Abbildungen der Seite
PDF
EPUB

materiellen Dinge einwirken können. Aristoteles hatte deshalb die Ideen als dem Stoffe immanent aufgefasst. Auch diese aristotelische Fassung, diesen „aristotelischen Realismus“ vertritt ein Teil der Scholastiker in der Formel: Universalia sunt realia in re. Dagegen erklärt endlich der Nominalismus: das Erste ist das einzelne, sinnliche Ding. Den allgemeinen Begriff bildet erst der Mensch durch Abstraktion. Die allgemeinen Begriffe sind also erst nach dem Dinge: Universalia sunt nomina post rem. Der platonische Realismus nun herrscht im 12. Jahrhundert; er wird durch den aristotelischen Realismus verdrängt, der im 13. Jahrhundert die Herrschaft erlangt, während der Nominalismus vom 14. Jahrhundert an sich Bahn zu brechen beginnt.

Die Aufgabe der Scholastik war, die Dogmen als mit den Gesetzen des logischen Verstandes übereinstimmend nachzuweisen. In Wahrheit ist dies unmöglich, da die dogmatischen Grundlehren nur unter der Voraussetzung der Aufhebung des logisch-natürlichen Kausalgesetzes gedacht werden können. Auch die platonische Ideenlehre litt an dem, in ihr nicht ausgeglichenen Widerspruch zwischen Idee und Materie. Bei Aristoteles dagegen hatte es wenigstens den Anschein, als ob dieser Widerspruch aufs Trefflichste gelöst sei. Daher gelingt es denn auch dem 12. Jahrhundert unter dem Gesichtspunkte des platonischen Realismus nur im geringen Grade, die scheinbare Übereinstimmung zwischen Dogmenglauben und Verstandesgesetz herzustellen. Das 13. Jahrhundert dagegen findet in dem die Gegensätze in feiner Weise verhüllenden aristotelischen Realismus das Mittel, die scholastische Aufgabe scheinbar richtig zu lösen. Das 13. Jahrhundert ist daher die eigentliche klassische Zeit der Scholastik. Es kann aber nicht ausbleiben, dass die dem Anschein nach ausgelöschten Widersprüche endlich doch von neuem ans Licht treten, wie die Blutflecken am Schlüssel im Märchen, dass damit Glauben und Wissen doch wieder auseinander treten und jedes seinen Weg für sich wandelt. Dieser Zersetzungsprozess beginnt mit dem 14. Jahrhundert im Nominalismus, der die Brücke vom Mittelalter in die neue Zeit hineinschlägt. In ihm wird auch das philosophische Denken wieder frei vom Joch der Theologie. Bisher war die Philosophie nur noch die Dienerin der Theologie gewesen. Sie war es dadurch geworden, dass sie eine Inkonsequenz beging und einen Widerspruch sanktionierte, den der Verstand nie sanktionieren kann: den Widerspruch, der in der platonischen Idee als solcher liegt, in welchem das bloss gedachte Abstraktum für das wirkliche Wesen, dieses dagegen für ein blosses Nichtseiendes erklärt wird. Sowie das Denken diesen Widerspruch der Ontologie von sich weist, sobald es das natürliche Verhältnis zwischen Seiendem und Gedachtem wiederherstellt, bricht es damit seine Ketten und gelangt wieder zur freien Selbständigkeit. Dieser Prozess beginnt mit dem Nominalismus des 14. Jahrhunderts, der die realen Dinge wieder in ihre natürlichen Rechte einsetzt und deshalb die endliche Aufhebung der Naturverachtung siegreich bewirkt. Man kann überzeugt sein, dass allemal da, wo der menschliche Geist die bloss gedachten Begriffe für Wirkliches erklärt und den ontologischen Schluss als richtig anerkennt, das natürliche Denken sich in mystische Schwärmerei auflöst, der sichere Boden der Erfahrung verlassen wird und der Verfall der Wissenschaft eintritt. Es wäre nicht schwer, dies auch an dem modernsten Beispiel der Anwendung des ontologischen Schlusses auf den Begriff vom vierdimensionalen Raum und die damit verknüpfte Neubegründung alles Erkennens durch Spiritistenspuk zu illustrieren. So wichtig ist dieser scheinbar so unansehnliche „allgemeine Begriff“, so gefährlich dieser anscheinend so harmlose „ontologische Schluss“ in seinen Konsequenzen.

