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Der Mensch muss also sich selbst vollkommen genug sein, nichts Anderes brauchen und begehren, als was er in sich selbst findet. Das Nächste nach dem „Begehre nichts!“ ist deshalb der zweite Satz: Sei dir selbst genug! Die Selbstgenügsamkeit ist das notwendige Korrelat der Begierdelosigkeit. Wenn ich wirklich von der Welt nichts mehr begehre, wenn ich alles aus mir selbst schöpfe, so wird auch nichts in der Welt mehr mich aus dem ruhigen Gleichgewichtszustande meines Gemüts herausbringen können, nichts mich bewegen und erregen oder gar erschüttern können. Was könnte man mir anhaben? Ich will nichts. Man könnte mir das Leben nehmen – auch das begehrt der Stoiker nicht. Es giebt kein Daseinsverhältnis mehr, das ihn erschüttern könnte. So ist neben der Begierdelosigkeit und Selbstgenügsamkeit die Unerschütterlichkeit die dritte Bedingung zur Erreichung vollendeter Glückseligkeit.

Offenbar muss nun der Stoiker alle Mittel aufsuchen, die zur Erlangung und Erhaltung dieser unerschütterlichen Gemütsruhe des Weisen dienlich sind. Das ist der Grund, warum die stoische Schule ihr Augenmerk vorzugsweise auf die Pflege der Logik richtet. Der Stoiker muss in allen seinen Überzeugungen und in seiner gesamten Weltauffassung unverrückbar fest wurzeln können. Was er für richtig hält, muss er sich und Anderen gegenüber auch als absolut richtig durch zwingende Schlüsse beweisen können. Die formale Richtigkeit, wie sie die Logik verbürgt, ist ihm also ein kräftiges Mittel zur Fundamentierung seiner Glückseligkeit.

Auch seine Welt- und Naturauffassung muss er seinen ethischen Ideen entsprechend gestalten. Wie beim Epikureismus, so bestimmt auch hier die Ethik die Wahl der Physik. Es ist die Weltanschauung Heraklits, zu welcher der Stoizismus sich bekennt. Nach Heraklit befindet sich Alles in einem ewigen unabänderlichen Flusse. Der ganze Weltlauf, wie der einzelne Mensch, hängt an dieser ehernen, unzerreissbaren Kette von Ursache und Wirkung: davon giebt es keine Ausnahme, dagegen keine Nichtigkeitsbeschwerde. Der natürliche Kausalnexus ist das grosse Schicksal aller Wesen und Dinge. Lehne dich nicht unnützer Weise auf gegen diese unwiderstehlich Alles mit sich fortreissenden Strom! Lass dich von den Ereignissen, auch wenn sie dir ungünstig sind, nicht erschüttern, denn über das Notwendige zu trauern wäre unverständig. Die Unerschütterlichkeit muss ja jede traurige Gemütsstimmung ausschliessen; der Stoiker muss also Alles als schlechthin notwendig auffassen.

Zu dem echten Stoiker gehört ohne Zweifel noch in höherem Masse als zu dem echten Epikureer ein gewaltiger Charakter, und die stoische Schule hat einige Vertreter aufzuweisen, die in dieser von der Welt sich abwendenden Selbstgenügsamkeit ganz und gar im Sinne des ursprünglichen Christentums denken, so dass man aus den Sätzen der Stoiker Epiktet und Mark Aurel und den Aussprüchen des Apostels Paulus mit Leichtigkeit eine förmliche Evangelienharmonie zusammenstellen könnte. In diesen grossen Charakteren ist auch der Stoizismus gross. Aber in den kleinen Geistern artet die Begierdelosigkeit zu einem blasiert-vornehmen Naserümpfen über die Unannehmlichkeit der Berührung mit der Welt aus, dessen wahres Motiv Unfähigkeit im Handeln und bequeme Faulheit ist. Die Selbstgenügsamkeit entpuppt sich als krasser Egoismus und hochmütige, in der Einbildung eines nicht vorhandenen persönlichen Wertes sich blähende Eitelkeit, die stolz und rücksichtslos über die Häupter der Anderen hinwegschreiten möchte, und für Unerschütterlichkeit wird in philosophischer Schönfärberei das ausgegeben, was in Wahrheit nur gänzlich interesselose geistige und gemütliche Stumpfheit ist.

