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Wille mit Leichtigkeit den Verstand anherrschte und zum Schweigen brachte. Der Mensch ist nach Platon in seinem innersten Kern ein Göttliches, ein Unvergängliches – ihm winkt ein Jenseits, wo er aller diesseitigen Leiden frei wird: wer wollte verkennen, dass diese dem menschlichen Daseinstrieb schmeichelnden und dabei so süsse Hoffnung und Trost spendenden Vorstellungen nicht von höchstem praktischem Wert für die Menschen und ihr Verhalten wären, so wenig sie theoretisch die Kritik aushalten; wer wollte nicht begreifen, wie sie sich durch Jahrtausende hindurch und vielleicht für viele menschliche Entwicklungsstufen für immer die Welt erobern konnten! Auch ist es uns nun völlig begreiflich, warum unter den Kirchenvätern Justinus, der für seinen Glauben den Märtyrertod starb, in Sokrates eine Offenbarung des Logos sehen, Platon einen Christen nennen und nach platonischen Prinzipien die Grundlehren des Christentums erörtern konnte; warum der Kirchenvater Athenagoras in den Lehren dieser griechischen Philosophen Offenbarungen des Logos erkannte und den Unterschied dieser Philosophen von Propheten und Aposteln nur darin fand, dass diese Letzteren sich bewusst gewesen wären, wie sie nur gleich Flöten vom Hauche Gottes zum Tönen gebracht würden, während jene gemeint hätten , die Wahrheit aus eigener Kraft gefunden zu haben; warum endlich Augustinus den Neuplatonikern, obgleich dieselbe ohne Offenbarung geblieben wären, doch die Lehre von der Trinität zuzugestehen vermochte.

Aristoteles (384-322 v. Chr.) war es, welcher den schroffen Dualismus Platons zu überwinden suchte. Wenn die Ideen im Jenseits stehen, so ist nicht einzusehen, wie sie aus unendlicher Ferne auf den Stoff gestaltend einwirken können. Materie und Ideen (Stoff und Form) bilden deshalb eine Einheit; die Form befindet sich als zweckmässig gestaltende Anlage im Stoff und entwickelt und gestaltet diesen nach sich. Aber nur scheinbar hebt Aristoteles so den Dualismus auf. Um wirklich von Grund aus kritisch zu sein, hätte er die Vorstellung der Idee (des Zweckes), nach der sich der Stoff zweckmässig, d. h. zu seiner bestimmten, veranlagten, präformierten Form entwickelt, überhaupt verlassen müssen. Auf dem Boden der Ideen

lehre aber bleibt er stehen, hierin ist er Schüler Platons; nur dass er so zu sagen über den Ort der Ideen anderer Meinung ist: Nicht jenseit aller Materie befinden sie sich, sondern in der Materie als deren immanente, zweckmässig bildenden Kräfte. Gleichwohl sind die Ideen als Ideen etwas ganz anderes als der Stoff; sie sind unstofflich, wenn auch im Stoff. Der zuerst versteckte Dualismus tritt hier wieder zu Tage, denn es ist, da eine Ein. wirkung des Immateriellen auf das Materielle und umgekehrt überhaupt nicht eingesehen werden kann, offenbar ganz gleichgültig, ob ich Ideen und Materie Millionen Meilen von einander entfernt oder auf ein Milliontel Millimeter einander nahe gerückt denke eine Berührung und Einwirkung resultiert doch niemals. Daher denn auch überall bei Aristoteles in jeder besonderen Entwicklung, betreffe dieselbe Stoff und Form, oder Gott und Welt, oder Seele und Körper, so gut am Anfange derselben der Dualismus ausgeglichen schien, am Ende derselben er stets wieder zu Tage tritt, so dass das Schlussergebnis der griechischen Philosophie in ihren Gipfelpunkten, Platon und Aristoteles, hinsichtlich der ersten Prinzipien der Dualismus ist und bleibt, unter dessen Herrschaft alle zunächst folgende und zumal die mittelalterliche Philosophie steht.

Gerade diese Thatsache ist für die Entstehung der Naturverachtung von höchster Wichtigkeit, und wir müssen uns deshalb die Grundgedanken des Aristotelismus in kurzem Abriss vergegenwärtigen.

