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hervorgegangen ist die Welt. Woher also? Es scheint kein dritter Fall übrig zu sein, und doch entdeckt Augustin das tertium. Die Welt ist nicht aus Gott, sie ist auch nicht. aus sich selbst — sie ist durch Gott aus Nichts geschaffen. So kommt Augustin auf Grund dieser theologisch - philosophischen Spekulation, nicht etwa auf Grund einer unmittelbaren biblischen Lehre zu seinem berühmten Dogma von der Schöpfung der Welt aus Nichts. Ist die Welt aus Nichts, so ist sie auch ihrem Wesen nach gleich Nichts und besteht nur durch Gottes allmächtigen Willen. Zieht Gott einen Augenblick seinen Willen von ihr ab, so sinkt sie in ihr früheres Nichts zurück. Gott muss mithin fortgesetzt wollen, dass die Welt sei. Die Schöpfung ist nicht etwa nur einmal geschehen, sondern fortgesetzt in jedem Moment durch den Willen Gottes, sie ist eine creatio continua. Alles in der Welt ist demnach an sich ein Nichtiges, und Alles ist mithin auch durch den Willen Gottes absolut determiniert, vorherbestimmt – das Dogma von der „Prädestination“ alles dessen, was in der Welt geschieht, ist die notwendige Folge des Dogmas von der Schöpfung aus Nichts.

Es ist klar: alle diese Dogmen sind im Sinne der vorausgesetzten Erlösungsthatsache völlig konsequent entwickelt, doch - wie gewaltig massgebend hat auch hier wieder Platon vorgearbeitet und den Gedankenlauf geleitet! Wenn bei Platon die Welt bereits ein relatives Nichts, ein un öv war, so bedurfte es nur noch eines einzigen Schrittes, um aus dem relativen ein absolutes Nichts, aus dem un òv ein oux öv zu machen, um zu erklären, sie sei deshalb auch aus Nichts. Die Lehre Augustins ist nur die folgerichtige Durchführung der platonischen Ideenlehre. Wir haben früher nachgewiesen, wie die platonische Ideenlehre nur einem logischen Widerspruche ihr Dasein verdankt, wie sie sich allein auf Grund des ontologischen Beweises bildete. Wenn nur die erste Sünde gegen die Logik ungerügt begangen ist, wird es nicht mehr schwer fallen, die Verstandesgesetze überhaupt ihres Dienstes zu entheben. Unter dem Gesichtspunkte der, aus einer in sich unlogischen Ideenlehre herausgewachsenen, in sich ebenso widerspruchsvollen Logoslehre ist bereits drei für eins erklärt, eine Zweiheit als Einheit hingestellt. Die mathematische Denkrichtigkeit gilt nicht mehr. Durch Augustin wird jetzt die logische nicht minder als die reale Kausalität überhaupt vollständig aufgehoben. Der Fundamentalsatz, dass Alles eine Ursache haben müsse, dass aus Nichts Nichts werden könne, dieser Kardinalsatz alles menschlichen Denkens und aller Wissenschaft wird im Interesse übernatürlicher Dogmata jetzt einfach seiner Gültigkeit beraubt. Aus Nichts kann Etwas werden, die Welt aus Nichts, Alles gleich Nichts - diese Gleichungen sind jetzt nicht bloss richtig, sie sind sogar die höchsten Wahrheiten. Hier haben wir also die letzte Konsequenz der Ideenlehre vollständig gezogen, hier haben wir die Probe der Rechnung vor uns: Schon in ihrem Fundament schob die Ideenlehre, die logischen Grundgesetze bei Seite – kein Wunder, dass das letzte Fazit lautet: Die natürliche Kausalität hat überhaupt keine Geltung mehr!

Mit Augustin, dem letzten der grossen Kirchenväter, hört die Produktion der Hauptdogmen in der Kirche auf. Der letzte Grundsatz, den diese Dogmatik ausgesprochen hat, ist die Aufhebung der natürlichen Kausalität. Dieser Grundsatz behält in der Kirche seine Geltung; er zeigt sich überall in Kraft, handele es sich nun um eine Transsubstantiation der Hostie, oder um eine unbefleckte Empfängnis, oder um die Unfehlbarkeit. Die Denkentwicklung, welche in den Sophisten und Sokrates beginnt, haben wir gesagt, laufe in letzter Instanz auf die völlige Missachtung der natürlichen Kausalität hinaus. Wir haben den Beweis geführt. Ist aber die natürliche Kausalität für Nichts zu erachten, wo bleibt die Natur, wo bleibt die Wissenschaft derselben? Sie sind verschwunden, wie der Kosmos selbst dem Akosmismus hat weichen müssen. Die Naturverachtung ist zur dogmatisch begründeten heiligsten Pflicht des Menschen gemacht worden!

