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kanzler unter König Jakob I., dem er seine Erhebung zum Viscount von St. Albans verdankte.

Bacos Philosophie ist bis heute das unübertroffene Musterstatut des realistischen Naturalismus. Nun ist aber jede wirklich bedeutungsvolle Philosophie nach Bacos eigenem Ausdrucke „die Tochter ihrer Zeit.“ Jede bedeutsame Philosophie thut nichts anderes, als dass sie die in den besten Geistern der Zeit vereinzelten und zerstreuten Grundgedanken und Grundbestrebungen wie Lichtstrahlen in dem Focus ihres Systems sammelt und diese so gewonnene Lichtfülle in die folgende Zeit erleuchtend und erwärmend hineinreflektiert. So erwächst auch Bacos Philosophie aus seinem Zeitalter, dessen Grundgedanken und hauptsächlichsten Interessen.

Der Geist, der unbewusst überall Bacos Zeitalter durchdringt und seine Strömungen leitet, ist vor allem der Geist der Entdeckung und Erfindung, und eben dieser Geist ist es, den Baco in seiner Philosophie sich und der denkenden Welt klar zum Bewusstsein bringt. Dieser Geist ist es gewesen, der in kürzester Zeit alle Verhältnisse völlig verwandelt hat, der die Menschheit aus beschränkter Enge herausriss und sie zu gewaltigen Eroberern des Erdballes machte, der in die Dämmerung des Mittelalters das helle Licht des Tages hineingoss, der ungehemmte Bewegung auf allen Lebensgebieten, geistige Freiheit und materiellen Wohlstand erzeugte, kurz die Summe der menschlichen Glückseligkeit nach Bacos Meinung um ein Ungeheueres vermehrte. Und doch sind alle diese Erfindungen und Entdeckungen mehr dem Zufall, als der bewussten planmässigen Absicht zu verdanken gewesen. Wenn schon das bloss zufällige Erfinden und Entdecken diesen gewaltigen Umschwung aller menschlichen Zustände herbeizuführen vermochte, wie nun erst muss sich die Glückslage des Menschengeschlechtes gestalten, wenn mit bewusster Planmässigkeit auf Entdeckungen und Erfindungen hingearbeitet wird, wenn methodische Behandlung und die Kontinuität der geistigen Arbeit durch Geschlechter hindurch da eintritt, wo bisher nur der Einzelne für sich blindlings umhertappte und auf ein einziges Gewinnlos viele Millionen von Nieten kamen! Das Erfinden und Entdecken von den Launen des Zufalls befreien, es zu einer mit Bewusstsein und Planmässigkeit betriebenen Kunst erheben, die allgemeine Methode dieser Entdeckungsund Erfindungskunst geben, das ist es, was Baco will und wozu er die Grundsteine in der That gelegt hat. Unter diesen Gesichtspunkten lässt sich in der Kürze das Programm der Baconischen Philosophie entwickeln, dieser Philosophie der Realwissenschaften und der Technik.

Das höchste irdische Streben eines jeden Menschen muss nach Baco darauf gerichtet sein, das Glück der Menschheit so viel wie möglich zu befördern. Nur dann aber kann das wahre Glück der Menschen entstehen und bestehen, wenn dieselben im höchsten Grade friedlich gegen einander verfahren, d. h. wenn die grösste Humanität herrscht. Diese Humanität kann aber allein da erzeugt werden, wo die Menschheit im Stande ist, die höchste Stufe geistiger wie sittlicher Bildung sich zu erringen. So lange indessen die Menschen von der materiellen Not des Lebens noch so sehr bedrängt werden, dass ihr ganzes Thun und Treiben davon in Anspruch genommen wird, so lange können sie nicht für ihre geistige und sittliche Bildung sorgen, so lange herrscht bei Hunger und Durst allein die selbstsüchtige, rohe Begierde, die den Menschen dem Menschen gegenüber zum Wolfe macht. Je abhängiger demnach der Mensch noch von den Fesseln der Materie ist, je schwächer er noch den Gefahren, mit denen ihn die Natur von allen Seiten bedroht, gegenübersteht, – um so mehr hat er rein um den materiellen Lebensgewinn mit der Natur zu kämpfen, um so ferner liegt ihm seine geistige und sittliche Ausbildung. Nur in dem Masse also, in welchem der Mensch sich von den Zufällen der Natur zu befreien versteht, nur in dem Masse, als die Natur nicht ihn, sondern er die Natur zu beherrschen lernt, gewinnt er, vom Kampfe erlöst, Zeit und Kraft zur Entfaltung seines Geistes und Gemütes. Die Herrschaft des Menschen über die Natur ist also das universelle Mittel, wodurch er sein höchstes geistiges und sittliches Ziel erreichen, den Zustand höchster Humanität erzeugen, das Glück der Menschheit begründen kann.

