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möglich, wenn nicht durch Philosophie, ja mehr noch, wenn nicht als Philosophie?"

Und diese Notwendigkeit der Philosophie für alle Spezialwissenschaften leuchtet um so mehr ein, sobald man sich klar macht, dass doch alle Wissenschaften darin einig sind, dass sie sämtlich wissenschaftlich denken wollen. Wodurch aber unterscheidet sich das wissenschaftliche Denken vom unwissenschaftlichen? Wodurch wird aus dem letzteren das erstere? Alles Erkennen hängt ab von den zu erkennenden Objekten und dem Erkenntnissubjekte, welches wir Geist nennen. Aus der eigentümlichen Beschaffenheit dieses Erkenntnissubjektes mischt sich aber eine Fülle täuschenden Scheines in unser vermeintliches Erkennen ein, den der naive Empiriker gar nicht temerkt, und den nur eine genaue Erkenntnistheorie d. i. eine philosophische Disziplin ausmerzen kann.

So besteht überall zwischen der Philosophie und den empirischen Wissenschaften der engste Zusammenhang, den beide nur zu ihrem empfindlichsten Nachteile jemals vergessen konnten. Keine kann und sollte ohne die andere auch nur einen sicheren Schritt vorwärts tliun, eine Bestimmung, durch welche sich das, was wir allein wissenschaftliche Philosophie nennen dürfen, sich genau unterscheidet von alledem, was sich sonst usurpatorisch diesen Namen aneignen mag. Wissenschaftliche Philosophie ist nur diejenige, welche im engsten, unlöslichen Zusammenhange mit den empirischen Wissenschaften deren allgemeine erkenntnistheoretischen Grundlagen nach kritischer Methode genau feststellt und, deren allgemeine Ergebnisse nach eben dieser Methode vergleichend, neue allgemeine Ergebnisse? daraus ableitet. Inbegriff und Ziel dieser wissenschaftlichen Philosophie ist eine der Veränderung und Verbesserung nach Massgabe des Fortschrittes der empirischen Wissenschaften stets offene, nie dogmatisch erstarrende, stets im lebendigen Flusse bleibende einheitliche Weltauffassung, deren Konsequenzen für Theorie und Praxis sie zu entwickeln, und nach denen sie das menschliche Leben in allen seinen mannigfaltigen Beziehungen zu gestalten hat, indem sie nichts anerkennt als das positiv Bewiesene, gegen alles andere sich mit Weisheit negativ verhält. Was dieser Erklärung der wissenschaftlichen Philosophie, deren Aufgabe also eine sehr vielseitige und schwierige ist, nicht entspricht, das mag im Sinne früherer Zeiten sich Philosophie nennen, den Anforderungen des modernen wissenschaftlichen Geistes aber entspricht es nicht.

