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des Neuen Organon, sondern entschieden eine Vertiefung und Erweiterung der Baconischen Induktion, welche gerade die Grundmängel derselben zu verbessern weiss.

Der Zweck aller Forschung ist, wahre Erkenntnis zu begründen. Aber diese ist niemals zu finden durch unsicheres, dem Zufall sich überlassendes Umhertappen, niemals durch unmethodisches Umherirren, sondern allein durch streng methodisch eingerichtetes Suchen. Eine mangelhafte Methode ist immer noch besser als gar keine, aber es kommt darauf an, die völlig sichere Methode zu entdecken. Worin besteht das methodische Denken, welches zur Erkenntnis führt? Descartes hat die Beantwortung dieser Frage vorzugsweise in seiner „Abhandlung über die Methode des richtigen Vernunftgebrauchs und der wissenschaftlichen Wahrheitsforschung“ (nach Kuno Fischers Übersetzung) niedergelegt, die gewissermassen das Cartesianische Neue Organon bildet. In vier kurzen Regeln hat er die gesamte Methodik zusammengefasst. Dieselben sind zu erläutern.

Die erste Regel. Das methodische Denken, welches zur wahren Erkenntnis führen soll, besteht offenbar darin, dass man wahr denkt. Aber eben diese beiden Begriffe „wahr“ und „denken" sind auf das genaueste zu analysieren, damit es nicht scheine, als blieben wir bei einer nichtssagenden Tautologie stehen. Wir legen zunächst den Nachdruck auf den Begriff „wahr“. „Wahr denken“ heisst nach Descartes klar und deutlich denken. Was heisst „klar“? Die Erkenntnis eines Objektes setzt offenbar die vollste Sicherheit voraus, dass das Objekt, welches erkannt werden soll, auch wirklich existiert. Die Klarheit bezieht sich also auf die thatsächliche Existenz des Gegenstandes. Was heisst „deutlich“? Zur Erkenntnis gehört ferner, dass der Gegenstand, über welchen gedacht wird, nicht mit anderen Gegenständen verwechselt und vermengt, vielmehr auf das genaueste von jedem anderen, irgendwie sonst noch existierenden Gegenstande unterschieden werde. Die Deutlichkeit bezieht sich demnach auf die genaueste Unterscheidung des zu erkennenden Dinges von allen übrigen. Klar denken heisst also sicher wissen, dass das Ding existiert; deutlich denken heisst sicher wissen, wie es existiert. Diese Bestimmungen sind durchaus nicht überflüssig und selbstverständlich. Descartes hatte die mittelalterliche Scholastik vor sich, die weder klar noch deutlich dachte; die vorzugsweise über Gegenstände dachte, deren objektive Existenz nicht bewiesen war, und deren Bestimmungen über das Wesen der Dinge stets verschwommen und verworren blieben. Indes - haben wir nicht auch heute noch das Recht zu fragen, ob Descartes' Methode wirklich überall angewendet werde, oder ob nicht eine Fülle von sogenannter Wissenschaft, ganz abgesehen von dem haltlosen Meinen der Individuen, der Kritik dieser Cartesianischen Bestimmungen weichen müsste?

Klar und deutlich denken heisst also so denken, dass jeder Zweifel an der Richtigkeit des Urteils schliesslich unmöglich ist. Bis dahin muss aber an der Richtigkeit fortgesetzt gezweifelt werden. Das Mittel zur Erkenntnis ist also, so lange zweifeln, bis überhaupt kein Zweifel mehr möglich ist, zweifelnd denken bis zum Ausschluss des Zweifels. Wie bei Baco und in demselben Sinne wird also auch von Descartes, im Gegensatz zur mittelalterlichen Verpönung des Zweifels, der Zweifel für das erste Gebot des wissenschaftlichen Forschens erklärt.

