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Entwicklungstheorie, sind nach alledem ganz offenbar Ideenlehrer, sei es nun im platonischen Sinne, nämlich so, dass sie einen transcendenten Gott die Geschöpfe nach seinen Ideen und Zwecken (mit Berufung etwa auf die mosaische Schöpfungsgeschichte) schaffen lassen, — oder im aristotelischen Sinne, nämlich so, dass sie anstatt Gottes die Natur selbst die Geschöpfe nach den ihr immanenten, unveränderlichen Ideen (Zweckprinzipien) hervorbringen lassen. Wir haben die Ideenlehre kritisch aus ihren unrichtigen Prämissen, aus ihrem ngtürov ipsvdog entwickelt. Mit der Aufde'ckung der Unrichtigkeit ihrer Prämissen stürzen also auch alle in sich sonst konsequent durchgeführten Folgerungen zusammen, und es zeigt sich rein philosophischkritisch, ganz abgesehen von allen empirischen Gründen, dass die I^ehre von der Konstanz der Arten unhaltbar ist: Die konstanten Spezies sind platonische Ideen; sie sind nur gedachte Begriffe, nichts ausserhalb unseres Denkens Existentes. Sie als die schöpferischen Kausalitäten oder Gesetze der Natur hinstellen, heisst das, was nur in uns ist, in die Natur hineintragen; heisst Denken = Sein setzen; heisst den ontologischen Schluss machen und die Natur ex analogia hominis beurteilen. Die „Idee" entstand, indem das abstrakt Allgemeine als wahrhaft wirklich, als existierend gedacht wurde. Wir haben gezeigt, dass dies Allgemeine nicht nur eine bloss gedachte Abstraktion ist, sondern dass auch das sogen. Allgemeine in den Naturdingen (wie z. B. Baum, Wurzel, Stamm etc.) in Wahrheit nur aus Einzelnem besteht. Nur das Einzelne ist wirklich. So lehrte schon im Mittelalter der Nominalismus im vergeblichen Kampfe gegen den sogen, platonischen und aristotelischen Realismus, der nach unserer heutigen Terminologie als Idealismus zu bezeichnen wäre, während der Nominalismus der heute Realismus genannten Denkweise entspricht. Nun steht jedes Einzelne, jedes Individuum in der Welt unter den Einflüssen der ganzen es umgebenden Natur. Wie diese Einflüsse sich ändern, so verändert sich auch das Individuum, also auch das, was aus ihm hervorgeht, seine Nachkommenschaft — alles Individuelle mithin ist in mechanischer Entwicklung begriffen. Absolut unveränderliche Gattungstypen sind blosse Gedankengebilde — relativ unveränderliche Spezies allmählich so gewordene und in Wahrheit nur unmerklich, d. h. in unendlich kleinen Unterschieden sich verändernde Gruppen ähnlicher Individuen.

Platonismus und Darwinismus, Ideenlehre und Entwicklungstheorie stehen sich als feindliche Gegensätze einander gegenüber. Indem wir die Ideenlehre auf ihren ersten Ursprung zurückführten, haben wir sie ab ovo kritisch zersetzt und sie in ihrer Unhaltbarkeit nachgewiesen. Eine solche Widerlegung dieses kontradiktorischen Gegensatzes der Entwicklungstheorie ist zwar kein positiver Beweis für die Wahrheit der letzteren, hat aber wohl den nicht zu unterschätzenden Wert eines indirekten Beweises. Nur zwischen diesen zwei Theorien haben wir bei der Erklärung des Ursprungs der Arten zu wählen — tertium non datur; die eine Theorie beruht erwiesenermassen auf einem nqwrov ipsidog — so bleibt nur die andere übrig: Die Entwicklungstheorie. Wir haben oben gesagt (S. 26), „dass es nicht bloss aus historischem Interesse, sondern in der klaren Erkenntnis des der Naturwissenschaft unmittelbar zu gute kommenden praktischen Gewinnes geschähe, wenn wir die erste Entwicklung der Grundbegriffe des philosophischen Denkens hier darlegten." Wir hoffen, dass man die Erlangung dieses indirekten Beweises, des einzigen, der die Konstanzlehre wirklich ins innerste Herz trifft, als einen solchen Gewinn wird gelten lassen, und dass man unseren obigen Worten daher keine Übertreibung Schuld geben wird. Aber auch dieser Beweis war nur zu erlangen, indem wir die Methode der Entwicklungslehre anwandten, d. h. in unserer kritischen Betrachtung auf den ersten Entstehungskeim zurückgingen und die Entwicklung desselben verfolgten.

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Zweites Kapitel.

Bas Anwachsen der Naturverachtung.

Inhalt: Der Dualismus als Endergebnis der griechischen Philosophie. —Die Folgen des Dualismus. — Der Skeptizismus. — Seine Entstehungsgründe. — Seine Begründer. — Seine Theorie. — Seine Wirkung. — Der Epikureismus. — Seine Entstehungsursachen. — Sein Urheber. — Seine Morallehre. — Seine Naturtheorie. — Seine Wirkungen. — Der Stoizismus. — Sein Grund und sein Begründer. — Seine Prinzipien. — Die Pflege der Logik. — Die Welt- und Naturauffassung. — Seine Wirkung. — Zusammen

fassung in Hinsicht auf die Entstehung der Naturverachtung,
as bedeutsamste Endergebnis der griechischen Philosophie

von Stoff und Form, von Materiellem und Immateriellem, von Körper und Geist, von Welt und Gott, und deshalb der Dualismus auf all den Gebieten, die überhaupt unter dem massgebenden Einfluss jener Grundbegriffe stehen. Die dualistische Weltanschauung ist mithin von den grössten Denkern der Zeit proklamiert, wirklich Neues wird auf philosophischem Gebiete in den nächsten zwei Jahrtausenden nicht mehr erzeugt, und so bleibt denn naturgemäss diese Folgezeit unter dem Banne dieses Dualismus stehen. Das Denken wendet sich ausschliesslich und allein den Ideen, dem Übersinnlichen, dem Immateriellen, der Gottheit zu, welches ihm als das allein Wertvolle erscheint, womit schon gesagt ist, dass die Natur und ihre Wissenschaft immer mehr in den Hintergrund tritt, bis sie endlich dem Interesse des Menschen ganz und gar entschwindet. Hinsichtlich der

