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artige und durch ganz Deutschland allgemeine Erkranken des Volkes nahm in dem kalten Winter von 150 und dem darauf folgenden Sommer unter fortdauernden Thierseuchen sein Ende. Es ist gewiss, dass um diese Zeit das Fleckfieber in Italien die Alpen noch nicht überschritten hatte.

Nach allen diesen Thatsachen wird die Vermuthung wahrscheinlich, dass die Schweisssucht, welche England im Jahre 1506 heimsuchte, wenn auch in diesem Lande selbst VO Il keinen erheblichen Vorgängen begleitet, mit der krankhaften Regung des Menschen- und Thierlebens im südlichen und in Mitteleuropa nicht aufser Verbindung stand, und vielleicht als die letzte schwache Nachwirkung geheimnissvoller Triebfedern im Reiche des Organischen angesehen werden kann.

mancherley und dazu unerhöreten Krankheiten. Die Menschen bekamen so schwinde hitzige Fieber, dass sie meineten, sie müssten gar verbrennen, etliche so beschwerliche und untregliche Heubtwehe, dass sie darob sinnlos wurden, etliche so harte Husten, dass sie ohne Unterlass Blut auswurffen, etliche sogar schwinde Flüsse, dass sie ihnen das Hertze abdruckten, etliche wurden im Leibe anbrüchig, stuncken trefflich übel, dass niemand umb sie bleiben kunte. Und solcher wunderbarlichen Krankheiten halben war es ein sehr betrübtes und beschwerlichs Jahr, und folgete darzu ein harter Winter, darinnen die Kelte drey Mond lang an einander anstund. Spangenberg, M. Chr. fol. 402. b. – Vergl. Angelus S. 263., der nach einigen Zeitgenossen einen (von Pingré, I. 479, bezweifelten) Kometen im Jahre 1504 anführt.

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Die zeitgemässen, wenn auch harten Anordnungen Heinrichs VII. trugen bald ihre Früchte. Die Grossen verringerten die Schaaren ihrer Diener, und als noch überdies bei nicht geringer Beschränkung des Ackerbaues viele Landleute entbehrlich wurden *), so mehrte sich die Bevölkerung der Städte bis zur Ueberfüllung, und allmählich regte sich ein lebendiges Treiben unter dem aufblühenden Bürgerstand. Doch geschah diese Umwandlung zu rasch. Reichthum und Wohlleben erzeugten zwar viele und ergiebige Bedürfnisse, – die Engländer galten in dieser Zeit für üppig und weichlich *) – aber da fehlten überall Gewerksleute und Künstler, und so kam es denn, dass aus Genua, der Lombardei, Frankreich, Deutschland und Holland zahllose Fremde einwanderten, und von den besten Erwerbsquellen Besitz nahmen. Hieraus entstand ein eigenthümlicher Druck der Eingebornen, die in ihrer Rohheit gegen die gewandten Ausländer nicht aufkamen, und von diesen noch überdies mit schnödem Uebermuthe behandelt wurden. So wuchs die Bedrängniss der Armen von Jahr zu Jahr, und brachte endlich den Unwillen zum Ausbruch. Ein mächtiger Aufruhr der englischen Handwerker entstand Handwerkerin ganz London, und hätte den Ausländern leicht ver- Aufruhr. derblich werden können, wären die Verhältnisse weniger geordnet gewesen. So aber wurde die Volksbewegung ohne bedeutende Opfer unterdrückt, und König Heinrich VIII. verzieh den Gefangenen an einem feierlichen Gerichtstage in Westminster, indem er die Ursachen des Missbehagens einsah, so dass auch nun bald beschränkende Fremdengesetze erlassen wurden *).

Ausländer.

1) Aus einem Gedichte über Heinrich VIII. bei Herbert of Cherbury.

2) Man fand die Viehzucht vortheilhafter, und verwandelte grosse Strecken Ackerland in Weide. Hume, T. IV. p. 277.

3) Lemnius, fol. 111. b.

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Dies alles geschah im April und Mai des ewig denkwürdigen Jahres 1517, und ganz London hoffte nun wieder auf bessere Tage, als im Juli ganz unver- Ausbruch im muthet die Schweisssucht wieder ausbrach, und aller Juli 1517. früheren Erfahrungen und sorgsamen Pflege spottend, ihre Opfer unausweichlich abforderte. Sie war für diesmal so gewaltig und von so raschem Verlauf, dass sie die Kranken schon in zwei oder drei Stunden wegraffte, und von diesen der erste Fieberfrost für die Ankündigung des sichern Todes gehalten wurde. Keine Vorboten verkündigten sie; viele, die noch zu Mittag fröhlich gewesen, sah man des Abends nicht mehr unter den Lebenden, und so folgte denn dieser neuen Gefahr ein so starres Entsetzen, wie nur je in einer rasch tödtenden Volkskrankheit. Denn aus dem

1) Grafton, p. 294. Dieser Aufruhr heisst bei den Chronisten: „Insurrection of evill May day.“ – Hume, T. IV. p. 274.

