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begriffe, die völlig revidiert und umgeändert werden: nicht nach wenigen Jahrhunderten lassen sich die ungeheueren Vorgänge im Weltall abmessen, endlose Zeiträume (und die Geologie stimmt sekundierend ein) erfordert jetzt die wahre Weltgeschichte. Hatte schon der Humanismus die Kulturgeschichte um ein Jahrtausend, die präadamitischen Theorien die Menschheitsgeschichte um viele Jahrtausende verlängert – im Gefolge der Kant-Laplace'schen Theorie werden jetzt der Weltgeschichte viele Jahrmillionen hinzugefügt.

Aber noch ein letzter Schritt ist zu thun, eine letzte Folgerung zu ziehen. Wenn alle grossen Weltkörper unseres Planetensystems einer Natur, eines Stammes, eines Ursprungs sind; wenn aber doch alles, was auf unserer Erde atmet und lebt, auf und aus ihr sein Dasein empfängt und erhält, sollten da nicht auch alle organischen Wesen einer Natur, eines Stammes und eines Ursprungs und zwar natürlicher Art sein? Auch in dieser Frage ist es Kant, der zuerst mit vollstem Bewusstsein im Verfolg seiner Forschungen über die „Theorie und Naturgeschichte des Himmels“ die Konsequenzen hinsichtlich der Organismen und ihres gemeinsamen Ursprungs natürlicher Art zieht und somit dem Monismus des Mechanischen und Unorganischen den Gedanken des Monismus des Organischen hinzufügt. *) Er ist mit vollstem Recht als der Kopernikus der Deszendenztheorie zu bezeichnen, während Darwin den Kepler derselben bildet, der Newton dafür aber noch aussteht.

So befinden sich demnach alle diese neueren Lehren mit dem Kopernikanischen Heliozentrismus nicht bloss im Zusammenhang, sondern sind sogar ohne ihn so wenig möglich, dass sie völlig mit ihm stehen und fallen. In keiner Weise enthält das Wort Goethes eine Übertreibung: „Unter allen Entdeckungen und Überzeugungen möchte nichts eine grössere Wirkung auf den menschlichen Geist hervorgebracht haben, als die Lehre des Kopernikus. Kaum war die Welt als rund anerkannt und in sich selbst abgeschlossen, so sollte sie auf das ungeheuere Vorrecht Verzicht thun, der Mittelpunkt des Weltalls zu sein. Vielleicht ist noch nie eine grössere Forderung an die Menschheit geschehen: Denn was ging nicht alles durch diese Anerkennung in Dunst und Rauch auf: ein zweites Paradies, eine Welt der Unschuld, Dichtkunst und Frömmigkeit, das Zeugnis der Sinne, die Überzeugung eines poetisch-religiösen Glaubens; kein Wunder, dass man dies alles nicht wollte fahren lassen, dass man sich auf alle Weise einer solchen Lehre entgegensetzte, die denjenigen, der sie annahm, zu einer bisher ungeahnten Denkfreiheit und Grossheit der Gesinnungen berechtigte und aufforderte,“ und, setzen wir hinzu, eben deshall) auch wieder eine Erhöhung und Erweiterung alles wahrhaft Idealen herbeiführte, wie es vor Kopernikus nicht bestanden hatte.

*) S. meine Schrift „Kant und Darwin“. Jena, 1875.

Es ist das Geschäft der Philosophie, die Grundbegriffe des menschlichen Geistes immer wieder neu zu bearbeiten und einheitlich zu verbinden. So oft infolge grosser Weltereignisse oder bahnbrechender Entdeckungen diese Grundbegriffe sich ändern, beginnt ihre Arbeit von neuem, und sie selbst ändert sich mit jenen. Alle menschlichen Grundvorstellungen wandeln sich in dem geschilderten Zeitalter; so muss auch die Philosophie eine andere werden, indem sie sich mehr und mehr von Theologie und Scholastik zu befreien und ihre eigenen Wege zu gehen versucht. Wenn aber jemand lange Jahre hindurch im engen Kerker in Fesseln gelegen hat und er wird befreit, so dauert es geraume Zeit, bis er den Gebrauch seiner in allen Gelenken wie eingerosteten Glieder und die verlorenen Kräfte wiedergewinnt. Das philosophische Denken ist viele Jahre in Kerker und Banden gewesen. Kein Wunder, dass es zuerst matt und schwach, gelähmt und kränklich umherschleicht und erst sehr allmählich Rüstigkeit und Kraft wiedergewinnt. Es vermag nicht, die Wirkungen der Einflüsse, denen es Jahrhunderte lang unterlag, ohne weiteres abzuschütteln, und so erscheint es anfangs auch vielfach noch ganz theologisch gefärbt und dogmatisch gesinnt.