Giebt es nun ein Erkennungszeichen für die Erreichung dieses Grades der Sicherheit, auf welchem jeder Zweifel aufgehoben ist? Um ein solches Kriterium zu erlangen, wendet sich Descartes an die Mathematik. Ihre Axiome sind schlechthin klare und deutliche Erkenntnisse, die keinem Zweifel unterliegen. Demnach muss auch für alle übrigen Erkenntnisgebiete dieses gelten: Was so klar, deutlich und zweifellos dasteht, wie die mathematischen Axiome, ist wahr. Solange aber dieser Grad der Widerspruchslosigkeit nicht erreicht ist, kann eine Lehre auf das Prädikat „wahre Erkenntnis“ noch nicht Anspruch machen. Die absolute Unmöglichkeit des Zweifels auf irgend einem Wissensgebiete tritt also erst da ein, wo die Klarheit und Deutlichkeit nach dem Muster der mathematischen Axiome erlangt ist. An diesem gewaltigen Massstabe, mit aller Strenge gemessen, muss allerdings wiederum eine Fülle sogenannter Erkenntnis als zu kurz geraten erscheinen. Eine so ungeheure Kritik liegt in der Aufstellung dieses Prinzips, dass sowohl der im Erkenntnisdünkel sich wiegende Fanatismus einzelner intoleranter Individuen, als auch die sich blähende Wissensüberhebung ganzer Disziplinen und Zeitalter zerschmetternd davon getroffen wird.

Methodisch denken heisst wahr denken. Der Sinn der Bestimmung „wa hr“ ist erkannt. Was heisst „denken"? Das Denken soll zu klarer, deutlicher, zweifelloser Erkenntnis führen. Offenbar kann mich nur mein Denken zu derartiger Einsicht bringen. Will ich einsehen, so kann kein anderer für mich das Denkgeschäft besorgen. Wissenschaftlich denken heisst also in jedem Falle selbst denken, selbständig urteilen, aus eigenem Verstehen das richtige Urteil ableiten. Darin liegt also die wuchtigste Negation eines jeden bloss autoritativen Hinnehmens auf guten Glauben. Auch der festeste Glaube an etwas verbürgt nicht die Richtigkeit des Geglaubten und giebt niemals Erkenntnis. Der blosse Autoritätsbeweis schliesst das eigene Urteil und die selbständige Erkenntnis, also gerade die Bedingungen der Wahrheitsforschung, aus und darf deshalb in wirklich exakter Wissenschaft keine Stelle finden. Damit fällt die blosse Tradition als Quelle der Erkenntnis (die idola theatri Bacos); damit die blosse Überlieferung durch Worte (die idola fori Bacos); damit jedes bloss mechanische Erlernen, wie es einer mittelalterlichen Pädagogik eigen war. Sie alle stehen im Widerspruch mit den Forderungen wahrer Erkenntnis, die „selbst sehen, selbst denken, selbst urteilen in jedem Falle!“ lauten. Offenbar tritt hier die Übereinstimmung Descartes' mit Bacos Idolenlehre deutlich zu Tage. Beide bringen mit derselben Verneinung dieselbe Bejahung.

Aber wie weit soll die Geltung eines so streng gefassten methodischen Denkens sich erstrecken? Bezieht sich die Forderung eines solchen nur auf ein bestimmtes Gebiet von Objekten, auf eine bestimmte Wissenschaft, und sind andere davon ausgenommen? Wo immer es sich um Wahrheit handelt, gilt die Methode. Sie ist nicht bloss mathematisch oder naturwissenschaftlich, sie gilt auch für die Geisteswissenschaften, sie gilt auch für das religiöse Gebiet, wofern man auf demselben sichere Erkenntnisse haben will. Die Methode ist eine universelle Forschungsmethode, die keine Ausnahmen duldet. Den kritischen Gegensatz zwischen der neuzeitlichen und mittelalterlichen Weise der Erkenntnis und der Erkenntnisse spricht Descartes gerade dadurch am schärfsten aus, dass er die Allgemeingültigkeit seiner Methode für alle Gebiete betont. . .. Die erste Regel ist erläutert. In der kurzen Fassung Descartes' lautet sie: „Die erste Regel war, niemals eine Sache als wahr anzunehmen, die ich nicht als solche deutlich erkennen würde, d. h. sorgfältig die Übereilung und das Vorurteil zu vermeiden und in meinen Urteilen nur soviel zu begreifen, als sich meinem Geiste so klar und deutlich darstellen würde, dass ich gar keine Möglichkeit hätte, daran zu zweifeln.“

