Abbildungen der Seite
PDF
EPUB

der Kirche. So bildet das ganze All vom Staubkorn bis zur Gottheit eine kontinuierliche Entwicklungsreihe, genau auf deren mittlerer Höhe die Mittlerin Kirche steht. So sind ausgeglichen die Gegensätze von Gott und Welt, von Geist und Natur, von Jenseits und Diesseits, von Immateriellem und Materiellem, von Glauben und Wissen, von Theologie und Philosophie, von Kirchenlehre und Aristoteles - das Problem ist gelöst.

Aber natürlich kann nur unter der Bedingung von einer Übereinstimmung der Kirchenlehre und der aristotelischen Philosophie bei Thomas die Rede sein, dass man den Aristotelismus genau in dem Sinne auslegt, wie Thomas es gethan hatte. Wie aber, wenn diese Auslegung eine falsche wäre? So verhält es sich aber in der That! Je mehr man Aristoteles in der Urschrift kennen lernt, um so mehr sieht man ein, dass der Thomistische Aristoteles nur ein aristotelisierender Thomas ist, dass die Einstimmigkeit in Wahrheit nur eine erdichtete und erkünstelte ist. Es ist zuerst Roger Baco, dann, in gründlicherer Weise, Duns Scotus, der diesen Missstand aufdeckt und damit zeigt, dass zum zweiten Male die Scholastik ihre Aufgabe unerledigt gelassen hat, und dem nun die richtige Einsicht aufgeht, dass eine Übereinstimmung zwischen den Glaubenslehren und dem Vernunftwissen überhaupt nicht gefordert werden dürfe. Die Dogmen sind nach ihm übernatürliche Wahrheiten, die als solche unangetastet stehen bleiben; der menschliche Verstand vermag nur natürliche Wahrheiten zu begreifen; so soll denn das menschliche Vernunftdenken sich überhaupt nicht auf die supranaturalistischen Probleme der Theologie richten; die Philosophie soll vielmehr ihre eigenen Bahnen wandeln und sich selbständig ihre Aufgaben stellen. Sauer genug wird ihr freilich diese Selbständigkeit gemacht; sie muss in jedem Augenblicke bereit sein, ihre Lehren, wenn dieselben der Kirche anstössig erscheinen, für falsch zu erklären. In seinem Kampfe um das Dasein weiss sich der bedrängte philosophische Geist nicht anders zu helfen, als durch die Erfindung einer Lehre, die, wenn sie Wahrheit wäre, alle Wahrheit als Illusion erscheinen lassen würde, der Lehre von der „doppelten Wahrheit“. Indem diese Lehre ausspricht: was in der Philosophie richtig sei, könne falsch sein in der Theologie, und umgekehrt die Wahrheiten der Theologie könnten Irrtümer sein für die Philosophie, zeigt sie einerseits klar die völlige Unvereinbarkeit des mittelalterlichen Glaubens und Wissens, andrerseits aber auch die gewaltige Übermacht des Theologen, vor welcher die Philosophie noch in jedem Augenblick bereit sein muss, den Intellekt zum Opfer zu bringen.

Sobald sich das philosophische Denken von dem Hörigkeitsverhältnis befreit hat, in dem es bisher zur Theologie stand, richtet es seine Kritik sogleich auch auf die metaphysischen Grundprinzipien der Glaubenslehren, gegen die Fassung der Universalien, und es ist Wilhelm Occam, der durch seine scharfsinnigen Beweise die Unhaltbarkeit des platonischen und aristotelischen Realismus darthut und als Gründer und Verfechter des Nominalismus das natürliche Denken und die natürlichen Dinge in ihre Rechte wieder einsetzt. Occam zeigt, dass die Allgemeinbegriffe (universalia) nicht ausserhalb unseres Denkens für sich bestehende reale Wesen sind, dass sie nicht „extra animam“ (ausserhalb der Seele) sondern „in anima“ (in der Seele) sich befinden, dass sie als Erzeugnisse unseres Denkens blosse durch Abstraktion gebildete Zeichen (signa, termini) für die sinnlichen, konkreten Einzeldinge sind, welche letzteren das wahrhaft Wirkliche ausmachen; dass die Universalien also auch erst in zweiter Linie (termini secundae intentionis) nach den sinnlichen Dingen kommen, dass sie mithin blosse nomina post rem, nicht realia in re, geschweige denn ante rem sind. So führt er die Allgemeinbegriffe auf ihren wahren Wert und Gehalt zurück. Anfänge dieses Nominalismus tauchten zwar schon im 12. Jahrhundert auf: es waren Männer wie Eric von Auxerre, Raimbert von Lille und Roscellinus, welche schon damals den Realismus bekämpften, aber sie drangen nicht durch, und erst Occams schlagende Beweisführung machte die Schuppen von den Augen fallen. Wir haben zwar schon oben bei der Einführung der platonischen Ideenlehre die Kritik des „existenten Allgemeinbegriffes“ gegeben, aber wegen der Wichtigkeit des Gegenstandes wollen wir hier in aller Kürze auch die Hauptbeweise Occams gegen die Realität der „Ideen“ vorführen.

