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mag etwas noch so notwendig gedacht werden, die Existenz eines diesem Gedanken entsprechenden realen Wesens ausser uns, folgt nicht daraus; der Beweis für die Existenz folgt allein aus der empirischen Wahrnehmung und Anschauung. Und sogleich richtet Occam dies Ergebnis gegen den Anselmischen Beweis vom Dasein Gottes, der aus dem blossen notwendig gedachten Begriff Gottes die Existenz Gottes mit Sicherheit darthun zu können meinte. Nicht als ob Occam das Dasein Gottes einen Augenblick bezweifelte, nur dass der Beweis Anselms der Kritik unterworfen und für nicht stichhaltig erklärt wird.

Die Kirche in ihrer empfindlichen Feinfühligkeit wittert sogleich, dass hier die Morgenluft eines neuen Tages zu wehen anfängt , und obgleich der Nominalismus nicht die Wahrheit der Kirchenlehren, sondern nur die Richtigkeit ihrer Beweisführung in Abrede stellt, bereitet sie sich sogleich zur Gegenwehr und sucht mit all den ihr zu Gebote stehenden Mitteln, die neue Lehre zu unterdrücken. Occam selbst erleidet persönliche Anfechtungen, allerdings nicht bloss wegen seines Nominalismus, sondern auch deshalb, weil er aus der Armut Christi und der Apostel geschlossen hatte, dass dem Papste eine weltliche Macht und Herrschaft nicht gebühre, ja derselbe sogar, wie in weltlichen Dingen den Fürsten, so in geistlichen der Kirche sich unterordnen müsse. Occams Lehrbücher werden im Jahre 1339 verboten, seine Anhänger von der Pariser Universität vertrieben. Viele der Flüchtigen wenden sich nach Deutschland, wo Occam selbst in München am Hofe Ludwigs des Bayern ein Asyl gefunden hatte. Durch sie wird die Gründung einiger deutscher Universitäten angeregt: so im Jahre 1365 durch Buridanus in Wien, so im Jahre 1396 durch Marsilius vonlnghenin Heidelberg. Auch im 15. Jahrhundert dauert die Verfolgung fort; noch im Jahre 1473 will sich Ludwig XI. der Pariser Professoren durch einen Eid gegen den Nominalismus versichern. Aber so mächtig ist bereits der Geist der neuen Zeit (das Schiesspulver, die Buchdruckerkunst ist erfunden, der Humanismus regt kräftig die Schwingen, die Entdeckung Amerikas steht bevor), dass im Jahre 1481 selbst in Paris der Nominalismus als berechtigt anerkannt wird.

Was ist es denn, was so neu und mächtig uns in dieser Lehre entgegentritt? Der Nominalismus hat eine negative und eine positive Seite. Seine Negation richtet sich gegen die platonisch - aristotelische Ideenlehre, damit gegen das Joch, das nicht bloss Aristoteles, sondern der Dogmatismus der Kirche überhaupt auf die Freiheit des naturgemässen Denkens gelegt hat. Seine positive Thätigkeit besteht aber darin, dass er diesen freigewordenen Geist auf sein eigentliches Feld und Arbeitsgebiet, auf seine wahren Objekte hinweist. Nicht die allgemeinen Begriffe, sondern die Dinge sind wirklich. Willst Du demnach Wirklichkeit und Wahrheit, so wühle nicht länger in abstrakten Begriffen, sondern wende dich auf die Erforschung der empirischen Dinge. Der Inbegriff dieser Dinge ist die Natur. Willst Du also Wahrheit haben, so, wende dich auf die Erforschung der Natur. Das ist das positive Resultat, welches in den Konsequenzen des Nominalismus zu Tage tritt, womit, wie es sich nun schon in dem begeisterten Naturtheologen Raymund vonSabunde und in dem Kopernikaner vor Kopernikus Nikolaus von Cues zeigt, die Epoche der Naturverachtung endet, und das Zeitalter der Entdeckungen und Erfindungen d. h. die moderne Zeit beginnt. «

Werfen wir schliesslich noch einen prüfenden Rückblick auf die von uns geschilderte Epoche. So sehr besonders der Naturforscher geneigt sein wird, diesen ganzen Zeitraum als einen ungeheuren Stillstand oder gar Rückgang in der Entwicklung der Menschheit anzusehen — der Philosoph und Kulturhistoriker wird günstiger darüber urteilen und auch den Punkt zu bezeichnen wissen, von wo die Rechtfertigung ihren Ausgang zu nehmen hätte. Wenn auch wenig in wissenschaftlicher, so wird doch unendlich viel in völkerpädagogischer Beziehung hier geleistet. Ehe der Mensch zu einem friedlichen Kulturzustande, der Vorbedingung einer erfolgreichen Pflege jeder Wissenschaft, gelangen kann, muss er vor Allem erst sich selbst zu beherrschen, seine eigene rohe Natur zu zügeln, seine wilden sinnlichen Begierden zu zähmen gelernt haben; er muss den im Naturzustande übermächtigen Trieb zum „Krieg Aller gegen Alle" erst ertötet haben. Je mächtiger gerade in ihm noch die sinnliche Natur ist, um so mehr muss er sie zuerst als seine gefährlichste Feindin betrachten; um so besser ist es zuerst für ihn, wenn er sich in drastischem Abscheu von ihr ab- und einem über die Natur gänzlich hinausweisenden Ideal zuwendet. Er muss in das eine Extrem, in die Scylla fallen, um nicht von dem andern, von der Charybdis, verschlungen zu werden. Die vollendete Naturverachtung und die absolute Verehrung des Übernatürlichen sind also hier das durchaus notwendige pädagogische Zuchtmittel, durch welches der Geist der Geschichte die noch barbarischen Völker des nördlichen Europa für ihre künftige grosse Kulturaufgabe erzieht und schult. Der wissenschaftliche Verlust wird durch den ethischen Gewinn ersetzt. Mit dem Moment, wo die innere Natur der Völkerzöglinge gezähmt ist, gehört ihnen auch wieder die äussere Natur, denn die Beherrschung der äusseren Natur steht nun einmal unter der Voraussetzung der Beherrschung der inneren. Der Weg, den die Menschheit im Mittelalter einschlägt, ist ein Umweg, aber ein notwendiger. „Es ist nicht wahr, dass die kürzeste Linie immer die gerade ist," sagt Lessing in der „Erziehung des Menschengeschlechts."

