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einzelne Orte von dem Schweissfieber verschont wor-
den sind.
So wunderbar wie das erste Auftreten des eng-
lischen Schweisses war nun auch aller Orten die
beispiellos kurze Zeit seines Verweilens.
Denn so wie er in Amsterdam nur fünf Tage, in Ant-
werpen und in vielen deutschen Städten, wie wir ge-
sehen haben, nicht viel länger wüthete, so konnte er
wohl nirgends seine Herrschaft länger, als etwa funf-
zehn Tage behaupten, er offenbarte also auch hierin
seine schon in den früheren Erkrankungen kundgege-
bene Eigenthümlichkeit. In diesen kurzen Zeitraum
kann jedoch nicht das vereinzelte Vorkommen der
Krankheit mit einbegriffen werden, denn wenn ein
glaubwürdiger Zeitgenosse versichert, das Schweissfie-
ber habe einige zweimal, andere dreimal oder selbst
viermal befallen ! ), so möchte schon hieraus auf eine
längere Dauer seines Verweilens zu schliessen sein,
wenn vielleicht auch in einigen Orten die Seuche nach
mehrtägigem Wüthen plötzlich abbrach, so dass keine
vereinzelten Erkrankungen mehr vorkamen.

7. Dänemark, Schweden und
Norwegen.

Der Ausbruch des Schweissfiebers in Dänemark *) fällt auf die letzten Tage des September, denn am 29sten dieses Monats starben daran in Kopenhagen 400 Einwohner *), auch wurde Helsingör nicht

1) Erasm. Epist. Libr. XXVI. ep. 58. col. 1477. b. – In Zerbst dauerte das Schweissfieber ebenfalls nur fünf Tage. Gruner, It. p. 29.

2) Er hiess dort „den engelske Sved.“

3) Frederik I. Histori. S. 181. – Dieselben Worte bei Huitfeld, T. II. S. 1315.

Dauer der
Epidemie.

wenig heimgesucht ! ), und wahrscheinlich um dieselbe Zeit die meisten Städte und Dörfer dieses Reiches. Doch sind die Nachrichten hierüber in den dänischen Zeitbüchern sehr mangelhaft *), weil die Zeitgenossen über die seltsame Flüchtigkeit des tödtlichen Uebels, das die Leiber ihrer Mitmenschen berührte, die gewiss auch dort grossartige Erscheinung der Nachwelt zu beschreiben verabsäumten. Nur aus einigen Angaben ist ganz deutlich zu entnehmen, dass es derselbe wohlbekannte Dämon war, den man auch Dänemark durchfliegen sah. Denn es erkrankten am meisten, wie schon ursprünglich in England, die jungen und starken Leute, weniger die alten und kränklichen, und in vierundzwanzig Stunden, höchstens in zwei Tagen (?)

war über Leben und Tod entschieden. In denselben Tagen verbreitete sich die Schweissfieberseuche über die scandinavische Halbinsel, und brachte in Schwedens Hauptstadt, wo der Bruder des Königs Gustav Wasa, Magnus Erikson daran starb, wie in diesem ganzen Reiche und in Norwegen dieselben stürmischen Erscheinungen bei den Kranken, denselben Schrecken, dieselbe Todesangst bei den Gesunden hervor. Die nordischen Geschichtschreiber geben darüber sprechende Andeutungen, die nach sorgfältiger Durchforschung handschriftlicher Urkunden vielleicht noch an Farbe und Leben gewinnen könn

1) Boesens Beskrivelse over Helsingöer. – Diese Angaben verdankt der Verf der Gefälligkeit des Hrn. Regimentsarztes Dr. Mansa in Kopenhagen.

2) Hr. Dr. juris Baden hat auf Gruner’s Ersuchen vieles durchforscht und nicht mehr gefunden, als was Huitfeld berichtet. Eine Abschrift seines lateinischen Briefes hierüber an Gruner ist dem Verf ebenfalls durch Hen. Dr. Mansa zugekommen.

könnten *). Dass die Schweisssucht auch Litt hauen, Polen, Liefland, wo nicht auch einen Theil von Russland durchzogen habe, wissen wir nur im Allgemeinen *). Ohne Zweifel sind in diesen Ländern noch geschriebene Urkunden hierüber vorhanden, die noch eines umsichtigen Forschers harren; vorläufig aber ist aus dem frühzeitigen Auftreten der Krankheit in Preussen zu vermuthen, dass sie dort zu derselben Zeit wie in Deutschland, Dänemark und der scandinavischen Halbinsel geherrscht habe. Nirgends findet sich eine sichere Spur, dass das Schweissfieber noch im December 1529 oder im Januar des folgenden Jahres irgendwo vorgekommen sei. Es verschwand überall nach vierteljähriger Dauer im Ganzen, ohne irgend ein Merkmal seines Daseins in der Entwicke