Nach der aristotelischen Fassung, gegen welche, nachdem die platonische bereits überwunden war, Occam seine Angriffe richtet, musste man sich jede Idee z. B. die Baum-Idee als ein reales Wesen ausser uns denken, welches in re d. h. also bei diesem Beispiel in allen einzelnen Bäumen sich existent befände. Als ein ewiges und immaterielles Wesen ist aber jede Idee natürlich auch ein einziges, absolut einfaches, mithin unteilbares individuelles) Wesen. Trotz ihrer Immaterialität, Einzigkeit, Einfachheit und Unteilbarkeit müsste also die eine Idee in den vielen verschiedenen Einzeldingen, die eine Baum-Idee also in allen einzelnen Bäumen „totaliter, essentialiter et simul“, wie Wilhelm von Champeaux es auch mit starrer Konsequenz behauptete, d. h. „ganz und gar, ihrem vollen Wesen nach und zu gleicher Zeit“ sich befinden. Wie kann aber ein einziges und noch dazu absolut einfaches Ding seinem vollen Wesen nach und in derselben Zeit in unzähligen, ganz verschiedenen Dingen sich befinden? Diesen Widerspruch, in dessen Bejahung durch die Scholastik es wieder einmal offenbar wird, wie die Ideenlehre alle menschlichen Grundgesetze von Raum, Zeit und Kausalität über den Haufen wirft, führt Occam als erstes Geschütz gegen den Realismus siegreich ins Feld.

Der zweite Beweis stellt das Problem von der entgegengesetzten Seite dar. Die Scholastiker haben die Anwendung der Universalientheorie nach und nach soweit getrieben, dass sie nicht bloss für jedes beliebige Ding, sondern auch für jede Thätigkeit, Eigenschaft und Beziehungsweise eine „Idee“ als hervorbringende Kausalität setzen (Beispiele sind: aquositas, albedo, Socratitas, ubitas, hocceitas, haecceitas, quidditas u. s. f.). Wenn es demnach nun ebenso unzählig viele Universalien giebt, als Dinge und ihre Eigenschaften, Thätigkeiten und Beziehungen vorkommen, wie verhält es sich da mit den „Ideen“ in Hinsicht auf ein einzelnes, konkretes Ding, z. B. einen Baum? Der Baum hat viele verschiedene Bestandteile (Wurzel, Stamm, Zweige, Blätter etc.); er hat sehr verschiedene Eigenschaften (dick, hoch, grün, holzig u. s. f.). Mithin müssen, die Ideenlehre in aristotelischer Fassung als richtig vorausgesetzt, in dem einen Dinge „Baum“ so viel einzelne Ideen totaliter, essentialiter et simul sich befinden, als das Ding „Baum“ Bestandteile, Eigenschaften etc. besitzt. Nun schliesst doch aber jede einzelne Idee, einfach wie sie ist, die anderen von sich aus. Wie können also in einem, konkreten, materiellen, ausgedehnten, zeitlichen Dinge gleichzeitig viele, verschiedene, allgemeine, immaterielle, unräumliche, ewige, sich gegenseitig ausschliessende Ideen sich befinden? Ein ganzes Nest von Widersprüchen und Unmöglichkeiten! Occams erster Beweis zeigt, dass unmöglich eine Idee gleichzeitig und vollständig in vielen konkreten Einzeldingen, der zweite Beweis, dass unmöglich viele Ideen gleichzeitig und vollständig in einem konkreten Einzeldinge sich befinden können.