Ammonius.

heitern Genusse des Daseins ohne alle Vorbereitung, ohne einen Anschein von Rettung herausgerissen zu werden – dieser Gedanke schreckt auch die sonst Standhaften und erregt heimliches Herzklopfen und Beklommenheit. Unter den niederen Ständen waren die Todesfälle zahllos*) – die Stadt war ohnehin mit Armen überfüllt – aber auch die Reihen der Vornehmen wurden gelichtet, keine Vorsicht hielt den Tod von ihren Palästen entfernt. Ammonius von Lucca, ein nicht unberühmter Gelehrter, und in eben dieser Eigenschaft Geheimschreiber des Königs, starb in der Blüthe seiner Jahre, nachdem er sich noch wenige Stunden vor seinem Tode gegen Thomas Morus gerühmt, durch Mässigkeit und gutes Verhalten sichere er sich und sein Haus vor der Krankheit *). Auch starben in der Umgebung des Königs ausser vielen Rittern, Beamten und Hofleuten die Lords Grey und Clinton; Trauer verdrängte die Heiter

keit und den Glanz der Feste, und in verdriesslicher

1) „Of the common sort, they were numberless, that perished by it.“ Godwyn, p. 23.

2) „Is valde sibi videbatur adversus contagionem victus moderatione munitus: qua factum putavit, ut quum in nullum pene incideret, cuius non tota familia laboraverat, neminem adhuc e suis id malum attigerit, id quod et mihi et multis praeterca iactavit, non admodum multis horisantequam extinctus est.“ – Erasm. Epist. L. VII. ep, 4. col. 386. Die Jahreszahl dieses Briefes von Thomas Morus an Erasmus, 1520, ist offenbar falsch, wie viele andere in dieser Briefsammlung, denn in dieser Zeit herrschte das Schweissfieber nicht in London, auch ist aus anderen Untersuchungen (Biographie universelle – General biographical Dictionary) hinreichend bekannt, dass Ammonius 1517 starb. Dagegen ist der Tag: 19. August, wahrscheinlich richtig. Sprengel hat sich durch die falsche Jahreszahl verleiten lassen, eine eigene Schweissfieberepidemie im Jahre 1520 anzunehmen (Bd. II. S. 686.), welche durch nichts bestätigt wird.

Einsamkeit, in die er sich mit Wenigen zurückgezogen, erhielt der König Botschaft über Botschaft, dass in Städten und Flecken, dort ein Drittheil, dort selbst die Hälfte der Einwohner von der Seuche aufgerieben wären. So mörderisch hatte sie noch nicht gewüthet, so furchtbar die Gemüther noch nie eingeschüchtert! Das Michaelsfest (29. September), das in England immer mit grosser kirchlicher Pracht begangen wurde, musste aufgeschoben werden; auch wurde keine feierliche Christmesse gehalten, denn man fürchtete, der Ansteckung wegen, die grossen Versammlungen des Volkes *), und als um eben diese Zeit die Schweiss- Nachlass im sucht nachgelassen hatte, so begann nach dem Berichte Door einiger Geschichtschreiber die Drüsenpest, welche, Drüsenpest. wenn auch wahrscheinlich nicht allzu bösartig, doch den ganzen Winter über in den meisten englischen Städten herrschend blieb, und die Beklommenheit unter dem Volke fortwährend unterhielt. Der König verliess in dieser Zeit seine Hauptstadt, und vor der Ansteckung bald hierhin bald dorthin zurückweichend, verlegte er sein Hoflager, von wenigen Vertrauten begleitet, von Ort zu Ort, während welcher Bedrängniss (den 11. Februar 1518) die nachmalige Königin Maria geboren wurde °). Volle sechs Monate währte also die Schweiss- Verbreitung. sucht; schon ungefähr sechs Wochen nach ihrem Ausbruche erreichte sie ihre grösste Höhe *), und verbreitete sich von London aus wahrscheinlich über ganz England. In Oxford und Cambridge wüthete sie nicht

1) Grafton, p. 294.; ist ganz ausführlich. Vergl. Holinshed, p. 626. – Baker, p. 286. – Hall, p. 592.

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3) Ist aus obiger Anmerkung über den Tod des Ammonius mit höchster Wahrscheinlichkeit zu schliessen.

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