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In der Schweiz. 1517.

die vereinte Wirkung dieser beiden Mittel nicht ab-
gehalten werden. Ausserdem war der Erfolg reini-
gender Gurgelwässer, mit denen man die Ver-
breitung des Uebels auf die Lungen verhütete, und
einhüllender Brustmittel entschieden heilsam, und es
wird versichert, alle so Behandelte wären leicht ge-
nesen *).
Ist diese Krankheit, für welche die Zeitgenossen
keinen Namen erfanden, schon an sich auffallend und
eigenthümlich, so ist es noch mehr ihr schnelles Auf-
treten und ihr plötzliches Verschwinden. Die mei-
sten der von ihr Ergriffenen erkrankten zu gleicher
Zeit, und kaum waren elf Tage unter Noth und Trauer
vergangen, so wurde niemand weiter befallen, die vie-
len Todten waren begraben, und ohne das Tagebuch
des würdigen Tyengius *) würde sich keine ver-
ständliche Erinnerung an diese denkwürdige Volks-
krankheit erhalten haben, die sich ohne Zweifel wei-
ter, als bloss über das nebelige Holland, und wahr-
scheinlich mit noch grösserer Bösartigkeit verbreitete.
Denn wir finden sie in demselben Jahre in Basel wie-
der, wo sie innerhalb acht Monaten an 2000 Men-
schen tödtete, und ihre Zufälle, so scheint es, sich
noch viel deutlicher entwickelten. Von den Zwischen-
ländern, welche die Krankheit höchst wahrscheinlich
von Holland aus durchzogen hatte, ehe sie in Basel
erschien, haben wir leider keine Nachricht. Zunge
und Schlund wurden weiss, wie mit Schimmel über-
zogen, die Kranken mochten weder essen noch trin-

1) Tyengius, bei Forest Lib. VI. Obs. II. Schol. p. 152.

2) Forest hat die ungedruckten, wahrscheinlich verloren gegangenen Werke dieses vorzüglichen Arztes benutzt, von dem wir ohne ihn keine Kenntniss haben würden.

ken, und unter andauerndem Kopfweh mit Irrereden
litten sie an bösartigem Fieber. Auch hier erkannte
man, nächst einem innern Heilverfahren, das nicht nä-
her bezeichnet ist, die Reinigung des Mundes für ei-
nen wesentlichen Theil der Behandlung, alle zwei
Stunden entfernte man den zähen weissen Ueberzug,
und bestrich danach Zunge und Gaumen jedesmal mit
Rosenhonig"), wonach die Kranken leichter genasen,
als wenn dieses Verfahren unterlassen wurde *).
Es scheint nach neueren Erfahrungen keinem Zwei-
fel zu unterliegen, dass diese Krankheit in einer Schleim-
hautentzündung bestanden habe, die sich mit Aus-
schwitzung lymphatischer Stoffe vom Schlunde bis in
den Magen, und zugleich durch die Luftröhre bis in
die Lungen verbreitete, mit dem Schlund croup also
übereinstimmt, den man noch vor wenigen Jahren als
eine neue Krankheit aufgestellt, und sogleich mit ei-
nem besondern Namen bezeichnet hat *). Ihre nach-
malige Erscheinung in dem denkwürdigen Jahre 1557,
über welche wir einen noch genaueren Bericht haben,

1) Die Neueren, die den gewaltigen Mitteln den Vorzug geben, ohne damit weiter zu kommen, wählen hierzu den Höllenstein.

2) Wurst isen, S. 707. – „In diesem siebenzehenden jar entstund eine unbekannte Sucht, das den Leuten die Zung und Schlund, gleich als mit Schimmel überzogen, weiss wurden, weder essen noch trincken mochten, mit einem Hauptwehe, nicht one pestilentzischs Fieber, welches die Leut von vernunft bracht, auch bei 2000 Personen innerhalb acht Monaten zu Basel hinname. Welchem sollt geholffen werden, demselbigen musste neben anderen mitlen, je zu zweien stunden, der Mund und Schlund biss auffs Blut sauber geseget, demnach mit Rosenhonig gelindert werden.“

3) Bretonneau's Diphtheritis. Vergl. Naumann’s Abhandlung darüber in des Verf. Wissenschaftlichen Annalen der ges. Heilkunde, Bd. XXV. H. 3. S. 271.

In Holland 1557.

Wechselfieber.

