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ben des Volkes in dieser Zeit zu bemerken. Mitten in einem Lande, dessen Bewohner vor der neuen Krankheit zitterten, und vielleicht schon von ihr hart mitgenommen waren, entwarf Luther in Marburg") die ersten Grundzüge zu dem Glaubensbekenntniss, das von Melanchthon ausgeführt, der Grundstein der evangelischen Kirche geworden ist, und im folgenden Frühjahr, während seines Verweilens in Coburg, dichtete er sein erhebendes Heldenlied: „Eine feste Burg ist unser Gott.“

Es konnte nicht fehlen, dass der englischen Seu

che auch in den Glaubenskämpfen dieser Jahre eine besondere Wichtigkeit beigelegt wurde. Volkskrankheiten erscheinen dem Menschen in seinem kleinen Gesichtskreise gar leicht als Geisseln Gottes, ja es ist diese Vorstellung von jeher und in allen Religionen die vorherrschende gewesen. Denn es ist leichter, die immer vorhandenen Sünden der Menschheit, als die grossartigen, Geist und Körper umfassenden Regungen des Weltorganismus in Anschlag zu bringen, welche nur eine höhere Anschauung der Dinge zu ahnen vermag; und noch viel leichter entsteht durch kleinliche Selbstsucht und Verblendung über die eigenen Vorzüge, die ärmliche Ansicht unter den Menschen, das höchste Wesen lasse die Seuchen nur entstehen, um ihre anders glaubenden Feinde zu vernichten. Deshalb sprechen nicht nur die meisten Zeitgenossen von dem gerechten Zorne Gottes, und der zum Weltgerichte herangereiften Sündenschuld der Welt *),

1) Die dortige Zusammenkunft der Reformatoren begann am 2. October.

2) Die Flugschrift von Magnus Hundt ist mit einem Holzschnitte verziert, wo unter dem Vorsitze Gottes eine grosse Schaar Engel auf Feuer speienden Löwen und mit langen Schwertern

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sondern es bemühte sich auch die päpstliche Parthei auf alle ersinnliche Weise, die englische Pest als eine Strafe der Ketzerei und eine offenbare Abmahnung von dem siegenden Lutherthume darzustellen. Die Vorfälle in Hamburg, wo der Ausbruch der Schweisssucht der Aufhebung der Klöster fast auf dem Fusse gefolgt war, konnten ihr allerdings bei den Zaghaften und Kurzsichtigen Glauben verschaffen, auch konnte sie in hundert anderen Städten ein ähnliches Zusammentreffen der Umstände zu ihrem Vortheile benutzen, denn 1529 war ein Jahr grosser und schwerer Entscheidung. In Lübeck predigten die Mönche allgemein, der englische Schweiss wäre nur eine Strafe des Himmels für die „Martiner“ – so nannten sie Luther’s Anhänger – und das Volk wurde erst enttäuscht, als es mit Verwunderung sah, dass auch Katholiken erkrankten und starben *). Man ging aber noch viel weiter, und scheute sich nicht vor Unwahrheiten und grausamer Rache. So wurde behauptet, die Zusammenkunft der Reformatoren in Marburg (den 2. October) habe deshalb zu keiner Vereinigung geführt, weil die Angst vor der neuen Krankheit die Ketzer ergriffen habe *). Nie kam feige Todesfurcht in Luthers Herz, der bei einem Ausbruche der Pest in Wittenberg (1527) freudig und heitern Muthes auf seiner Stelle blieb, während alles um ihn her floh, und die Hochschule nach Jena verlegt wurde. Ueberdies kam die Schweisssucht, wie wir gesehen haben, gar nicht einmal nach Marburg, und die Vereinigung der beiden evangelischen Kirchen misslang aus Gründen ganz anderer Art. In Köln waren die Eiferer der Meinung, man müsse durch Bestrafung der Ketzer den sichtbaren Zorn Gottes zu besänftigen suchen. Dieser blutige, wilder Barbaren würdige VVahn beschleunigte die Verbrennung von Flistedt und Clarenbach ). Und so könnten zur weitern Ausführung des grossen Zeitbildes noch viele kleinere Züge ermittelt werden; doch mögen wir nur noch einen mittheilen. In der Mark Brandenburg verbreitete sich der evangelische Glaube, grosser Hindernisse ungeachtet, täglich mehr und mehr, und die katholischen Priester sahen sich bald vereinzelt. Da hielt, als die Schweisssucht hereinbrach, ein Pfarrer in Friedeberg in der Neumark, eine Predigt voll Eifer und Leidenschaft, und suchte seine abtrünnige Gemeinde zu überzeugen, dass Gott eine neue Plage ersennen habe, um die neue Ketzerei zu züchtigen. Ein feierlicher Umzug nach altem Brauch und rechtgläubiger Vorschrift sollte am andern Tage gehalten, und so die Gemeinde in den Schooss der alleinseligmachenden Kirche zurückgeführt werden. Aber siehe da, über Nacht starb der Eiferer an einer plötzlichen Krankheit, und die Protestanten verfehlten wahrscheinlich nicht, auch von ihrer Seite diese Begebenheit als ein Wunder darzustellen *). Denn die Menschen erklären die Donner des Ewigen nur im

mit den Menschen schlimmer umgeht, als Herodes Soldaten mit den Kindern zu Bethlehem.

