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Erde die Sonne, nimm dem Himmel die Gestirne, und Alles siehst Du von Finsternis starren. Solcher Art war jene Finsternis, bevor der Herr sein Licht in diese Welt herein leuchten liess“ (a. a. O. S. 228).

Die Natur wird nie um ihrer selbst willen, sondern nur so weit in Betracht gezogen, als die Güte, Macht und Weisheit ihres Schöpfers aus ihr hervorleuchtet. Das „Buch der Kreaturen“, wie der beliebte Ausdruck lautet, gilt nur, insoweit es als Kommentar zum „Buche der Offenbarung“ dienen kann. Nur insofern Himmel, Erde und Meer „eine grosse und herrliche Schrift Gottes sind, wodurch dieser wie durch eine stumme Zeichensprache verkündigt werde“, verweist Gregor von Nazianz auf sie; auch für Basilius, dem die Geschöpfe Gottes „Buchstaben sind, in denen wir die treueste und weiseste Fürsorge des Schöpfers für die Seinen lesen“, dem die ganze Natur eine „Schule der Gotteserkenntnis und Lehranstalt vernünftiger Seelen“ ist, bildet allein das Verhältnis zum Schöpfer das Wertvolle in der Naturbetrachtung. Die ganze Welt ist nur um des Menschen willen zum Zweck seiner Erlösung aus dem Nichts gerufen. Anthropozentrische und teleologische Betrachtungsweise bilden den Inhalt der mystischen Naturspekulation. Aus dem Dasein der Welt wird auf den allmächtigen, aus ihrer zweckmässigen Einrichtung auf den weisen und gütigen Schöpfer geschlossen. Wenn solche teleologische Betrachtung bei einem Cyrill von Jerusalem († 386) noch relativ massvoll auftritt, obwohl man an das Schiller-Goethesche Epigramm vom Korkbaum und Stöpsel auch bei ihm erinnert wird, wenn er das Wasser preist, weil es in den Ölbäumen als Öl der Menschen Antlitz glänzen macht, so erreicht diese Manier oft genug den höchstmöglichen Gipfel der Absurdität, wie wenn z. B. Ambrosius über das Ohrenschmalz sagt: „Selbst der Schmutz der Ohren ist nicht ohne Nutzen, denn derselbe bindet die gehörte Stimme gleichsam fest, so dass das Gedächtnis und die Annehmlichkeit des Gehörten besser haften“ (a. a. O. S. 109).

Da kann es nun allerdings nicht Wunder nehmen, wenn nichtchristliche Skeptiker und Epikureer dieser Teleologie mit beissendem Spotte Einwürfe machen wie die, warum denn die winzige Mücke zu ihren Flügeln hinzu auch noch sechs Füsse habe, während der Elephant deren nur vier besitze, oder wenn der grimmige Feind des Christentums, Celsus, Juden und Christen einer Froschversammlung vergleicht, die an einer Pfütze sitzt und im lauten Chore verkündet: „Alles offenbart uns zuerst Gott und kündigt es vorher an; die ganze Welt und den himmlischen Lauf verlassend, wohnt er allein in unserer Mitte, sendet uns allein Herolde, und wird nicht müde, nach uns zu schicken“ .... „Es ist bei ihnen wie bei den Würmern, welche sprechen: es ist ein Gott! Dann, nach ihm, kommen wir, die wir von ihm geworden sind, durchaus Gott ähnlich; und uns ist alles unterworfen. Erde, Wasser, Luft und Gestirne; unsertwegen ist Alles und uns zu dienen geordnet“ .... „Für die Menschen, sagt man, habe Gott alles gemacht; aber aus der Naturkunde und dem Scharfsinn, welchen die Tiere an den Tag legen, kann man zeigen, dass nicht in höherem Grade der Menschen als der unvernünftigen Tiere wegen Alles geworden ist. Donner und Blitz und Regen sind nicht Werke Gottes; wenn aber einer auch zugäbe, dass sie dies sind, so geschehen sie nicht in höherem Grade uns Menschen zum Nutzen und zur Nahrung, als den Pflanzen, Bäumen, Gräsern und Disteln. Und sagst Du etwa: diese letzteren wüchsen dem Menschen: wie magst Du sagen, sie wüchsen mehr dem Menschen als den wildesten unvernünftigen Tieren? ... Führst Du aber das Wort des Euripides an: Es muss die Sonn' und Nacht den Menschen dienen, so frage ich, warum mehr uns, als den Ameisen und Fliegen?“ Und der folgende Ausspruch! Sollte man nicht meinen, dass er von heute und nicht schon von einem durch Lactanz bestrittenen Gegner sei? „Nichts Providentielles ist in der Erzeugung des tierischen Lebens wahrzunehmen; weder sind die Augen zum Zweck des Sehens erschaffen, noch die Ohren zum Hören, die Zunge zum Sprechen oder die Füsse zum Gehen; alle diese Teile sind viel eher geworden, als das Reden, Hören, Sehen oder Gehen stattfand“ (a. a. 0. S. 110 figde.).