Wie ist das regnum hominis, die Herrschaft des Menschen über die Natur zu begründen? Das ist also das eigentliche Baconische Problem, um welches es sich handelt. Wir beherrschen die Natur nur insofern, als wir im Stande sind, ihre gewaltigen Kräfte nach unserem Willen zu lenken. Zu dem Zweck müssen wir aber erst vor allen Dingen das eigentümliche Wesen dieser Kräfte erkannt haben. Nur das Wissen giebt hier das Können, nur die Wissenschaft von der Natur die Macht über die Natur. Aber diese Wissenschaft der Natur kann der Mensch nur gewinnen im vertrautesten Umgange mit der Natur; nur durch die wissenschaftliche Erforschung, deren alleiniges Mittel die methodische Erfahrung ist, dringen wir ein in ihre Geheimnisse. Damit liegt der Weg, den Baco genommen haben will, klar vor uns: Entdeckung der Naturg esetze durch methodische Erfahrung zum Zweck ihrer Anwendung in Gestalt von Erfindungen zur Beherrschung der Natur – das ist der realistische Unterbau der Baconischen Philosophie, auf dem sich der idealistische Oberbau erhebt: Begründung der Glückseligkeit der Menschheit durch die Ermöglichung wahrer Kultur und Humanität.

So geläufig uns heutzutage diese Gedankenzusammenhänge sein mögen, eine so vollkommen neue Offenbarung waren sie doch in und aus Bacos Munde; war doch von Entdecken und Erfinden, von der Erforschung der Natur und ihrer Gesetze, von der Begründung des irdischen Glückes der Menschen in dem rein auf das Jenseits gerichteten Mittelalter so wenig die Rede gewesen, dass eine Ausnahme wie Roger Baco nur eine Bestätigung der Regel bildete. Eben weil Bacos Ideen kein eigentliches Vorbild in der früheren Gedankenwelt hatten, so erneuert er nichts, was schon dagewesen wäre, so darf er also auch das grosse, dem König Jacob gewidmete Werk, das diese Gedanken entwickeln soll, mit Recht die „Magna Instauratio“ nennen, die grosse Neuschöpfung, im Gegensatz zu einer blossen Restauratio eines Früheren, Älteren. Wir wollen einen gedrängten Überblick über die sechs Teile dieser Magna Instauratio gewinnen, von

denen indessen nur zwei von Baco ausgeführt sind und der Natur der Sache nach ausgeführt werden konnten.

