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Behandlung.

matischen Uebeln nicht so günstig ist, um eine be-
stimmt abgegränzte Form derselben ganze fünf Jahr-
hunderte hindurch immer wieder und wieder vorkom-
nnen zu lassen; dem Wesen der genannten hitzigen
Fieber, welche mitten in ihrem Verlaufe keine rheu-
matischen Zufälle dulden, und der Behandlung der
Herzkrankheit. Denn es war ein gewöhnliches Ver-
fahren, die „Diaphoretischen“ mitten im Schweisse mit
kaltem Wasser in Schwämmen abzukühlen, sie dem
Luftzuge auszusetzen, ja einige Aerzte riethen sogar
kalte Bäder und Uebergiessungen *). Wie hätte man
Dinge der Art wagen dürfen, wenn die Herzkrankheit
rheumatischer Natur gewesen wäre? War doch jede
dreiste Abkühlung, jede Entblössung der Haut den
Schweissfieberkranken im sechzehnten Jahrhundert
tödtlich! Es ist daher anzunehmen, dass der eng-
lische Schweifs von der alterthümlichen
Herzkrankheit durch den rheumatischen
Charakter verschieden war, wenn auch beide
Krankheiten auf einer gemeinschaftlichen Seite in un-
reiner Vollsaftigkeit und Hauterschlaffung wurzelten,
und die wesentlichen Erscheinungen beider denselben
Kreis der Verrichtungen einnahmen; anderer Verschie-
denheiten nicht zu gedenken, die nach unserer Dar-
stellung am Tage liegen. -
Die übrige Behandlung der Herzkrankheit darf
hier nicht ganz übergangen werden, insofern sie die
allgemeine Sinnesart des ärztlichen Standes, gewisse
psychische Regungen, welche diesem Stande angebo-
ren sind, und eben daher in allen Zeitaltern wieder-
kehren, ganz deutlich offenbart. Denn während die

1) Celsus, L. III. c. 19. p. 140. – Cael. Aurel von C. 37. an.

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einen mit rühmlicher Behutsamkeit und Umsicht zu VWerke gingen, und Aretaeus von dem kleinsten Fehlgriff einen tödtlichen Ausgang fürchtete "), wollten andere wieder mit äusserst gewaltsamen Mitteln die aufgeregte Natur ihrem rohen Gebote unterthan machen. So kam es zuweilen, dass sie in voreiliger Geschäftigkeit einen heilsamen Schweiss nicht von der lebensgefährlichen „Diaphorese“ unterscheiden konnten, ihn um jeden Preis unterdrückten, und so den Kranken den Schatten seiner Väter hinzugesellten. Einige nahmen sofort ihre Zuflucht zur Chrysippischen Einschnürung, dem grossen Hemmungsmittel starker Ausleerungen, selbst auch heftiger Krämpfe *). Andere wollten der Entkräftung mit nährender Speise schleunigst zu Hülfe kommen, und bewirkten Ueberfüllung des Magens, als wenn es bei der Stärkung nur auf das Essen ankäme. Andere liessen vierundzwanzig Stunden lang möglichst vielen Wein trinken, bis zur Benebelung der Sinne *), und Asklepiades wählte zu diesem sonderbaren Trinkgelage im Todtenbett den griechischen Salzwein *), um Durchfall zu erregen, damit die erweiterten Kanäle der Haut sich wieder schlössen, und die allzu beweglichen Atome ihre Richtung nach dem Unterleibe nähmen. Zu demselben Zwecke verordnete er scharfe Klystiere *), denn gelang es nur einen starken Durchfall zu erregen, so musste ja der Schweiss nothwendig aufhören! Der Methodiker Eudemus empfahl sogar Klystiere

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von kaltem Wasser"), und was noch sonst die ärztliche Verwegenheit tollkühn ersann, nach dem altherkömmlichen Glauben, dass grossen Krankheiten jederzeit nur stürmische Heilmittel entsprechen. Aretaeus empfahl das Aderlass, welches andere für einen wahren Todtschlag erklärten *), hatte aber den Causus als Grundlage der Herzkrankheit im Sinn, und konnte mithin Recht haben. Ein vorsichtiger Gebrauch des Weins war wie es scheint von grossem Nutzen *), und was Verwunderung erregen kann, über die Auswahl und den Genuss der Speise geben die Aerzte ausführliche und kleinliche Vorschriften. Gab diese der aufgeregte Magen immer wieder und wieder von sich, so ging man nach römischer Weise sogar so weit, den Kranken vor und nach der Mahlzeit brechen zu lassen, damit ein wiederholter Genuss von Nahrung endlich anschlüge, auch wurde versichert, der Magen behielte Speise und Wein besser bei sich, wenn man vorher den ganzen Körper mit zerriebenen Zwiebeln bestrichen hätte *). Alles dies gewährt einige Blicke in das Wesen dieser merkwürdigen, von der Welt so ganz verschwundenen Krankheit. Besonderes Vertrauen setzte man endlich, bei leichter Bedeckung und Vermeidung der Federbetten, welche die VVeichlichkeit schon bei den Alten eingeführt hatte *), in das Bestreuen des Körpers mit allerlei Pulvern *), wenn zasammenziehende Abkochungen nichts gefruchtet hatten. Man wählte hierzu Granatapfelschale, Rosen-, Brombeer- und Myrtenblätter, oder auch Cimolische Kreide, Gyps, Alaun, Bleiglätte, gelöschten Kalk (!) *), und wenn nichts anderes zur Hand war, selbst gewöhnlichen Strassenstaub *). Die Wirksamkeit einiger dieser wunderlichen Mittel ist nicht in Abrede zu stellen, mindestens ist von verwandten alkalischen in der neueren Zeit die Erfahrung gemacht worden, dass sie bei starker Säureentwickelung in der Haut gute Dienste thun, und es ist sehr wahrscheinlich, dass in dem Schweisse der Diaphoretischen viele Säure enthalten war.

