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Vielleicht war dieses Kriegsheer nicht schlimmer, als alle anderen dieser Zeit *), aber gewiss voll hinreichend verderbter Säfte, um während einer siebentägigen Seefahrt, in unreinen Schiffen eng zusammengeschichtet, die Keime einer bösen Krankheit auszubrüten, welche bald darauf an den Ufern der Severn, wie im Lager zu Lichfield, zum Ausbruch kommen sollte.

6. Wesen der Sch Weiss Sucht.
Vorläufige Erörterung.

Hier bedarf es nun vor allem einiger Andeutung des Wesens dieser Krankheit. Sie war ein hitziges FIufsfieber mit grossem Nervenleiden; für diese Annahme spricht die Art ihres Ursprunges und ihre besondere Entscheidung durch überreichlichen und schadhaften Schweifs. So viel wir noch die schädlichen Einflüsse im Jahre 1485 zu beurtheilen vermögen, so kann unbedenklich angenommen werden, dass die Nässe dieses und der vorhergehenden Jahre die Verrichtung der Lungen und der Haut beeinträchtigt, und das Verhältniss dieses vielseitig lebendigen Gewebes zu den inneren Werkstätten des Lebens gestört habe. Dies pflegt der Anfang von Flussfiebern zu sein, welche nun auch in der Art ihrer Aus

eux, ils détruisoient tout le pais, et on devoit méme craindre, que ce mal ne se communiquät aux provinces voisines. Mais il se présenta alors une belle occasion de delivrer la France de ces pillards – – – et lui donna (Charles VIII.) tout ces francsarchers et brigands de Normandie jusqu'au nombre de 3000. Mezeray, T. II. p. 762.

1) „La milice estoit plus cruelle et plus desordonnée que

jamais.“ So spricht Mezeray von den französischen Soldaten im Allgemeinen. T. II. p. 750.

Ausgleichung der englischen Schweisssucht wie kleine Erscheinungen den gleichartigen grossen entsprechen. Doch geben die überwiegenden Zufälle des Hirns und der Nerven der englischen Seuche ein eigenthümliches Gepräge. Heftig war in dieser Krankheit das achte -Nervenpaar ergriffen. Dafür sprechen das erschwerte Athmen, die grosse Angst der Kranken mit Ekel und Erbrechen, Zufälle, denen die Späteren Werth und Bedeutung beilegen *). Betäubung und unausweichliche Schlafsucht zeugen von Lähmung des Gehirns, welcher sich wahrscheinlich träge Zurückhaltung des schwarzen Blutes in den erschlafften rückführenden Adern hinzugesellte. Auch kommt hierbei eine in den Körpern vorbereitete Verderbniss und Entmischung des Blutes in Anschlag, welche durch fast gleichzeitige grosse Erscheinungen im mittleren Europa erwiesen wird, wenn man vielleicht auch weniger geneigt sein sollte, sie aus den übelriechenden Schweissen in der Krankheit selbst zu folgern. Denn vornehmlich in Deutschland herrschte im Jahre 1486 der Scharbock als Volkskrankheit mit so grossen und ungewöhnlichen Zufällen, dass man ihn für ein ganz neues Uebel zu halten geneigt war *). Nun ruft in dem lebendigen Zusammenhange der Verrichtungen jede Hinderung des Athmens, entweder von aussen durch Druck, oder von innen durch Krampf und Nervenreizung, oder auch durch krankhaften Zustand des

1) Schiller, Sect. II. c. 1. p. 131. b.

2) Angelus, S. 253. – Spangenberg, M. Chr. fol. 398. b. – Im 15ten und 16ten Jahrhundert war der Scharbock ohne Vergleich bedeutender für die menschliche Gesellschaft, als jetzt, und trat mehrmals als Volkskrankheit auf. Man vergleiche vorzüglich Reusner, dessen Werk für die Geschichte der Volkskrankheiten überhaupt nicht unwichtig ist, Sennert, Wier u. a.

