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etwas sein, was aus dom Dogmatismus folgt. Jeder Dogmatismus, ob in der Religion oder in der Wissenschaft, behauptet ohne stichhaltigen Beweis. Das Behauptete ist also unbewiesen, mithin unsicher, und demnach zweifelhaft. So gebiert jeder Dogmatismus am Ende notwendig den Skeptizismus. Der Zweifel ist segensreich als Durchgangspunkt, unentbehrlich als Hülfsmittel zur Entdeckung der Wahrheit. Zum einzig gültigen System erhoben, wird aber der Skeptizismus selbst zum Dogmatismus. Denn er behauptet: alles ist zweifelhaft. Beweisen kann er diesen Satz nicht, denn weder kennt er alles, noch sind, seiner eigenen Aussage nach, Beweise stichhaltig, da ja alles, mithin auch Beweise zweifelhaft sind. „Alles ist zweifelhaft", dieser Satz ist wahr, also nicht zweifelhaft, mithin nicht alles zweifelhaft. Also ist der Grundsatz des Skeptizismus weder bewiesen noch ausnahmslos allgemeingültig und widerspruchsfrei .— demnach nichts als eine dogmatische Behauptung. Will also der Skeptizismus konsequent sein, so muss er sich selbst bezweifeln, also sein „alles ist zweifelhaft" verwandeln in den Satz: „Nichts ist wahr, nichts hat Gültigkeit." So wird er zum Nihilismus, der aber einmal sich selbst widerspricht, weil er sich für wahr hält, also seine allgemein gelten sollende Behauptung, dass nichts wahr sei, nicht allgemein gilt; zweitens dogmatisch ist, da er seine Behauptung nicht beweisen kann. Im Nihilismus wird aus dem Zweifel die Verzweiflung — es giebt weder auf theoretischem noch auf praktischem Gebiete irgend etwas, woran man sich halten könnte. Tötlicher Hunger ohne Stillung, geistige, sittliche, leibliche Entnervung sind die Folgen; in dieser Verzweiflung an allem und sich selbst ist aber der Mensch reif für den Rückfall in den rückhaltlosesten Dogmatismus. Wenn auf natürliche Weise etwas zu erkennen unmöglich ist, so bleibt nur noch die Hoffnung auf eine übernatürliche Erleuchtung und Offenbarung, die, sich der Schwäche des Menschen erbarmend, ihm einen Strahl der Gnade sendet. Der Mystizismus ist der letzte unvermeidliche Nothafen des Nihilismus. Skeptizismus, Nihilismus, ^Mystizismus sind also nur Formen des Dogmatismus. Solange daher das menschliche Denken im Dogmatismus hängen bleibt, pendelt es gleichmässig durch jene genannten Unterformen desselben immer und immer wieder hindurch. Daher zeigt die ganze Geschichte der Philosophie uns gar kein anderes Schauspiel, als dass, welches auch die Objekte seien, über die man philosophiert, die Methoden des Philosophierens der Reihe nach sind: Dogmatismus, Skeptizismus, Nihilismus, Mystizismus, Dogmatismus u. s. w. Dieser Kreislauf setzt sich ununterbrochen so lange fort, als nicht eine kritische Erkenntnistheorie ihn ein- für allemal abschliesst und aufhebt. Unsere Erkenntnistheorie darf nicht Dogmatismus, also auch nicht Skeptizismus, Nihilismus, Mystizismus sein. Was bleibt? Es muss hier zunächst genügen, das Wort für die Sache zu geben, da diese erst ihr volles Wesen im Verlauf einer Darstellung der Philosophie der Naturwissenschaft enthüllen kann. Die Erkenntnistheorie darf nur wissenschaftlich Bewiesenes bejahen. Der wissenschaftliche Beweis ist nur möglich durch allseitige Kritik. Das Gegenteil alles Dogmatismus ist mithin der Kritizismus. Wahre Beweise können sich nur auf wirklich Erkennbares, d. h. unserer Natur nach, mithin natürlich Erkennbares stützen. Natürlich Erkennbares kann nur durch die natürlichen Mittel des Erkennens d. h. durch erfahrungsmässige (empirische) Beobachtung festgestellt werden. Also ist das Wesen und der Inhalt unserer Erkenntnistheorie allseitige Kritik auf Grund natürlicher Empirie oder um es kurz zu sagen: der kritische Empirismus. Sein eigentümliches Wesen also hat die Philosophie der Naturwissenschaft zu entwickeln und darzustellen. Diese Aufgabe hat eine negative und eine positive Seite. In negativer Beziehung ist alles Dogmatische in unserem (vermeintlichen) Erkennen als solches kritisch aufzuweisen und zu beseitigen — in positiver Hinsicht ist das kritisch Begründete als solches aufzustellen.

