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überhimmlischen und Zeus selbst: die Idee aller Ideen (Formen) und die Idee aller Materie, erstere Poseidon, letztere Hera benannt und als „die Schöpfer der Welt" bezeichnet. Auf diese beiden folgen alsdann in abwärts steigender Rangordnung:

1) Die erste Fünfzahl, die Personifikation der allgemeinsten Kategorien enthaltend:

«

Apollon == die Idee (d. i. hervorbringende Ursache) der
Identität,

Artemis = die Idee der Verschiedenheit,
Hephaistos = die Idee des Stillstandes und unveränder-
lichen Beharrens,
Dionysos = die Idee des aktiven Sichselbstbewegens,
Athena = die Idee des passiven Bewegtwerdens.

2) Die zweite Fünfzahl:

Atlas = die Idee sämtlicher Gestirne,
Tithonos = die Idee der Planeten,
Dione = die Idee der Fixsterne,
Hermes = die Idee der irdischen Dämonen,
Pluton = die Idee der menschlichen Seelen.

3) Die dritte Fünfzahl:

Rhea = die Idee der Elemente im Allgemeinen,
Letha = die Idee des Äthers,
Hekate = die Idee der Luft,
Tethys = die Idee des Feuchten,
Hestia = die Idee der Erde.

„Alle diese," sagt Piethon, „haben das Amt, jede in ihrem Bezirke, die gesamte bewegte, ihrer Ursache und ihrem fortwährenden, durch die Bewegung hervorgebrachten Entstehen nach gewordene, der Zeit nach aber ungewordene Natur unter Poseidons Leitung zu verwalten."

Die zweite Gruppe der Überhimmlischen, die Titanen erzeugen die sterblichen Wesen als deren hervorbringende Ideen. Sie umfassen vorzugsweise nur eine Fünfzahl, an deren Spitze steht Kronos = die Idee alles Sterblichen,

Aphrodite = die Idee derjenigen Ewigkeit unter den sterblichen Wesen, welche in der Aufeinanderfolge der Geschlechter besteht,

Kora = die Idee des sterblichen Teiles des Menschen,

Pan = die Idee der unvernünftigen Tiere,

Demeter =p die Idee der' Pflanzen. Ausser diesen giebt es noch andere Titanen, die je einen grösseren oder kleineren Teil der sterblichen Wesen hervorzubringen haben, die Plethon jedoch nicht näher bezeichnet.

Die zweite Daseinsstufe setzt sich aus den innerhimmlischen Göttern dritter Ordnung zusammen, als deren vorzüglichste die Planeten wegen ihrer Beweglichkeit gelten; unter ihnen stehen die Fixsterne, denen sich endlich die Dämonen anschliessen. Unter den sieben Planeten sind Helios und Selene, Sonne und Mond, die vorzüglichsten und deshalb die eigentlichen hervorbringenden Ursachen aller irdischen Dinge, deren Form Helios, deren Stoff Selene hergiebt.

Wie entstehen nun die irdischen Dinge unter der Voraussetzung dieser merkwürdigen Weltanschauung? „Dadurch, dass diese Planeten (besonders also Sonne und Mond) in ihrem Umherschweifen und Laufe den Wesen, auf welche sie einwirken, sich bald nähern, sich bald von ihnen entfernen, entstehen eben diese sterblichen Wesen, welche die Geschöpfe jener Planeten sind," lautet die erleuchtende Antwort Plethons. Aber die eigentlichen Ursachen aller Dinge sind ja die üb er himmlischen Ideen; also können die Planeten ohne die Mitwirkung jener nichts hervorbringen, ebenso wenig aber die Ideen ohne die Vermittlung jener Gestirne. Die gemeinsame Arbeit verteilt sich demnach so, dass Kronos und Aphrodite die Form und den Stoff des Sterblichen überhaupt, die übrigen Titanen (Kora, Pan, Demeter) die besondere Form der einer jeden von ihnen zukommenden Klasse von Wesen (Menschen, Tiere, Pflanzen) hergeben, und Helios und Selene dann die Schöpfung vollziehen. Piethon weiss für diese unsere heutigen Einsichten mit ernstlicher Konkurrenz bedrohenden Naturgesetze sogar eine Art empirischen Beweises aufzubringen, der auf den Charakter dieser mittelalterlichen neuplatonischen Naturforschung ein eigentümliches Licht wirft.*)

