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gen eine Reihe von Jahren hindurch, so dass der Boden ganz durchweicht wird, und die Nebel schädliche Beimischungen aus der Erde anziehen – so kann es nicht fehlen, der menschliche Körper leidet durch die üble Beschaffenheit des Bodens auf dem er lebt, der Luft die er athmet, und die Völker werden von Krankheiten unausbleiblich heimgesucht. Fünf überaus nasse Jahre waren schon vorausgegangen *), 1485 war das sechste; der letzte heisse und sehr trockene Sommer war der von 1479 gewesen *). Von 1480 werden grosse Ueberschwemmungen der Tiber, des Po, der Donau, des Rheins und der meisten übrigen grossen Flüsse (im November) berichtet, mit ihren gewöhnlichen Folgen: Luftverderbniss, Elend und Krankheiten *). Die grösste Ueberschwemmung, deren man sich in England erinnerte, war die der Severn im October des Jahres 1483. Man nannte sie noch lange nachher das grosse Wasser des Herzogs von Buckingham *), weil sie den Aufstand dieses mächtigen Vasallen gegen Richard III., dem er selbst zum Throne verholfen, und somit auch die erste Unternehmung Heinrich’s VII. vereitelte. Sie dauerte volle zehn Tage, und die gewaltigen Zerstörungen, die der reissende Strom verursachte, blieben den Anwohnern noch lange im Gedächtniss.

1) Spangenberg, Mansf Chr. fol. 395. f.

2) Werlich, S. 236. Spangenberg, a. a. O. 1484 Ueberschwemmung des Lechs, Werlich, S. 239.

3) Franck von Wörd, fol. 211. a.

4) The Duke of Buckinghams great water. Grafton, p. 133., und alle übrigen Chronisten. Short, Vol. I. p. 201. und mehrere andere, auch Schnurrer, setzen diese Ueberschwemmung irrig in das Jahr 1485.

Ueberschwemmungen.

Italien.

Deutschland.

Frankreich.

Hauptkrankheit.

4. A. ndere Volkskrankheiten.

Während dieser ganzen Zeit wurden die Völker von mörderischen Seuchen vielfältig heimgesucht. Schon 1477 brach die Drüsenpest in Italien aus, und wüthete ohne Unterlass bis 1485*), nicht ohne grössere Naturerscheinungen, wohin namentlich mächtige Heuschreckenschwärme in den Jahren 1478*) und 1482 gehören, und auffallende Zwischenkrankheiten, wie ein über das ganze Land verbreiteter entzündlicher Seitenstich im Jahre 1482 *). In der Schweiz und im südlichen Deutschland stellten sich in Folge von Theuerung und Hungersnoth (1480 und 81) verheerende Volkskrankheiten ein *), während in Westphalen, Hessen und Friesland Faulfieber mit heftiger Hirnwuth *) herrschten. Man erinnerte sich nie in diesem Lande so viele Irrlichter, wie in diesen Jahren gesehen zu haben, und auch hier erlag das Volk dem Kornmangel, so dass man genöthigt war, Vorräthe fernher, aus Thüringen, herbeizuschaffen *). Frankreich, wo unter der Schreckensregierung Ludwigs XI. Druck und Elend den Segnungen des Himmels Hohn sprachen, wurde nach zweijährigem Misswachs der Schauplatz einer ver

1) Campo, p. 132. Pfeufer, S. 32.

2) Franck v. Wörd, fol. 211. a. An der darauf folgenden Pest sollen in Brixen 20,000, in Venedig 30,000 Menschen gestorben sein.

3) Fracastor, p. 182. Morb. contag. L. II.

4) Wurstisen, S. 474. Kap. 15. Fracastor, p. 136. Spangenberg (Pestilentz) nennt diese über ganz Deutschland, die Schweiz und Frankreich verbreitete Epidemie von 1482 „das phrenitische, schwer hitzig Pestilentz fieber. Vergl. Stumpff, fol. 742. b.

5) Die sogenannte Hauptkrankheit.

6) Spangenberg, Mansfeld. Chr. fol. 396. a.

derblichen Seuche. Es war ein hitziges Fieber mit Wuthanfällen und so gewaltigem Kopfschmerz, dass viele sich die Stirn an den Wänden zerschmetterten, oder sich in die Brunnen stürzten, während andere nach unablässigem Umherlaufen einen kläglichen Tod fanden (1482). Den Vorstellungen des Jahrhunderts gemäss suchte man den Grund dieser wundersamen Erscheinung in astralischen Einflüssen; denn die Hungersnoth allein, welche dem armen Landvolke im Süden der Loire nur noch die Wurzeln wilder Kräuter übrig liess, sein kummervolles Leben *) zu fristen, konnte sie nicht herbeigeführt haben, da auch die Vornehmen häufig erkrankten *). Ohne Zweifel war dieses Fieber von Entzündung der Hirnhäute oder des Hirns selbst begleitet, und vielleicht dasselbe, das gleichzeitig seine Herrschaft im nordwestlichen Deutschland bis an die Gränzen der Nordsee ausbreitete, nur höher gesteigert, durch die grössere Lebhaftigkeit und den angstvollen Zustand der Franzosen, den die Furcht

1) An vielen Orten mussten Frauen und Kinder den Pflug ziehen, weil es an Zugvieh fehlte; auch pflegte man das Feld bei Nacht zu bestellen, um nicht von den unmenschlichen Einnehmern des Königs bemerkt zu werden. Mezeray, Tom. II. p. 750.