Wir wollen in der Kürze den Weg verfolgen, auf welchem das 12. Jahrhundert die Übereinstimmung zwischen Glauben und Wissen zu erreichen sucht, da auch für heutige ähnliche Bestrebungen dieser Prozess von hohem kritischen Interesse ist. Freilich darf mit diesem mittelalterlichen Glauben, der sich mit den Forderungen des logischen Verstandes nicht vereinigen lässt, nicht der religiöse Glaube überhaupt verstanden werden, dessen Einheitspunkt selbst mit dem am meisten kritischen Wissen unsere späteren Auseinandersetzungen deutlich aufweisen werden. Es ist nur diese mittelalterliche, dogmatische Form des Glaubens, welche sich mit den Gesetzen des Verstandes nicht deckt, und gegen welche dieser daher Protest erhebt.

Zwei Elemente sind im Glauben gesellt: ein subjektives und ein objektives. Das Subjektive im Glauben ist die persönliche Innigkeit und Inbrunst, die Gemütswärme, mit der ich irgend einen Glaubensinhalt er- und umfasse. Dieser „Glaube, mit dem geglaubt wird“ (fides, qua creditur), ist eine in dem gläubigen Herzen glühende Leidenschaft, der Glaubensaffekt (affectus), welcher je nach der gemütlichen Beschaffenheit des Individuums sehr verschiedene Grade durchläuft. Das Objektive im Glauben ist der besondere „Lehrinhalt, welcher geglaubt wird“ (fides, quae creditur). Offenbar kann dieser Lehrinhalt erlernt und eingeprägt werden, ohne dass er von dem Lernenden mit Glaubensüberzeugung für wahr gehalten zu werden brauchte; er ist also an sich eine blosse Kenntnis (cognitio).

Auch im Wissen lässt sich ein objektives und ein subjektives Element unterscheiden. Das Objektive ist das, was gewusst wird, der Wissensinhalt oder Wissens stoff. Das Subjektive ist die Art und Weise, in welcher ein Individuum den Wissensinhalt besitzt, klarer oder unklarer, logisch geordnet oder chaotisch ungeordnet, also die Wissens form. Der Wissensstoff besteht wiederum aus zwei Hauptbestandteilen: er enthält erstens das, was aus der sinnlichen Beobachtung erfahrungsmässig geschöpft wird, den empirischen Bestandteil; er enthält zweitens die Vorstellungen über das und von dem, was über die sinnliche Beobachtungs- und Erfahrungswelt hinaus und als dieser zu Grunde liegend (von verschiedenen Individuen sehr verschieden) angenommen wird, den metaphysischen Bestandteil. Die Wissensform wird vor allem bestimmt durch die Denkgesetze; die Logik ist es, welche in abstracto für die Form des Wissens die Grundlinien verzeichnet. Das subjektive Moment ist also, kurz gesagt, die Logik im Wissensstoff. Der Wissensstoff selbst ist, wenn wir für unsere Zwecke jetzt absehen von den, an sich freilich ebenso wichtigen, aber mehr nach der Oberfläche hin liegenden empirischen Bestandteilen, und nur die aus diesen abgesetzten, alles Spezielle in letzter Instanz beherrschenden allgemeinsten Grundergebnisse

des Wissens ins Auge fassen, der metaphysische Vorstellungsinhalt, die Metaphysik, wie sie ein Zeitalter oder ein Individuum je nach Raum und Zeit verschieden in sich gestaltet hat.

Sollen also Glauben und Wissen wirklich organisch und widerspruchslos vereinigt werden, so müssen die angeführten vier Elemente vollkommen einheitlich verschmolzen werden. Der Inhalt des Glaubens (cognitio) muss bekannt und mit vollster Innigkeit (affectus) gemütlich erfasst sein; er muss weder mit den Gesetzen der Logik noch mit dem erfahrungsmässigen Geschehen und den aus diesen abstrahierten metaphysischen Grundannahmen sich im Widerspruch befinden. Diese Forderungen müssen an jeden gestellt werden, der eine gründliche und dauerhafte Konkordienformel für Glauben und Wissen liefern will. Wir können von vornherein vermuten, dass im 12. Jahrhundert das rein empirische Element (wir würden heute sagen: „die Naturwissenschaft) in der Rechnung übersehen wird, sodass also nur Glaubensstoff und Glaubenswärme, Logik und Metaphysik als die zu harmonisierenden Teile übrig bleiben.