Den dritten Beweis könnten wir am besten einen erkenntnistheoretischen nennen, insofern derselbe nämlich darthut, dass, wenn die Allgemeinbegriffe wirklich reale Dinge wären, jedes Urteil unmöglich, also damit die Erkenntnis überhaupt (die doch in Urteilen besteht) aufgehoben sein würde. In einem Urteil kann nämlich niemals ein konkretes Einzelding von einem anderen als dessen Prädikat ausgesagt werden. Ich kann wohl sagen: die Palme ist hoch, aber nicht: diese Palme ist jene Ceder; wohl : Sokrates ist weise, aber nicht: Sokrates ist Platon. Individuelle Wesen lassen sich also nicht von einander als Prädikate aussagen, da jedes derselben jedes andere von sich ausschliesst, das Prädikat aber in einem bejahenden Urteil das einheitliche Zusammenfallen zweier Urteilselemente bezeichnet. Nun sind aber nach der Ideenlehre die Universalien reale und individuelle Wesen: die Baum-Idee ist ein existierendes Individuum. Mithin kann ich auf dem Rechtsboden der Ideenlehre konsequenterweise auch nicht urteilen: Diese Eiche ist ein Baum, denn die sichtbare Eiche ist ein individuelles und reales Ding, und die Idee „Baum“ ist ebenfalls ein individuelles und reales Ding, und niemals lässt sich ein Ding von einem anderen Dinge prädizieren. Entweder demnach die Ideenlehre ist richtig, dann ist jedes Urteil, also die Erkenntnis überhaupt (dann aber auch die Erkenntnis der Richtigkeit der Ideenlehre, der Beweis für sie) unmöglich. Oder: Urteile sind möglich, dann aber ist die Ideenlehre in der platonischaristotelischen Fassung entschieden falsch. Und Occam steht nicht an, dieses letztere zu behaupten: Die Allgemeinbegriffe sind nur abstrahierte Vorstellungen, das wahrhaft Wirkliche sind die konkreten Dinge der empirischen Wahrnehmung. Scharf und entschieden ist damit der Nominalismus verkündet, klar die Notwendigkeit, den erkenntnissuchenden Geist auf die diesseitigen Dinge zu richten, ausgesprochen; kaum lässt sich dabei noch der Zweifel an der Realität der jenseitigen Mysterien verhüllen; stark untergraben wird damit die Hoffnung auf den Erfolg des menschlichen Strebens über die Schranken des Irdischen hinaus. Und Occam ist sich völlig bewusst, welche zersetzenden Folgerungen für die mittelalterliche Dogmatik sich aus seiner Kritik ergeben. In Adam ist die gesamte Menschheit gefallen, in Christus die gesamte Menschheit erlöst. Adam wie Christus fasst jene Dogmatik als reale Ideen auf, wo bliebe sonst die ewige Realität des Sündenfalles wie der Erlösung? Hier rührt der Nominalismus an die Grundwurzeln der mittelalterlichen Glaubenslehre, die mit der Ideenlehre steht und fällt. Gleichwohl will Occam den Inhalt der Kirchenlehre selbst in keiner Weise antasten: Diese Dogmen sind und bleiben absolute Wahrheiten, nur dass sie in den logischen Schranken unserer Menschenvernunft nicht begriffen und deduziert werden können. Sie sind weder widervernünftig noch unvernünftig, sie sind aber über vernünftig. Der Begriff der „Übervernunft“ ist es, durch den Occam die Glaubenslehre einerseits und sich und die Logik andrerseits zu retten bestrebt ist.

Aber einmal im Zuge der Kritik spricht Occam erkenntnistheoretische Resultate aus, die schon an Kantische Kritizismen gemahnen. Der Allgemeinbegriff ist nur eine in uns als Vorstellung existierende Abstraktion; mithin kann bloss aus ihm, als nur in uns befindlichem Begriffe heraus niemals die Existenz eines ihm entsprechenden realen Wesens ausser uns bewiesen werden. Was leugnet also Occam? Nichts anderes als die Richtigkeit des ontologischen Schlusses und damit die gesamte Ontologie. Der Grundsatz der Ontologie lautete ja gerade: was notwendig gedacht wird, existiert auch notwendig. Der Nominalismus sagt mit Recht:

« ZurückWeiter »