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Es ist die Zeit, wo Märchen erfunden werden, nach denen ein Pythagoras seine Weisheit auf grossen, von Spanien bis nach Indien sich erstreckenden Reisen bei fremden Völkern gesammelt haben soll; wo ein Numenius von Apamea die griechische Philosophie auf die Weisheit der Orientalen zurückführt und Platon den „attisch redenden Moses“ nennt; wo der Philosoph Plotin an dem Feldzug des Kaisers Gordian gegen die Perser teilnimmt, nur um die persische Philosophie kennen zu lernen. So wandern griechische Gedanken in den Orient, und orientalische Ideen, die religiösen Lehren der Perser und Chaldaer, der Juden und Egypter in Griechenland und Rom ein, wo sie freudig aufgenommen und bald mit den schon die gesamte geistige Welt bewegenden griechischen Anschauungen verschmolzen werden. In den morgenländischen Religionen herrscht längst die transcendentdualistische Vorstellung der Gottheit. Diese orientalischen Ideen stossen also zumal auf die platonischen Lehren wie auf Verwandte, und verstärken und vergrössern noch das Gelüst für das geheimnisvoll Übernatürliche. Was Skeptizismus, Epikureismus und Stoizismus an gesunden Anschauungen noch übrig gelassen haben, der Orientalismus zersetzt es.

Alledem kommt der Verfall der sozialen Verhältnisse mit offenen Armen entgegen. Von der staatlichen, sittlichen und gesellschaftlichen Kraft des alten Römertums, von dem ästhetischen und theoretischen Genius des klassischen Griechentums ist wenig mehr vorhanden. Reichtum und Luxus haben die Einfachheit der antiken Sitten untergraben. Cicero ist wohl der letzte, der, ohne verhöhnt zu werden, noch öffentlich und ernstgemeint von Tugend reden kann. Die frühere Unterordnung des Individuums unter den objektiven Zweck und Nutzen der Gesamtheit hat längst dem Einzelinteresse und den persönlichen Leidenschaften weichen müssen. Eine durch und durch hohle und zerfressene Welt liegt um die Zeit von Christi Geburt vor uns. Die Barbaren allein sind noch „bessere Menschen“, die der grosse römische Geschichtsschreiber seinen Landsleuten als Muster vorhält. Die wenigen edlen Geister, die noch existieren, wenden sich mit Zorn und Entrüstung von diesen Zuständen ab; die schlechten dagegen wälzen sich in Üppigkeit und Schlemmerei so lange, bis sie, körperlich wie geistig zu Grunde gerichtet, ebenfalls das ekle Mahl der Weltlust fiehen, an dem sie sich übergessen haben. So entsteht ringsum Unbefriedigung und Überdruss. Weltekel und Weltschmerz wird die herrschende Stimmung der Zeit. Die Welt hat kein positives Interesse mehr für die Menschheit. Erlöst zu werden von der Welt zu einem besseren Dasein – das Bedürfnis ist in allen Seelen lebendig geworden. Stets gehen Weltflucht und Erlösungsbedürfnis Hand in Hand mit einander. Kann es uns noch Wunder nehmen, dass jetzt eine Philosophie von aller Welt als Retterin begrüsst wird, die in allen Teilen den Bedürfnissen der Zeit so genau Rechnung trägt, als habe ihr Stifter sie in prophetischer Vorschau der Zukunft für diese ersonnen? Diese Philosophie ist die platonische. Gilt ihr nicht das Leben als ein Jammerthal, die Welt als ein Nichtiges, als ein zu Überwindendes, zu Verlassendes? Sieht sie nicht die wahre Heimat des Menschen im Jenseits, dessen himmlische Ideen das echte Strebeziel des Menschen sind? Predigt sie nicht dem Menschen, dass er sich über das Materielle erheben, dass er seine unsterbliche Seele vom Körperlichen losreissen müsse, da dieses das Grab der Seele sei? Wir begreifen es: gerade auf den Trümmern der antiken Welt musste der Platonismus den Sieg über diese längst von sich selbst besiegte Welt mit Leichtigkeit davon tragen.