Das Charakteristische der ersten Regel ist, dass sie gewisse Forderungen an die Subjektivität dessen stellt, der forschen will. Der Forscher muss erst sein Selbst in eine gewisse Verfassung gebracht, es, um Baconisch zu reden, von Idolen befreit haben; er muss den Mut des Zweifels in sich erweckt haben und entschlossen sein, selbst zu denken – erst wenn er diese subjektiven Bedingungen erfüllt hat, kann er nun die objektiven Mittel in Anwendung bringen, durch welche er zur Erkenntnis gelangen soll. Wird also in der ersten Regel die Anweisung zur richtigen Vorbereitung des forschenden Subjektes gegeben, so lehren nun die drei anderen Regeln die richtige Behandlung des zu erforschenden Objektes; dort wird gesagt, was mit dem Forscher, hier, was mit der Aufgabe vorzunehmen sei.

Die zweite Regel nennen wir die der Analysis. Vor dem in der richtigen Verfassung sich befindenden forschenden Geiste liegt das zu untersuchende Problem. Der erste Schritt zur wissenschaftlichen Lösung desselben ist die Auflösung (Analyse). Jedes Problem ist – sonst wäre es keins — ein vielfältig verworrenes und verwickeltes. Was ist z. B. der Körper, der Geist, die Tugend, der Staat? In dem Begriff „verwickelter Gegenstand“ liegt, dass der Gegenstand aus vielen Teilen zusammengesetzt ist. Um zur Deutlichkeit zu gelangen, müssen wir also den verwickelten Gegenstand aufwickeln, den vielfältig zusammengesetzten in seine Teile zerlegen. Nur so kommen wir zur Übersicht, welche die Vorbedingung ist zur Einsicht. Aber wir müssen den Gegenstand auch in alle seine ,nur möglichen Teile zerlegen; wir müssen die einfachsten

Teile erreichen. So lange noch ein Zusammengesetztes bleibt, herrscht noch das Verwickelte und Undeutliche, die Undurchsichtigkeit statt der Einsicht. So ist also die analytische Zerlegung des Gegenstandes in seine Teile das erste Mittel der Forschung. Aber diese Auflösung ist noch weit entfernt von der Lösung. Die Auflösung ist nur die Auseinanderlegung der Teile des Problems. Sie ist offenbar nur die genaue Beschreibung des Gegenstandes, nicht die kausale Erklärung desselben. Baco würde sie die enumeratio simplex nennen, die nur die Voraussetzung der interpretatio ist. Wir haben mit ihr nur erst das Inventar aufgenommen, die Bilanz ist noch zu machen. Diese Analysis formuliert nun Descartes in der zweiten Regel kurz folgendermassen:

„Die zweite (Regel war): jede der Schwierigkeiten, die ich untersuchen würde, in so viele Teile zu teilen, als möglich und zur besseren Lösung wünschenswert wäre.“

Die vierte Regel Descartes' (welche wir hier aus Gründen der Zweckmässigkeit an dritter Stelle behandeln) nennen wir die der Induktion. Das verwickelte Problem ist in alle seine Teile zerlegt. Jetzt ist jeder einzelne Teil für sich zu betrachten. Wendete sich nach der zweiten Regel unsere Thätigkeit auf das Ganze, das wir in seine Teile zerlegten, so erstreckt sich dieselbe nun auf jeden der Teile, in die wir das Ganze zerlegt haben. Aber die Betrachtung jedes Teiles muss eine in jeder Beziehung allumfassende sein; wir dürfen uns keiner Auslassungen schuldig machen; wir dürfen nichts übersehen, was zur Erleuchtung und Erklärung der Natur des Teiles dienen kann. Alles zur Sache Gehörige muss herbeigezogen werden; es müssen, um mit Baco zu reden, alle Instanzen befragt werden, die negativen nicht minder als die positiven. Nur durch diese allseitige Induktion wird der zu untersuchende Teil in seinem

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