Aristoteles ist es, der alle in der griechischen Philosophie vor ihm gefundenen Hauptbegriffe in seinem System zu vereinigen sucht: Zunächst die Begriffe von Stoff und Form oder Materie und Idee. Die Idee ist bei ihm nicht wie bei Platon etwas von der Materie Getrenntes, sondern sie ist ein dem Stoffe Immanentes. So lange die Ideen ausserhalb des Stoffes standen, standen die wirkenden Kräfte, denn dies waren ja die Ideen, ausserhalb desselben, mithin war bei Platon die Materie an sich ganz kraftlos, ohnmächtig und nichtig, das un öv, das relativ Nichtseiende. Wenn dagegen diese Kräfte in der Materie selbst sind, so ist diese ein kraftbegabtes, dynamisches Prinzip, und so fasst denn

auch Aristoteles die Materie als das duvámer öv, in welchem als dem ewigen Sein der dualistische Gegensatz mithin zunächst ausgeglichen zu sein scheint. Die Materie hat also bei Aristoteles einen höheren Wert als bei Platon, daher er auch der Natur und ihrer Wissenschaft wieder grössere Aufmerksamkeit und Pflege zuwendet. · Es ist ja nun die Aufgabe der in der Materie enthaltenen Ideen oder formenden Kräfte, eben diese Materie nach sich zu gestalten. Die Löwenidee z. B. gestaltet den Stoff nach ihrer Form, sie macht aus der Materie Löwen, und so in jedem anderen Falle. Die Form soll sich also in der Materie entwickeln, oder was dasselbe heisst, der Stoff soll von der Idee zu ihrer Form hin entwickelt werden. Offenbar ist diese Entwicklung eine zweckmässige. Die Idee ist es, welche, um auf das Beispiel zurückzugreifen, die Materie so harmonisch gestaltet oder zweckmässig bildet, dass ein Löwe daraus wird. Wir haben es also mit einer rein teleologischen Naturauffassung zu thun. Jedes Ding ist nichts anderes als das Produkt oder der Ausdruck eines in ihm wohnenden und wirkenden Naturzweckes, eine Entelechie, wie Aristoteles es nennt, d. h. ein Ding, welches seinen Zweck oder seine bildende Kraft in sich selbst trägt und die ganze Welt daher ein Stufenreich solcher Entelechieen, das von den niedrigsten kontinuierlich bis zu den höchsten emporsteigt.

Das Werden der Natur besteht in der zweckmässigen Entwicklung der Entelechieen, der wir jetzt noch näher auf den Grund gehen müssen. Der Stoff soll gestaltet werden nach den in ihm wohnenden Ideen. Nun setzt die Gestaltung des Stoffes doch allemal eine Bewegung der Teile desselben voraus. Mithin ist die notwendige Bedingung dieser zweckmässigen Gestaltung der Natur die Bewegung der Materie, und zwar die Bewegung, bewirkt durch die im Stoffe wohnenden Ideen. Jedes Naturding ist also in steter zweckmässiger Bewegung befindlich. Es wird bewegt von einem Anderen, und es selbst bewegt wieder ein Anderes. Es ist demnach ein Bewegt-Bewegendes. Die Ursachen dieser Bewegung sind zunächst die Ideen; aber woher haben diese ihre bewegende Kraft? Es muss doch einen ersten Anfang der Bewegung geben, eine erste Ursache, die alle Bewegungen in der Welt erst bewirkt hat. Wenn wir also auch zunächst in der Erklärung der Bewegung der Naturwesen auf die Bewegung durch die Ideen kommen, so müssen wir doch darüber hinaus nach der ersten Ursache aller Bewegung auch für die Ideen fragen. Offenbar muss dieser Anfang aller Bewegung ein Bewegendes sein. Aber wenn dieses erste Bewegende selbst von einem Anderen bewegt würde, so wäre es ja nicht das erste Bewegende; mithin ist das erste Bewegende selbst ein Unbewegtes, und so ergiebt sich die berühmte aristotelische Formel für das primum movens : Die erste Ursache aller Bewegung ist das Unbewegt-Bewegende, das ακίνητον κινούν.