1) C. 38. p. 171.

2) – „nihil jugulatione differre.“ – Ebend.

3) Celsus empfahl anderthalb Sextarien den Tag über, d. h. etwa 42 Kubikzoll. A. a. O. – Cardiacorum morbo unicam spem in vino esse, certum est. Plin. Hist. nat. L. XXIII. c. 2. T. Il. p. 303. – Bibere et sudare vita cardiaciest. Senec. Epist. 15. T. II. p. 68. Ed. Ruhkopf – Cardiaco cyathum nunquam mixturus amico. Juvenal. Sat. V. 32.

4) Celsus.

2. Der Picard "sche Sch Weiss.
(Suette des Picards. Suette miliaire.)

Der Picard'sche Schweifs ist ein entschie

denes Frieselfieber, das nicht nur in der Picardie, sondern auch in anderen Gegenden von Frankreich seit länger als hundert Jahren oftmals geherrscht hat, und noch jetzt in einigen Orten als einheimische Krankheit vorkommt *). Wir haben die Verwandtschaft des englischen Schweisses mit dem Friesel angedeutet. Beide sind rheumatische Fieber, jener von vierundzwanzigstündigem, dieser von mindestens siebentägigem Verlauf. In jenem erschien kein Ausschlag, oder kam

1) Cael. Aurel. C. 37. p. 161.

2) Aspergines, sympasmata, diapasmata. C. 38. p. 171.

3) Aretaeus, p. 192. – 4) Celsus, a. a. O.

5) Z. B. in den Dörfern Rue-Saint-Pierre und Neuville-enHez zwischen Beauvais und Clermont. Rayer, Suette, P. 74.

Friesel in Sachsen. 1652.

er in vereinzelten Fällen zum Vorschein, so war er
ohne allen Zweifel untergeordnet und unwesentlich.
In dem Frieselfieber dagegen ist der Ausschlag so
wesentlich, dass diese Krankheit als die ausgebildete
exanthematische Form des rheumatischen Fiebers auf-
gestellt werden kann.
Der Friesel hat eine an wichtigen Thatsachen
überaus reichhaltige Geschichte, in der das Picard'-
sche Schweissfieber nur einen neueren Abschnitt der
Entwickelung bildet. Der Ausschlag an und für sich
ist uralt, und in der morgenländischen Drüsenpest mit
den Petechien wahrscheinlich schon von jeher als kri-
tisch – metastatische Erscheinung vorgekommen, wie
noch in unseren Tagen; wo nicht vielleicht schon in
der alterthümlichen, Thucydideischen Pest. Auch das
Fleckfieber wurde von ihm hier und da begleitet, wie
ohne Zweifel auch die Pocken und viele andere Krank-
heiten, auf dieselbe Weise wie noch jetzt, denn der
Frieselausschlag ist ein sehr allgemeines Symptom, das
sich gar leicht eindrängt, und die Gefahr von sehr
verschiedenartigen Zufällen steigert. Ein anderes aber
ist es mit dem selbstständigen Frieselfieber,
das weder früher, noch selbst in dem Zeitraume des
englischen Schweisses, sondern nur erst hundert Jahre
später (1652) als eine oft erwähnte Volkskrankheit
in Sachsen vorgekommen ist"). An eine unmittelbare
Entwickelung dieser Ausschlagskrankheit aus dem eng-
lischen Schweiss, wie vielleicht des Fleckfiebers aus
der Drüsenpest, ist also nicht zu denken, wenn selbst
eine entschiedenere Neigung dieser Krankheit zur Aus-

1) Godofredi Welschii Historia medica novum puerperarum morbum continens. Disp. d. 20. April. 1655. Lipsiae, 4.

Das Hauptwerk über das erste Austreten des Friesels in Deutschland.

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