Selbstverständlich ist diese teleologische Anschauungsweise die erbittertste Feindin jeder mechanisch erklärenden Theorie, und nicht bloss Dionysius von Alexandrien († 265) bekämpft energisch die atomistische Kosmogonie der Epikureer. Dass man, wo die Wahl zwischen einer übernatürlichen un dnatürlichen Erklärungsweise freisteht, der am meisten magisch-mystischen den Vorzug giebt – dafür lassen sich eine Fülle von Beispielen, besonders aus den Genesis-Erklärungen der syrischen Schule, vorführen. Jeden Zweifel an die Möglichkeit einer noch so gewagten Vorstellung beseitigt die einfache Berufung auf die Allmacht Gottes. Der die Wasser des Jordan und die Wogen des roten Meeres aufgestaut stehen bleiben hiess, vermag auch „die Wasser über der Veste“ im Schweben zu erhalten, bei welcher Erklärung Beda nicht minder als Ambrosius sich völlig. beruhigt fühlen. Wehe dem, der wie Theodor von Mopsuestia durch sein Bedenken hinsichtlich der Möglichkeit einer Überflutung der gesamten Erdoberfläche die Noachische Flut für ein nur lokales Ereignis zu erklären wagte! Vor allem der Mensch wird aus dem Zusammen. hang mit der Natur so viel wie möglich losgelöst, und selbstverständlich verwirft diese rein spiritualistische Anthropologie hinsichtlich des Ursprunges der Seele die naturalistische Theorie des Generatianismus oder Traduzianismus zu Gunsten ihrer kreatianistischen Lehre. Aber auch alle übrigen Naturwesen werden aus der Kette des natürlichen Kausalnexus herausgerissen, so weit es nur geht. Theologische Gesichtspunkte treten an die Stelle der physikalischen, und selbst da, wo ein relativ grosser, naturwissenschaftlich-nüchterner Sinn herrscht, wie bei Johannes Philoponus, drängen dogmatische Grundsätze die naturalistische Auffassung oft genug zurück. Typisch drückt sich dieses sehr gut darin aus, dass Johannes Philoponus den Aristoteles, „den Ersten der Physiker“, tief unter Moses stellt, von dem der Stagirit wie Platon einen Teil seiner Weisheit genommen habe. In den Vulkanen kommt nach Tertullian das im Innern der Erde kochende Höllenfeuer unmittelbar zum Ausbruch, und mit Entrüstung verwirft Kosmas des Aristoteles naturalistische Zurückführung der Erdbeben auf Winde und will in ihnen direkte Wirkungen der Hand Gottes sehen. Die Sterne betrachtet Origines als erlösungsbedürftige und dazu fähige, engelartige Wesen, und wenn er auch auf der einen Seite den astrologischen Aberglauben

bekämpft, begründet und befördert er ihn wieder auf der anderen. Aristarchs Heliozentrismus wird verworfen; die seit Eudoxus und Aristoteles angenommene Kugelgestalt der Erde trifft auf viele Zweifler. Wenn auch Clemens und ebenso später Origines sich zu ihr bekennen, und Augustin die Denkbarkeit derselben einräumt, behauptet Lactanz einfach die physische Unmöglichkeit derselben: auch die syrischen Kirchenväter des 4. und 5. Jahrhunderts halten die Scheibengestalt fest, wogegen Kosmas die Erde als viereckig und zwar oblong vorstellt. Die Annahme von Antipoden wird, wie aber häufig auch schon im klassischen Altertum, in das Bereich der „Altweibermärchen" verwiesen.

