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deren (wenn man will, durch „Gebrauch und Übung") findet sich in der dichterischen Darstellung der Genesis durch den aus Massilia stammenden, um 450 gest. Claudius Marius Victorinus, der höchstwahrscheinlich durch bei Lukrez gelesene empedokleische Evolutionsgedanken in dieser Beziehung beeinflusst worden ist. Die Stelle, welche Zöekler hervorgezogen hat, und die in Wirklichkeit in hartem Widerspruch zu der sonst ebenfalls von Victorin betonten Simultanschöpfung steht, lautet:

Und nicht genug, dass Fische in reichlicher Fülle dort wimmeln,

Dass sie mit schuppiger Haut an der oberen Fläche sich tummeln:

Nein, erst flatternd im Wasser, wird allgemach droben im Äther

Zum Durchsegler der leichten Luft der gelehrige Vogel.

Viertes Kapitel.

Die Vorbereitungen zur Aufhebung der Naturveraehtung.

Inhalt: Abschluss der Dogmenbildung. — Die spekulativ-theoretischen Aufgaben der Kirche verdrängt durch die praktischen der Mission und Kirchenverwaltung. — Untergang der klassischen Studien. — Verbot des Bibel- und Naturstudiums. — Die Folgen für die Naturwissenschaft. — Die allmähliche Verweltlichung der Kirche. — Die natürlich-kausale Betrachtung menschlicher Zustände durch die Rezeption des römischen Rechtes. — Die Pflege des natürlich-kausalen Denkens durch das Studium der Logik. — Klosterleben und Naturgenuss. — Erweiterung der Naturkenntnisse durch die Kreuzzüge und Missionen. — Einfluss auf die Lehre von der Schöpfung der Welt aus Nichts. — Mystische Glaubensvertiefung und Naturschwärmerei. — Bemühungen um die Encheiresis naturae. — Übergänge zu pantheistischer Naturbetrachtung. — Aberglaube und Naturfurcht. — Wendung zu gesunderen Anschauungen. — Albert der Grosse. — Rogerus Baco. — Die Naturbetrachtung auf Grund der platonischen Ideenlehre. — Georgios Gemistos Plethon und seine Natur• erklärungen.

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it dem fünften Jahrhundert, in welchem Augustin stirbt, schliesst die Kirche ihre dogmenbildende, spekulative Thätigkeit ab, und es entsteht jetzt, nachdem der Glaubens

inhalt fest formuliert ist, für sie die neue, praktische Aufgabe, diesen Glaubensinhalt über die Welt zu verbreiten — die Aufgabe der Weltmission. Hand in Hand mit diesem Werke der Heidenbekehrung, welches die folgenden Jahrhunderte in Anspruch nimmt, geht aber die andere Aufgabe, das grossartige Gebäude der universalen Kirche mehr und mehr zu befestigen und auszubauen. Auch diese Aufgabe ist eine eminent praktische, eine Aufgabe der Unterwerfung, der Verwaltung, der Regierung der Welt. Es versteht sich von selbst, dass dieser politischen Thätigkeit gegenüber die theoretischen Spekulationen ganz und gar in den Schatten treten müssen. Der Kirche genügen die festen Resultate früherer patrologischer Spekulation; wie man zu diesen Resultaten gekommen, ist ihr gleichgültig. So gehen die Studien unter, die Kenntnis des klassischen Altertums und seiner Geschichte verloren. Man weiss nicht mehr, dass das Christentum mit einer Anzahl von . Fäden an das Hellenen'.um geknüpft war. Kirchenväter, wie Justinus, Athenagoras u. A. hatten noch dies Bewusstsein und das Bedürfnis, es aufrecht zu erhalten. Aber Augustin sucht schon diesen Zusammenhang zu verdunkeln und möglichst zu lösen. Seine Unterscheidung der civitas terrena von der civitas dei setzte das Christentum als etwas absolut Neues dem Heidentum entgegen, in dem selbst die Tugenden nur „glänzende Laster" waren. Die Kenntnis und das Verständnis des klassischen Altertums versinken immer mehr in Dunkelheit und Nebel, und die Kirche hat gar nicht einmal das Interesse, diese Nebelwand zu zerstreuen; hebt sich der Regenbogenglanz der christlichen Glorie doch nur um so grossartiger von ihr ab, erscheint doch damit das Christentum nur um so mehr wie aus sich selbst geboren, wie unmittelbar vom Himmel herabgestiegen, wie ohne Geschichte in die Welt getreten.

Die theoretische Spekulation darf sich nicht einmal auf das der kirchlichen Tradition gefährliche Studium der Schrift erstrecken, wie die durch das ganze Mittelalter hindurchlaufenden Bibelverbote zeigen, geschweige denn, dass das Forschen im Buche der Natur hätte auf Zustimmung rechnen können. Es ist interessant, diese beiden Parallelen zu sehen, auf denen die Hemmungen des Naturstudiums und die Hemmungen der Bibelforschung durch das Mittelalter hindurch neben einander herschreiten. Die Entstehung des krassesten Aberglaubens auf dem Gebiete der Religion wie auf dem der Natur ist die Folge davon, dass man der produktiven Fantasie des Menschengeistes aus den Grundquellen zu schöpfen verbietet, und es ist für alle Zeiten lehrreich zu sehen, dass der neue Geist in der Renaissancezeit eben dadurch entsteht, dass jene produktive Fantasie von neuem jene Grundquellen des Erkennens:

