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Amos Comenius, der Vater unserer modernen Pädagogik, welcher mit ausdrücklicher Berufung auf Baco nicht bloss die Methode des Unterrichts in naturalistisch-psychologischer Weise reformierte, sondern auch vor allen Dingen zum erstenmal die Einführung der Realien in den Unterrichtsstoff mit Einsicht verfocht. Es war auf der einen Seite die stets fortschreitende Entwicklung der Naturwissenschaften und ihrer Bedeutung für das praktische Leben, auf der anderen Seite die erfrischende, realistische Brise, die seit Comenius in der Pädagogik sich erhoben hatte – infolge wovon im Jahre 1706 der Prediger Christian Semler in Halle zum erstenmal die Idee der Realschule klar erfasste, wie er auch diesen Namen zuerst gebrauchte, eine Idee, die er, nachdem sie von der preussischen Regierung und der Berliner Sozietät der Wissenschaften höchlich gebilligt war, im Jahre 1738 in seiner „mathematisch-mechanischen und ökonomischen Real. schule bei der Stadt Halle" praktisch zur Ausführung brachte. Semlers Beispiel rief eine Fülle von ähnlichen Anstalten ins Leben, unter denen die bedeutendste und für die Folgezeit mustergiltige 1746 von Joh. Jul. Hecker in Berlin gegründet und 1748 als erste derartige Staatsanstalt anerkannt wurde. Ich brauche nur darauf hinzuweisen, dass auch die technischen Hochschulen aus demselben Geiste und demselben Bedürfnis hervorgewachsen sind, dass also auch sie in Baco ihren Ahnherrn zu verehren haben.

Herrliche Früchte hat der realistische Naturalismus Bacos getragen - aber es geziemt dem gerechten Urteiler über die Fülle des Lichts auch den Schatten nicht zu vergessen, damit nicht, wie Kant einmal sagte, den Lobredner der Tadler aufsuche. Ein so notwendiges Glied der Realismus in der Organisation der Geisteswelt ist, so ist er doch nur die Hälfte derselben – nicht das Ganze! Für sich allein ist er weder gründlich, noch kritisch, denn er vernachlässigt eine Unsumme von thatsächlich existierenden Bedürfnissen des Menschengeistes, die wir als die idealen zu bezeichnen pflegen. Er ist, will er allein der Inbegriff alles Wissens und aller Wissenschaft sein, ebenso einseitig und führt deshalb ebenso sehr in seinen letzten Konsequenzen zur Aufhebung alles kritischen Wissens, wie sein Gegensatz, der Idealismus, für sich allein einseitig ist und ebenfalls in Selbstaufhebung endet. Ein Blick auf die Geschichte der beiden, nur in ihrer Vereinigung wahrhaft fruchtbaren Geisteselemente zeigt die verhängnisvolle Missentwicklung, die sie in ihrer eigensinnigen Abwendung voneinander genommen haben.

Bacos Realismus, von Hobbes schon zum Materialismus umgebildet und auf Ethik, Politik und Religion angewendet, führte bereits zur Sanktifikation des strengsten Absolutismus, der rücksichtslosesten Sklaverei auf all den genannten Gebieten. Der Baconische Satz: „Alles Wissen ist Erfahrung“ erzeugte in Lockes einseitiger Fortbildung den Sensualismus: „Alle Erfahrung ist nur = sinnliche Wahrnehmung“, ein Satz, der in seiner konsequenten Entwicklung in Hume zum schneidigen Skeptizismus, in den französischen Materialisten des 18. Jahrh. zum absoluten theoretischen wie ethischen Materialismus führte, der als letzte Frucht einen alles zerstörenden Nihilismus zeitigte, wie er in den blutigen Tagen von 1789 fürchterlich zur praktischen Vollendung kam.