3) Die Naturbetrachtung der Kirchenväter.

Augustins Lehre von der Schöpfung aus Nichts, zu der sich Andeutungen schon vor ihm bei Hermas und in der Justins Werken zugezählten „Mahnrede an die Hellenen“ finden, schliesst bei näherer Betrachtung den Gedanken ein, dass diese Schöpfung ein ganz zeitloser Akt gewesen sei. Da Nichts und Alles absolute Gegensätze sind, so kann natürlich das „Alles“ sich nicht erst allmählich aus dem Nichts entwickelt haben. Das „Etwas“ war vielmehr mit einem Male absolut plötzlich wie durch einen Zauberschlag da. Diesen Gedanken einer absolut zeitlosen Schöpfung hatte zuerst Philon ausgesprochen; er wurde von Clemens von Alexandria und Origines enthusiastisch aufgenommen, weil ja gerade in einer derartigen Entstehung der Welt die Allmacht Gottes sich am herrlichsten zu dokumentieren schien, und gerade die eifrigsten Vorkämpfer der Orthodoxie, Athanasius, Basilius, Hilarius und vor allem Augustin treten für diesen Gedanken ein.

Offenbar stellt man sich damit in Widerspruch gegen den mosaischen Schöpfungsbericht, der doch mit bestimmten Worten sechs auf einander folgende Schöpfungstage lehrte, weshalb auch eine Reihe der späteren Väter keineswegs mit dieser „achronistischen Verflüchtigung der Realität der Schöpfungstage“ *) einverstanden war. Die Annahme dieser zeitlosen Schöpfung im Gegensatz zu dem ausdrücklich berichteten Sechstagewerk macht es deshalb auch notwendig, dass man die mosaische Urkunde nicht mehr im buchstäblichen Sinne fasste, sondern sie in allegorisierender Behandlung umdeutete, und wir können mit Recht sagen, dass alle naturwissenschaftliche Beschäftigung, wenn wir denn diesen Namen hier einmal missbrauchen dürfen, in diesem Zeitalter fast einzig und allein in der tropologischen Deutung des mosaischen Hexaemeron besteht. Schon Philon hatte diesen Weg umdeutender Willkürauslegung betreten. Theophilus von Antiochien war ihm gefolgt. Seit Origines gelangte diese Methode trotz des Protestes einiger Väter, wie des Lactanz und des Hieronymus im Morgen- wie im Abendlande zur allgemeinen Herrschaft, zumal Augustin von dieser spiritualistischen Auflösung des Wortsinnes den ausgiebigsten

*) Vergl. zu diesem und dem Folgenden: Zöckler, Geschichte der Beziehungen zwischen Theologie und Naturwissenschaften, Bd. I. Gütersloh, 1877. Gebrauch macht. Die Naturdinge sind nicht sie selbst, sie bedeuten etwas Religiös-Geistliches, sie sind Symbole für Theologumene; nur dazu sind sie überhaupt erschaffen; nur die Möglichkeit, die Naturdinge religiös-allegorisch würdigen zu können, giebt ihnen einen Wert, der ihnen an sich, da sie ja aus Nichts und Nichts sind, nicht zukommt.