Fritr Schultze, Philosophie der Naturwissenschaft. 12

die Natur; des Glaubens: die Bibel, wieder erschliesst und aus ihnen schöpft. Wir brauchen nicht erst im Einzelnen alle die bekannten Verfolgungen aufzuzählen, die sich nicht bloss gegen die Verteidiger der Antipodenlehre, sondern auch gegen die astronomische, physikalische, chemische und medizinische Forschung und ihre Vertreter richten. An Konzilienbeschlüssen gegen das Lesen physikalischer und medizinischer Bücher, wie gegen die Ausführung anatomischer Sektionen fehlt es bekanntlich ebenso wenig, wie an Männern, die heldenhafter Weise die Märtyrer ihres Wissensdranges werden. Wie schon bei den Kirchenvätern, haben auch jetzt die Naturdinge nur so viel Geltung, als sie im geistlichen Sinne Bedeutung haben; an sich sind sie nichtig, wie denn Rhabanus Maurus in seinem Werke „de universo" dieser absoluten Geringschätzung der Naturdinge den unverhohlensten Ausdruck verleiht. So geben denn die sogen. Claves zur heiligen Schrift nichts Anderes, als die mystische Auslegung der in der Bibel vorkommenden Naturobjekte in der schon bei den Vätern von uns geschilderten Manier. Ebenso benutzen die sogen. Moralitätenbücher die Tierwelt zur Anknüpfung erbaulicher Betrachtung, in der Art der Verwendung der Tiere in Fabeln mit moralischer Tendenz, und wo endlich diese hermeneutische oder moralische Absicht mehr zurück- und das naturgeschichtliche Interesse mehr hervortritt, wie in den sogen. Bestiarii (Physiologi), Herbarii und den vollständigen Kosmographien, den sogen. Naturspiegeln, da zeigt sich ein so kläglich heruntergekommener Stand des Wissens, dass Zoe kl er Q- S. 337) mit Recht diese' Bücher „den ohne kunstgerechte Anleitung, oder ohne irgend welches feste Prinzip angelegten Naturalien-Sammlungen unserer Knabenzeit" vergleicht, ein Urteil, das in verschärfter Weise durch Whewells geistreichen Ausspruch bestätigt wird: „Bücher dieser Art leiten ihre Entstehung und ziehen ihre Ernährung nur aus dem Leichnam der wahren Wissenschaft. Sie gleichen den Insektenschwärmen, die aus dem verwesenden Körper irgend eines edleren Tieres hervorgehen."

Wir halten uns hier jetzt nicht damit auf, eine Reihe illustrierender Einzelheiten vorzuführen. Es liegt uns überhaupt in diesem Abriss einer Entstehungsgeschichte der Naturverachtung weniger an der Schilderung der Erscheinung selbst, als vielmehr an der Darlegung der Ursachen der Erscheinung. Diese Ursachen finden ihren Vereinigungspunkt sämtlich in dem Übergewicht, welches das Transcendente einseitig im Vorstellungsleben der Menschheit des geschilderten Zeitalters gewinnt. Wir haben gezeigt , auf welchen Wegen das Transcendente zu dieser unbeschränkten Herrschaft gelangte; wir müssen jetzt darthun, wie diese seine Herrschaft überwunden, und die Natur dafür wieder in ihre Rechte eingesetzt wird.

Die allmähliche Verweltlichung der Kirche und die nach und nach eintretende Materialisierung des Jenseitigen ist das Erste, worauf wir hier unsere Aufmerksamkeit zu richten haben. Das Urchristentum stiess die Welt von sich und ward von ihr zurückgestossen; es verachtete sie und ward von ihr verachtet; es hasste die drei grossen Antichristen des Griechentums, Judentums und Römertums und ward von ihnen gehasst. Der griechischen materiell-sinnlichen Vielgötterei setzte es die eine, nur im Geiste anschaubare Gottheit entgegen, der hellenisch-naturalistischen Anschauung von der Ewigkeit und Selbständigkeit der Welt die antinaturalistische Lehre von der Schöpfung aus Nichts, dem freudigen Sinnenleben des klassischen Geistes die asketische Weltflucht. Dem Griechen erschien deshalb das Christentum als eine Thorheit. Den strengen Juden ergrimmte es, dass an Stelle des einen Gottes ein dreieiniger treten, dass der Messias in diesem gekreuzigten Jesus Fleisch geworden sein sollte, dass die feste, aristokratische Ordnung des jüdischen Priesterstaates durch die demokratische Lehre eines allgemeinen Priestertums gebrochen und die geheiligten Satzungen des mosaischen Ceremoniells dem gläubigen Gemüt gegenüber für gleichgültig erklärt und bei Seite geschoben wurden. Der politisch und juristisch dressierte Römergeist aber sah in den Nazarener n einfach Rebellen gegen die Staatsgesetze und darum eine sceleratissima gens nach dem Ausdruck Senecas. Die christlichen Rechtsanschauungen gingen aus der, einer sehr dehnbaren Auslegung fähigen, Überzeugung hervor, Gott mehr gehorchen zu müssen als den Menschen; die römischen Rechtsbegriffe flössen aus dem Grundsatz, den Staat sicher zu stellen. Die nur

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