Es geht also dem Stoizismus wie dem Epikureismus: er wird seiner ethischen Tiefe bald beraubt, und nur die Verrottetheit der Zeit ist es, welche ihre Fehler mit seinen schnell verdrehten Prinzipien zu bemänteln und zu verhüllen sucht, wovon die Folge, dass diese verunstalteten Prinzipien den schon vorhandenen Zeitübeln nun erst recht neuen Antrieb und Nahrung geben und dieselben somit erweitern und vergrössern. Wie könnte mit so blasierter Faulheit, mit so stumpfer Interesselosigkeit noch irgendwelches eingehende Studium der Natur und ihrer Erscheinungen sich vertragen? Auch Spinoza wollte „nichts betrauern, nichts belachen, nichts verabscheuen“, aber er fügte diesem seinem berühmten Satze das Wort hinzu: „aber alles erkennen“. Diesen Zusatz vergisst der Stoizismus nur allzusehr und wird damit eine neue Triebfeder zur Abwendung von der Natur, und eine neue Quelle für die Entstehung der Naturverachtung. Die einzigen theoretischen Untersuchungen, die er anstellt, die rein logischen, sind nicht geeignet, diesem Entwicklungslauf eine andere Richtung zu geben, vielmehr befördern sie den Prozess, da sie sich rein auf das Abstrakt-Begriffliche beziehen, so dass für die Erforschung des Konkret-Natürlichen auch nicht einmal ein Minimum von Zeit und Kraft übrig gelassen wird.

Die erste Gruppe der Ursachen für die Entstehung der Naturverachtung, die dem Gesagten zufolge bis in die Höhezeit des klassischen Altertums hineinreichen, haben wir damit dargelegt: Die Sophisten, Sokrates, Platon und Aristoteles lenken das Augenmerk auf das rein Abstrakt - Begriffiche – Platons und Aristoteles’ Dualismus zerreisst den Faden natürlicher Kausalerkenntnis und präpariert den Sinn für das ausschliessliche Versinken in die Mystik des Übernatürlichen — Skeptizismus, Epikureismus und Stoizismus tragen jeder seinen Teil bei, den Menschen der Natur, dem Heimatboden seiner starken Kraft, zu entfremden. So sind denn die Geister empfänglich für die rückhaltlose Aufnahme des einseitig Religiösen, und bereit, sich völlig in das Transcendente zu verlieren. In demselben Masse, als die Verehrung des Jenseits zunimmt, nimmt die Verehrung der Natur ab. Wo erstere unendlich gross wird, ist letztere unendlich klein geworden. Diesen Entwicklungsprozess darzustellen, wird der Gegenstand des nächsten Kapitels sein.

Drittes Kapitel.

Die Gründung des Christentums und der Höhepunkt der Naturverachtung.

Inhalt: 1) Die Verschmelzung griechischer und orientalischer Gedankenkreise. — Der soziale Verfall am Ende des klassischen Altertums. – Weltschmerz und Erlösungsbedürfnis. – Der Platonismus. - Veränderte Problemstellung: Natur, Erkenntnis, Ich, Gott. – Die Theosophieen. – Die alexandrinisch- jüdische Religionsphilosophie. - Der Neupythagoreismus. Der Neuplatonismus: Die römisch-alexandrinische, syrische, athenische Schule. - Gesamtcharakter der religionsphilosophischen Systeme. – Dualismus und transcendente Gottheit. – Die emanatistische Auffassung der Ideenwelt. Die Ideen zu Götter personifiziert. — Universalistische Weltreligion. – Die Ideenwelt als „Logos.“ -- Der Logos als Mittler zwischen Gott und Mensch. - Askese und Ekstase. – Der Widerspruch in der neuplatonischen Logosidee. – Das Problem des „Gottmenschen“. – Die orientalischen Erlöserideen. – Der indische Buddha. - Der persische Soschios. – Der jüdische Messias. – Die Verschmelzung der Logos- und Messiasideen. – Griechische Einwirkungen auf den jüdischen Geist. — Septuaginta. – Essäer.