Sechstes Kapitel.

Die Umbildung der menschlichen Grundvorstellungen an der Schwelle der

neueren Zeit.

Inhalt: Die Rückkehr zur Natur auf allen Lebensgebieten. — Die „natürliche Theologie". — Der Ritterstand als Vertreter des Natürlichen. — Die Kreuzzüge. — Kirche und Staat, Papst und Kaiser. — Der Bürgerstand und sein Realismus. — Der Bürgerstand im Gegensatz zu Geistlichkeit und Rittertum. — Das Schulwesen. — Naturgemässe Erziehung. — Naturrecht. — Die Umbildung des mittelalterlichen Begriffssystems durch die Neubegründung und Erweiterung der Naturerkenntnis. — Der Begriff der Zeit: Der Humanismus.

— Der Begriff des Raumes:, Das Zeitalter der Entdeckungen. — Geographie und Ethnographie. — Die Anthropogonie, — Koadamitismus und Praeadamitismus. — Der Begriff des Stoffes: Die Erfindungen. — Der Begriff der Form: Die Antike. — Vorstellungsinhalt und Gefühlsleben, Geist und Gemüt. — Die Umbildung der religiösen Begriffe durch die Reformation. — Rückkehr zum Natürlichen das Princip der Reformation. — Luthers Bibelkritik. — Fides, quae creditur. — Fides, qua creditur. — Das allgemeine Priestertum.

— Das Recht der Freude an der Natur und der Erkenntnis derselben. — Aufhebung unnatürlicher Satzungen. — Der neue Begriff vom Weltall. — Kopernikus. — Der Begriff des „Himmels." — Der Gottesbegriff. — Das Göttliche im Menschen. — Die geozentrische Teleologie. — Die anthropozentrische Teleologie. — Der Kopernikanismus und die kritische Erkenntnistheorie. — Kepler und Galilei. — Der Monismus des Mechanischen. — Makrokosmos und Mikrokosmos. — Harvey. — Der Begriff des Organismus. — Der Monismus des Unorganischen: Kant und Laplace. — Erneute Umbildung der Raumund Zeitbegriffe. — Der Monismus des Organischen. — Goethes Ausspruch. — Die Umbildung der Philosophie. — Ihr Charakter. — Die Theosophie. — Der Platonismus in Florenz. — Der Aristotelismus in Padua. — Stoizismus und Epikureismus. — Die italienische Naturphilosophie. — Cardanus, Patritius, Paracelsus. — Telesius. — Campanella. — Giordano Bruno. — Lucilio Vanini. "aturam expellas furca, tamen usque recurret — dieses horazische Wort gilt nicht bloss für die individuelle, sondern für die weltgeschichtliche Entwicklung überhaupt, und niemals wurde ein grossartigerer Beweis für die Richtigkeit desselben geführt, als durch die Entwicklung der neueren Zeit aus dem Mittelalter heraus, denn diese Entwicklung ist gleichbedeutend mit der Selbstbefreiung der Natur aus den Fesseln der Unnatur, in welche zeitweilig berechtigte und doch einseitige Gewalten den Prometheus der Natur geschlagen hatten. Nicht bloss im Kreise der Scholastiker, sondern in allen Kreisen des mittelalterlichen Lebens hebt sich der auf dem Scheiterhaufen des Dogmas verbrannte Phönix des Naturgedankens wieder aus der Asche empor. An der Entwicklung der Scholastik, welche vorzugsweise die geistige Physiognomie der Zeit bestimmt, haben wir dies bereits gezeigt. Im Laufe weniger Jahrhunderte durchlebt die Scholastik die bedeutsamsten Wandlungen. Anfangs sind Theologie und Philosophie in ihr vereinigt. Da reisst sich die letztere von der ersteren los und wendet sich im Nominalismus vom Übernatürlichen zum Natürlichen zurück. Aber auch die Theologie erfährt innere Veränderungen, indem sie, so sehr sie sonst auch im Übernatürlichen hängt, dem Einflusse des Natürlichen und seiner Gewalten sich nicht ganz entziehen kann. Nicht bloss dass die Kirche durch Missionsreisen der Naturforschung dient und dass Kleriker sich dem Studium der Natur widmen, nein, sogar der zuerst allerdings als ketzerisch gebrandmarkte Gedanke einer Erkenntnis des Wesens Gottes, nicht aus der dafür privilegierten Offenbarung, sondern aus der bisher als ungöttlich und satanisch verstossenen Natur, die Begründung der Theologie auf Naturerkenntnis, der Gedanke einer natürlichen Theologie macht sich geltend. Kann die Berechtigung der Natur in höherem Grade anerkannt werden, als dadurch, dass selbst die Theologie das von ihr stets als das schlechthin verwerflich hingestellte Natürliche jetzt zur Begründung ihrer selbst zu benutzen sucht? Welch ein ungeheurer Umschwung der Anschauungen bekundet sich nicht schon in dem Gedanken der Möglichkeit einer natürlichen Theologie! Zwar hält noch Michel Montaigne (1533—1592) es für notwendig, eine be

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