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Er nimmt für Wirklichkeit, was nur subjektive Täuschung ist. Was ist überhaupt Wirklichkeit? Was ist bloss subjektive Wahrnehmung und was der objektive Bestand? das ist die kritische Grundfrage, welche auch Hobbes beschäftigt. Erfahrung kommt durch die ErfahrungsWerkzeuge zu Stande, durch die Sinnesorgane. Erfahrung ist also gleich Wahrnehmung. Nur soweit die Wahrnehmung reicht, reicht also auch wirkliche Erfahrung. Unser Wahrnehmen ist aber ein rein subjektiver Vorgang in unseren Wahrnehmungsorganen, der ganz und gar nicht mit den objektiven Vorgängen der Welt übereinzustimmen braucht. Denn die Vorgänge in den Dingen dort draussen sind nichts anderes als Bewegungsvorgänge der Materie, welche auf unsere Sinnesorgane einwirken. Unsere Sinnesorgane reagieren auf diese Einwirkung der von aussen kommenden materiellen Bewegungen. Was wir Empfindung nennen, ist demnach nichts anderes als die subjektive Art, wie unsere Sinnesorgane auf äussere Einwirkungen antworten. Die Antwort aber ist nicht identisch mit der Ansprache. Was wir „blau" nennen, ist eine subjektive Empfindung, das Objektive ist ein Bewegungsvorgang, der mit der Empfindung „blau" keine Ähnlichkeit hat. Und so bei jeder Empfindung. Mithin: die Erfahrung besteht in der Wahrnehmung. Wahrnehmung ist ein subjektiv Bedingtes und Gestaltetes. Die Wahrnehmung zeigt uns also nicht die objektive Natur der Dinge, und erst durch Anwendung von Vorsichtsmassregeln und Hülfsmitteln können wir hoffen, gewissermassen hinter der subjektiven Wahrnehmung auf die objektive Natur der Dinge zu stossen. In unserer Wahrnehmung besitzen wir davon nur „phantasmata" (Vorstellungsbilder), nur „ideae", welches Wort Hobbes demnach in dem modernen Sinne bloss subjektiver Vorstellungen gebraucht, nicht mehr im platonisch - aristotelischen Verstande. In hohem Grade arbeitet Hobbes hier bereits Locke, ja selbst Berkeley vor.

Wenn schon in diesen Gedanken die Keimpunkte des Kantischen Kritizismus fühlbar sind, so auch in der Anwendung, welche Hobbes von dieser subjektivistischen Lehre auf eine besondere Art unserer Vorstellungen, auf Raum und Zeit, macht. Wenn alle Dinge der Welt, welche wir wahrnehmen, als unsere Wahr

Fritz Schnitze, Philosophie der Naturwissenschaft. 20

nehmungen subjektiv bedingt und gefärbt sind, so gilt dies auch von den allgemeinsten Formen, in denen uns die Dinge erscheinen, von Raum und Zeit. Was wir also unter Raum und Zeit verstehen, ist nach Hobbes keineswegs ein objektiver Raum oder eine objektive Zeit, wie sie unabhängig von unserer Wahrnehmung sein mögen, keineswegs also etwas an den Dingen Haftendes, sondern vielmehr auch nur subjektiv bedingte Vorstellungen. Es wäre jedoch falsch, Hobbes' Ansicht über Raum und Zeit mit der Kants zu identifizieren; sie bildet nur eine Vorstufe dazu. Die menschliche Raumvorstellung ist nach Hobbes nur das von unseren äusseren Wahrnehmungen gebliebene Erinnerungsbild, wie die Zeit nur das Erinnerungsbild der von uns wahrgenommenen Bewegungsfolge der Dinge ist. Raum und Zeit sind als Erinnerungsbilder subjektive Vorstellungen (darin liegt hier das tertium comparationis mit der Kantischen Lehre von Raum und Zeit) keineswegs aber schon wie bei Kant „reine Anschauungsformen a priori." Auch bei Hobbes treffen wir also den Zweifel gegen die Objektivität von Raum und Zeit ausgesprochen, wie ihn zuerst der Eleat Zeno, später auch der Kirchenvater August in, allerdings auf Grund anderer Gedankenreihen, erhoben hatte. Es wird später einleuchten, von welcher Bedeutung dieser Hinweis auf die problematische Natur dieser Grundvorstellungen ist.