Schon bei Pseudo-Barnabas, der in dieser mystischen Verbindung der Natur mit der Heilsgeschichte ein gelehriger Schüler Philons ist, deutet jeder rote Faden auf das Blut Christi, jedes hölzerne Gefäss oder jeder Baum auf das Kreuz, jeder Quell oder Fluss auf die Taufe hin. Aus dieser Tendenz entspringen wunderbare Tierfabeln, wie die „vom Tintenfische, der, ein Bild zum Höllenabgrunde verdammter Gottloser, niemals aus der Tiefe des Meeres emportaucht; von der Hyäne, die jährlich ihre ehebrecherische Natur wechselt und bald männlich, bald weiblich wird; vom Wiesel, das, ein Bild unsauberer Menschen, durch den Mund trächtig wird“ (a. a. 0. S. 95). In der alexandrinischen Schule, z. B. bei Origines, bedeuten „Flüsse himmlische Tugenden, Farben die Elemente, Gold die Weisheit, Bäume mit Früchten die Tugenden und guten Werke, Tiere die Leidenschaften, z. B. Ochsen die irdischen Affekte, Pferde die wilden Begierden, Tauben die leichtfertigen, unstäten Gedanken“ (a. a. 0. S. 99). Bei Anastasius dem Sinaiten, einem Mönch im Sinaikloster, in der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts, bedeuten die Walfische der Schöpfungsgeschichte die grossen Apostel, wie Paulus und Petrus etc. (a. a. 0. S. 118). Man glaubt es mit Traumdeutungen anstatt mit Naturerkenntnis zu thun zu haben, wenn man erfährt: „Sonne und Mond gehen auf Christum und seine Kirche, die Sterne auf die heiligen Patriarchen, Propheten und Apostel. Der ganze Himmel mit seiner Zeiteinteilung spiegelt sich aber auch in der einzelnen Seele des Menschen ab, wo Gebete und göttliche Worte das Leben regieren müssen. Die Wassertiere, Kriechtiere und Vögel bedeuten die teils guten, teils bösen Gedanken im Herzen; insbesondere sind die grossen Walfische Bilder (hier nicht der Apostel, sondern) arger Greuelgedanken oder verbrecherischer Gelüste und Anschläge" (a. a. 0. S. 163). Diese Methode bringt mit der Zeit, indem

Einer den Andern darin zu überbieten sucht, natürlich unglaubliche Ungeheuerlichkeiten hervor, so z. B. wenn der Sinait Anastasius folgende Wundergeschichten in Verbindung mit einem „Wust salbungsvoller Allegorien und Moralitäten“ zu Tage fördert, wie „dass Aal und Schildkröte sich mit einander begatten, ein abschreckendes Bild der Verbindung von Ketzern mit dem Teufel" (a. a. 0. S. 218).

Da erklärt es sich wohl zur Genüge, was und wie viel es sagen will, wenn Augustin das Studium der Natur zum Verständnis der Geheimnisse der heiligen Schrift empfiehlt, und es wird schwerlich gelingen, wie Zöckler es versucht, die Aussprüche, welche bei Augustin sowohl als bei Eusebius und besonders Lactanz auf den Unwert naturwissenschaftlicher Forschungen gehen, im Interesse des Nachweises eines, wenn auch nicht gerade naturwissenschaftlichen, so doch Naturstudien nicht abgeneigten Sinnes zu rechtfertigen und sie als harmlos und von nur partikulärer Bedeutung hinzustellen. Die an sich zuweilen reizvollen, poetischen Naturschilderungen, die sich bei Vätern, wie dem rhetorisch-schwülstigen Ambrosius oder dem viel fabulierenden Basilius, finden, und auf die schon Humboldt in seinem Kosmos hingewiesen hat, sollte man aber nicht als Beweis für die objektive Naturbegeisterung ihrer Urheber anführen; denn abgesehen davon, dass ihre Zahl nur gering ist; und abgesehen davon, dass trotz derselben Basilius z. B. seiner Abneigung gegen die mathematisch-physikalischen Studien der heidnischen Philosophen den stärksten Ausdruck verleiht – laufen sie allemal auf eine rein moralisch-teleologische oder auf eine tropologische oder typologische Deutung der Natur hinaus, die für den Kanzelredner und Bibelausleger nützlich, aber mit wahrer objektiver Naturbetrachtung im Sinne wissenschaftlicher Forschung gar nichts zu thun hat. Ein Beispiel für alle möge uns Ambrosius hier liefern: „Von Wolken verhüllt, pflegt der Himmel stets Empfindungen der Betrübnis, ja des Grauens zu wecken, gleichwie die von Regengüssen benetzte Erde lästig wird, die von Sturmwinden erregten Gewässer des Meeres aber mit Schrecken erfüllen. Wundervoll ist der Anblick der Natur; doch was wäre sie ohne Licht, ohne lindernde Wärme? Nimm der

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