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epidemischen Einflüsse, die sich von Europa aus westwärts erstrecken, immer erst einiger Zeit bedürfen, um die Ostküste von Amerika zu erreichen. Aber auch ohne diese Erscheinung in der neuen VWelt, die jetzt zum ersten Male im Kreise der Beob: achtung der Volkskrankheiten hervortritt, sind Thatsachen von hinreichender Zahl und Glaubwürdigkeit vorhanden, um zu beweisen, dass der englische Schweiss von 15 17 nicht allein, sondern umgeben von einer ganzen Gruppe von Volkskrankheiten erschien, und diese durch allgem eine krankmachende Einflüsse von unerkanntem Wesen hervorgerufen wurden.

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zeigen in überraschender Entwickelung, dass das Ge

schick der Völker von den Gesetzen des physischen Lebens zu Zeiten noch weit mehr geleitet wird, als von dem Willen der Mächtigen dieser Erde, und allen Regungen menschlicher Thatkraft, die den entfesselten Naturkräften ohnmächtig widerstreben. Diese Kräfte, unerforschlich in ihrem Walten, zerstörend in

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ihren Wirkungen, halten den Lauf der Begebenheiten
zurück, sie vereiteln grosse Entwürfe, sie lähmen den
Geist in seinem kühnsten Fluge, sie haben oft kampf-
rüstige Heere mit dem Schwerte des Todesengels ver-
nichtet, wenn ihnen der Sieg schon freundlich ent-
gegenkam.
Die Schmach von Pavia*) zu tilgen, sandte
Franz I., mit England, der Schweiz, Rom, Genua
und Venedig gegen den übermächtigen Kaiser verbün-
det, ein treffliches Heer nach Italien. Des Kaisers
Truppen wichen zurück, wo französische Helmbüsche
sich zeigten, nur Frankreichs Fahnen und der Kriegs-
erfahrung eines bewährten Führers*) schien der Sieg
treu zu bleiben. Alles versprach einen ruhmvollen
Ausgang – nur Neapel, schwach besetzt von deut-
schen Landsknechten und Spaniern *), blieb noch zu
überwinden. Die Belagerung wurde am ersten Mai
1528 eröffnet, und der Feldherr verpfändete zuver-
sichtlich seine Ehre für die Eroberung dieser festen
Stadt, die einst den Franzosen so verderblich gewe-
sen *). Denn es war leicht, mit einem Heere von
30,000 kraftvollen Kriegern *) die Kaiserlichen zu
überwältigen, und eine kleine Schaar Engländer *)
schien nur zu den Siegesfesten gekommen zu sein.
Auch litt die Stadt Mangel, von Doria mit genuesi-
schen Galeeren eingeschlossen, das Trinkwasser fehlte,

1) 24. Februar 1525. – 2) Lautrec.

3) Anfänglich unter Hugo de Moncada, nachher unter dem Prinzen von Oranien.

4) 1495 – dem Jahre der Lustseuche.

5) Unter ihnen einige Regimenter Schweizer.

6) 200 Reiter unter Sir Robert Jerningham, nachher

unter John Carew. Beide starben an der Lagerkrankheit. Herbert of Cherbury, p. 212 seq.

nachdem Lautrec die Wasserleitungen von Poggio reale hatte abgraben lassen, und so begann die Pest um sich zu greifen, die unter den Deutschen seit der Plünderung von Rom *) nie aufgehört hatte. Doch geriethen bei dieser Sicherheit des französischen Waffenruhms die Vorbereitungen guter Erfolge allmählich in Verwirrung. Den kleineren Wechselfällen des Krieges blieb die Tapferkeit des eben so unbeugsamen als vorsichtigen Heerführers wohl gewachsen, während aber die Länge des Wartens die Thatkraft lähmte, so zeigte sich plötzlich die Natur selbst den sieggewohnten Schaaren verderblich, es begannen Seuchen unter ihnen zu wüthen, und den ferntreffenden Pfeilen des Sonnengottes war mit menschlichem Muthe nicht länger zu widerstehen. Das Ende war, dass in Zeit von sieben Wochen von dem ganzen, eben erst noch kampflustigen Heere kaum noch ein Häuflein von einigen Tausend leichenähnlicher Gestalten übrig blieb, fast unfähig die Waffen zu führen und der Stimme ihrer kranken Führer zu folgen. Am D. 29. August 29. August wurde die Belagerung aufgehoben, nach- ausgehoben. dem der heldenmüthige Lautrec, von Unmuth und Krankheit niedergebeugt, funfzehn Tage früher seinen Geist aufgegeben, die Trümmer des Heeres zogen unter Donner und Platzregen ab *), geriethen bald in die Gefangenschaft der Kaiserlichen, und nur Wenige sahen ihr Vaterland wieder. Diese Belagerung brachte über Frankreich noch grössere Trauer, als die kaum verwundene Schlacht von Pavia, denn es waren an 5000 französische Edelleute, zum Theil aus den berühmtesten Häusern, un