Zweites Kapitel.

Die Begründung des idealistischen Naturalismus.

Inhalt: I) Der Cartesianismus: Baco und Descartes. — Descartes' neue Methode. — Die Abhandlung über die Methode u. s. w. — Die erste Regel. — Klarheit und Deutlichkeit. — Der Zweifel. — Die Klarheit nach Art der mathematischen Axiome. — Das selbständige Denken. — Die Universalität der Forschungsmethode. — Unterschied der ersten Regel von den drei folgenden. Die zweite Regel (Analysis). — Die vierte Regel (Induktion). — Die dritte Regel (Synthesis). — Die mathematische Methode. — Bacos Neues Organon und Descartes' Methodenlehre. — Descartes' Deduktion im Unterschiede von der des Aristoteles. — Die intuitive Erkenntnis der allerersten Prämissen. — Descartes an der Schwelle des Kritizismus. — Die „Meditationen." — Dubito de omnibus. — Cogito, ergo sum. — Die objektive Gewissheit der ausser mir existierenden Wesen. — Der eingeborene Gottesbegriff. — Der doppelte Dualismus. — Kritik des Cartesianismus. — Übereinstimmung und Unterschied zwischen Baco und Descartes. — Descartes' Fehler. — Die psychologische Erklärung dieses Fehlers. — 2) Der Spinozismus: Der Dualismus Descartes'als Ferment der Weiterentwicklung. — Influxus physicus. — Der Occasionalismus. — Die prästabilierte Harmonie. — Die Cartesianische Tierpsychologie. — Vom Dualismus zum Monismus. — Der spiritualistische Monismus. — Der materialistische Monismus. — Der spinozistische Monismus. — Charakteristik desselben. — Der Naturalismus Spinozas und Bacos. — Kritik des Spinozismus. — Philosophischer Dogmatismus. — Die Erkennbarkeit des Weltganzen. — Der Modusbegriff und die universale Erkenntnis. — Der Naturbegriff. — Die Ethik Spinozas. — Spinoza und Goethe. — 3) Leibniz und die Monadenlehre: Die Eleaten und Demokrit. — Die Zerlegung der einheitlichen Grundsubstanz in unendliche viele Grundsubstanzen. — Die beseelten Atome oder die Monaden. — Monade und Zelle. — Begriff der Monade. — Die Notwendigkeit der Monadologie. — Das Prinzip der Individualität . — Die Unsterblichkeitslehre. — Das Universum als Stufenleiter. — Stufenleiter und Entwicklungsreihe. — Leibniz und Darwin. — Darwinistische Anklänge in den „Nouveaux essays." — Die Monadologie ein antimonistischer Pluralismus. — Der Widerspruch zwischen Universum und Individuum. — Der deus ex machina. — Die prästabilierte Harmonie. — Die Verwandtschaft mit Piaton und Aristoteles. — Der Widerspruch zwischen Seele und Körper. — Die Zentralmonade. — Widerspruch zwischen Gott und Welt. — Ausgleichung der Widersprüche. — Die Monade als vorstellendes Wesen. — Die angeborenen Ideen. — Die Widersprüche in der Leibnizischen Lehre von dem Angeborensein der Weltallsvorstellung. — Die Widersprüche im Monadenbegriff. — Die Bedeutung und Wirkung der Monadenlehre. — Persönlichkeit und Philosophie. — Der Ausgleich aller Gegensätze. — Die „Neuen Versuche". — Die Leibniz-Wolfsche Philosophie. — Das Zeitalter der Aufklärung. — Verstandesaufklärung. — Gemütsaufklärung. — Der Begriff der Stufenleiter und die Methodik des Forschens. — Kunst und Religion. — Die Originalitätsphilosophie. — Der Individualitätscharakter der Monade. — Sturm und Drang. — Gefühls-, Genie-, und Glaubensphilosophie. — Die Monadenlehre und die Freiheitsbestrebungen der Neuzeit. — Das Verhältnis des gesamten idealistischen Naturalismus zur modernen Naturwissenschaft.