Werfen wir hier einen prüfenden Blick rückwärts auf die geistige Entwicklung, welche wir von Thales an bis hierher verfolgt haben, — welche völlige Umwälzung hat das Denken nach Inhalt und Form, in seinen Problemen und in seiner Methode erlitten! Zuerst treffen wir in der griechischen Philosophie eine ganz objektivistische Frage: Was ist die Natur? Aber indem die Sophisten und Sokrates die menschliche Erkenntnis zum Gegenstand ihrer Untersuchungen machten, lenkten sie bereits vom Objektiven ab auf das Subjektive hin und in die Bahn ein, die zu den Gipfelpunkten des Platonismus und Aristotelismus führte. Indes die schwierigen, erkenntnistheoretischen Untersuchungen ragen mit ihren weit über die Schranken des Einzelmenschen hinausreichenden Perspektiven immer noch viel zu sehr in das Objektive hinein, als dass sie Den interessieren könnten, der in hypochondrischer Ängstlichkeit nur noch an sein kleines Ich denkt. Was geht ihn die Natur und die Erkenntnis an! Wie kann Ich glücklich leben? Das wird nun die grosse Frage der kleinen Zeit. Aber Natur, Erkenntnis, mein Ich vermögen nicht, mich glücklich zu machen; im Gegenteil, sie erweisen sich als Hemmnisse meines Glücks. Mithin – wie komme ich los von allem Weltlichen, hin zum Göttlichen? Die Erlösungsfrage wird das letzte Fazit, mit dem die alte Rechnung abgeschlossen und eine neue begonnen wird. In dem Entwicklungsgang dieser vier nach einander auftretenden Probleme geht also das Denken von dem Objektivismus der Naturerkenntnis zum Subjektivismus der Erkenntnis des menschlichen Geistes über. Innerhalb dieses Subjektivismus wird darauf das theoretische Interesse des Erkennens verdrängt durch das praktische Interesse des menschlichen Begehrens; der Subjektivismus, der die Erkenntnis befriedigen will, verengt sich zum Egoismus, der nur noch die Begierde stillen will und deshalb alles von seiner Interessensphäre ausschliesst, was nicht unmittelbar den Wert des Genussmittels für das begehrende Selbst hat. Dieser exklusive Egoismus kommt bald so weit, dass er nicht bloss nichts mehr erkennen, sondern auch nichts mehr begehren will, dass ihm die Welt ein Nichts wird, in der er nichts vermag und nichts mag, d. h. er wird bald zum theoretischen wie praktischen Nihilismus. Aus der Verzweiflung der nihilistischen Trostlosigkeit der ungestillten Begierde wächst aber notwendig das Bedürfnis des geängstigten Gemütes nach Erlösung hervor, welches nach dem Mystizismus und der Religion greift und in ihm seine Nahrung und seinen Trost zu finden hofft. Das psychologisch notwendige Gesetz über die Entwicklung des menschlichen dogmatischen Denkens (im Gegensatz zu dem darüber stehenden kritischen) durch die auf und aus einander folgenden Stufen des Dogmatismus, Skeptizismus, Nihilismus und Mystizismus hindurch bewahrheitet sich also auch hier in der Geschichte im Grossen wie bei dem einzelnen Individuum im Kleinen.

Wir müssen jetzt kurz die drei Hauptformen kennen lernen, in denen geschichtlich die sich nun ausbreitende hellenisch

orientalische, theosophisch-mystische, religiöse Philosophie auftritt.

Als erste ist die jüdisch-griechische, oder, da sie besonders in Alexandrien, der zweiten Hauptstadt der damaligen Welt nach Rom, ihren Sitz hat, die alexandrinisch-jüdische Religionsphilosophie zu nennen. Ihre Tendenz geht dahin, die Lehren des alten Testaments mit den griechischen und besonders platonischen Philosophemen in Verbindung zu setzen. Nicht nur, dass die jüdischen Gelehrten dieser Richtung Moses als den eigentlichen Gründer der Ideenlehre bezeichnen, sie fälschen auch die Werke griechischer Dichter, wie Homers, Hesiods u. s. w. durch Einschiebung von Stellen, die im jüdischen Geiste gehalten sind, um zu beweisen, dass, wie die Philosophen, so auch die griechischen Dichter ihre Weisheit aus einer uralten Übersetzung der fünf Bücher Mosis geschöpft hätten.

