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Ausbruch in London, im Mai.

3. Schweiss sucht in England. 1528.

Wer irgend nach diesen Thatsachen das Bild von Europa im Jahre 1528 sich vergegenwärtigt, der sollte wohl glauben, dieser Welttheil wäre von einem giftigen Hauche angewehet worden, der fort und fort Unheil und Tod über die Völker brachte. In tausend Gestalten brach das Verderben herein, zerrüttete die Körper, verfinsterte die Gemüther – und hierzu der Unfriede der Welt, der tödtliche Hass der Parteien –: Es war als sollten alle Angelegenheiten der Menschheit in diesen riesenhaften Kampf hineingezogen, und in zerstörender Entscheidung alle Spuren vergangener Zeit vernichtet werden.

Noch Schlimmeres als bis jetzt dargestellt worden, bereitete sich in England. Denn hier brach in den letzten Tagen des Mai das Schweissfieber aus, mitten in dem volkreichsten Theile der Hauptstadt, verbreitete sich rasch über das ganze Königreich, und wurde vierzehn Monate später für alle Völker des nördlichen Europa ein Schreckbild des Entsetzens, wie kaum je eine andere Volkskrankheit. Es zeigte sich sogleich in derselben Tödtlichkeit wie elf Jahre früher, kündigte sich durch keine Vorboten an, und zwischen Wohlsein und Tod lag nur eine kurze Frist

von fünf oder sechs Stunden. So fehlten nun auch

nicht die inneren Erschütterungen des öffentlichen Lebens. Die Gerichtstage wurden aufgeschoben, und vier Wochen nach dem Ausbruch der Seuche unterblieb die Feier des Johannistages *), zum grossen Leidwesen des Volkes, das gewiss nicht davon gelassen haben würde, hätte es vor Bestürzung über das

1) Fabyan, p. 699.

grosse Sterben nur irgend zu Athem kommen können. Am Hofe des Königs wurde es wieder einsam, und zu den vielen Leidenschaften und Gemüthsregungen, welche sich hier seit 1517 durchkreuzt hatten – man gedenke nur des theologischen Eifers, den Heinrich's VIII. Glaubensvertheidigung hervorgerufen – gesellte sich wieder die alte Angst und Beklommenheit, die durch den Tod einiger hochbegünstigten Hofleute gerechtfertigt schien, namentlich zweier Kammerherren *) und des aus Spanien zurückgekehrten Gesandten Sir Francis Poynes. Der König verliess Heinrich VIII. sofort London, und suchte der Seuche durch beständiges Umherreisen zu entgehen, bis er endlich, des unstäten Lebens überdrüssig, in Tytynhangar sein Verhängniss abzuwarten beschloss. Hier lebte er still und abgeschieden mit seiner ersten Gemahlin und wenigen Vertrauten, umgeben von luftreinigenden Feuern, und bewacht von der Vorsicht seiner Aerzte, denen die Genugthuung zu Theil wurde, dass die Seuche von dem einsamen Aufenthalte fern blieb *). Wie hoch in diesem Sterben, welches einige Ge- Menschenschichtschreiber das grosse nennen, der Menschen- verlust. verlust gestiegen sei, kann nur nach den mitgetheilten Thatsachen beurtheilt werden, die eine äusserst gewaltsame Erschütterung der Gemüther beurkunden. Genaue Angaben fehlen durchaus, doch liegt es klar am Tage, das ganze englische Volk, vom Throne bis in die niedrigste Hütte, wurde von dem Angstgefühl der Unsicherheit des Lebens durchzuckt, gegen welches

1) Sir William Compton und William Carew, ausser vielen anderen Vornehmen, die nicht genannt sind.

2) Grafton, p. 412., die Hauptstelle. Vergl. Holinshed, p. 735. – Baker, p. 293. – Hall, p. 750. – Herbert of Cherbury, p. 215.

Hungersnoth.

Gleichzeitigkeit dreier Epidemieen.

weder die Rohheit der Sitten, noch die alltäglichen
Wirkungen mit Blut geschriebener Gesetze *) die Ge-
müther abgestumpft hatten. Dergleichen geschieht nicht
ohne sehr zahlreiche Todesfälle, die jedem Einzelnen
die Gefahr nahe rücken, und so mögen denn aller
Orten die Kirchhöfe reichlich gefüllt worden sein.
Auch kam die mörderische Krankheit nicht allein.
Mangel und Theuerung begleiteten sie, und während
Hunderttausende auf das Sterbelager niedergestreckt
wurden, verschmachteten viele vor Hunger *); man
hätte Aehnliches wie in Frankreich erlebt, wäre nicht
der Kornhandel in etwas zu Hülfe gekommen *).
Als man erst die Vorfälle dieser Unglücksjahre
mehr übersehen konnte, so überzeugte man sich bald,
dass es dieselbe allgemeine Ursache des Er-
krankens war, welche die giftige Seuche im
französischen Lager vor Neapel, das Faul-
fieber der jungen Leute in Frankreich, und
die Schweiss sucht in England hervorrief,
und dass die verschiedene Natur dieser
Krankheiten nur von Bedingungen des Bo-
dens und der Luft beschaffenheit der heim-
gesuchten Länder abhing *). Sollte dagegen
eine beschränkte Ansicht von dem menschlichen Ge-
sammtleben Zweifel erheben wollen, so werden diese
durch die wunderbare Gleichzeitigkeit aller dieser Er-
scheinungen in so verschiedenen Theilen Europas
schlagend widerlegt. Denn während das französische

