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weniger, als in der Hauptstadt, die meisten dortigen Einwohner wurden innerhalb einiger Tage bettlägerig, und die aufblühenden Wissenschaften – nie wurden sie in England mit grösserem Eifer bearbeitet, – erlitten empfindliche Verluste durch den Tod vieler würdigen und ausgezeichneten Gelehrten *). Schottland, Irland und alle anderen überseeischen Länder blieben noch für diesmal verschont; nur das nahe Calais wurde von der Seuche erreicht *), doch kann man nach späteren Beobachtungen mit Sicherheit annehmen, dass nur die dortigen Engländer, nicht aber die französischen Einwohner daran erkrankten; wie es denn ausgemacht ist, dass das übrige Frankreich sich noch durchaus frei von der Krankheit erhielt. Wäre dies nicht geschehen, so hätten die Zeitgenossen gewiss nicht unterlassen, von einem so wichtigen Ereigniss Kunde zu geben.

3. Ursachen.

Die Einflüsse, welche dieses dritte Erkranken des englischen Volkes veranlassten, sind dunkel, und entsprechen nicht ganz denen der Jahre 1485 und 1506. So fällt es vor allem auf, dass der Feuchtigkeit, die an dem früheren zweimaligen Entstehen der Schweisssucht so entschiedenen Antheil nahm, für diesmal nicht ausdrücklich Erwähnung geschieht, und das Jahr 1517 wohl in den meisten Beziehungen zu den gewöhnlichen gehörte. Die englischen Zeitbücher theilen darüber nichts auffallendes mit, und aus deutschen er

1) – „omnibus ferc intra paucos dies decumbentibus, amissis plurimis, optimisatque honestissimis amicis.“ Th. Morus bei Erasm. Epist. L. VII. ep. 4. col. 386.

2) Ebend. Die einzige Stelle, wo von der Verbreitung der Krankheit bis jenseits des Kanals die Rede ist.

fahren wir nur, dass der Winter von 1516 sehr milde gewesen, darauf ein fruchtbarer Sommer mit reichlichem Weinertrag *), und ein kalter Winter gefolgt sei. Der Sommer von 1517 war unfruchtbar, doch nicht wegen nasser Witterung, so dass selbst hier und da, namentlich in Schwaben, Vorkehrungen gegen Mangel getroffen wurden *). Ein grosser Komet erschien 1516*), und 1517 entstand in Tübingen, Nördlingen und Calw während eines gewaltigen Sturmes ein Erdbeben, worauf die „Hauptkrankheit“ *) mit Fieber-Hauptkrankwuth häufiger wurde, wenn auch ohne bedeutende Dood Sterblichkeit *). Die Erscheinung war keinesweges 1517. unerheblich *), auch kann man vermuthen, dass unterirdische Regungen in noch grösserer Ausdehnung erfolgten, denn auch in Spanien kamen Erdbeben vor ?). Als der Tag dieses Ereignisses wird der 16. Juni angegeben, und da nun Erdbeben an ungewöhnlichen Orten, d. h. in nicht vulkanischen Gegenden, als Vorzeichen grosser Erkrankungen häufig angeführt wer

1) Spangenberg, M. Chr. fol 408. a. 2) Crusius, T. II. p. 187. 3) Wintzenberger, fol. 21. a. – Angelus, p. 282. – Spangenberg, a. a. O. – Pingré, T. I. p. 483. 4) So hiess in Deutschland das schon oft erwähnte bösartige Fieber mit hirnentzündlichen Zufällen. Wir haben es zuerst als

Volkskrankheit in Frankreich (1482) kennen gelernt. (S. oben S. 13.) Im ganzen sechzehnten Jahrhundert kommt es häufig vor. 5) Crusius, T. II. p. 187. 6) 1517, den 16. Juni, ist ein gros Erdbiedem und ein grausamer Stormwind gewesen zu Nördlingen, das die Pfarrkirch zu St. Emeran gantz und gar aus dem Grund gerissen und ernieder geworffen, und in die 2000 Heuser und Stadel, so man gezehlet auff zwey meil wegs herumb nider geworffen und eingerissen, und wenig Heuser sampt den Kirchen so nicht darinnen beschedigt und zerrut. – Wintzenberger, fol. 21. b.

7) In Xativa. Villalba, T. I. p. 83.

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den – in vulkanischen Gegenden bedeuten sie bekanntlich nichts der Art – so könnte hieraus wohl mit einigem Grunde ein tellurischer Einfluss hergeleitet werden, dem der Schauplatz der zu Anfang Juli – wo nicht noch früher – ausgebrochenen Seuche vielleicht nicht unzugänglich gewesen ist. Ausserdem ist keine grössere Erscheinung aufzufinden, die nach menschlichem Ermessen zur englischen Schweisssucht in unmittelbarer Beziehung hätte stehen können, und die umsichtigste Forschung dringt auch hier nur wieder bis zu dem dichten Schleier, der die unergründlichen Ursachen der Volkskrankheiten verhüllt.