Auch hinsichtlich seiner Gegenstände hängt es vorläufig noch ganz im Banne des Alten; nicht gleich sind es ganz neue Ziele, nach denen es strebt; zunächst bearbeitet es mit Vorliebe religiöse Stoffe, nur dass diese Religionsphilosophen, die sogenannten Theosophen, über die religiösen Begriffe nicht mehr im kirchlich-autoritativen, sondern in ihrem eigenen frei-subjektiven, allerdings stets noch dogmatischen Sinne denken wollen. So werden sie Nachfolger jenes mittelalterlichen Mystikers Meisters Eckhard und seiner Jünger, die älteren Theosophen wie Ruysbroek, Geert de Groot, Thomas a Kempis etc., und Anbahner der Reformation und machen sich in dem von Geert de Groot gestifteten Schulorden der „Brüder vom gemeinsamen Leben“ hochverdient um Bildung und Belehrung des Volkes, das sie im besten Sinne religiös, wenn auch nicht gerade kirchlich zu erziehen trachten. Und wie schon im Mystizismus Meister Eckhards sich der pantheistische Zug geltend machte, so tritt auch in dieser Theosophie, z. B. in der von Luther hochgehaltenen „deutschen Theologies unbekannten Verfassers, derselbe deutlich hervor, und es ist eben diese freisinnigere, zum Pantheismus hinneigende und sehr individuell gefärbte Religionsphilosophie, die sich fortsetzt in Kaspar Schwenkfeld, Valentin Weigel u. s. f. bis hin zu jenem König und Meister aller Theosophen und Mystiker, dem Görlitzer Schuster Jakob Böhme.

Auch darin zeigt sich noch die ganze Unselbständigkeit des philosophischen Denkens, dass es, noch unfähig, Eigenes hervorzubringen, im Gefühl seiner Schülerhaftigkeit sich lernend an die Philosophen des Altertums zurückwendet, wobei es bedeutsam wird, dass man nunmehr von dem Kirchenphilosophen Aristoteles nichts mehr wissen will, aber um so mehr Befriedigung bei dem poetisch-mystischen Platon findet. Die hauptsächlichste Anregung zu diesem Platonkultus gab dem Abendlande der Grieche Georgios Gemistos Plethon, der als kaiserlich-byzantinischer Rat dem Konzile von Florenz i. J. 1439 beiwohnte. Das Konzil sollte die Aufgabe lösen, die griechische und römische Kirche wieder zu vereinigen. In den Akten wurde die Union denn auch vollzogen, in Wirklichkeit blieb aber alles beim alten. Bei dieser Gelegenheit war es Plethon, der den Fürsten von Florenz, Cosimo von Medici, durch seine feurigen philosophischen Vorträge für den Platonismus so zu begeistern wusste, dass Cosimo eine platonische Akademie in Florenz zu stiften beschloss. Marsilius Ficinus, der Sohn seines Leibarztes, eigens zu dem Zweck des Platonstudiums gebildet, wurde die Hauptsäule der Akademie. Seine Anhänger nannten sich „Brüder in Platon“; der 7. November, angeblich der Geburtstag Platons, wurde von ihnen als Festtag gefeiert, und es wird erzählt, dass Marsilius in seinem Zimmer unter dem Bilde Platons eine ewige Lampe habe brennen lassen. Durch Reuchlin, einen in die Mysterien dieses platonischen Kreises Eingeweihten, der übrigens auch noch in Paris von einem Schüler Plethons in der griechischen Sprache unterrichtet wurde, empfing auch der deutsche Humanismus von hier aus seine Anregungen, und da Reuchlin der Lehrer Melanchthons war, so kann man in der That die Kausalkette von dort her bis in den Kreis der Reformatoren selbst hineinverfolgen.