1) Reimar Kock’s Chronik von Lübeck.

2) Kersenbroick bei Sprengel, II. S. 687. – Vergl. Sleidan., L. VI. Tom. I. p. 380., der die Sache ganz schlicht und einfach erzählt.

1) „Culpam eius rei plerique conferebant in theologos concionatores, qui suppliciis impiorum placandam esse clamabant iram Dei, novo morbi genere nos verberantis.“ Sleidan. a. a. O. p. 380.

2) Haftitz, S. 131. – Angelus, S. 319. – Cramer, Buch III. S. 76. u. m. a.

Niederlande.

mer nach ihren Wünschen und ihrer kleinlichen Gesinnung.

10. - Die A erzte.

Dem ärztlichen Stande wurde unter diesen Verhältnissen eine äusserst schwierige Aufgabe, deren sehr mangelhafte Lösung ihm nicht geradehin zum Vorwurfe gereichen kann. Das Wirken eines gelehrten und hülfreichen Arztes ist in den wechselnden Gestaltungen des Menschengeschlechts gewiss eine der edelsten Erscheinungen. Denn er vereinigt in sich die Macht der Einsicht in die Werke der Natur mit der Ausübung reiner, von seinem Berufe unzertrennlicher Menschenfreundlichkeit. Männer dieser idealischen Art lebten aber um diese Zeit nur wenige, und ihr mildernder Einfluss auf die mächtige Volkskrankheit war ohne Zweifel nur sehr gering. Denn diese war gewöhnlich schon vorüber, bevor sie noch dem neuen Feinde scharf ins Auge sahen, und wohlerwogenen

Rath ertheilen konnten. Desto geschäftiger waren die

ungebildeten und erwerblustigen Aerzte, welche – von jeher die Mehrzahl ihres Standes – diesen auch immer in seiner sittlichen Würde beeinträchtigt haben. Sie traten der Schweisssucht mit kecken Behauptungen entgegen, ängstigten das Volk mit vorlauten Schilderungen, priesen die Unfehlbarkeit ihrer Arzneien, und wurden die Verbreiter schädlicher Vorurtheile. In den Niederlanden – so versichert Ty engius, den wir zu den gelehrten und hülfreichen Aerzten rechnen – starb eine übergrosse Anzahl Kranker an den Wirkungen verderblicher Flugschriften, mit denen die Schweisssucht von eben jenen Unberufenen bekämpft werden sollte, die zum Theil in England gewesen zu sein vorgaben, den Einwohnern ihre Erfahrung, ihre Geschicklichkeit anrühmten, und mit ihren Pillen und „höllischen Latwergen“ von Ort zu Ort umherflatterten *), besonders wo reiche Handelsherren, wenn sie genesen würden, ihnen Berge Goldes versprachen *). Eben so war es in Deutschland, wo zu Deutschland. Anfang der gesunde Versand des Volkes vor aller dieser Geschäftigkeit nicht zur Besinnung kommen konnte, und in einer Fluth von kleinen Schriften, die zum Theil selbst von Nichtärzten verfasst waren, heftig wirkende Arzneien als zuversichtliche Heilmittel empfohlen wurden. Aus dieser unlautern Quelle kam die Verordnung des gewaltsamen vierundzwanzigstündigen Schwitzens *), die man in den Rheinlanden „das niederländische Regiment“ nannte *), und es ist nicht zu entschuldigen, dass die Aerzte die ältere Erfahrung der Engländer, welche der Besonnenheit und dem zweckdienlichsten Verhalten das Wort redete, entweder gar nicht kannten, oder mit hochfahrendem Dünkel unbeachtet liessen. Begreiflich wird England.

1) „Verum quamplurimi, tam nobiles quam populares viri ac mulieres, hoc morbo misere suffocati sunt, ob libellos erroneos, ab indoctissimis hominibus in vulgus emissos, qui in eiusmodi lue curanda peritiam et experientiam jactabant, multosque in Anglia aliisque regionibus sese curasse dicebant, cum omnia falsa essent. Tales inquam minima pietate fulti erga aegrotos, illorum loculos tantum expilabant, ac in sui commodum convertebant, nullam dealiorum damnis nec morte ipsa curam gerentes, sed quae sua sunt tantum curantes, nulla arte instructimiseros aegros, passim sua ignorantia trucidabant.“ Forest. L. VI. Obs. 8. p. 158. a.

2) „Ditissimi negotiatores, lectis adfixi medicos ad se vocabant, montes auri promittentes, si curarentur.“ Ditmar. p. 473.

3) „Nam occlusis rimis omnibus, et excitato igne copioso, opertisque stragulis, quo magis tutiusque sudarent, aestu praesocati sunt.“ Forest. a. a. O. p. 157. b.

4) Wild, bei Baldinger, S. 278.

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