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selbstständigen Krankheit die Rede, bald wird sie nur Symptomaals eine zu anderen hinzugekommene Erscheinung, als "Ä“ eine Art des Ueberganges von anderen, sehr verschiedenartigen Krankheiten angegeben, wie dergleichen in neuerer Zeit nie vorgekommen ist. Soranus erwähnt als solche Krankheiten anhaltende Fieber mit vieler Hitze *), und bezeichnet unter diesen auch den Causus, d. h. ein entzündliches Gallenfieber, zu welchem auch Aretaeus das Herzübel hinzutreten sah. Diese Fieber gingen am fünften oder sechsten Tage in die Herzkrankheit über, auch zeigte sich eine solche Umwandlung vorzüglich an den kritischen Tagen *). In gleicher Beziehung spricht Celsus sogar von der Phrenitis, unter welchem Namen man hier alle hitzigen Fieber mit heftigen Delirien zu verstehen hat, mit Ausschluss der eigentlichen Hirnentzündung. Man sieht also, die Herzkrankheit entstand und gedieh auf einem sehr verschiedenartigen Boden von anderen Krankheiten, und war unter diesen Umständen eben so unselbstständig, wie etwa der Lethargus unter ähnlichen Verhältnissen, um bei einem alterthümlichen Beispiele stehen zu bleiben. Aber es gab auch ohne allen Zweifel eine selbst-Idiopathische ständige, nicht symptomatische Form der Herzkrank- Än. heit. Ob diese fieberhaft wäre, oder nicht, darüber waren die berühmtesten Aerzte der früheren Zeit verschiedener Meinung. Wie hätten sie jemals darüber in Streit kommen können, wenn die Herzkrankheit nur immer als Folgeübel am fünften oder sechsten Tage hitziger Fieber erschienen wäre? Der Erasistratäer Apollophanes, Leibarzt Antiochus I., hielt sie

1) Febres continuae flammatae. Cael. Aurel. C. 31. p. 147. 2) Aretaeus, Cur. ac. L. II. c. 3. p. 188.

mit seinem Lehrer für beständig fieberhaft, und sein Ausspruch blieb eine Zeit lang gültig; auch mochte er wohl Recht haben, denn es ist wahrscheinlich, dass die Krankheit in der ersten Hälfte des dritten Jahrhunderts noch viel heftiger war, als späterhin. Sein berühmter Zeitgenosse, der Herophileer Demetrius von Apamea, wollte nur im Anfange der Krankheit Fieber gesehen haben, und behauptete, es verschwände in ihrem weiteren Verlaufe. Bald entschieden sich auch die meisten Aerzte dahin, die Herzkrankheit sei nicht fieberhaft. Asklepiades aber unterschied eine fieberhafte und eine nicht fieberhafte Form der Herzkrankheit, und es ist gewiss, dieser Arzt hatte einen sehr sichern Blick; auch stimmten ihm Themison und Thessalus bei. Aretaeus beschrieb mit wenigen Zügen nur die fieberhafte Form, kannte vielleicht auch keine andere. So ranus folgte im Wesentlichen dem Urheber seiner Schule, Asklepiades, und man pflegte wohl späterhin allgemein die innere Hitze, den heissen Athem und den brennenden Durst der Kranken, Zufälle, welche zuweilen weniger ausgebildet waren, für Beweise des Fiebers zu halten. Theoretische Ansichten einzelner Schulen, auf die es hier nicht ankommt, mischten sich viele ein, und alles in allem möchte wohl die nicht fieberhafte Form auf eine solche zurückgeführt werden können, in der die Zeichen fieberhafter Regung nur geringer angedeutet erschienen. Denn unter allen Umständen trat die Herzkrankheit mit Kälte der äusseren Theile und mit einem kleinen, zusammengezogenen, beschleunigten Pulse ein, Zufälle, welche mit Sicherheit Fieber vermuthen lassen *).

- Ueber

1) Cael. Aurel. C. 33. p. 150.

Ueber den Verlauf der Herzkrankheit sind wir nicht genau unterrichtet. Er war ohne Zweifel sehr kurz, denn Zufälle so heftiger Art erträgt der Körper nicht lange, es muss bald zur Entscheidung kommen; doch ist aus den grossen Anstalten zur Behandlung mindestens auf einige Tage zu schliessen. War der Schweiss gut überstanden, so genasen die Kranken wahrscheinlich rasch, und ihre Leiden kamen ihnen, nach Aretaeus Worten, wie ein Traum vor, aus dem sie sich wohl noch der grösseren Schärfe ihrer Sinne zu erinnern wussten *). Aber es glückte nicht immer so, die Krankheit war sehr lebensgefährlich, und bei einigen blieb nach unvollkommener Entscheidung schleichendes Fieber zurück, das mit Abzehrung endete *). Die ganze Erscheinung war höchst eigenthümlich, und es findet sich unter den jetzigen Krankheiten keine, die ihr zur Seite gestellt werden könnte.

