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Zur Wegweisung Growie philosophische Forschung aller noch so verschiedenen

Zeiten bemüht sich um eine und dieselbe Kardinalfrage :

was die Grundursache aller Dinge sei? Alle Unterschiede bestehen nur in der verschiedenartigen Fassung dieses Begriffs. War die älteste mythische Zeit beherrscht von dem, in naivster Form auftretenden Begriff einer „übernatürlichen Kausalität“, so sahen wir in der griechischen Naturphilosophie zum ersten Mal das Recht der „natürlichen Kausalität“ sich geltend machen. Dieselbe wurde gefasst als Stoff, Form, Werden, Sein, als vier Elemente, als zahllose qualitative Homöomerien, immer aber als ein Reales und Stoffliches. Seine höchste Entfaltung erlangte in dieser Reihe der Begriff der Kausalität da, wo das Stoffliche in seine kleinsten Teile zerlegt, und eben diese kleinsten Teile oder Atome als letzte Kausalitäten erkannt wurden. Diese Zerlegung des Stoffes in seine letzten Einheiten wollte einerseits das allerkonkreteste Element der Materie aufweisen und war doch andrerseits der höchste Abstraktionsprozess, den das Denken hinsichtlich des Stoffes bis dahin erreicht hatte.

In dieser ganzen Naturphilosophie herrscht der Begriff des Objektiven oder des Stofflichen vor. Von den Sophisten und Sokrates an beginnt das Subjektive oder das Geistige den Sieg über das Objektive, Stoffliche davonzutragen, und da das Denken als eine übernatürliche Potenz gefasst wird, so tritt nun auch der Begriff einer übernatürlichen geistigen Kausalität so sehr

in den Vordergrund, dass der Begriff der natürlichen Kausalität endlich ganz verdrängt wird. Wie nun dort der Grundstoff oder der stoffliche Grund zuletzt in unendlich viele Stoffeinheiten (Atome) zerlegt wurde, so findet jetzt derselbe Differenzierungsprozess auch hier statt, insofern der Grundgeist (voùs) oder der geistige Grund in unendlich viele Geisteseinheiten, Grundgeister oder geistige Gründe (Ideen) zerlegt wird.

Diese Ideenlehre im Bunde mit religiösen Vorstellungen beherrscht nun einseitig das gesamte Mittelalter, bis mit der Kritik der Ideenlehre im Nominalismus der Umschwung eintritt: Die Ideen sind nichts Objektiv-Wirkliches, sondern nur Subjektiv-Gedachtes; das Wahrhaft-Wirkliche sind die sinnlich wahrgenommenen Einzeldinge und deren Inbegriff: die Natur. Die übernatürliche Kausalität verliert ihre einseitige und absolute Herrschaft, der Begriff der natürlichen Kausalität tritt mehr und mehr in den Vordergrund, und immer mächtiger wird der Drang, von ihm aus die Welt zu durchforschen und zu erkennen. Dieser Drang nach natürlicher Kausalität manifestiert sich im Zeitalter der Erfindungen und Entdeckungen, und , die Namen Baco und Descartes bezeichnen die vollbewusste Wiedereinsetzung der natürlichen Kausalität in ihre Rechte. Der Gegensatz der neueren Zeit zum Mittelalter ist der Gegensatz der übernatürlichen Kausalität zur natürlichen.

Im Mittelalter galt es, das Übernatürliche mit übernatürlichen Erkenntnismitteln (Offenbarung, Prophetie, Ekstase u. a. m.) zu erforschen. Jetzt gilt es: das Natürliche mit natürlichen Erkenntnismitteln (Erfahrung und Denken) zu ergründen. So will es Baco, und er sagt daher, „das erst sei wahre Philosophie, welche so treu wie möglich die Aussprüche der Welt selbst wiedergebe und gewissermassen von dieser selbst diktiert sei; welche nichts von sich aus hinzufüge, sondern nur wiederhole und wiedertöne.“ Und ebenso will auch Descartes „keine andere Wissenschaft mehr suchen, als die er in sich selbst oder in dem grossen Buche der Welt würde finden können.“ Beider Streben, wie das ihrer Nachfolger, ist also auf die Natur gerichtet, beider

Philosophie ist Naturalismus, nur hinsichtlich der Methode des Erkennens der Natur weichen sie von einander ab. Baco will alle Erkenntnis von den Dingen (res) diktieren und den Geist sich so passiv wie möglich verhalten lassen; die Dinge (res) sind hier im Erkenntnisprozess das Primäre, das Erkennen selbst ein Sekundäres. Baco wird in seinem Erkenntnisgang ganz und gar bestimmt durch die res, durch die realia; er ist in diesem Sinne ganz realistisch, und seine Philosophie realistischer Naturalismus. Descartes dagegen will vermittelst des Denkens die Dinge durchdringen; der Geist soll sich ihnen gegenüber so aktiv wie möglich verhalten. Hier sind im Erkenntnisprozess das Denken, die ideae, das Primäre, die zu durchdenkenden Dinge das Sekundäre; sein Erkenntnisgang wird bestimmt durch die Natur des Denkens, der Gedanken, der ideae; er ist in diesem Sinne idealistisch, und seine Philosophie idealistischer Naturalismus. Charakteristisch ist es in dieser Beziehung, dass Descartes in sich und dem grossen Buche der Welt selbst Leser sein, während Baco seinen Geist nur zum Buche machen will, in das hinein die Welt diktiert.

