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weitem nicht die Wirklichkeit unvermutheter Erfolge.
Die Entdeckung der neuen Welt, die Umsegelung von
Afrika wurden die Anfänge grosser Entwickelungen,
doch sollten die Ereignisse im Innern Europas, waren
sie auch für die Zeitgenossen weniger auffallend, in
ihren Folgen noch ungleich wichtiger und heilbringen-
der werden. Denn die Begründung der bürgerlichen
Ordnung bei allen Völkern des Westens fällt in eben
diese Jahre, welche zwischen dem Mittelalter und der
neuern Zeit eine deutliche Gränze bilden. Die kö-
nigliche Macht befestigte sich auf unerschütterlichem
Grunde, und als vor dem Geschütz der Fürsten und
Reichsstädte die Burgen in Trümmer gesunken waren,
so dass die kleinen Zwingherren den Gesetzen Ge-
horsam geloben mussten: da hörten die unablässigen
Raubfehden auf, und in dem innern Frieden gedieh
endlich die Sicherheit des Lebens und Besitzes, die
erste Bedingung milder Sitten und freier Entfaltung
der menschlichen Gesellschaft.
Dieses grosse Ergebniss ineinandergreifender Be-

gebenheiten gelang nicht ohne gewaltige Kämpfe und

Neuerungen, deren Nachwehen noch einige Jahrhunderte lang fühlbar geblieben sind, am meisten hat aber wohl die Gründung der stehenden Heere auf den Fortgang der europäischen Gesittung eingewirkt. Sie wurden ohne Zweifel die Grundpfeiler der gesetzlichen Ordnung, wie sie aber zunächst aus verderblichem Söldnerwesen hervorgegangen waren, so hegten sie noch lange die Keime zügelloser Rohheit, und pflanzten die Sittenverderbniss des Mittelalters auf späte Geschlechter fort. Die Landsknechte ") des

1) Der Name ging in die französische, englische und italienische Sprache über – Lansquenet, Lancichinecho.

Landsknechte.

deutschen Kaisers und die Söldner der Könige von Frankreich und England, die sich während der Kriege den kleinen Stämmen der stehenden Heere anschlossen, waren nur heimathlose Abenteurer aus allen Ländern Europas, und wurden nicht von kriegerischem Ehrgeiz, sondern nur von der Aussicht auf Beute herbeigelockt *). Wurde die Trommel gerührt, gleichviel in welchem Himmelsstriche, so fanden sie sich zusammen wie Heuschreckenschwärme, – niemand wusste woher – und der losen Bande der Kriegszucht spottend, erfreuten sie sich, so lange die Kriege dauerten, eines zügellosen Räuberlebens. Daher die unbegränzte und alles Gefühl empörende Rohheit der Kriegführung, der nur von einzelnen menschlichen Feldherren Schranken gesetzt wurden. Gewiss stand diese Art von Kriegswesen mit dem sittlichen Zustande der westlichen europäischen Völker in einem grellen Widerspruche, der durch die spätere Einführung strenger Kriegszucht nie ganz beseitigt, sondern nur erst in der neuesten Zeit durch die Zusammenstellung wahrer Volksheere ausgeglichen worden ist. Um so verderblicher aber waren die Folgen! Denn wurden nach geschlossenem Frieden die Heere wieder vermindert, so zerstreuten sich die Landsknechte nach allen Richtungen, nicht um wieder hinter dem Pfluge zu gehen, oder das ehemalige Handwerk zu treiben, nein, um in gewohntem Müssiggange die Herbergen und Frauen

1) – „so fleugt und schneuet es zu, wie die fliegen in dem summer, dass sich doch jemand verwundern möcht, wo dieser schwarm nur aller herkäm, und sich den winter erhalten het. Und zwar so ein ellend volck, das man sich ihrs glücks, verderbens und guten lebens billich mer erbarmen dann neiden solt.“ – Franck's Chronik. Von den „verderblichen Landsknechten.“ fol. 217. b.

häuser zu füllen, wenn die Beute ihnen gerathen war, oder hatten sie Trunk und Spiel elend gemacht, um zu allgemeiner Landplage als wandernde Bettler oder Räuber ein ehrloses Dasein bis zu einem neuen Kriegsrufe zu fristen *). Wenige mochten wohl aus so tiefer Versunkenheit wieder auftauchen, auch starben die meisten vor der Zeit, ihren Lastern erliegend *), während die Ansteckung des Beispiels dem Söldnerstande immer wieder neue Schaaren aus Städten und Dörfern hinzugesellte.