. Diese Beschäftigung mit Platon wirkt nun aber auch auf das Studium des Aristoteles belebend und befruchtend zurück. Man hat diesen Philosophen bisher stets betrachtet und interpretiert durch die Brille entweder des Neuplatonismus oder des Averroismus oder der Kirchenlehre; in seiner wahren Gestalt war er unerkannt geblieben. Wenn man in Florenz das Studium Platons pflegte, so gab man sich nun in Padua der Erforschung des Aristoteles hin, und eine wirkliche Errungenschaft war in dem dort geführten Nachweis enthalten, dass Aristoteles weder mit der Kirchenlehre (wie schon Roger Baco und Duns Scotus gezeigt), noch mit den arabischen Philosophen, noch mit Platon übereinstimme, sondern dass auch er ein selbständiges und ein ganz anderes sei, als man bisher angenommen hatte. In diesem Ergebnis lag insofern ein wirklicher Fortschritt, als das philosophische Denken Kraft und Mut gewonnen hatte, die hergebrachte Interpretationsweise abzuschütteln, den Philosophen in seinem philosophischen Sinne gelten zu lassen und also Kirche und Scholastik nicht mehr als massgebend in philosophischen Dingen anzusehen.

Auch die weniger hervorragenden Philosophien des Altertums werden jetzt wieder durchforscht und lassen eine Fülle befruchtender Ideen in den lernbegierigen Geist einfliessen; so der Stoi

zismus und der Epikureismus. Für die Fortentwicklung der modernen Naturwissenschaft ist besonders die Wiedererweckung des letzteren von grosser Bedeutung geworden. Der Schwerpunkt dabei liegt nicht etwa in der epikureischen Ethik, sondern in der damit verbundenen atomistischen Physik. Die von den Epikureern adoptierte Atomistik Demokrits wird durch die Wiederbelebung des Epikureismus der neueren Zeit wiedergeschenkt. Peter Gassendi übermittelt diese reiche Gabe, und Robert Boyle, der Vater der modernen Chemie, hat nicht versäumt, seine eigene Neubegründung der chemischen Theorie vermittelst der Atomistik auf seine antiken Lehrmeister und ihren Herold Gassendi zurückzuführen.

Erst nachdem an den Brüsten alter Weisheit der philosophische Geist sich wieder vollgesogen und durch die inzwischen eingetretenen grossen Entdeckungen und Erfindungen in seinem tiefsten Innern aufgeregt ist, wagt er, wenn auch zuerst nur in schüchterner Weise, den Versuch, in neuen, selbständigen Begriffssystemen das nunmehr gänzlich veränderte Weltbild zu zeichnen. Die italienischen Naturphilosophen sind es, welche vorzugsweise den Griffel dazu in die Hand nehmen. Und doch schwebt auch ihnen unbewusst immer noch ein antikes Vorbild vor und beeinflusst insgeheim ihre Entwürfe: das des Neuplatonismus. Die neuplatonischen Systeme waren emanatistischer Art; alles ist hervorgeflossen aus dem göttlichen Urgrunde; in letzter Instanz stammt auch die Materie aus der Gottheit. So erschien der Dualismus hier überwunden, und wie denn die ganze Richtung der Zeit vom Dualismus ablenkte, so meinten auch die italienischen Naturphilosophen in diesem emanatistischen Pantheismus die wahre Weltbetrachtung zu finden. Ist nun auch das Streben nach wahrer Naturerkenntnis bei ihnen vorhanden, so ist doch bei ihnen die Phantasie viel zu überschwenglich, als dass ihre Naturbilder der Wirklichkeit entsprechend ausfielen. Trotz alledem aber sind es grosse Impulse, die von diesen schwärmerisch für die Natur begeisterten Philosophen, wie Cardanus, dem Mathematiker, Patritius, dem Bekenner einer Panaugia, Panarchia, Pampsychia und Pankosmia (eines Alllichtes, Allprinzips, einer Allseele und Allwelt),

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