Blutes, unausbleiblich die ausgleichende Hautthätigkeit hervor, und der Körper trieft von erleichterndem Schweisse. Es ergiebt sich also ganz deutlich, dass der strömende Schweiss in unserer Krankheit, mit allen seinen Merkmalen schadhafter Beimischung, das Ergebniss einer von Seiten der Lungen angeregten, an und für sich kritischen Bewegung war, und damit stimmen alle Ursachen überein, von denen wir noch Kunde haben. Schädliche, sogar übelriechende Nebel drangen in das Innere der Werkzeuge des Athmens, und wie hierdurch das Blut in seiner Mischung und in seinem Leben in Anspruch genommen, und eine nur durch starkes Schwitzen auszugleichende Verderbniss in ihm angeregt wurde, so konnte ein unmittelbarer Eingriff in die weitausgedehnte Verrichtung des achten Nerven nicht fehlen, welche bei vielen – so berichten die Späteren – selbst in das Rückenmark ausstrahlte, und heftige Zuckungen herbeiführte ). Damit haben wir nur eine wesentliche von den vielen Triebfedern der riesenhaften Krankheit bezeichnet, und zwar eine solche, die das Fortschreiten und die Ausbreitung der Seuche anschaulich macht. Es ist höchst wahrscheinlich, der angeführten Gründe wegen, und diese Annahme stimmt mit aller menschlichen Erfahrung überein, dass sie in dem Heere Hein – rich's VII. zuerst ausgebrochen sei, unbezweifelt gewiss, dass sie sich von Westen nach Osten, und nachher wieder von Osten nach VWesten verbreitete. Bei der ganz gleichmässigen Einwirkung der vorbereitenden Ursachen, bei welchen die Krankheit ohne Zweifel in ganz England zu gleicher Zeit hätte ausbrechen müssen, wenn der Zustand der Luft ihre einzige Veranlassung gewesen wäre, lässt sich mithin eine bestimmte Ursache ihres Vorrückens über Städte und Dörfer vermuthen. Diese entwickelte sich allem Anscheine nach in dem mit üblem Geruche überladenen Dunstkreise der Kranken, so wie in den Zelten und Wohnungen, in denen die Soldaten Heinrichs VII. nach Entbehrungen und harter Anstrengung in Sturm und Regen eng zusammengedrängt hausten. Für beides giebt die neuere Beobachtung verwandte Beispiele: VWechselfieber verbreiten sich in der von den Kranken selbst verunreinigten Luft leichter, und Haufen von Soldaten, die selbst gesund waren, haben nicht selten Lagerfieber in entlegene Orte gebracht. Es kommt wenig darauf an, mit welchen Ausdrücken der Schule man diese Vorgänge bezeichne, am besten ist es vielleicht, sich ihrer ganz zu enthalten, denn sie sind alle unzureichend und veranlassen Missverständnisse; aber gewiss hatten die Zeitgenossen Recht, wenn sie den Gedanken an Ansteckung im Sinne der ihnen wohlbekannten Pest nicht aufkommen liessen "). Denn allzuhäufig kamen unter den Vornehmen Erkrankungen vor, welche aus Verpestung durch Kranke nicht zu erklären waren, und offenbar ohne die gewöhnlichen Veranlassungen entstanden. In diesen Fällen gab die Todesfurcht, die der Krankheit überallhin vorauseilte, und die Brustnerven in krampfhaften Aufruhr brachte, den Anstoss zu dem durch die Luftbeschaffenheit und Wohlleben längst vorbereiteten Uebel. Wäre diese Ansicht der Zeitgenossen auch weniger unbefangen gewesen, als sie war, so hätte sie den schlagend

1) Schiller, a. a. O.

1) It was conceived not to bee an Epidemicke Disease, but to proceed from a malignitie in the constitution of the Aire, gathered by the predispositions of Seasons: and the speedie cessation declared as much. Baco, p. 9.

sten Beweis in dem plötzlichen Aufhören der Seuche im ganzen Lande finden können. Denn die verderblichen Luftgeister, welche selbst von den stolzen Naturforschern des neunzehnten Jahrhunderts nicht erkannt worden wären, zerstoben und verschwanden für die Zeit eines halben Menschenalters in dem Brausen des Sturmes vom 1. Januar 1486.

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Zu Anfang des sechzehnten Jahrhunderts war die Welt anders gestaltet, als in dem Jahre, wo Heinrich VII. seine Fahnen zum Siegeszuge entfaltete. Die Nacht des Mittelalters war zurückgewichen wie vor einer noch hinter Wolken unsichtbaren Sonne; seiner noch unbewusst regte sich der Geist in ungewohnter Tageshelle: die ganze Erde sollte sich verjüngen, neue Bildungskraft sich offenbaren, nie sah man grössere Begebenheiten, nie erregten schöpferische Gedanken siegreicher das menschliche Leben. Die Erfindung Guttenbergs durchbrach die Schranken der Finsterniss und gab der Denkfreiheit unvergängliche Schwingen, nie geahnete Kräfte entwickelten sich unaufhaltsam, und wie nun im westlichen Europa ein mächtiger Wille sich regte, die alten Gränzen menschlichen Treibens kühn zu überschreiten, so erreichten die Hoffnungen der Einsichtsvollen noch bei

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