- Aristobulos. – Buch der Weisheit. – Philon von Alexandrien. – Johannes der Täufer. – Jesus von Nazareth. – Die Apostel Petrus, Paulus und Johannes. – Das Johannesevangelium. - Rückblick. — 2) Die Entstehung der christlichen Dogmen. - Die Lehre Jesu und die Dogmen. – Das Urchristentum. - Notwendigkeit der Dogmenbildung für die „Kirche". Pistis und Gnosis. – Die falschen Gnostiker. – Karpokrates. – Mani. – Basilides. – Marcion. – Die ersten Kirchenväter. — Justinus Martyr. – Theophilus. – Origines. – Clemens von Rom. – Hermas. – Die drei Hauptdogmen. – Das theologische Dogma: Sabellius, Arius, Athanasius. — Das christologische Dogma: Nestorius, Eutyches, Kyrillos. – Das anthropologische Dogma: Augustinus: Erbsünde, Gnadenwahl, die allein selig machende Kirche. – Die platonische Ideenlehre als metaphysische Voraussetzung der Dogmen. – Das kosmologische Dogma: Die Schöpfung der

Welt aus nichts. – Die Aufhebung der natürlichen Kausalität und der Naturwissenschaft. — 3) Die Naturbetrachtung der Kirchen. väter: – Die „zeitlose“ Schöpfung Philons. - Widerspruch gegen die mo. saische Genesis. – Allegorisierende Umdeutung. - Spiritualistische Auflösung des Wortsinnes. — Beispiele. — Verwerfung der Naturwissenschaften. Anthropozentrische und teleologische Naturbetrachtung. — Polemik des Celsus. - Bekämpfung der mechanischen Naturauffassung: Atomistik, Generatianismus, Traduzianismus, Kreatianismus, Vulkane, Erdbeben, Himmelskörper, Helio. zentrismus, Gestalt der Erde, Antipoden. – Tier- und Pflanzenbücher. – Ver

einzelte Lichtblicke. – Darwinistische Anklänge.

1) Die Verschmelzung griechischer und orientalischer Ideen.

keptizismus, Epikureismus und Stoizismus sind die Pioniere, welche der Platonismus voraussendet, damit sie ihm den

Boden bereiten, auf welchem er seine religiös-mystischen Lehren zur Blüte bringen kann, aus denen zum grössten Teil die Dogmatik des Christentums herauswächst. Schon haben jene Pioniere das Bedürfnis nach natürlicher Kausalerkenntnis und das Vermögen dazu wacker erstickt. Der körperlich und geistig entnervte Mensch erträgt nicht mehr die gesunde Kost klarer natürlicher Einsicht — allein das unglaublich Paradoxe, das unaussprechlich Geheimnisvolle übt auf ihn noch einen stimulierenden Anreiz aus. Credo quia absurdum, sagt Tertullian ganz zutreffend. Und dieser pathologische Zustand der Zeit wird nun durch zwei Faktoren noch besonders verschlimmert, einmal durch die Berührung des Occidents mit dem Orient, andererseits durch den Verfall aller sozialen Verhältnisse am Ende des klassischen Altertums.

Nach allen Richtungen hin hat das römische Weltreich seine ungeheuren Arme ausgebreitet; fast die sämtlichen ihm bekannten Völker der Erde hat es seinem Szepter unterworfen. Der gegenseitige Verkehr der Völker in diesem grossen Reiche ist der lebhafteste. Nicht bloss erstrecken sich die militärischen Bewegungen von Rom aus nach allen Richtungen, vor allem knüpft auch der Handel die fernsten Teile der Monarchie an einander. Mehr und mehr werden die Völker verschmolzen; sie tauschen nicht bloss ihre Waren, sie tauschen auch ihre Gedanken gegenseitig aus.

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