1) Dalin, D. III. S. 221. Engelske Svetten. – In Tegel's Geschichte des Königs Gustav I., Th. I S. 267. findet sich nur eine allgemeine Angabe über den englischen Schweiss in Schweden, ohne genaue Zeitbestimmung (Herbst 1529) und Beschreibung der Krankheit, wie dergleichen in deutschen Chroniken unzählige vorkommen. – Sven Hedin schlägt die Sterblichkeit in der Schweissfieberseuche in Schweden offenbar zu hoch an, wenn er sie mit den Verheerungen durch den schwarzen Tod vergleicht. (S. 27.) Er theilt (S. 47.) eine ausführliche Stelle über die Schweisssucht aus Linné's pathologischen Vorlesungen mit. Der grosse Naturforscher hat aber seiner Einbildungskraft freies Spiel gelassen, und kennt wie alle Aerzte der neuern Zeit, die sich über den englischen Schweiss geäussert haben, die Thatsachen viel zu wenig, um richtig urtheilen zu können. (Supplement till Handboken för Praktiska Läkare - vetenskapen, rörande epidemiska och smittosamma sjukdomar i allmänhet, och särdeles de Pestilentialiska. 1sta St. Stockholm, 1805. 8.)

2) Aus Reimar Kock's handschriftlicher Chronik von Lübeck und Forest. a. a. O. – Vergl. Gruner's Itinerarium, das überhaupt mit sehr rühmlichem, wenn auch trockenem Fleisse gearbeitet ist, in dem Brownschen Zeitalter aber so wenig Anerkennung fand, dass es schon jetzt zu den Seltenheiten gehört.

lung anderer Krankheiten zurückzulassen, zwischen denen es hindurchging, wie ein Komet durch die Planeten – ohne auch in das Gebiet des französischen Hungerfiebers, oder des italienischen Fleckfiebers einzudringen; für alle späteren Jahrhunderte ein sprechendes Bild gemeinsamer Erschütterungen des Völkerlebens, und für die Zeitgenossen eine furchtbare Geissel.

8. Schreck.

Die Erschütterung der Gemüther in Deutschland war über alle Beschreibung heftig, und gränzte an wahnsinnige Verzweifelung. Sobald die Seuche sich auf dem festen Lande gezeigt hatte, gingen haarsträubende Erzählungen von den unerhörten Qualen der Kranken und der Gewissheit ihres Todes wie ein Lauffeuer von Mund zu Mund. Von bleichem Schreck wurden die Sinne benommen, und die Einbildung vergrösserte das Uebel, das wie ein jüngstes Gericht hereinzubrechen schien. So hörte man nur überall vom englischen Schweiss, und erkrankte jemand an irgend einem andern Fieber, so musste es dieser Dämon sein, der dem Geiste seine Schreckbilder unablässig vorgaukelte. Zugleich entstand der unglückselige Wahn, wer irgend von der englischen Seuche ergriffen, dem Tode entrinnen wollte, der müsste vierundzwanzig Stunden unablässig schwitzen"). So brachte man nun die Kranken, war es der englische Schweiss oder nicht, – denn wer wäre bei Besinnung gewesen, dies zu unterscheiden – auf der Stelle zu Bett, bedeckte sie mit Federbetten und Pelzen, und während der Ofen stark geheizt wurde, verschloss man Thüren und Fenster mit grosser Sorgsamkeit, um jedes kühle Lüftchen abzuhalten. Damit nun auch der Leidende, war er etwa ungeduldig, seine heisse Last nicht abwerfen möchte, so legten sich noch einige Gesunde über ihn her, und beschwerten ihn so, dass er kein Glied rühren konnte, und endlich in diesem Vorspiel der Hölle, in Angstschweissgebadet, seinen Geist aufgab, wenn er vielleicht bei einiger Besonnenheit seiner allzu hülfreichen Verwandten ohne Mühe hätte erhalten werden können *). In Zwickau lebte ein Arzt – wir wissen nicht mehr den Namen dieses Ehrenmannes – der gegen diesen tödtlichen Wahn voll menschlichen Eifers auftrat. Er ging von Haus zu Haus, und wo er einen Kranken in heisse Betten vergraben fand, da riss er diese mit eigener Hand hinweg, verbot überall die Kranken mit Hitze zu martern, und rettete durch sein entschiedenes VWesen viele, die ohne ihn gleich anderen hätten ersticken müssen *). Es geschah in dieser Zeit oft, dass wenn in Kreisen von Freunden der Schweisssucht nur mit einem Worte gedacht wurde, einer und der andere, von peinlicher Angst ergriffen, so dass das Blut ihm

Heisse Behandlung.

1) „Darnach war von etlichen fürgeben, es müsste einer vierundzwanzig Stunde aneinander schwitzen, und in mittlerweil kein lufft an sich gehen lassen, dieses bracht manchen menschen umb seinen hals.“ Chronik von Erfurt.

1) Chronik von Erfurt, und gleichlautend bei Spangenberg, M. Chr. fol. 402. b., Pomarius, S. 617. und Schmidt, S. 305. – Von den Niederlanden berichtet Gemma, L. I. c. 8. p. 189, nach den Erzählungen seines Vaters, der die Schweisssucht selbst überstanden hatte: „Consuti (benäht) et violenter operti clamitabant misere, obtestabantur Deum atque hominum fidem, sese dimitterent, se suffocari inie ctis moli bus, sese vitam in summis angustiis exhalare, sed assistentes has querelas ex rabie proficisci, medicorum opinione persuasi, urgebant continue usque ad 24. horas.“ etc.

2) Schmidt, a. a. O.

Arzt in Zwickau.

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