1) 1527, den 6. Mai.
2) Jovius, L. XXVI. Tom. II. p. 129.

ter den Mauern von Neapel umgekommen, auch wurden ihre weiteren Folgen für König und Volk demüthigend, denn durch ihr Misslingen scheiterten alle noch haltbaren Entwürfe, die französische Herrschaft jenseits der Alpen zu befestigen. Um so aufmerksamer haben wir die wesentliche Triebfeder dieses Ereignisses ins Auge zu fassen, die in das Gebiet der ärztlichen Untersuchung gehört.

Anfang des Das Sterben im Lager begann nach den gewöhn

Sor" lichen Widerwärtigkeiten, die ein Kriegsheer in Feindes Land umgeben, wahrscheinlich schon im Juni. Unersättlich waren Franzosen und Schweizer im Genusse des Obstes, das ihnen Gärten und Felder reichlich darboten, während es an Brot und anderer zuträglicher Nahrung mangelte *). Hierdurch entstanden bald Fieber, die sich je länger je mehr zur Bösartigkeit steigerten, gewiss nicht ohne schwächende Durchfälle, die unter Umständen dieser Art nie ausbleiben, und an und für sich schon zu den verderblichsten Lagerkrankheiten gehören, indem sie nicht nur tödtliche Erschöpfung bringen, sondern auch durch Verpestung der Luft die schlimmsten Seuchen vorbereiten. Doch achtete man dieser Krankheiten nur wenig, und suchte mithin auch nicht ihre Ursachen zu vermindern. Täglich fiel es mehr in die Augen, dass die Abgrabung der Quellen bei Poggio reale, die Lautrec befohlen hatte, um die Belagerten zu einer früheren Uebergabe zu nöthigen, für die Belagerer selbst höchst nachtheilig wurde. Denn das Wasser hatte nun keinen andern Abfluss, als in die Ebene des Lagers, wo es die Erde wie eine Sumpfwiese durchdrang, und in dichten Abend- und Morgennebeln sich erhob. Hier

1) Jovius, L. XXVI. Tom. II. p. 114.

durch wurde, während anhaltender Südwinde, das Erkranken bald allgemein: Man sah die Krieger, die nicht schon in den Zelten daniederlagen, von widriger Blässe entstellt, mit dick angelaufenen Füssen und geschwollenem Leib sich mühsam einherschleppen, so dass sie, der nächtlichen Wachen überdrüssig, von beutegierigen Neapolitanern oft beraubt wurden. Das grosse Sterben begann erst gegen den 15. Juli, jetzt wurde aber das Elend so furchtbar, dass nur etwa

drei Wochen hinreichten, um die fast gänzliche Zer

störung des Heeres zu vollenden "). Neben und in den ausgestorbenen Zelten wucherte Unkraut, Tausende verschmachteten ohne Hülfe, stumpfsinnig oder in tobender Fieberwuth *); in den Schanzen, in den Zelten, gleichviel wo der Tod seine Opfer ereilt hatte, lagen unbegrabene Leichen, die Todten sprengten, von Fäulniss angeschwollen, ihre flachen Gräber, und so erfüllte ein giftiger Modergeruch weit und breit das ganze Lager. Der Ordnung und Kriegszucht dachte niemand mehr, auch waren viele Befehlshaber und Hauptleute, entweder erkrankt, oder um der Anstekkung zu entgehen, in die benachbarten Orte entflohen *) – Frankreichs Waffenruhm war dahin, und seine stolzen Fahnen senkten sich vor einem unheimlichen Gespenst – einer Lagerkrankheit. Unterdessen war auch auf den venetianischen Galeeren unter

1) Nach Mezeray war die Seuche zu Ende Juli am heftig- sten, womit Jovius übereinstimmt, der das Ende des grossen

Sterbens, wohl allzugenau, auf den 7. August festsetzt.
2) In Bezug auf diesen, wahrscheinlich entzündlichen Zu-
stand der Aufregung ist vielleicht die Angabe einiger Beachtung
werth, dass dem Feldherrn selbst zweimal zur Ader gelassen
wurde. Jovius, a. a. O. p. 125.

3) Jovius, a. a. O. p. 116 118.

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