1) Unter Heinrichs VIII. Regierung (1509 – 1547) wurden nach Harrison 72,000 Verbrecher wegen Raub und Diebstahl hingerichtet, also jährlich fast 2000. Hume, T. IV. p. 275.

2) Stow, p. 885. – 3) Fabyan, a. a. O.

4) „- it seeming to be but the same contagion of the aire, varied according to the clime.“ Herbert of Cherbury, a. a. O.

Heer schon vier Wochen lang dem Elend und den giftigen Dünsten seines Lagers ausgesetzt, die ersten Vorboten seiner Vernichtung gewahrte, da war jenseit der Alpen die grosse Hungersnoth mit der Troussegalant in ihrem Gefolge in vollem Anzuge, und fast in denselben Tagen brach die Schweisssucht an der Themse aus.

4. Naturereignisse. Vorboten.

Die Zeitbücher aller europäischen Völker sind voll von denkwürdigen Angaben über die Störungen der Natur in eben diesen Jahren, welche dem Pflanzen- und Thierleben so überaus feindlich wurden. In England bereitete sich die Zeit des Elends schon zu Ende des Jahres 1527 vor. Den ganzen Winter über (November, December und Januar 1528) überschwemmten Regengüsse das Land, die Flüsse traten aus ihren Ufern, und so wurde die Wintersaat durch Fäulniss vernichtet. Dann blieb es trocken bis zum April, kaum hatte man aber die Sommersaat dem Boden anvertraut, so regnete es wieder volle acht Wochen, Tag und Nacht, so dass auch nun die letzte Hoffnung auf eine Ernte vernichtet wurde"), und die durchnässte Erde in dicken Nebeln den wohlbekannten Dämon der Schweisssucht ausbrütete. Es frommte nun nicht, dass die Regengüsse nachliessen, denn der aufgeweichte Boden gab der Seuche anhaltende Nahrung, und die feuchte Wärme, die mit unzeitiger Kühle wechselnd, die nächsten Jahre in ganz Europa herrschend blieb, machte mehr und mehr die Körper für grosse Krankheiten empfänglich.

Die Geschichtschreiber dieser Zeit waren mit den

1) Stow, a. a. O.

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verworrenen Angelegenheiten des Hofes und der Kir-
che allzusehr beschäftigt, um der Natur einige Auf-
merksamkeit zu widmen; deshalb haben sie uns über
die Witterung und den Verlauf der nächsten Jahre
in England keine genauen Nachrichten hinterlassen,
doch ist kein Grund anzunehmen, dass sie wesentlich
anders gewesen, als im übrigen Europa. Eine Zu-
sammenstellung wichtiger Ereignisse mag dies bewei-
sen, im Verein mit den über Frankreich und Italien
schon mitgetheilten Angaben.
In Oberitalien traten schon im Jahre 1527 so be-
deutende Ueberschwemmungen aller Flussgebiete ein,
dass die Astrologen eine neue Sündfluth verkündigten.
Sie wiederholten sich in gleicher Ausdehnung und Ver-
derblichkeit im folgenden Jahre, so dass nicht ohne
Grund auf eine Ueberhäufung der höchsten Gebirge
Europas mit Schnee geschlossen werden kann. 1529
den 3. Juli folgte ein gewaltiges Erdbeben in Ober-
italien, und bald darauf ein sogenannter Blutregen in
Cremona *).
1530 im October trat die Tiber so hoch über
ihre Ufer, dass in Rom und der Umgegend an 12,000
Menschen ertranken. Einen Monat später durchbrach
die See in den Niederlanden die Deiche, und Hol-
land, Seeland und Brabant litten sehr bedeutend durch
das Ueberfluthen des Wassers, das zwei Jahre darauf
sich wiederholte *).
1528 zeigten sich in der Mark Brandenburg bei
anhaltendem Südostwinde und grosser Trockenheit *)
(die Nässe begann in Deutschland erst 1529) Heu-

1) Campo, p. 150. 51.
2) Grafton, p. 431. – Wagenaar, Bd. II, S. 516.
3) Haftitz, S. 130.

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