. Was ist dieses Allgewaltige, vor dem Stoff und Form sich als hinfällig erweisen, vor dem sie sich widerstandslos beugen? Es ist eben die Veränderung, das Werden, der ewige Wandlungsprozess selbst — weder der Stoff, noch die Form sind der Urgrund der Dinge, denn sie sind abhängig von jener Werdemacht.

Nach Heraklit von Ephesos (etwa von 535 — 475 v. Chr.) ist dieses Werden die Urkausalität der Welt. Das Urprinzip der Welt ist nicht Stillstand, sondern ewige Wandlung und Veränderung; Alles ist und ist gleich darauf nicht mehr, was es ist, d. h. es ist anders. So ist alles in ewigem Flusse (nävra §et). Troti; seines Widerstrebens wird jedes aus seinem Zustand in einen anderen hinübergerissen; so steht alles im Kampf mit einander, da jedes gegen jedes strebt. — Der Kampf ist dasjenige, was den Werdeprozess weiter treibt, der Kampf ist der Vater aller Dinge (noXsfiog narift) navzwv).

Und umzuschaffen das Geschaffne,

Damit sich's nicht zum Starren waffne,

Wirkt ewiges lebendig's Thun.

Und was nicht war, jetzt will es werden —

Zu reinen Sonnen, farb'gen Erden,
In keinem Falle darf es ruhn.

Es muss sich regen, schaffend handeln,
Erst sich gestalten, dann verwandeln;
Nur scheinbar steht's Momente still.
Das Ew'ge regt sich fort in allen:
Denn alles muss in Nichts zerfallen,
Wenn es im Sein beharren will.

(Goethe, „Eins und Alles":
Gedichte, Bd. II.: „Gott und Welt".)

Aber was ist dieses Werdende, Verändernde, Verwandelnde? Es ist bei Heraklit kein abstraktes Prinzip, sondern ein konkret existierendes Stoffliches, zugleich aber ein mit Leben und Denken begabtes, also hvlozoistisches Sein: Es ist das göttliche Feuer, welches nicht das gewöhnliche irdische Feuer, sondern identisch mit der reinsten Ätherluft ist. Dieser feurige Weltäther verwandelt sich in Luft, Wasser, Erde und diese wieder zurück in den Weltäther. So gehen in unaufhörlichem Wandlungsprozess die Welt und so nach einander unendlich viele Welten aus dem Urfeuer hervor und lösen sich wieder in dasselbe auf, sie haben alle „die Sonne passiert". Heraklit stimmt also in seinem Hyiozoismus völlig mit den ionischen Physiologen überein und unterscheidet sich von ihnen nur dadurch, dass er auf die ' Entwicklung der Dinge aus dem Urprinzip noch mehr Gewicht legt, als es Anaximenes und Anaximander schon gethan hatten.

Wenn die Pythagoreer den Gedanken eines einheitlichen, gesetzmässigen Alls oder der Weltharmonie aufstellten, so war es Heraklit, der diesen Gedanken erweiterte und vertiefte. Die Harmonie der Pythagoreer ist ein von F^wigkeit zu Ewigkeit unveränderlicher Zustand der Welt. Dieser Harmonie fügt Heraklit die Disharmonie hinzu. Aus Kampf und Feindschaft, aus der Disharmonie erst geht die Harmonie der Welt hervor. — Jede Harmonie löst sich in Disharmonie und diese wieder in Harmonie auf. So erhalten wir eine kontinuierliche Kette von Harmonie und Disharmonie, so erst ein wahres Entwicklungsweltall. In dieser der modernen Wissenschaft viel näher als die pythagoreische stehenden Anschauung der in unaufhörlichem Flusse befindlichen Entwicklung; durch den Kampf erkennen wir eine Verwandtschaft Heraklits mit Darwin, wenn auch nur eine allgemeine; denn Heraklit lehrt nur das Übergehen der Stoffe und Formen in einander, aber weder eine eigentliche Höherentwicklung, noch die mechanischen Ursachen einer solchen. Auch eine allerdings weit hergeholte Analogie des Gesetzes von der Erhaltung der Energie hat man in seiner Lehre, dass der Feueräther (die Wärme) sich in die Dinge der Welt und diese wieder sich in jenen umsetzen, finden wollen.

Wenn Heraklits grosses Verdienst gegenüber seinen Vorgängern vor allem in der starken Betonung des Werdeprozesses oder darin liegt, dass er das wahre Wesen des Urgrundes gerade in der Veränderung und Entwicklung findet, so möchten wir es beinahe als sein noch grösseres Verdienst bezeichnen, dass er dadurch den Anstoss zur scharfen Ausbildung einer ihm durchaus feindlichen und gegensätzlichen Lehre gegeben hat, die für die Förderung der Erkenntnistheorie deshalb von so ausserordentlicher Bedeutung geworden ist, weil in ihr und durch sie das menschliche Denken sich zuerst auf die im Begriffe der Veränderung und des Werdens oder, was dasselbe heisst, im Begriffe der Kausalität selbst liegenden Probleme richtete. Wie die Schwierigkeiten im Begriffe des Werdens mit denen im Begriffe der Kausalität zusammenhängen können, leuchtet schon ein, wenn wir bedenken, dass Werden so viel heisst wie Entstehen, dass, was entsteht, aus etwas entsteht, d. h. die Wirkung einer Ursache ist, dass also das Werden die Begriffe von Ursache und Wirkung unmittelbar voraussetzt und in sich schliesst. Machen wir uns, unabhängig von jenen alten Philosophen, vorläufig die im Werden und der Kausalität verborgenen Widersprüche einmal klar.