bekräftigt diese Annahme noch mehr. In diesem Jahre brach sie im October aus, und wurde von Forest, der sie selbst überstand, in Alkmaar beobachtet, wo sie ganze Familien befiel, und innerhalb weniger Wochen über 200 Menschen tödtete, jedoch nicht so überaus rasch verlief, wie 1517, sondern mit einem gelinden Fieber begann, wie ein gewöhnlicher Katarrh, und ihre grosse Bösartigkeit erst in allmählicher Entwickelung offenbarte. Dann zeigten sich plötzlich Erstickungszufälle, und das Brustleiden war ausgebildet, mit so verzweiflungsvoller Beklemmung, dass die Kranken in den Anfällen zu sterben wähnten. Der krampfhafte, beengende Husten steigerte das Uebel mehr und mehr, und wurde, bevor es zum lindernden Schleimauswurfe kam, vornehmlich den Schwangeren gefährlich, von denen innerhalb acht Tagen sechzehn starben, während die überlebenden alle zu früh niederkamen. Sehr verschiedenartig in seinem Verlaufe war das die Entzündung begleitende Fieber. Mit anhaltendem Verlaufe wurde es bei den wenigsten Kranken beobachtet, brachte aber dann die grösste Gefahr; doch erfolgte der Tod wohl erst gegen den neunten oder vierzehnten Tag, nachdem im Jahre 1517 eben so viele Stunden das Lebensende herbeigeführt hatten. Nach dieser Zeit verminderte sich die Gefahr, und von Anfang an waren die Kranken – stand ihnen ein guter Arzt zur Seite – vor Erstickung mehr gesichert, deren Uebel nur von einem Wechselfieber begleitet wurde. Dies erschien, so deutlich war der Einfluss des holländischen Bodens, von der reinsten, ungetrübten Form, bis zum Uebergange in anhaltendes Fieber in mannigfachen Abstufungen. Hier war denn auch die Entzündung weniger vollständig ausgebildet, so dass selbst das sonst unerlässliche Aderlass zuweilen entbehrlich wurde. Alle Kranken litten am meisten des Nachts und des Morgens, wie dies die Entzündung des Kehlkopfs und der Luftröhre mit sich brachte, die man jedoch als solche bei der damaligen Erfahrung nicht zu erkennen vermochte, indem man nur eine leichte Röthung im Schlunde wahrnahm. Das schmerzhafte Magenleiden war auch in dieser Volkserkrankung sehr deutlich ausgeprägt, so dass der Druck in der Herzgrube unter fortwährendem sauern Aufstossen selbst nach einer Reihe von sechs bis sieben Fieberanfällen noch nicht verschwand, und die Genesenden noch lange Zeit mit Verdauungsbeschwerden, Hinfälligkeit und Hypochondrie behaftet blieben. Die Schleimhautentzündung nahm hier ohne Zweifel die Nervengeflechte des Unterleibes in Anspruch, wie dies Y. zu geschehen pflegt, und veränderte die Absonderung von Grund aus. Dies bewies die Behandlung, denn durch die nothwendigen Abführmittel wurde übelriechender Schleim mit Galle vermischt in grosser Menge ausgeleert. Das Volk erkrankte, wie unser treffliche Augenzeuge versichert, wie durch einen giftigen Hauch, so plötzlich, dass an einem Tage über 1000 Menschen in Alkmaar bettlägerig wurden, nachdem dicke, übelriechende Nebel einige Tage vorher sich über das Land verbreitet hatten. Nicht so bald wie im Jahre 1517 kam diese Seuche zu Ende, sondern sie verzögerte sich bis in den Winter, und scheint von einer ganzen Reihe krankhafter Erscheinungen den Beschluss gemacht zu haben, namentlich der schon erwähnten Influenz in ganz Europa, und der Drüsenpest in Hol-Pest in Holland in der Mitte des Sommers, Erscheinungen, wel- land. 1557. chen sich auch die gewöhnlichen Begleiter von Volkskrankheiten hinzugesellten: grosse Theuerung und Un

Pocken in Amerika. 1517.

gewöhnliches im Dunstkreis, wie z. B. elektrisches
Leuchten hervorstehender Gegenstände und anderes").
Die nahe Verwandtschaft dieser Luftröhren- und
Schlundentzündung mit dem epidemischen Katarrh liegt
wohl am Tage. Denn hier sind nur Abstufungen und
allmähliche Uebergänge in dem Leiden der Schleim-
häute, wie in der Wirkung atmosphärischer Einflüsse,
die zunächst die Werkzeuge des Athmens in Anspruch
nehmen. Wir glauben daher mit vollem Rechte der
beschriebenen Volkskrankheit in Holland und Deutsch-
land vom Jahre 1517 dieselbe Bedeutung wie den
Influenzen beilegen, und die krankhafte Regung des
menschlichen Gesammtlebens, die sich in ihr offen-
barte, für ein Vorzeichen der englischen Seuche er-
klären zu können, die gleichzeitig vorbereitet durch
veränderte Luftbeschaffenheit, einige Monate später
zum Ausbruch kam.
Es darf hier nicht unerwähnt bleiben, dass in
demselben Jahre 1517 die Pocken – und mit ihnen
wie die Raden unter dem Korn die Masern – von
den Europäern nach Hispaniola gebracht wurden, und
in dieser wie in der folgenden Zeit unter den un-
glücklichen Einwohnern furchtbar wütheten. Ob der
Ausbruch dieser ansteckenden Krankheiten in der neuen
Welt von epidemischem Einfluss begünstigt gewesen
sei, oder nicht, kann nicht mehr ermittelt werden.
Doch wird die erste Annahme durch die Thatsache
wahrscheinlich, dass dic Pocken nicht früher als im -
folgenden Jahre ihre grössten Verheerungen in Hispa-
niola machten *), und nach neueren Erfahrungen die

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2) Petr. Martyr. Dec. IV. Cap. 10. p. 321. – Vergl. Moore, p. 106.

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