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die Ursache der leicht verzeihlichen Verkennung des Wesens des Schweissfiebers auch in späterer Zeit. Das Folgeübel war grösser und tödtlicher, als das ursprünglich rheumatische Leiden an sich, das in den geringeren Formen seiner Verwandtschaft gutartig, und für leitendes Eingreifen leicht empfänglich ist.

Und hieraus erklärt sich denn auch der wunderbar glückliche Erfolg des altenglischen Heilverfahrens, das eben diesen Folgezustand vermeiden liess, und die ohnehin schon übermächtige Heilbestrebung anzuspornen vermied. Wir haben daher diesem weisen und wahrhaft ärztlichen Verfahren nichts weiter hinzuzufügen, als unsere vollkommene Beistimmung, denn es ist der Beruf des Arztes, in Krankheiten von selbstständiger Heilkraft diese frei walten zu lassen, und bei behutsamer Pflege nur ihre Hindernisse zu beseitigen. Sollte den Völkern das Geschick bevorstehen, einst wieder von der Krankheit des sechzehnten Jahrhunderts heimgesucht zu werden – es wäre ja nicht unmöglich, dass irgendwann ähnliche Ereignisse wiederkehrten – so wollen wir unseren Nachkommen anempfehlen, diese ewige Wahrheit, und die goldenen Worte des Wittenberger Büchleins zu beherzigen, die Heilkunst aber vor fremdartiger Beimischung zu bewahren, denn nur als Untergebene der Natur führt sie den Stempel der Vernunft, der Meisterin aller irdischen Dinge.

glichen werden. Lähmung und Anfüllung der rückführenden Gefässe gewähren in beiden dieselbe Berücksichtigung,

FÜNFTEs ERKRANKEN.
1551.

Ubique lugubris erat lamentatio, fletus moerens, acerbus luctus. KArE.

1. A. usbru Ch.

Es waren nun wieder volle dreiundzwanzig Jahre vergangen, keine Spur der Schweisssucht hatte sich in so langer Zwischenzeit irgendwo gezeigt, und England hatte in rascher Entwickelung eine ganz andere Gestalt angenommen *), – als der alte Erbfeind des englischen Volkes wiederum, und zum letzten Male Shrewsbury. hervorbrach. Es war in Shrewsbury, der Hauptstadt von Shropshire *). Hier erhoben sich während des Frühjahrs dicke, undurchdringliche Nebel von den Ufern der Severn, und gaben durch ungewöhnlich übeln Geruch Nachtheiliges zu befürchten *). Es währte auch nicht lange, so brach plötzlich am 15. April das Schweissfieber aus, vielen ganz unbekannt, oder nur noch dunkel erinnerlich, denn über die Erschütterungen unter Heinrich's Regierung hatte man die alten Leiden längst vergessen. Das Erkranken war in Shrewsbury und den benachbarten Orten so beispiellos allgemein, dass jedermann glauben musste, die Luft wäre vergiftet, denn es half keine Vorsicht, kein Verschliessen der Thüren

1) Nach Heinrichs VIII. Tode, 1547, war der neunjährige Eduard VI. († 1553) zum Throne gelangt.

2) Caius, p. 2. – 3) P. 28.

und Fenster – jede einzelne Wohnung wurde ein Krankenhaus, und nur die Kinder und Alten, die zur Pflege der Ihrigen nichts beitragen konnten, blieben von der Seuche unberührt *). Die Krankheit kam so unvermuthet und ohne alles Vorgefühl, wie jemals früher: bei Tische, im Schlaf, auf der Reise, bei Scherz und Spiel, zu jeder Tageszeit, und so wenig hatte sie ihre uralte Bösartigkeit abgelegt, dass sie einige ihrer Opfer selbst in kürzerer Frist als einer Stunde tödtete, und andere in einer oder einigen Stunden aus der Zahl der Lebenden abforderte *). Vierundzwanzig Stunden, nicht mehr noch weniger, entschieden zur Genesung, es war also in keiner Art eine Veränderung mit ihr vorgegangen. Als nun die Seuche ihre tückische Gewalt mehr und mehr fühlen liess, so gerieth das Volk in einen höchst elenden, verzweiflungsvollen Zustand. Die Städter flohen auf das Land, die Landleute in die Städte; einige suchten einsame Zufluchtsörter, andere verschlossen sich in ihre Häuser. Irland und Schottland nahmen Schaaren von Flüchtigen auf, andere schifften sich ein nach Frankreich oder den Niederlanden; aber Sicherheit war nirgends zu finden, und so ergab man sich endlich in das Verhängniss, das so schwer und so lange auf dem Lande lastete. Die Weiber rannten nachlässig gekleidet wie sinnlos umher, und erfüllten die Strassen mit Klaggeschrei und lautem Gebet; alle Betriebsamkeit stockte, niemand gedachte seiner täglichen Arbeit, und zu den Leichenzügen ertönten Tag und Nacht die Sterbeglocken, als sollten alle Lebenden an ihr nahes und unvermeid

1) Godwyn, p. 142. – Stow, p. 1023.
2) Caius, p. 3.