In dem ersten grossen Scholastiker des 12. Jahrhunderts, in Anselm von Canterbury, sind sie in der That noch aufs innigste verbunden; in unbewusster Ungesondertheit liegen sie in ihm verschmolzen, seine Persönlichkeit ist in allen Fibern gleichmässig von ihnen durchtränkt; jedes seiner Werke legt von der genauesten Kenntnis des Glaubensmaterials wie von der unerschütterten Glaubensinbrunst Zeugnis ab, und einträchtiglich scheinen überall die Gesetze der Logik und die Annahmen der Metaphysik jenen ihre Unterstützung zu gewähren. In seinem Subjekt sind also die Elemente verbunden; es ist eine subjektiv-psychologische Verschmelzung – ist es aber auch eine objektiv-notwendige, eine logisch-kritische? Der Entwicklungsgang im 12. Jahrhundert führt dahin, dass nach und nach jedes jener vier Elemente zum Gegenstande der Spezialuntersuchung gemacht wird. So lange grosse verschiedenartige Gebiete nur im Allgemeinen und oberflächlich, gleichsam wie von weitem, betrachtet werden, bleiben Disharmonieen im Verborgenen; es liegt aber im Wesen der Einzelforschung, die Unterschiede ans Licht zu bringen, und es ist auch im 12. Jahrhundert die Folge der Spezialuntersuchung, dass über die Hervorhebung der Einzelheiten die Einheit nicht bloss mehr und mehr zurückgedrängt wird, sondern schliesslich sich sogar als unvollziehbar erweist. Schritt für Schritt vollendet sich dieser zersetzende Differenzierungsprozess. Nach Anselm von Canterbury tritt der durch seinen ätzenden Scharfsinn und seinen „Sturm und Drang“ imponierende, durch Eitelkeit und Selbstüberhebung berüchtigte und durch seinen Liebesroman mit der Heloise berühmte Abälard uns entgegen, in welchem sich jene vier Elemente auch noch zeigen, jedoch schon in einer andern Form. Abälard beginnt bereits jedes einzelne Element für sich zum Gegenstande der Betrachtung zu machen. Das subjektive Element der Glaubenswärme herrscht in seiner mystischen Schrift „Erkenne dich selbst“ (Nosce te ipsum). Das objektive Element des Glaubensstoffes stellt er in einem Kompendium oder, wie das Mittelalter sagt, in einer Summa dar unter dem Titel „Ja und Nein“ (Sic et non), in welcher unter dem Ja die von der Kirche anerkannten Lehren, unter dem Nein die häretischen Einwendungen zusammengefasst werden. Seine metaphysischen Untersuchungen bezeichnen schon den grossen Fortschritt vom platonischen zum aristotelischen Realismus, und der Logik widmet er sich als seiner „Göttin“. Was Abälard als bereits in ihm auseinandergetretene Bestandteile doch noch durch die Vielseitigkeit seines Geistes persönlich zu umspannen, wenn auch nicht mehr zu organischer Einheit zu verbinden vermag, das werden weniger bedeutende Denker nicht mehr umfassen, geschweige vereinigen können; sie werden sich mit je einem grösseren oder geringeren Stück des Ganzen begnügen müssen. So wird der Glaube, ohne Rücksicht auf die logischen und metaphysischen Fragen, die Hauptsache für den aus Deutschland stammenden Scholastiker Hugo, Grafen von Blankenburg, nach dem französischen Kloster, in dem er lebte, genannt von St. Viktor, während des logisch- metaphysischen Gebietes sich einseitig bemächtigt der Franzose Gilbert de la Porrée (Gilbertus Porretanus). Ihre Nachfolger spezialisieren sich noch weiter: die Schüler Hugos, die sogenannten Viktoriner, betonen nur noch das subjektive Element des Glaubens, die fromme

Fritz Schultze, Philosophie der Naturwissenschaft.

14

« ZurückWeiter »