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Koryphäen ist der Dualismus

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Entstehungsursachen der Naturverachtung werden wir also zu zeigen haben, wie in dieser Zeit die religiösen Vorstellungen und mystischen Systeme immer üppiger emporschiessen und in demselbem Masse die Liebe zur Natur immer gründlicher verkümmert, bis sie endlich von einem wahrhaften Naturhass völlig verschlungen wird. Mit Piaton und Aristoteles, deren Vorläufer Sokrates und die Sophisten, beginnt in der Entwicklung des menschlichen Denkens die Pflege der abstrakten Begriffe im Gegensatz zur Pflege der konkreten Naturerscheinungen, und es geschieht also in diesem langen Zeitraume nichts anderes, als dass die von jenen Philosophen geschaffene Ideenlehre praktischen Einfluss auf die Menschheit gewinnt und zwar so sehr, dass sie die geistige wie die materielle Welt derselben völlig nach sich umgestaltet. Indem die Ideenlehre sich nach allen Richtungen hin ausbreitet, trifft sie mit einem Gedankenstrome zusammen, der von Judäa ausgeht. Aus der Vereinigung jener hellenischen und dieser jüdischen Elemente geht das Christentum hervor. Dieses genauer darzulegen, wird ebenfalls unsere Aufgabe sein müssen, wollen wir das Entstehen der höchsten Potenz der Naturverachtung gründlich begreifen.

Der erste Schritt nun in dem antinaturwissenschaftlichen Entwicklungsprozess, in welchem den religiösen Systemen der Boden bereitet wird, ist die Begründung dreier philosophischer Richtungen, die ganz und gar unter dem Einfluss jenes platonisch-aristotelischen Dualismus ins Leben gerufen werden, nämlich des Skeptizismus, des Epikureismus und des Stoizismus.

i) Der Skeptizismus.

Wo der Dualismus anfängt, hört die Möglichkeit der Erkenntnis allemal auf. Denn die Erkenntnis fordert eine widerspruchslos in sich zusammenhängende Kette von Ursachen und Wirkungen. Diese fest geschlossene Kontinuität der Kausalreihe setzt aber voraus, dass Ursache und Wirkung stets von einer und derselben Art, dass sie ejusdem generis sind; also, dass Ursache und Wirkung, wenn es sich z. B. um das Materielle handelt, fortgesetzt innerhalb des Gebietes des Materiellen liegen. Wo aber plötzlich ein ganz anderes Genus eingeführt wird, reisst die einmütige Kette des Kausalnexus ab, und wir stehen dann vor einer Kluft, die wir nicht zu überbrücken vermögen. So ist demnach die Erkenntnis allemal da unmöglich, wo das Immaterielle als Erklärungsgrund für das Materielle gesetzt wird. Denn erstens kennen wir ja das Immaterielle in seinem Wesen und seinen Eigentümlichkeiten nicht: es ist niemals Gegenstand der Erfahrung, der Wahrnehmung, es ist keine Erscheinung.*) Selbst das, worauf man als auf einen Erkenntnisgrund für das Immaterielle hinweist, unser Denken, ist ja an materielle Grundlagen gebunden und nie ohne diese vorhanden, so dass wir auch da, wo wir allein hoffen könnten, es zu erfassen, nämlich in den Vorgängen unseres Denkens, keine Einsicht in sein Wesen erhalten können. Wir wissen also nicht, was das Immaterielle ist, mithin wissen wir auch zweitens nicht, wie es wirkt. Wir dürfen das Wirken des Immateriellen natürlich nicht nach der Analogie des Wirkens des Materiellen beurteilen, die Wirkungsweise des Materiellen also nicht zur Erklärung auf das Gebiet des Immateriellen übertragen, denn beide sind ja gänzlich verschieden. Wir tappen also völlig im Dunkeln hinsichtlich seiner Wirkungsweise, sogar innerhalb seines eigenen Genus; wir wissen also drittens erst recht nicht, wie nun das Immaterielle wirken soll auf das absolut entgegengesetzte Materielle, mit dem es ja auch nicht einen einzigen Punkt identisch hat.

Wo demnach der Dualismus ausgesprochen wird, da muss gleichzeitig die Unmöglichkeit der Erkenntnis mit ausgesprochen werden, und so ist denn der erste konsequente Schritt, den jetzt die nacharistotelische Philosophie unter dem Druck dieses Dualismus thut, zu erklären: Erkenntnis giebt es nicht. Die Philosophie, welche ihr Haupt erhebt, ist der Skeptizismus, der mit Energie und im Selbstbewusstsein seines Rechts sich Luft zu machen sucht. Schon unmittelbar nach Aristoteles wird dieser Skepti

*) Ganz dasselbe gilt freilich auch von dem Materiellen; doch ist hier noch nicht der Ort, dies klar zu machen.

Fritz Schultie, Philosophie der Naturwissenschaft. 9

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