Als zweite Form finden wir den Neupythagoreismus vor, in welchem der Platonismus in pythagoreisierender Weise umgebildet und dem Pythagoras, der seine Weisheit aus dem Orient überkommen haben soll, der Vorzug selbst vor Platon eingeräumt wird. Diese Verbindung konnte deshalb um so leichter vollzogen werden, als die platonische „Idee“ nichts anderes als die in eleatischer Weise umgebildete „Form“ des Pythagoras war, ja, als Platon selbst in seiner letzten Lebenszeit seine „Ideen“ bereits auf pythagoreische Zahlen zurückgeführt hatte. Auch diese Richtung erzeugt in majorem gloriam ihrer Tendenz zahlreiche gefälschte, für altpythagoreisch von ihr ausgegebene Schriften.

Als dritte Hauptform stellt sich uns der speziell Neuplatonismus genannte Standpunkt dar, der unter diesen drei theosophischen Richtungen die meiste Verbreitung und in drei grossen Schulen seine Ausbildung findet. Die erste dieser Schulen ist die römisch-alexandrinische, ihre Hauptsitze Rom und Alexandria, ihr Gründer Ammonius, ihr Hauptvertreter Plotin. Die zweite ist die syrische Schule, deren Stifter Jamblichos aus Chalcis in Coelesyrien stammt. An diese schliesst sich drittens die athenische Schule, deren Sitz Athen ist und deren Höhepunkt durch

Proklos, den „Scholastiker unter den griechischen Philosophen“, bezeichnet wird.

Der Neuplatonismus stellt die letzte Phase der untergehenden griechischen Philosophie überhaupt dar. Er bildet die letzte heidnisch-hellenische Opposition gegen das jugendliche Christentum, das zwar den Gegner im Kampfe besiegt, aber, wie so oft der Sieger vom Besiegten, viele seiner Eigentümlichkeiten in sich aufnimmt. In seiner Ausdehnung über Syrien, Alexandrien, Rom und Athen zeigt uns gerade der Neuplatonismus recht deutlich, wie weit der Amalgamationsprozess der verschiedensten Gedankenkreise in dieser Zeit geht. Wie das römische Weltreich aus der Synthese der verschiedensten Völker, so wird aus der Synthese dieser verschiedensten Gedankenkreise die christliche Dogmenlehre hervorgehen.

Wenn nun die drei Hauptformen des orientalisierenden Platonismus auch im Einzelnen von einander abweichen, so ist ihrem Gesichte doch gleichmässig die Familienähnlichkeit der gemeinsamen Abstammung aufgeprägt. Vor allen Dingen herrscht in sämtlichen Systemen dieser Gattung der schroffste Dualismus zwischen Gott und Welt. In absolut unendlicher Weltferne die immaterielle Gottheit, ihr ganz entgegengesetzt die materielle Welt, zwischen beiden als vermittelndes Glied die Ideenwelt. Die Gottheit ist durchaus unbegreifbar und unaussprechlich, namen- und eigenschaftslos, unpersönlich, ohne Willen und Verstand, denn sie ist als absolut transcendent jenseits alles Weltlichen, also auch alles Menschlichen, darf also nicht nach irgend einer weltlichen oder menschlichen Analogie gedacht werden. Persönlichkeit, Verstand und Wille sind menschliche Eigenschaften; es hiesse also die unbegreifliche Gottheit erniedrigen, wollte man dieselben auf sie übertragen.

Die Ideenwelt wird von den Neuplatonikern in einer besonderen, von der platonischen verschiedenen Weise aufgefasst. Wenn bei Platon die ganze Ideenwelt gleichsam unbeweglich starr, von Ewigkeit her nur war, aber nie geworden war, so fassen dagegen die Neuplatoniker die Ideenwelt auf als ein, wenn auch von Ewigkeit her, aus der Gottheit Herausgebornes oder als ein aus ihr wie aus einem gewaltigen Quell Herausgeströmtes und

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