Es muss also in dem ganzen Sein der Alten etwas gelegen haben, das die Entstehung der Herzkrankheit begünstigte. Dass sie mehr im Sommer, als im VWinter entstanden sei, mehr die Männer, als die Frauen heimgesucht habe, und zwar vornehmlich die lebenskräftigen jungen Leute, die Vollsaftigen mit hitzigem Blut, die an Leibesübungen gewöhnt waren, dies wissen wir von zuverlässigen Beobachtern *). So würde sich hier also ein ähnliches Verhältniss herausstellen, wie beim englischen Schweiss. Hierzu kommt, dass Unverdaulichkeit, Ueberladung, Trunkenheit, auch wohl Betrübniss und Furcht, am häufigsten aber Erbrechen und Baden nach Tische Veranlassung zum

Verlauf.

1) L. II. c. 3. p. 30. –

2) Aret. Cur. ac. L. lI. c. 3. p. 193.

3) Cael. Aurel. C. 31. p. 146.

Ursachen.

Ausbruch des Uebels gaben *). Da erinnere man sich nur der Lebensweise der Alten. Gerade im Zeitalter Alexander's begann die morgenländische Ueppigkeit. Schwelgerische Mahle gehörten zum Lebensgenuss, und die warmen Bäder wurden ein verfeinertes Bedürfniss der Sinnlichkeit, welche in eben dieser Zeit von Epikur philosophisch begründet wurde – nicht das letzte Mal, dass Philosophen den Fehlern und Gebrechen der menschlichen Gesellschaft dienstwillig das Wort redeten! So begegnen wir also auch hier wieder, wie beim englischen Schweiss der Verweichlichung der Haut und der unreinen Vollsaftigkeit, erzeugt durch dieselbe Genussgier, welche wir im sechzehnten Jahrhundert kennen gelernt haben. Wie diese Verderbniss der Sitten fortwucherte, welche ungeheure Höhe sie bei den Römern erreichte, dies bedarf hier keiner weitern Andeutung, und man kann wohl mit Bestimmtheit annehmen, dass durch sie das ganze Leben der Alten ein eigenthümliches Gepräge erhielt, dass die Erschlaffung der Haut und die unreine Vollsaftigkeit von Geschlecht zu Geschlecht forterbten, und wie unter den langwierigen Krankheiten die häufigeren Gichtübel hiervon die Folge waren, unter den hitzigen die Herzkrankheit als die allgemeine Wirkung derselben Lebensstimmung hervortrat. Bei einer solchen Lebensstimmung ganzer Vereine von Menschen bedarf es aber auch nicht in jedem einzelnen Falle der ursprünglichen und eigenthümlichen Anlässe, um die Anlage zu einer Krankheit, die sich durch Erblichkeit mehr und mehr fortpflanzt, in den wirklichen Ausbruch derselben überzuführen,

1) Cael. Aurel. C. 31. p. 146.

sondern es reichen dazu oft Erschütterungen ganz anderer Art hin, so wie bei den Römern durchaus nicht immer Schwelgerei und Hauterschlaffung die Herzkrankheit unmittelbar hervorbrachten, sondern auch oft die gewöhnliche Ohnmacht nach zu starken Aderlässen in das stürmische Wallen des Herzens mit auflösendem Schweisse überging "), und alles zu starke Schwitzen in anderen Krankheiten dieselbe lebensgefährliche Wendung nehmen konnte *). Es kommt hier noch ausserdem die ganz unzuträgliche und selbst durch Gesetze geheiligte Gewohnheit der Römer in Betracht, die öffentlichen Bäder erst am späten Abend, mithin bald nach der Hauptmahlzeit zu besuchen, und an diesen Orten weichlicher Behaglichkeit die Verdauung abzuwarten *). Wie musste wohl hiernach die Neigung zu Schweisskrankheiten begünstigt werden! VWie nun das Wesen der alterthümlichen Herzkrankheit zu bezeichnen sei, darüber sind nach den mitgetheilten Thatsachen nur Vermuthungen aufzustellen. Gewissheit geben uns darüber die Alten nicht, denn ihre Art zu beobachten führte nicht zu dem Ziele, das die neuere Heilkunde sich steckt. Dass die Herzkrankheit nicht rheumatischer Natur gewesen sei, scheint aus einigen Umständen hervorzugehen: der Luftbeschaffenheit der südlichen Länder, welche rheu

1) Cael. Aurel. C. 33. p. 153. – Eine ganz ähnliche Be

obachtung macht man jetzt über die zunehmende Häufigkeit der
Leberkrankheiten in England. Aeltern, die lange Zeit in Ostindien
gewesen sind, vererben die Anlage zu diesen, den gemässigten
Zonen ganz fremdartigen Krankheiten auf ihre Nachkommen, bei
denen es dann keiner tropischen Hitze, sondern nur gewöhnlicher
Anlässe in ihrem Vaterlande bedarf, um mannigfache Leberbe-
schwerden hervorzurufen. S. Bell.

2) Cael. Aurel. C. 36. p. 159
3) Man lese hierüber das klassische Werk von Baccius.

Wesen.

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