In welcher Form wird sich die gestellte Aufgabe am zweckmässigsten behandeln lassen? Nicht in der Form eines künstlichen Systems. Denn ein solches ist allemal auch ein gekünsteltes, da das Prinzip der Einteilung und Verteilung des Stoffes darin nicht aus der innersten Natur des behandelten Gegenstandes selbst geschöpft, sondern in Absicht auf irgend einen Zweck von aussen dem Stoffe aufgelegt wird. Das künstliche System zerreisst und verrenkt den natürlichen Zusammenhang der Dinge vermittelst des Fallbeils der logischen Schablone; es giebt keine sichere Bürgschaft dafür, dass der Gegenstand vollständig in allen seinen Teilen behandelt ist, da alle Teile eines Objektes sich nur aus seiner natürlichen Entwicklungsgeschichte erkennen lassen, während es andrerseits der Architektonik des Systems zu Liebe dem Gegenstande manchmal Teile andichtet, die derselbe in natura gar nicht besitzt. Wir müssen demnach womöglich unsere Aufgabe im Sinne des natürlichen Systems liehandelu. Wollen wir wissenschaftlich genau sagen, was eine Eiche ist, so wäre es von geringem Wert, ein künstliches System ihrer Eigenschaften aufzuführen, etwa in Gestalt einer logischen Definition. Wir müssten vielmehr genau die Entwicklung der Eiche aus ihrem Keime durch alle ihre Entwicklungsstufen hindurch verfolgen — nur so lernten .wir alle ihre Eigenschaften und zwar in ihrem natürlichen Zusammenhange kennen; nur so gewönnen wir die der Wirklichkeit entsprechende Zusammenstellung d. h. das wahre avarijfia ihrer Beschaffenheiten. Das natürliche System kann in jedem Falle nur aus der Entwicklungsgeschichte eines Objektes erkannt werden. Auch die Erkenntnistheorie muss daher entwicklungsgeschichtlich zu Werke gehen; sie muss uns die Entwicklungsgeschichte dessen, was wir Kausalität genannt haben, die allmähliche Ausbildung dieser Vorstellung im Menschen nach den verschiedensten Richtungen hin und durch all ihre Verzweigungen in die verschiedensten Wissenschaften hinein vorführen. Erkenntnistheorie kann nichts anderes sein als die Entwicklungsgeschichte der Kausalvorstellung, diese aber ist die „Philosophie der Naturwissenschaft", welche uns not thut: sie lehrt den Dogmatismus überwinden, wo immer und wie immer er sich zeige, und durch die Einführung des wahren kritischen Empirismus in alle Gebiete macht sie die Naturwissenschaften im besten Sinne des Wortes philosophisch und die Philosophie im strengsten Sinne der Empirie wissenschaftlich."

So können wir denn den Stoff der Philosophie der Naturwissenschaft auch nur in geschichtlicher Entwicklung vorführen, und demgemäss zerlegen wir dieses gesamte Werk in zwei Bücher, deren erstes „Die geschichtliche Entwicklung", deren zweites

Fritz Schultze, Philosophie der Naturwissenschaft. 2

„Die Ergebnisse der geschichtlichen Entwicklung" darstellen wird. Das zweite Buch wird in systematischer Form den Inhalt des kritischen Empirismus geben, das erste Buch lehrt, wie geschichtlich dieser Inhalt sich allmählich entwickelt hat. Die Naturwissenschaft, sagten wir, ist das Wissen von der Natur; sie enthält also den subjektiven mid den objektiven Faktor in sich: das Wissen von den Objekten und die Objekte des Wissens. Die Aufgabe des kritischen Empirismus ist, das richtige Verhältnis zwischen beiden gleich notwendigen Faktoren herzustellen. Der geschichtliche Entwicklungsgang der Philosophie selbst hat auf die Lösung dieser Aufgabe fortgesetzt hingearbeitet, und zwar in drei grossen Perioden, in deren erster der objektive, in deren zweiter der subjektive Faktor einseitig überwiegt, in deren dritter endlich der richtige Ausgleich zwischen beiden angebahnt und erreicht wird.

In der ersten Periode, dem Zeitalter der naiven Erfahrung, von den ionischen Physiologen bis Demokrit, wird einseitig das Objektive, der Stoff, betrachtet, seinem Inhalte nach behandelt, in seine letzten Elemente (Atome) zerlegt und von hier aus die Welterklärung versucht.

In der zweiten Periode, dem Zeitalter der Begriffe, von den Sophisten bis in's 16. Jahrb.. n. Chr., wird einseitig das Subjektive, der Geist, betrachtet, in die letzten Elemente seiner begreifenden Thätigkeit, die Begriffe (Platon's Ideen), zerlegt und von hier aus die Welterklärung versucht.

Die dritte Periode endlich, das Zeitalter der kritischen Erfahrung, von der Renaissance bis heute, entdeckt allmählich das richtige Verhältnis von Stoff und Begriff, zwischen Objektivem und Subjektivem, und bahnt die kritische Weltanschauung an, in deren Ausführung Kant und sein Zeitalter begriffen ist. Dieses Kantische Zeitalter ist eben das unsrige; es ist noch nicht zum Abschluss gekommen; es steht vielmehr in Wahrheit erst in seinen Anfängen.

Das folgende Schema giebt die Disposition des ganzen Werkes in übersichtlicher Weise:

Die Philosophie der Naturwissenschaft.
1. BUCH.

Die geschichtliche Entwicklung.

1) Das Zeitalter der unkritisch-einseitigen Betrachtung des Objektiven oder der naiven Erfahrung = die griechische Naturphilosophie. 7.—5. Jahrh. v. Chr.

2) Das Zeitalter der unkritisch-einseitigen Betrachtung des Subjektiven = das Zeitalter der Begriffe; von den Sophisten bis zur Renaissance. 5. Jahrh. v. Chr. — 16. Jahrh. n. Chr.

3) Das Zeitalter des kritischen Ausgleichs zwischen dem Objektiven und dem Subjektiven oder der kritischen Erfahrung.

a) die Vorbereitung: von Baco und Descartes bis Kant17. und 18. Jahrh.

b) die Ausführung: Kant und sein Zeitalter. 19. Jahrh.

II. BUCH.

Die Ergebnisse der geschichtlichen Entwicklung.
Systematische Darstellung des kritischen Empirismus.

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