Aber es ist wunderbar und lehrreich zu sehen, wie ein von den Bedingungen der realen Wirklichkeit sich ganz loslösender Idealismus genau zu denselben letzten Konsequenzen des Aufhörens aller Konsequenz jederzeit gekommen ist. Ich will hier jetzt nicht darauf hinweisen, wie schon der rein auf das Transcendente getichtete Idealismus des Mittelalters eben in Bacos Nachfolgern in den einseitigen Realismus umschlug – ich will vielmehr nur an die Entwicklung der geistigen Strömungen in diesem Jahrhundert erinnern. Welche Früchte hat denn der seit Fichtes Auftreten ganz abstrakte Idealismus der deutschen Philosophie in letzter Instanz getragen? Ich bin weit davon entfernt, die grossartigen Geistesanregungen, die aus diesem Idealismus nach allen Seiten hervorgegangen sind, zu verkennen, aber sein letztes Ende war doch der gänzliche Bankrott, aus dem nichts hervorsprang als Negation, nichts als Skeptizismus und der durch und durch dogmatische Materialismus, der freilich in diesem 19. Jahrhundert nur deshalb wirkungsvoll auftreten konnte, weil er die scharfe dialektische Methode des Idealismus einerseits und die gewaltigen Ergebnisse der heutigen Naturwissenschaft andererseits für seine Zwecke zu gebrauchen verstand. Fabula docet. Die geschichtliche Entwicklung lehrt, dass jede einseitige Entfaltung, sei es des Realismus, sei es des Idealismus, ins Leere führt, und dass nur in der richtigen Verschmelzung beider, zu welcher der von jenen Idealisten zu rasch übersprungene Kant die kritische Anweisung geliefert hat, der heilvolle Standpunkt zu finden ist, der auf der festen Basis des Realismus die idealen Güter der Menschheit pflegt.

2) Thomas Hobbes. Unter den Gesichtspunkten des realistischen Naturalismus will Baco ein jedes Wissensgebiet behandelt haben. Die sog. Geisteswissenschaften sind von diesen Bestimmungen nicht ausgeschlossen; auch auf Moral und Politik finden sie ihre Anwendung. Über diese letzteren beiden nat indessen Baco nur Andeutungen, nicht Ausführungen hinterlassen, und eben diese Lücke war es, welche Bacos Freund und Schüler, Thomas Hobbes (1588-1679) in seinen Werken De cive und Leviathan auszufüllen suchte. Soweit Hobbes Moralist und Politiker ist, liegt er unseren augenblicklichen, vorzugsweise auf erkenntnistheoretische Probleme gehenden Interessen fern. Aber es fehlt auch bei Hobbes eine „prima philosophia“ nicht, welche in der Behandlung erkenntnistheoretischer Fragen zum Teil mit Baco übereinstimmt, zum Teil ihn aber vertieft und verbessert und insofern über ihn hinausgeht. Aus dieser Elementarphilosophie haben wir einige Hauptpunkte hervorzuheben.

Ganz im Zuge des empirischen Realismus ist Hobbes wie Baco von Hass gegen den mittelalterlichen Geist durchdrungen. Er denkt im nominalistischen Sinne, das sinnliche Ding ist ihm das wahrhaft Wirkliche, und dieses ist das rein Materielle, der Körper. Schon in Hobbes wird der Realismus zum ausgesprochenen Materialismus. So erklärt sich denn seine Stellung zur Religion. Sie ist ihm ein ganz Gleichgültiges und Ausserliches, das aus Gründen des Staatsinteresses, nicht der Wahrheit, von jedem Staatsbürger geglaubt werden soll. Bacos Bild vom Kartenspiel überbietet Hobbes womöglich noch durch das seinige: wie

bittere Pillen sind die Wunder der Religion einfach hinunterzuschlucken; wer sie kritisch zerkaute, hätte nur einen bitteren Geschmack davon. Hier kommen die Folgen zum Vorschein, welche der Baconismus, aus Mangel an Verständnis für das Wesen der Religion, mit sich bringt. Glaube und Wissen werden als schlechthin unvereinbar behandelt. Der Glaube im absoluten Gegensatz zur Vernunft wird zum absolut Unvernünftigen; eben diesem hat aber jeder seine private Überzeugung nach Hobbes ohne Widerrede zum Opfer zu bringen. Somit ist Geistes- und Gewissensfreiheit gerade da vernichtet, wo doch den Prinzipien des Baconismus nach die Freiheit des Geistes vor allem proklamiert und befördert werden soll.