Mit jedem folgenden Jahrhundert wird die Fabelei wirrer und üppiger; riesengross wächst endlich der Unsinn an. Worin schliesslich · die naturwissenschaftlichen Kenntnisse bestehen, die dann unbesehen und unbeanstandet in die Sammelwerke der Tier- und Pflanzenbücher des Mittelalters (die sogen. Physiologi mit ihren beiden Unterarten: dem Bestiarius und dem Hortus sanitatis, dem Tier- und Kräuterbuch) übergehen, davon möge nur dies noch eine Anschauung gewähren: Der dem antiochenischen Bischof Eustathius beigelegte Hexaemeron-Kommentar erzählt von der furchtbaren Aspidochelone oder Riesenschildkröte, auf deren felsklippenartig rauhem, über die Meeresfläche emporragendem Rücken die Schiffe scheitern, deren Gebrüll die Meerbewohner mit Entsetzen füllt, in deren weitem Rachen zahllose Fische ihren Tod finden, wenn sie sich, bethört von dem daraus hervorströmenden Wohlgeruch, in ihn hineinstürzen. Und in demselben Stil sind die „Jagdgeschichten“ vom Pelikan, vom Phönix, von Drachen und Greifen, vom Wunderbaum Peridexion u. s. w. gehalten. Der für seine Zeit tonangebende Polyhistor und Encyklopädiker Isidorus Hispalensis († 636) behauptet, es gebe genau 144 (12x12) Namen von Wassertieren; Bienen entstünden aus faulendem Kalbfleisch, Scarabäen aus Pferdefleisch, Heuschrecken aus Maultieren, Skorpione aus Krebsen; Menschen könnten sich in Schweine, Werwölfe, Eulen und andere Vögel verwandeln.

Lichtblicke im nächtigen Chaos dieses Unsinns sind so selten

und auch von so geringer Intensität, dass sie ohne Wirkung schnell verschwinden. Severianus wendet sich gegen die, welche sagen: „Nicht Physiologie wollen wir lernen, sondern Theologie.“ Gregor von Nyssa bemüht sich, die Gestirnschöpfung am vierten Tage in einer an Anaximenes anklingenden Weise annähernd naturgesetzlich vermittelt darzustellen. Besonders aber ist es der von Zöckler als der „irländische Augustin“ bezeichnete Theologe aus der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts, der schon den induktivempirischen Sinn der Bewohner der britischen Inseln zeigt und vielleicht der Rogerus Baco seines Jahrhunderts genannt zu werden verdient. Er erklärt sich z. B. die Übereinstimmung der Tierwelt Britanniens mit der des Festlandes aus der Annahme, die britischen Inseln hätten früher mit dem Kontinent zusammengehangen und seien erst allmählich durch die Fluten des Meeres losgetrennt u. dgl. m.

Die Frage, ob sich bei den Kirchenvätern irgend welche wahrhafte Anklänge an moderne, darwinistische Theorien vorfinden, ist entschieden mit Nein zu beantworten. Mögen sie nun den mosaischen Bericht im buchstäblichen Sinne nehmen, oder ihn im Interesse der zeitlosen Schöpfung Philons umdeuten in beiden Fällen ist jede wirkliche Entwicklung grundsätzlich ausgeschlossen, und es hiesse gewaltsam verfahren, wollte man entwicklungsgeschichtliche Gedanken von heute in ihren paradiesischen Monõgenismus oder in ihre sogen. Urzeugung (vgl. oben Eustathius' Entstehung der Bienen aus Kalbfleisch u. s. w.) hineinpressen. Das Einzige, was einigermassen als eine Annäherung an den Gedanken einer allmählichen Entwicklung betrachtet werden könnte, ist die aus 1. Mose 1,20 hergeleitete gemeinsame Entstehung der Fische und Vögel im Wasser. Jeder Gedanke aber an einen mechanischen Verlauf und mechanische Ursachen, ja nur an die Möglichkeit dieser ist von vornherein ausgeschlossen, und weder Ephraim, noch Severian, noch Basilius, noch Ambrosius, noch Augustin, die alle diesen Punkt besprechen, denken an etwas anderes als an Gottes Machtwort und dessen zauberische Wirkung. Der einzige wirkliche Anklang an eine allmähliche Entwicklung der Flugtiere aus Wasser

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