Erster Widerspruch im Werden: Was heisst „ein A wird B"? — A geht über in B. Mithin muss es doch bei diesem Übergange (gleichsam in der Mitte zwischen A und B) einen Punkt x geben, wo das sich Verändernde nicht mehr A und noch nicht B ist, wo es also weder A noch B ist. Andererseits aber ist es das B, welches aus dem A hervorgeht. Also muss das sich Verändernde im Punkte x zugleich das A und das B in sich enthalten, d. h. sowohl A als auch B sein, denn wie könnte sonst aus A das B werden! Also muss in dem Übergangspunkt das sich Verändernde weder A noch B und doch zugleich sowohl A als auch B sein, ein logischer Widerspruch, der unmöglich gedacht werden kann und doch unvermeidlich ist.

Genau denselben logischen Widerspruch finden wir aber auch in der Kausalität oder dem Verhältnis von Ursache und Wirkung, was man sich leicht klar machen kann, wenn man die Ursache = A, die Wirkung = B setzt. Wie A in B über-, oder B aus A hervorgeht, wie also etwas Ursache und Wirkung sein kann, ist logisch nicht zu begreifen.

Die zweite Schwierigkeit besteht darin, dass auch auf dem Wege der Erfahrung und sinnlichen Beobachtung sich dieser Widerspruch nicht erledigen lässt. Ich sehe doch den Werdeprozess, z. B. das Wachsen dieser Pflanze, wendet man ein. Sehen wir wirklich, wie die Pflanze wächst? Gestern war der Baum ohne Blätter, heute sind sie plötzlich da, d. h. wir nehmen immer nur das Resultat des Werdens, nie das Werden selbst wahr. Dass etwas vom Zustand A in den Zustand B hineingewachsen ist, bemerken wir immer erst dann, wenn die Differenz zwischen B und A so gross geworden ist, dass sie uns auffällt. Und sei dieses „so gross" auch noch so mikroskopisch klein, wir nehmen doch immer nur das Gewordene, das Entwickelte wahr: das Werden, die Entwicklung selbst ist nie Gegenstand der sinnlichen Wahrnehmung und Beobachtung, sie wird vielmehr aus den Resultaten des Prozesses erst nachträglich erschlossen und bleibt also in ihrem innersten Wesen, wie sie an sich ist, „gleich geheimnisvoll für Weise wie für Thoren".

Dasselbe gilt natürlich wieder hinsichtlich des Verhältnisses von Ursache und Wirkung. Das Wirken einer Ursache nehmen wir an sich nicht wahr, wir bemerken erst das Resultat des Wirkens, das Bewirkte. Dass etwas Ursache ist, erschliessen wir also erst aus den Wirkungen.

Die Unbegreiflichkeiten der Kausalität und des Werdens liegen nun natürlich in all den Begriffen vor, welche sich in letzter Instanz aus ihnen herleiten, z. B. in dem Begriff der Bewegung, da Bewegung = Übergehen aus einem räumlichen Zustand in den anderen, also = Werden ist, in dem naturphilosophischen Begriff der „Entwicklung", was unmittelbar einleuchtet, da Entwicklung Werden ist, woran der Darwinist allerdings für gewöhnlich nicht denkt, ebenso in der mathematischen Vorstellung vom „unendlich Kleinen". Um letzteres zu erörtern, so be- und entsteht das Grosse aus dem „unendlich Kleinen"; letzteres ist die hervorbringende Ursache des ersteren. Der Übergang des unendlich Kleinen in das Grosse, das Werden des einen aus dem anderen, stösst auf dieselben eben entwickelten logischen Widersprüche, die man auch in folgender Weise sich vergegenwärtigen kann: Da das Grosse aus dem unendlich Kleinen be- und entsteht, so muss letzteres selbst als eine Grösse gedacht werden, denn wie könnte es sonst Grosses bilden — ist es aber eine Grösse, so ist es kein „unendlich Kleines". Als solches darf es nicht als irgend eine Grösse, muss also als Nichtgrösse = Nichts gedacht werden. Wie kann aber aus Nichtgrössen Grösse, aus Nichts Etwas entstehen? Durch empirische Beobachtung lässt sich das Geheimnis ebensowenig entschleiern, da das „unendlich Kleine" niemals sinnlich wahrnehmbar ist, denn nur Grössen, wenn auch noch so klein, lassen sich wahrnehmen.

Alles, was hier vom mathematisch „unendlich Kleinen" gilt, gilt auch von dem physikalisch „unendlich Kleinen", dem Atom. Der Stoff ist Grösse, also müssen seine kleinsten Bestandteile, die Atome, Grössen sein; die Atome sind aber das „unendlich Kleine", also Nichtgrössen — wie kann aus Nichtgrössen Grösse entstehen? Alles Stoffliche ist Grösse, die Nichtgrösse, d. i. das Atom, also nicht Stoff. Wie kann aber aus Nichtstoff Stoff be- und entstehen? Sinnliche Beobachtung hilft uns nicht aus der Verlegenheit, denn das Atom ist als unendlich klein kein Gegenstand der Wahrnehmung. Diese Widersprüche lösen sich erst vom Standpunkte des kritischen Empirismus aus, der uns lehrt, dass das unendlich Kleine, das Atom, das Werden u. s. w. in die Kategorie des „Dinges an sich" gehören , d. h. über die Grenze jeder menschlichen, logischen wie empirischen Erkenntnis hinaus liegen, was hier ange

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