Wenn also in dieser Beziehung Hobbes seinem Meister nicht bloss zustimmt, sondern ihn hinsichtlich der Konsequenzen sogar noch überbietet, so ergänzt und vertieft er ihn in den folgenden Punkten.

Wenn Baco der Deduktion und dem Syllogismus so gut wie allen Wert absprach und das Wort „Deduktion“ nur in einem, von dem alten Sprachgebrauch abweichenden Sinne wollte gelten lassen, so ist es Hobbes, welcher, hauptsächlich durch seine mathematischen Studien über die Bedeutung des deduktiven oder synthetischen Beweisverfahrens aufgeklärt, mit Recht darauf hinweist, dass die wissenschaftliche Forschung der Deduktion ebenso wenig entbehren könne wie der Induktion. Im Grunde erkennt auch Baco in seinem Hinweis auf die Notwendigkeit der Hypothese zum Zweck der Auffindung der Einheit der Natur dies völlig an: wenn durch Vergleichung der spezielleren Gesetze ein allgemeineres Gesetz rein gedanklich erschlossen werden soll, so muss doch nun dieses zunächst nur hypothetisch aufgestellte, allgemeine Gesetz erst wieder erwiesen werden, indem man von ihm aus eine Reihe von empirisch-gegebenen Erscheinungen kausal zu erklären versteht. Ob dies gelingt oder nicht, ob die Hypothese sich bestätigt oder als falsch herausstellt – immer ist dieser letztere Schritt eine Deduktion, eine Ableitung des Spezialfalles aus dem allgemeinen Begriff, sodass in Wahrheit auch Baco nicht ohne die Deduktion und den Syllogismus fertig wurde. Alles wirkliche For

schen wechselt fortgesetzt zwischen Induktion und Deduktion. Bacos Hass gegen den Syllogismus erklärt sich aus dem Unfug, welchen das Mittelalter in einseitigster Weise mit der Deduktion getrieben hatte, und so wollte er mit der vergleichenden Betrachtung vieler Fälle d. h. der Induktion die Forschung beginnen, in Wirklichkeit dann aber aus den empirisch festbegründeten Allgemeinbegriffen auch deduzieren. Die Deduktion war auch ihm unentbehrlich, und das Neue bei ihm war nur, dass sie ihm an zweite Stelle rückte, während die Induktion an erster stand. Was wäre eine Wissenschaft ohne richtige Deduktion? mit dieser Frage ergänzt Hobbes den Ausspruch Bacos: Was wäre eine Wissenschaft ohne richtige Induktion? Erst beide Hälften ergeben das Ganze.

Unmittelbar mit dieser richtigen Würdigung der Deduktion hängt zusammen, dass Hobbes auch für die Notwendigkeit der Anwendung der Mathematik auf das naturwissenschaftliche Gebiet ein viel tieferes Verständnis zeigt als Baco. Energisch betont Hobbes diese Anwendung. Baco hätte nicht in Platons Haus eintreten dürfen; eben deshalb fehlte ihm auch alles Verständnis für den Kopernikanismus. Hobbes dagegen, mathematisch gebildet, ist nicht bloss von den Entdeckungen der Kopernikus, Kepler und Galilei erfüllt und begeistert – er schreitet auch weit über Baco hinaus, wenn er die empirische Methode durchgängig ergänzt sehen will durch die mathematische, wenn er erst in der mathematischen Berechnung das volle Neue Organon für die naturwissenschaftliche Forschung anerkennen will, hatte sich doch dieses neue Werkzeug in der Hand der grossen Himmelsforscher schon auf das glänzendste bewährt. In diesem Gesichtspunkt stimmt Hobbes völlig mit Descartes überein.

Aber Hobbes führt den Baconismus noch in einer anderen Richtung weiter, in deren Verfolgung man geradeswegs in den modernen Kritizismus hineingelangt, haben wir doch Bacos Idolenlehre bereits als den Anfang dieses Kritizismus bezeichnet. Alle Erkenntnis stammt aus der Erfahrung. Aber diese Erfahrung, lehrte schon Baco, ist ein nur mit Mühe und Schweiss zu erringender Schatz. Wer von Idolen geblendet ist, hebt ihn nicht.

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