2. Neue Verhältnisse.

Es liegt am Tage, dass bei einem solchen Zustande das Verhältniss der Seuchen zur bürgerlichen Gesellschaft ein anderes werden musste, als ehedem. Schädliche Einflüsse, welche die Gesundheit der Städtebewohner im Mittelalter gefährdet, und oftmals geringe Krankheiten zu grosser Bösartigkeit gesteigert hatten, wurden für immer beseitigt. Hierher gehört namentlich die unzuträgliche Bauart der Häuser und Strassen, die noch jetzt in grossen Städten den Bewohnern ganzer Viertel, und nicht bloss den ärmeren, den Lebensgenuss verkümmert. Denn als man Vertrauen zur Sicherheit des Friedens fasste, da bedurfte nicht jede Landstadt mehr der Befestigungen. Man riss die Mauern nieder und trocknete die faulen Gräben aus, und da man nicht mehr auf enge Räume beschränkt war, so baute man bequemere Häuser in luftigen Stra

1) 1518. „Dis Jar ist gewesen eine grosse Vergarderunge der Landtsknecht, so nur garten, und sich aus Frieslandt gemacht, und theten grossen schaden, kamen ins Landt zu Gellern, worden bey Vernlow erschlagen.“ – Wintzenberger, fol. 23. a.

2) „Ich geschweig auch der Verkürtzung des lebens, dann man selten ein alten landsknecht findt.“ Franck, a. a. O.

*.

Lustseuche. 1495.

ssen, die finstern Gassen und dumpfen Kellerwohnungen wurden allmählich verlassen, und ein behaglicheres Leben folgte der früheren Aermlichkeit. Hierdurch wurde die Sterblichkeit bedeutend vermindert und die Gewalt der Seuchen gebrochen, wie denn auch sonst nicht zu verkennen ist, dass die bessere gesetzliche Ordnung der Auflösung der gesellschaftlichen Bande in Pestzeiten und den einst furchtbaren Wirkungen des Aberglaubens und Religionshasses mächtig vorbauete. - Doch wurden diese unschätzbaren Verbesserungen den Völkern nur nach und nach zu Theil, und vor der Hand durch das neue Uebel des Söldnerwesens nicht wenig zurückgehalten. Denn so wie die Keime der Lasterhaftigkeit von umherschweifenden Landsknechten nach allen Seiten hin verbreitet wurden, so fand auch die Ansteckung von bösartigen Krankheiten durch eben diese zerrüttete und überall gegenwärtige Menschenklasse leichter Eingang in die Städte und Dörfer. Die Landsknechte des sechzehnten Jahrhunderts vertraten als Giftverbreiter die Stelle der ehemaligen Römerfahrer und Geisselbrüder, ja sie bewirkten sogar eine viel anhaltendere Landplage als diese Umzügler des Mittelalters, welche nur bei ausserordentlichen Gelegenheiten auftraten. Man erinnere sich hierbei nur der bösartigen und überaus widrigen Lustseuche, die sich zu Ende des funfzehnten Jahrhunderts mit Blitzesschnelle über ganz Europa verbreitete! Nicht die unschuldigen Völker der neuen Welt haben sie herübergesendet, nicht die gemisshandelten Marranen, die Opfer der spanischen Inquisition, haben sie ausgebrütet –: es war das Söldnerheer Karl's VIII. in Neapel (1495), dessen Ausschweifungen das längst vorhandene Gift zu nie gesehener Bösartigkeit entwickelten, und der althergebrachten Sittenlosigkeit eine Geissel bereiteten, vor der alle Welt mit Entsetzen zurückbebte. Es ist ausserdem hier am Orte zu bemerken, dass in den grösseren Heeren, welche bei der veränderten Kriegführung jetzt in das Feld gestellt wurden, die gewöhnlichen Lagerkrankheiten, denen sich in dieser Zeit eine neue und sehr verderbliche hinzugesellte *), viel ergiebigere Nahrung finden mussten, als in den weniger zahlreichen Heerhaufen der früheren Jahrhunderte, und mithin auch von dieser Seite die friedlichen Städteund Landbewohner bedeutenden Gefahren ausgesetzt wurden.

3. Schweifs sucht.

Unterdessen wurde Europa von den Seuchen des Mittelalters oftmals, und mit nicht geringen Verheerungen heimgesucht. Doch ertrug man die Schrecken der immer wiederkehrenden Pest mit trübsinniger Ergebung in das unabwendbare Missgeschick, welches der Zorn Gottes – der Vorstellung des Zeitalters gemäss – als eine gerechte Strafe über die Menschheit verhing. Auch die Engländer blieben von dieser Pest in Lonfurchtbaren Plage nicht verschont, die im Jahre 1499 don. 1499. allein in London 30.000 Einwohner wegraffte, so dass der König es räthlich fand, sich mit seinem ganzen Hofe nach Calais zurückzuziehen *). Und so war allmählich die Erinnerung an die Schweisssucht von 1485 erloschen. Niemand dachte mehr ihrer möglichen Rückkehr, und alle Welt war mit anderen Din

1) Das Fleckfieber, von dem weiter unten die Rede sein wird.

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