„Angenommen, Helios allein brächte die sterblichen Wesen hervor, so müsste er doch die Idee zu einem jeden schon gefasst haben, d. h. in sich tragen. Man könnte also meinen, diese Ideen hätten nicht einen selbständigen Bestand an und für sich, sondern beständen nur als Gedanken im Geiste Helios', sowie die menschlichen Gedanken im Geiste des Menschen. Wenn nun die Menschen irgend ein Werk ausführen wollen, so müssen sie mit dem Bewusstsein dessen, was sie ausführen wollen, d. h. mit der Idee davon, daran arbeiten; notwendig also müssen sie in unmittelbarer Nähe des zu Bearbeitenden sein. Verlassen sie ihr Werk, so schreitet dasselbe nicht mehr vorwärts. Nun verhält sich aber Helios unter der gemachten Annahme gerade so wie der arbeitende Mensch. Hinge die Erschaffung der sterblichen Dinge von ihm allein ab, so müssten dieselben, sobald Helios sich entfernt hätte, also bei Nacht, sich nicht mehr weiter entwickeln. Indessen wir sehen, dass auch bei Nacht sehr viele Pflanzen und Früchte sich offenbar vervollkommnen. Folglich kann es Helios nicht sein, der allein sie hervorbringt.

„Man könnte einwenden: Auch wenn er entfernt sei, bringe Helios die Dinge hervor, nämlich durch sein blosses Denken. Indes diese Kraft haben bloss die über himmlischen, rein geistigen Ideen, nicht solche Wesen, die wie Helios mit einem materiellen Körper verbunden sind. Diese können nur vermittelst des Werkzeuges ihres Körpers auf anderes wirken."

„Man könnte zweitens einwenden, dass diese Dinge sich trotz Helios' Abwesenheit doch dadurch entwickeln, dass Helios irgend einen Zustand in dem betreffenden Dinge zurückgelassen habe, wie etwa einen gewissen Teil Wärme, welcher nun die Entwicklung bewirke, so dass also doch im letzten Grunde Helios diese Entwicklung hervorbringe. Indessen das hiesse die erste Entwicklung des Dinges nicht erklären. Denn sollte ein solcher Zustand das Ding selbst erst hervorbringen, so müsste, da der

*) Vergl. Iu dem Folg. a. a. O. S. 189 ff.

Zustand eines Dinges ja nicht für sich, sondern nur in und an dem Dinge bestehen kann, das Ding schon da sein, bevor der Zustand in ihm eintreten könnte." (Den Einwand, dass Helios ja zuerst in seiner Anwesenheit das Ding schaffen und darauf einen Zustand in ihm erzeugen könnte, welcher auch in Helios' Abwesenheit noch fortwirkte — diesen naheliegenden Ausweg zieht Piethon den Ideen zu Liebe gar nicht in Betracht.)