Die Philosophie der Naturwissenschaft nun, welche wir in diesem Werke darzustellen beabsichtigen, ist nicht die ganze Philosophie, sondern nur einer ihrer Teile. Sie ist z. B. nicht Logik oder Ethik oder Psychologie, und doch verhält sie sich zu all diesen anderen philosophischen Disziplinen einleitend und grundlegend; sie ist also der erste Teil der gesamten wissenschaftlichen Philosoplüe. Sie ist aber auch nicht Naturphilosophie weder im Sinne einer Schelling-Hegel'schen noch etwa einer Darwinistischen Naturphilosophie, denn sie ist nicht mehr und nicht minder als genau Philosophie der Naturwissenschaft. In dem Begriffe der Naturwissenschaft oder der Wissenschaft von der Natur sind offenbar diese zwei Faktoren enthalten: der subjektive der Wissenschaft und der objektive der Natur. Die Wissenschaft setzt voraus das wissende Subjekt, die Natur ist gleich den gewussten Objekten. Das Wissen von den Objekten und die Objekte des Wissens — beides zusammen macht die Naturwissenschaft aus, und offenbar kommt sie nicht zu Stande, wenn einer der beiden Faktoren, sei es der objektive oder der subjektive, fehlt. Von dem Empiriker wird aber gewöhnlich vergessen, dass in diesem Verhältnis der subjektive Faktor genau ebenso notwendig und wichtig ist, wie der objektive. Der subjektive Faktor oder das Subjekt des Wissens oder der Geist hat als eine natürliche Erscheinung gerade so gut seine spezifischen, seltsamen und merkwürdigen Eigentümlichkeiten, wie jede andere natürliche Erscheinung. Wie kann man mit diesem Faktor sicher operieren, wie kann man sicher die Natur erkennen, wenn man nicht sicher die Natur des Erkennens kennt? Während die Naturwissenschaft den Accont legt auf die Objekte des Wissens und diese in ihren Eigentümlichkeiten erforscht, legt dagegen die Philosophie der Naturwissenschaft den Ton auf das Wissen von den Objekten und erforscht dessen Eigentümlichkeiten, damit das Wissen von der Natur ein wahrhaft kritisches und fehlerfreies werde. Wir geben jetzt also nicht unmittelbar eine Theorie der Natur (wie es etwa die sog. Naturphilosophen thun), wenn wir auch einleiten zu allen Theorien der Natur und diese deshalb mit zu behandeln haben, da sich offenbar die Beschaffenheit des Erkennens wie die eines Instrumentes nur an seinen Objekten prüfen lässt — sondern eine Theorie des Wissens von der Natur oder eine natürliche Erkenntnistheorie. „Wie verschieden auch die Gegenstände des Wissens sind, das Wissen in seinen subjektiven Faktoren ist stets dasselbe. Da nun die Erkenntnistheorie sich auf das allein besonderen Wissen zu Grunde liegende Wissen überhaupt bezieht, so ist es klar, dass die Erkenntnistheorie für jede Wissenschaft von gleich hoher Bedeutung, ja für wirkliche Wissenschaft durchaus unentbehrlich ist. Sie allein lehrt uns genau das wissenschaftliche Denken vom unwissenschaftlichen unterscheiden, sie allein enthüllt uns die zarten Grenzen zwischen wahrem Wissen und Scheinwissen. Dadurch aber erst macht sie es möglich, kritisch genau festzustellen, was wir denn Objektives von aller Natur und wie wir es wissen können. So ermöglicht also erst die Theorie des Wissens ein kritisches Wissen von der Natur, die Erkenntnistheorie eine wahre Naturtheorie, die Philosophie der Naturwissenschaft eine wahre Naturphilosophie."

„Philosophie der Naturwissenschaft verhält sich aber zur Naturphilosophie wie Ausgangspunkt und Ziel. Die Philosophie der Naturwissenschaft ist die Einleitung in die mathematisch-empirischen oder die Naturwissenschaften; das letzte allgemeinste Ergebnis dieser Naturwissenschaften hinwiederum ist die Naturphilosophie. Die Naturwissenschaften liegen zwischen und inmitten der „Philosophie der Naturwissenschaft" und der „Naturphilosophie". Die Philosophie der Naturwissenschaft steckt genau die erkenntnistheoretischen Grenzen ab und bestimmt exakt das Gebiet einer wa.hrhaft kritischen Naturtheorie. Insofern aber giebt sie selbst den Anfang und die Grundlagen zu aller Naturtheorie, und insofern ist die Theorie des Naturwissens oder die Erkenntnistheorie auch der allgemeine, einleitende Anfang jeder Naturtheorie d. h. selbst ein Stück Naturtheorie, zumal da ihr Objekt, der Geist, doch selbst ein Naturobjekt ist. Die engste Zusammengehörigkeit der „Philosophie der Naturwissenschaft", der „Naturwissenschaften" und der „Naturphilosophie", und der kontinuierliche Übergang der einen in die anderen erhellt aus dem Gesagten zur Geniige."*)