o tass' ich dich, unendliche Natur? Das ist die Grund

frage, auf welche im Gegensatz zum Mittelalter das wissen

IlHiim schaftliche Streben der neueren Zeit sich vorzugsweise richtet. Die neuere Philosophie ist ihrem wesentlichen Charakter nach Naturalismus; aber hinsichtlich des Weges, auf welchem sie die Natur des Alls erkennen zu können meint, also hinsichtlich der Methodik, unterscheidet sie sich als realistischer und idealistischer Naturalismus. Franz Baco ist der Begründer des ersteren; der letztere nimmt seinen Ausgang von Descartes und erreicht seine höchste Ausbildung in Spinoza und Leibniz. In der Entwicklung der modernen Naturwissenschaften ist der idealistische Naturalismus ein nicht minder bedeutendes Glied gewesen als der realistische. Wenn er auch heute durch Kants Kritizismus thatsächlich als überwunden gelten kann, so ist er deshalb doch nicht fruchtlos gewesen — er hat im Gegenteil eine Fülle nicht bloss'von Anregungen, sondern auch von den Gedanken geliefert, die für unsere naturwissenschaftliche Weltbetrachtung fundamental geworden sind.

Dieser idealistische Naturalismus beginnt in Descartes (1596 —1650); keineswegs ist er bei ihm schon in höchster typischer

1) Der Cartesianismus.

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Ausprägung vorhanden. Im Gegenteil waltet bei Descartes das realistische Element noch im gleichen Masse wie das idealistische, und von ihm aus hätte die Entwicklung ebenso gut in die rein realistische Bahn einlenken können, was schon daraus hervorgeht, dass die französischen Materialisten des 18. Jahrhunderts Descartes sogar für ihren Materialismus verantwortlich machen konnten; es ist aber sein später zu erklärendes Schicksal gewesen, dass seine bedeutsamsten Nachfolger vorzugsweise die in ihm liegenden idealistischen Keime weitergebildet haben. Die Übereinstimmung Descartes' mit Baco ist deshalb viel grösser, als es gewöhnlich dargestellt wird: beide sind des neueren naturalistischen Geistes voll; bei beiden wird der Zweck der philosophischen Forschung in derselben Weise gefasst; beide stimmen hinsichtlich der Methode der Forschung im höchsten Grade überein und sind gerade in Beziehung auf diese nicht Gegensätze, sondern Ergänzungen, die ihre Einseitigkeiten ausgleichen. Erst am Schlusspunkt seiner Philosophie macht Descartes im Widerspruch zu den Forderungen seiner Methodik jene „reaktionäre Wendung", aus der seiner Nachfolger dogmatischer Idealismus hervorgewachsen ist.

In seinem Hass gegen den mittelalterlichen Geist und in seiner Überzeugung, dass in der Wissenschaft einmal wiedef ganz von vor n angefangen werden müsse, stimmt Descartes mit Baco völlig überein; auch die Beantwortung der Frage, welches die Methode der neuen Wissenschaft sein müsse, hat bei beiden die grösste Ähnlichkeit; aber darin unterscheidet sich Descartes vorteilhaft von Baco, dass er diese neue Methode der Wahrheitsforschung nicht bloss allseitiger und tiefer entwickelte, sondern sie auch in der Praxis der empirischen Forschung selbst auf das fruchtbarste zu verwenden verstand. Er ist nicht bloss grosser theoretischer Methodologe gewesen, sondern hat besonders auf den Gebieten der Mathematik und Physik, wie bekannt, grosse Entdeckungen gemacht. Er selbst schreibt diese Errungenschaften seiner neuen Methode zu; ihr will er alles zu verdanken gehabt haben; sie werden wir also zuerst darstellen müssen. Sie ist keineswegs etwa bloss eine müssige Wiederholung der Methode

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