„Man könnte drittens einwenden, dass die Dinge sich durch und aus sich selbst zur Vollendung brächten. Keine Möglichkeit (Anlage) jedoch kann in Wirklichkeit übergehen, wenn sie nicht von einer früheren Wirklichkeit in Bewegung gesetzt wird. Also kann auch nicht das der Möglichkeit nach Vollendete zu einem der Wirklichkeit nach Vollendeten werden, wenn es nicht von einem der Wirklichkeit nach Vollendeten zur Vollendung geführt wird. Also setzt die Entwicklung des sterblichen Dinges ein anderes Wesen voraus, welches, da es bewiesenermassen Helios nicht allein sein kann, die überhimmlischen Ideen sein müssen. Auch sie können rein für sich freilich nichts Sterbliches schaffen, sondem bedürfen dazu der Vermittlung von Helios und Selene und den übrigen Planeten. So viel ist aber doch auch klar geworden, dass, wenn ein Ding einmal hervorgebracht ist und eine gewisse Dauerhaftigkeit bekommen hat, die Ideen für sich allein im Stande sind, es einige Zeit hindurch, wie z. B. bei Nacht, zu erhalten und weiter zu entwickeln, wobei ohne Zweifel die höheren unter ihnen diese Fähigkeit in grösserem, die niederen in geringerem Masse besitzen."

Wenn Plethon zur Bekräftigung dieser offenbar in hohem Grade nach exakter Naturwissenschaft schmeckenden Ansichten besonders auf Pflanzen und Früchte hinweist, so zieht er denselben Schluss auch aus den eigentümlichen, wie er sagt, vernünftigen Handlungen einiger Tiere, wie z. B. der Staatseinrichtung der Bienen, dem Haushalte der Ameisen oder der sinnreichen Jagd der Spinne. „Wenn diese Tiere solches vermittelst ihrer selbsteigenen Vernunft vollbrächten, so müsste diese Vernunft entweder vorzüglicher oder geringer als die menschliche Vernunft oder aber derselben gleich sein."

„Bedienten sie sich einer vorzüglicheren Vernunft als die menschliche ist, so würden sie in allen oder wenigstens den meisten Fällen besser handeln als die Menschen, offenbar aber handeln sie in den meisten Fällen unvollkommener als die Menschen. Bedienten sie sich einer geringeren, so würde nicht ein jegliches von ihnen auf ein Werk wenigstens immer besonders bedacht sein und dies beinahe so vollendet, wie es nur möglich ist, ausführen, denn es ist doch wohl Sache einer vollendeten und sogar höheren Vernunft als der menschlichen, ihre Aufmerksamkeit immer nur auf ein einziges und zwar auf das für sie am besten ausführbare Werk zu richten. Bedienten sie sich aber einer Vernunft, die der menschlichen gleich wäre, so würden sie weder ihre Aufmerksamkeit so ausschliesslich auf ein einziges Werk richten, noch würden sie in den meisten Fällen unvollkommener handeln als die Menschen. Aber es ist offenbar, dass sie sich nicht ihrer selbsteigenen Vernunft bedienen, vielmehr der Vernunft der Seele dieses unseres Himmels, welche alles Irdische regiert (Helios), und der für sich bestehenden Intelligenzen (Ideen), von welchen sie, das eine von dieser, das andere von jener, von aussen her geleitet werden, und welchen Intelligenzen jene Seele alle Wesen dieser Welt anbefiehlt. Dieser Intelligenzen bedienen sich offenbar nicht nur jene Tiere, sondern auch das Empfindungslose wie u. a. die Ranke des Weinstocks oder des Kürbis. Diese wachsen, wenn sich nichts in der Nähe befindet, das sie umschlingen können, gerade aus; wenn aber etwa ein Ast da ist, so winden sie sich sogleich um diesen herum. Diese selbe Seele bewirkt auch, dass der Magnet das Eisen anzieht, und dass das Quecksilber, was man nicht erwarten sollte, am Gold und anderen verwandten Metallen hangen bleibt. Ähnliche Vorgänge wie diese werden alle durch jene Seele bewirkt, denn sie ist es, welche dieses Weltall zusammenhält, auf jeden seiner Teile durch ihre Kraft einwirkt und alles Übrige in vernünftiger Weise gestaltet, indem sie das, was sich befreundet ist, so wie es sein muss, vereinigt." Jene Tiere und so die anderen sterblichen unbeseelten Wesen werden also nicht durch ihre Vernunft (sie haben keine selbst

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