2) „Il couroit alors (1482) dans la France une dangereuse et mortelle maladie, qui affligeoit indifferemment les grands et les petits, bien qu'elle ne fut pas contagieuse. C'était une espèce de fièvre chaude et frenetique, qui s'allumoit tout d'un coup dans le cerveau, et le brüloit avec de si cruelles douleurs, que les uns s'en cassoient la teste contre les murailles, les autres se précipitoient dans les puits, ou se tuoient à force de courir gà et lä. On en attribuoit la cause à quelque maligne influence des astres, et à la corruption, que la mauvaise nourriture de l'année précédente avoit formé dans le corps; d'autant que les vins et les bleds n'étant point venus à maturité, la disette avoit été si grande, principalement dans les provinces de delà la Loire, que les peuples n'avoient vécu que de racines et d'herbes.“ Mezeray, Tom. II. p. 746.

vor dem Henkerschwerte Ludwig’s unterhielt *). Diese Seuche gab dem Könige Veranlassung, unter der Zucht seines finstern Leibarztes *) sich in du Plessis les Tours eng einzuschliessen. Bei schwerer Strafe war es verboten, in seiner Gegenwart vom Tode zu reden, der überall seine Beute forderte, und 40 Armbrustschützen hielten in den Gräben des Schlosses Wache, alles Lebendige zu tödten, das sich nahete *). Zwei Jahre darauf (1484) herrschten wiederum in Deutschlaud und der Schweiz bösartige Krankheiten *), und so schien es, als drohete überall den Völkern Tod und Verderben.

5. R. ich m Ond”s Heer.

Aus diesen Angaben, die leicht noch weiter ausgeführt werden könnten *), wird es einleuchtend, dass die Schweisssucht von 1485 nicht ohne grosse und allgemeine Vorbereitungen erschien, welche nun schon eine Reihe von Jahren hindurch den Bewohnern Englands die Empfänglichkeit für gefahrvolles und ungewöhnliches Erkranken mitgetheilt hatten. Wenn man hierbei noch die düstere Stimmung der Engländer und die allgemeine Niederdrückung der Gemüther in Folge des grauenvollen Krieges der rothen und weissen Rose

1) Es wird ausdrücklich von den Geschichtschreibern versichert, dass viele Vornehme aus immerwährender Angst und Furcht vor Tristan's Schwerte schlaflos wurden. Wie musste ein solcher Zustand dem mörderischen Fieber den Weg bahnen!

2) Jacques Cotier. Er erpresste von seinem Patienten monatlich 10,000 Thaler, musste aber nach dessen Tode 100,000 an Karl VIII. zurückzahlen. Comincs, L. VI. c. 12. p. 400.

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in Anschlag bringt – einer Reihe von Begebenheiten, welche den Glauben an die höhere Leitung menschlicher Schicksale erschüttern mussten – so ergiebt sich leicht, wie es nur noch eines kleinen Anstosses bedurfte, um einen gewaltigen Sturm in dem geheimnissvollen Getriebe des menschlichen Körpers anzuregen. Diesen Anstoss gab offenbar die Landung Richmond's gerade in einem Jahre, wo man grossem und ungewöhnlichem Unheil entgegensah. Denn am 16. März – dem Todestage der Königin Anna, der unglücklichen Gemahlin Richard's III. – hatte eine gänzliche Sonnenfinsterniss Europa in Dunkel gehüllt, und düstere Weissagungen veranlasst *). Nun sind schon unter gewöhnlichen Umständen Kriege die Erzeuger pestartiger Seuchen, wie viel unvermeidlicher mussten diese aber unter den damaligen werden! Denn Richmond's Heer bestand nicht aus Schaaren wackerer Krieger, beseelt von Eifer, das entehrte Vaterland zu rächen, oder einer guten Sache zu dienen, es waren nur umherschweifende Söldlinge, „verderbliche Landsknechte,“ wie man sie in Deutschland nannte, die sich in Havre unter seinen Fahnen sammelten, Freischützen, die noch von Ludwig XI. errichtet, in der Normandie ohne Scheu brandschatzten, und die Karl VIII. dem Hülfe suchenden Fremden mit Freuden überliess, um seine friedlichen Landschaften endlich von einer so argen Plage zu befreien *).

1) Spangenberg, Mansfeld. Chr. fol. 398. a., und viele andere Chronisten. – Man wolle gütigst bemerken, dass hier und in ähnlichen Stellen nicht von der Meinung des Verf, sondern von der Denkweise des Zeitalters die Rede ist.

2) – Il y avoit seulement en Normandie quelque troupes de francs-archers, de ceux, que Louis XI. avoit licenciez, qui couroient la campagne: et plusieurs faineants s'étant joinls avec

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