4. Lebensweise der Engländer.

Dass die vorbereitenden Ursachen der Schweisssucht nächst der eigenthümlichen Lebensstimmung, welche England seinen Bewohnern mittheilt, auch in der Weise der damaligen Engländer gelegen haben – wer könnte daran zweifeln? Die Beschränkung der Seuche auf England deutet ganz augenscheinlich darauf hin; kein Schiff brachte sie zu den Holländern, die eine noch viel feuchtere Luft athmeten, oder zu den Franzosen, und doch war der Verkehr der englischen Seestädte mit diesen ganz nahen Völkern überaus lebhaft. Der Völlerei, welche Krankheiten am allgemeinsten vorbereitet, werden in dieser Zeit Vornehme und Geringe angeklagt; diese Eigenschaft der Engländer war im Auslande sprüchwörtlich "). Fleischspeisen mit starken Gewürzen wurden in Uebermass genossen, und lärmende nächtliche Gelage waren zur Gewohnheit geworden, auch liebte man es, am Morgeln,

1) „Il est saoul comme un Angloys.“ – Rondelet, de dign. morb. fol. 35. b.

gen, sogleich nach dem Aufstehen, schweren Wein zu trinken *). Der Cyder, in einigen Gegenden, z. B. in Devonshire, das gewöhnliche Getränk *), wurde schon damals von den Aerzten für schädlich gehalten, denn man sah durch den Genuss desselben Schwächlichkeit mit Blässe entstehen, und die Jugendfrische bei Männern und Frauen verschwinden *). Vielleicht könnte noch Aehnliches in der damaligen Lebensweise aufgeführt werden, woraus hervorgehen würde, dass bei der durchaus noch fehlenden Verfeinerung der Nahrungsmittel vieles Unzuträgliche in der englischen Küche bereitet wurde, und eben deshalb gröbere Verderbnisse des organischen Stoffes entstehen mussten. Der Gartenbau, den die Franzosen schon in dieser Zeit zu kunstreicher Veredelung gebracht hatten *), war in England noch ganz in seiner Kindheit. Man sagt selbst, die Königin Katharina habe sich Küchenkräuter zur Bereitung des Sallats aus Holland kommen lassen, in England wären dergleichen nicht vorhanden gewesen *). Ist nun auch diese Erzählung nicht geradehin auf Treu und Glauben anzunehmen, da sie noch andere Auslegungen gestattet, so beweist sie doch schon an und für sich, was hier hervorgehoben werden soll, und lässt noch auf mehr als den blossen Mangel an feinen Küchenkräutern schliessen.

1) Elyot, in seinem „Castell of Health,“ bei Aikin, p. 64. Rondelet, a. a. O.

2) In dem fruchtbaren Obstjahre 1724 entstand in eben dieser Grafschaft durch unmässiges Cydertrinken eine epidemische Kolik, die Colica Damnoniorum. S. Huxham Opera (Lips. 1764.) Tom. III. p. 54.

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Warmhalten.

Viel wichtiger aber für unsern Gegenstand ist die Sitte des unmässigen Warmhaltens, über welche wir glaubwürdige Berichte haben. Von Jugend auf bedeckte man den Kopf mit dicken Mützen, um vor jeder Kühlung, jeder Zugluft gesichert zu sein, und wie denn nun durch dies unzuträgliche Verhalten das Gehirn fortwährendem Blutandrang ausgesetzt, und die Haut verzärtelt wurde, so gab es in diesem Jahrhundert keine häufigere Krankheit unter den Engländern, als die Flüsse *), welche immer nur wieder durch erschlaffendes Schwitzen und erhitzende Mittel gehoben wurden. Kommt dieses Uebel mit scorbutischer Entmischung zusammen, oder befällt es auch nur Menschen, die der Völlerei ergeben, unausgearbeiteten Nahrungsstoff in ihren Adern bergen, so sucht die erhaltende Lebenskraft einen Ausweg durch die erschlaffte Haut, und die an sich nothwendige und lindernde Regung dieses Gewebes wird zur Krankheit, die wohlthätige Aussonderung artet in Zerfliessen aus, reisst ungewöhnliche thierische Stoffe mit sich fort, und der Körper erliegt dem lange vorbereiteten Angriff. Man stelle sich diese Verweichlichung der Haut als das allgemeine Uebel in England vor, man erwäge den schädlichen Einfluss der vielbenutzten heissen Badestuben *) und der schweisstreibenden Arzneien

1) – „Now a days if a boy of seven years of age, or a young man of twenty years have not two caps on his head, he and his friends will think that he may not continue in health;

and yet if the inner cap be not of velvet or sattin, a serving man feareth to lose his credence.“ Elyot, bei Aikin, p. 64.

2) – „ubi homines perpetuo in hypocaustis degunt, multoque carnium esu seingurgitant, et alimentis piperatis continuo utuntur. Quare factum est, ut continua hypocaustorum aestuatione meatuum cutis relaxatio consequeretur, quae sudoris promptissima et potentissima causa esse solet, cuius materia in humorum

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