In Wahrheit sind beide Richtungen einseitig und bedürfen einander zur Ergänzung. Als ob Wahrnehmungen ohne Denken oder Denken ohne Wahrnehmungen zum Ziele führten, als ob nicht Anschauungen ohne Begriffe und Begriffe ohne Anschauungen fruchtlos bleiben müssten! Bacos Weg führt mehr zur Naturwissenschaft als zur Philosophie, Descartes' Strasse mehr zur Philosophie als zur Naturwissenschaft. Die richtige Verbindung beider zur philosophischen Naturwissenschaft und naturwissenschaftlichen Philosophie, zur Philosophie der Naturwissenschaft, wird weder im realistischen noch im idealistischen, sondern erst im kritischen Naturalismus erreicht.

Der kritische Naturalismus, der in Kant gipfelt, steht hier im Gegensatz zu dem halbdogmatischen Naturalismus, als welcher sowohl der realistische Bacos, als der idealistische Descartes' erscheint. Der Dogmatismus macht die Annahme, dass die Erkenntnis aller Dinge ihm nicht bloss möglich, sondern von ihm auch wirklich vollendet sei. Nun sind sowohl Baco, als Fritz Schultze, Philosophie der Naturwissenschaft.

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Descartes der Meinung, dass der Mensch alle Dinge erkennen könne – insofern sind sie dogmatisch. Aber sie fügen hinzu, er müsse allerdings gewisse Forschungsmethoden als Vorsichtsmassregeln anwenden, um, frei von Täuschung, erkennen zu können. Insofern sie also nicht absolut, sondern nur relativ die Möglichkeit und Wirklichkeit voller Erkenntnis annehmen, sind sie halb dogmatisch – sie sind demnach soweit nicht dogmatisch, als sie skeptisch sind. Eben dieser Skepticismus in ihnen ist nun aber das wichtige und weitertreibende Ferment der Entwicklung zum Kritizismus. Durch immer erneutes, zweifelndes Forschen wird die Möglichkeit und Wirklichkeit des Naturerkennens zum Problem; es entsteht eine naturalistische Skepsis (naturalistisch im Gegensatz zu der supranaturalistischen Skepsis des Mystizismus) oder ein skeptischer Naturalismus, der, in Locke beginnend, seine Vollendung in Hume erreicht und in diesem seinem Gipfelpunkt endlich sogar die Unmöglichkeit und Unwirklichkeit aller Erkenntnis behauptet.

Innerhalb dieser extremen Gegensätze der Annahme einerseits der absoluten Möglichkeit, andererseits der absoluten Unmöglichkeit der Erkenntnis findet die richtige Mitte und damit die Ausgleichung der beiden grossen Faktoren des Objektiven und des Subjektiven, des Stofflichen und des Geistigen, also die Lösung des Problems aller Philosophie die Lehre von der relativen Möglichkeit der Erkenntnis auf einem kritisch genau begrenzten, also relativen Erkenntnisgebiete d. i. der kritische Naturalismus Kants. Wir haben also in diesem Abschnitt kennen zu lernen:

1) die Begründung des realistischen Naturalismus (Baco und seine Anhänger);

2) die Begründung des idealistischen Naturalismus (Descartes, Spinoza, Leibniz);

3) die Begründung des skeptischen Naturalismus (Locke und seine Nachfolger, Berkeley und Hume);

4) die Begründung des kritischen Naturalismus (Immanuel Kant und sein Zeitalter).

Erstes Kapitel.
Die Begründung des realistischen Naturalismus.

Inhalt: 1) Franz Baco von Verulam. — Der Geist der Zeit. - Bacos Programm. – Die Neuheit desselben. – Die Magna Instauratio. — De dignitate et augmentis scientiarum. – Einteilung und Inhalt des Werkes. Die Menschengeschichte. – Die Naturgeschichte. – Die Poesie. – Die phi. losophischen Wissenschaften. – Die Theologie. – Die Physik. – Die Metaphysik. – Die Mechanik. – Die natürliche Magie. – Die Mathematik. – Die Anthropologie. – Logik, Rhetorik, Ethik, Politik und Bibelbetrachtung.

- Die Ursache des unentwickelten Zustandes der Wissenschaften. – Das Novum Organon. – Die Aufgabe. — Der „zerstörende Teil". - Die Idolenlehre. — Die Trugbegriffe des Stammes: Die anthropomorphistische Weltbetrachtung (Anthropoaesthetismus, Anthropopathismus, Anthropotheletismus, Anthroponoetismus.) – Die Trugbegriffe der Höhle. – Die Trugbegriffe des Marktes (die Sprache). – Die Trugbegriffe des Theaters. – Die Bedeutung der Idolenlehre. - Der Baconische Zweifel. – Die scholastische Beweismethode. – Die richtige Beweismethode. – Der „aufbauende Teil“ des neuen Organon. – Die induktive Methode. – Die negativen Instanzen. – Die praerogativen Instanzen. – Die wissenschaftliche Hypothese. – Die komparative Methode und die Einheit der Natur. - Die übrigen Teile der Magna Instauratio. – Die Erfolge des Baconismus. – Der Aufschwung der Realwissenschaften. - Die Wirkungen auf pädagogischem Gebiet. – Kritik des Baconismus. — 2) Thomas Hobbes. — Hobbes Verhältnis zu Baco und dem Baconismus. - Prima philosophia. -- Nominalismus. – Materialismus. — Verhältnis zur Religion. - Deduktion und Syllogismus. – Die mathematische

Methode. — Hobbes' Verhältnis zum Kritizismus. - Raum und Zeit. O ie Begründung des realistischen Naturalismus führt sich auf

den an Charakter zwar nicht mustergültigen, an Geist

aber grossen Francis Bacon von Verulam (1561– 1626) zurück, den gepriesenen Nationaldenker des im eminenten Sinne baconisch denkenden Englands, den berühmten Lord

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