Sterblichkeit. liches Ende erinnert werden *). Es starben aber auch

innerhalb weniger Tage 960 Einwohner in Shrewsbury, grösstentheils kräftige Männer und Hausväter, aus welcher Zahl auf die angstvolle Trauer in dieser Stadt geschlossen werden kann.

2. Verbreitung. Dauer.

Die Schweifsfieberseuche verbreitete sich alsbald über ganz England, bis an die schottische Gränze, und nach allen Seiten hin bis zu den Meereswogen, unter so auffallenden und denkwürdigen Erscheinungen, wie kaum je in einer andern Volkskrankheit beobachtet worden sind. In der That schienen die Ufer der Severn der Heerd des Uebels zu sein, und von hier aus eine wahre Vergiftung der Luft über ganz England auszugehen. Denn wohin die VWinde den stinkenden Nebel weheten, da erkrankten die Einwohner am Schweiss, und es wiederholten sich dort mehr, dort weniger die Auftritte des Schreckens und der Trauer in Shrewsbury. Man sah die giftigen Nebelwolken von Ort zu Ort ziehen, und die Krankheit in ihrem Gefolge, eine Stadt nach der andern einnehmen, während sie Morgens und Abends ihren ekeln, unerträglichen Geruch verbreiteten *). In grösserer Entfernung verdünnten sich diese Wolken allmählich, vom Winde verweht, doch setzte ihr Verschwinden der Seuche kein Ziel, sondern es war, als hätten sie den unteren Luftschichten eine Art von Gährungsstoff mitgetheilt, der fort und fort, auch ohne dicken Nebeldunst sich neu erzeugte, und in die Lungen der Menschen aufgenommen, die furchtbare Krankheit überall hervorbrachte "). Schädliche Ausdünstungen aus Mistgruben, stehenden Wässern, Sümpfen, unreinen Kanälen, und ganz allgemein in England der Geruch der faulenden Binsen in den Wohnungen, mit allem widrigen Unrath dazwischen, schien dazu nicht wenig beizutragen, auch bemerkte man überall, wo dergleichen übele Gerüche hinzukamen, eine stärkere Entwickelung der Schweissfieberseuche *). Es ist eine bekannte Erfahrung, dass bei einer gewissen Luftbeschaffenheit, welche wohl zunächst von electrischen Verhältnissen, und dem Grade der Erwärmung abhängig ist, mephitische Gerüche sich viel leichter und stärker verflüchtigen. Man kann der damaligen Luftbeschaffenheit in England allerdings diese Eigenschaft zutrauen, wenn auch freilich hierüber keine genauen Angaben zu ermitteln sind.

Riechende
Nebel.

1) P. 7.

2) „Whiche miste in the countrie wher it began, was sene flie from toune to toune, with suche a stincke in morninges and evenings, that men could scarcely abide it.“ Kaye, bei Babington, p. 192. Lat. Ausg. p. 28. 29. – Zu bemerken ist hierbei, dass Damianus in Gent, im Jahre 1529, die Meisten des Morgens, bei Sonnenaufgang erkranken sah. p. 115. b.

Die Krankheit dauerte im Ganzen fast ein halbes Jahr, nämlich vom 15. April bis zum letzten September *), sie ging also nur allmählich von Ort zu Ort, und wir bemerken hier nicht die Blitzesschnelle in ihrer Verbreitung, die im Herbst 1529 in Deutschland so grosse Verwunderung erregt hatte. Es ist sehr zu bedauern, dass die Zeitgenossen über den Ausbruch und den Verlauf der Schweissfieberseuche in den einzelnen Städten entweder keine Nachrichten

1) Hosack nimmt in Fällen dieser Art einen „fermentative or assimilating process“ in der Atmosphäre an. p. 312. T. I. Laws on contagion. – Denselben Gedanken hat schon Lucrez in dichterischer Weise ausgesprochen. L. VI. v. 1118–23.

2) Caius, p. 29. – 3) P. 2. 8.

Shrewsbury den 15. April.

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