Das Grundproblem und der Angelpunkt der gesamten Philosophie der Naturwissenschaft ist das Problem der Ursächlichkeit oder der Kausalität. Eine jede Spezialwissenschaft hat keine andere Aufgabe als die: den ursächlichen Zusammenhang der in ihr Gebiet fallenden Erscheinungen zu erkennen, oder, was dasselbe heisst, diese Erscheinungen in dem Verhältnis von Ursache und Wirkung zu begreifen. Alles Sammeln von Material, alles Beschreiben und Experimentieren dient diesem Zwecke, und die Klassifikation und Systematisierung ist nur der äussere Ausdruck des vielfach freilich nur vermeintlichen Gelingens jener Aufgabe. Alle Wissenschaften haben es daher in letzter Instanz nur mit einem und demselben Probleme zu thun: dem Problem der Ursache und Wirkung oder der Kausalität. Geist und Charakter, Richtung und Methode einer Wissenschaft hängen ganz und gar davon ab, in welchem Sinne sie die Kausalität fasst, oder wie sie sich das Wesen derselben vorstellt. Ist die alles bewirkende Kausalität eine übernatürliche oder eine natürliche Macht? Ist sie ein blosser Stoff oder ein formbildendes Prinzip? Ist sie ein ewig unveränderliches Sein oder ein in steter Entwicklung begriffenes Werden? Ist sie ein blos mechanisch Wirkendes oder zweckmässig Schaffendes? Ist sie ein monistisches Prinzip, oder muss sie dualistisch gefasst werden? u. s. w. Je nachdem eine einzelne Wissenschaft oder die Wissenschaft überhaupt sich zu diesen auf die Kausalität bezüglichen Fragen, die sich noch um viele andere vermehren liessen, verhält — je nachdem ist ihr Herzblut hell oder dunkel, Sauerstoff- oder kohlen

*) Vgl. meinen Vortrag „über Aufgabe und Bedeutung einer Philosophie der Naturwissenschaft". S. 21 f.

stoffhaltig, denkkräftig oder vorstellungsträge, sodass diese Fragen, um einen Kantischen Ausdruck zu gebrauchen, gewissermassen auf den „intelligiblen Charakter" der Wissenschaft losgehen, von dem aus ihr empirisches Handeln so unwandelbar bestimmt wird, dass sich des Dichters Wort vom Menschen auf die Wissenschaft anwenden liesse:

„Hab ich des Menschen Kern erst untersucht,

So weiss ich auch sein Wollen und sein Handeln."

In dem Problem der Kausalität, diesem wissenschaftlichen Grundproblem, stecken also unmittelbar als dessen Teile auch alle die Probleme, welche in den Begriffen: Materialismus, Spiritualismus, Realismus, Idealismus, Monismus, Dualismus, Mechanismus, Teleologie, Stoff, Form, beharrende Substanz, veränderliches Werden u. s. w. inhaltsschwer und inhaltsschwierig sich uns entgegenstellen.

Aller noch mehr! Alle Wissenschaft stützt sich auf den Grundsatz: Alles muss seine Ursache haben, als auf ihr unumstössliches Fundament. Ist denn aber dieser Satz bewiesen? Kein Mensch kennt „alles". Ist er überhaupt beweisbar? Kein Mensch kann jemals „alles" kennen. So ist dieser Grundsatz eine unbewiesene, blosse Annahme, ein blosser Glaube! Wo bleibt die Wissenschaft, wenn die Philosophie dieses Problem nicht zu lösen versteht?

„Das Hauptziel der Frkenntnistheorie oder der Philosophie der Naturwissenschaft ist also die Einsicht in das Wesen der Ursächlichkeit.*) Das Wesen der Kausalität und aller darin enthaltenen Probleme soll erkannt werden. Wirklich erkannt ist nur das aus unbezweifelbaren Gründen Abgeleitete und Bewiesene. Also kann die wissenschaftliche Erkenntnistheorie niemals das Unbewiesene bejahen. Die Bejahung unbewiesener Lehren bildet das Wesen des Dogmatismus. Die Erkenntnistheorie als Philosophie der Naturwissenschaft darf also nicht dogmatisch, noch irgend

*) Vgl. zu Folgendem meinen Vortrag „über Aufgabe und Bedeutung einer Philosophie der Naturwissenschaft S. 23 ff.

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