Hier sind wir an der Stelle angelangt, wo in Aristoteles' Gedankengang der Dualismus wieder unaufhaltsam hervorbricht. Alle Naturdinge sind bewegt und bewegend. Das Unbewegt-Bewegende steht also im vollen Gegensatz zu dem BewegtBewegenden, kann also ein Naturding nicht sein. Mithin ist das Unbewegt-Bewegende, der Anfang aller Bewegung, ein Aussernatürliches und Übernatürliches; mithin ist es auch ausser- und übersinnlich und liegt demnach nicht in der Erfahrungswelt. Die Erfahrungswelt ist die stoffliche Welt. Das Unbewegt-Bewegende ist also auch kein Stoffliches: Es ist unstofflich, immateriell. Als Unstoffliches ist es auch nicht dem Schicksal alles Stofflichen, der Vergänglichkeit, unterworfen: Es ist mithin ein Ewiges. Das Unbewegt-Bewegende, aussernatürlich, übernatürlich, immateriell, ewig, wie es ist, ist demnach nichts Anderes, als die Gottheit selbst, ó fɛós. Und so sehen wir also, wie in dieser Gedankenfolge des Aristoteles, obgleich zuerst Materie und Idee, Stoffliches und Unstoffliches völlig zusammengelötet schienen, am Ende die Lötung doch wieder aus einander bricht, und genau wie bei Platon ein Gott erscheint, der, völlig transscendent, im harten Dualismus der Welt gegenübersteht.

Schon jetzt verstehen wir aber, warum sowohl Platon als besonders Aristoteles von der Kirche des Mittelalters als ihre Haupt- und Grundphilosophen anerkannt werden konnten, und zwar so, dass für die nächste Zeit der Entstehung des Christentums Platon grundlegend wird, im Mittelalter dagegen Aristoteles anfängt Platon zu verdrängen, so dass der Stagirit, wenigstens in der Fassung des Thomas von Aquino, der eigentliche Kirchenphilosoph der katholischen Kirche bis heutigen Tages geblieben ist.

Wir müssen an dieser Stelle noch auf das eigentümliche Verhältnis des Platonismus zum Darwinismus hinweisen. Jeder Kundige wird den Zusammenhang dieser beiden, der hier ein Gegensatz ist, schon längst durchschaut haben.

Die Ideen sind die schöpferischen Kausalitäten. Sie sind ewig, unvergänglich, unveränderlich. Nun ist die Idee der existent gedachte Gattungsbegriff (Speziesbegriff), der also die Exemplare der ihm in der Welt entsprechenden Gattung (Spezies) hervorbringt. So schafft die Löwenidee die Löwen, die Menschenidee die Menschen etc. Da nun jede Idee ewig und unveränderlich ist, so sind es auch ihre Erzeugnisse. Also der Löwe, der Mensch etc. waren von Ewigkeit her so wie sie sind und werden in alle Ewigkeit so bleiben. Jede Veränderung ist demnach unmöglich, jede Entwicklung ist ausgeschlossen. So ist also diese platonische Lehre von der „Beständigkeit der Ideen“ im Jenseits, welcher die „Konstanz der Arten“ im Diesseits entspricht, das prinzipielle Gegenteil jeder Entwicklungslehre, der Platonismus also das prinzipielle Gegenteil der heutigen Form der Entwicklungstheorie, des Darwinismus. So wie von Ewigkeit her die Ideen im Jenseits unveränderlich neben einander stehen, so sind im Diesseits die Arten (Spezies) von Anfang an unveränderlich fertig neben einander gewesen; eine Auseinander- und Nacheinander-Entwicklung ist prinzipiell unmöglich.

Die Idee ist das Urbild, ihr Geschöpf das Abbild; jenes absolut vollkommen, dieses dem Urbilde nicht völlig entsprechend, mithin unvollkommen. So kommen denn die Abbilder dem Urbilde nicht ganz gleich, sie sind ihm, wie unter einander, ungleich, sie variieren, aber natürlich nur innerhalb der Grenzen der Idee, sie variieren nie so weit, dass sie den Typus der Idee verliessen und in die Sphäre einer anderen Idee einträten: Die Variation erzeugt nie eine neue Art.

Die Verfechter der Konstanz der Arten, die Gegner der

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