Um die Notwendigkeit der neuen Wissenschaft der Entdeckung und Erfindung dem Zeitalter einleuchtend zu machen, muss Baco vor allen Dingen den kläglichen Zustand des bisherigen scholastischen Wissens klar darlegen. Deshalb bildet den ersten Teil der Magna Instauratio das Werk: De dignitate et augmentis scientiarum (über den Wert und die Vermehrung der Wissenschaften), welches, ehe es für den Zweck der Magna Instauratio lateinisch umgearbeitet wurde, schon im Jahre 1603 in englischer Sprache unter dem Titel „advancement of learning“ (die Förderung der Wissenschaften) erschienen war. Dem kritischen Zweck des Werkes entsprechend, entwirft Baco in ihm gewissermassen einen Atlas der Wissenschaften, dessen verschiedene Karten den Beschauer belehren, wie man auf dem globus intellectualis vielmehr bemüht gewesen sei, in Wüstenstrecken FataMorgana - Bildern nachzujagen, als dass man die ganz nahe liegenden, weiten, herrlichen Länder mit fruchtbaren Auen und schiffbaren Strömen der Erforschung für wert gehalten habe; oder, ohne Bild ausgedrückt, Baco zeigt in dem Werke, erstens welche bestehenden sogen. Wissenschaften (wie z. B. die Astrologie) in Wahrheit keine Wissenschaften und deshalb völlig aufzugeben sind; zweitens welche Wissenschaften zwar ihrer Aufgabe nach richtig gefasst, hinsichtlich der Lösung derselben jedoch verfehlt sind; und drittens welche richtigen und notwendigen Wissenschaften noch ganz fehlen und also erst neu geschaffen werden müssen. Das Buch ist also eine Art Encyklopädie der Wissenschaften, aber mit der Eigentümlichkeit, dass diese Encyklopädie nicht schon die Resultate der Forschung als reife Ernte darbietet, vielmehr erst die Samenkörner ausstreut, aus denen die Ernte gewonnen werden soll. Mit Recht nennt d'Alembert Bacos Werk „catologue immense de ce qui reste à découvrir“, während man d'Alemberts und Diderots weltberühmte Encyklopädie, die sich ausdrücklich auf Baco als ihren Stammvater beruft, nennen könnte: catalogue immense de ce qui a été découvert. Sie ist die Ernte aus Bacos Saat, der Rentenertrag des von Baco angelegten

Kapitals, auf dem als Grundstock mithin auch alle unsere heutigen Encyklopädien wie die sogen. Konversationslexica beruhen.

Die Einteilung des Werkes ist eine psychologische, insofern Baco alle Wissenschaften unter die drei Seelenvermögen Gedächtnis, Phantasie und Vernunft gruppiert. Das Gedächtnis ist die Aufbewahrerin dessen, was geschehen ist – ihr entspricht also das Wissenschaftsgebiet der Geschichte; aus der Phantasie entspringt die Poesie; die Vernunft hat es mit der Erforschung der Ursachen zu thun — in ihren Bereich fällt also die eigentliche, nach den Ursachen der Dinge forschende Wissenschaft.

Die Geschichte zerfällt in die Menschengeschichte (historia civilis) und in die Naturgeschichte (historia naturalis). Unter der Menschengeschichte versteht Baco aber nicht bloss die politische Geschichte, sondern eine Geschichte der menschlichen Vorstellungen im weitesten Sinne. Die menschlichen Vorstellungen sind niedergelegt und zum Ausdruck gelangt in den Litteraturwerken und Kunstwerken, auch diese Benennungen im weitesten Sinne gefasst. Also geht Bacos Forderung auf Geschichte der Litteraturen und der Künste, indem er hinsichtlich der ersteren nicht bloss Geschichte der poetischen Litteratur, sondern der Wissenschaften überhaupt verlangt. Gerade diese Teile der Geschichte lassen nach Bacos treffender Ansicht mehr als die bloss politische Geschichte, die ihre Motive vielfach absichtlich dem Auge der Welt verbirgt, den innersten Geist der Zeiten erkennen und Baco hat demnach Recht, wenn er geistvoll sagt: „Wenn die Geschichte der Welt in diesem Teile vernachlässigt wird, so gleicht sie einer Bildsäule des Polyphem mit ausgerissenem Auge.“

Die Naturgeschichte bezieht sich auf das Geschehen in der Natur; diese kann unter einem dreifachen Gesichtspunkte betrachtet werden, erstens als frei, zweitens als gezwungen, drittens als irrtümlich handelnde Natur. Auf die frei handelnde Natur bezieht sich die eigentliche Naturgeschichte (historia generationum); irrtümlich handelt die Natur, wenn sie Missgeburten (monstra) hervorbringt, die von einem besonderen Teile der Naturgeschichte, der historia praetergenerationum, behandelt werden sollen. Gezwungen handelt die Natur da, wo wir sie be

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