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kurzen Verweilen der Volkskrankheit, die wie eine vorüberschwebende Lufterscheinung rasch und besonnen beobachtet werden musste, wollte man der Nachwelt des Aufzeichnens werthe Angaben hinterlassen. Doch haben sich unter einem Ballast nichtssagender Allgemeinheiten einige Nachrichten über ihren ersten Ursprung erhalten. So soll das Schweissfieber sich nicht eher in der Stadt gezeigt haben, als bis ein Schiffer Hermann Evers gerade um die angegebene Zeit (den 25. Juli) aus England zurückgekehrt sei, und mit ihm am Bord viele junge Leute (ausser den Matrosen wahrscheinlich auch Reisende), von denen in zwei Tagen wohl zwölf an dieser Krankheit gestorben wären *). Diese Verstorbenen waren nach einer andern Angabe nicht in England, sondern unterweges auf dem hohen Meere erkrankt, und die Seuche brach aus, nachdem die noch übrige Mannschaft gelandet war. Hierüber haben wir noch die ganz

glaubwürdige Angabe, dass in der Nacht nach der

1) „Darnegst im Jar 1529 gegen Jacobi hefft Godt alweldig gesandt ene greulicke Kranckheit aver de Stadt van Hamborg, welcke was de schwetende Sicke, de is in negenderley Unterscheding, welcke begunde, als de Schipper Herman Evers quam uth Engelland gegen Jacobi mit velen jungen Gesellen, darvan sturven sulliken in twe dagen wohl 12 Personen, de da bevillen in de Süke, welcke tho Hamborg und in andern Landen was unbekandt gewesen, so dat neen Minsch levede so old, de der kranckheid geliken gedacht hedde.“ Unbekannter Augenzeuge bei Staphorst, Th. II. Bd. I. S. 83. – Ein anderer äussert sich darüber ebendas. S. 85.: „De Anfanck der Kranckheit was uth Engelland, den da was Volck underwegens bevallen, do de up dat Land kämen, und de by de kämen, kregent ock, dat idt so manck dem gemenen Mann kam.“ – Unbestimmte Angaben finden sich bei Adelung, S. 77., Stelzner, Th. lI. S. 219. in der kurzgef. Hamb, Chr. S. 45. und vielen anderen.

Schiff ans
England.

Landung von Hermann Evers vier Menschen in Hamburg am Schweissfieber gestorben seien "). Fassen wir diese an sich sehr werthvollen Nachrichten, an deren vollkommener Glaubwürdigkeit wir keinen Grund finden zu zweifeln, ein wenig schärfer ins Auge, so muss vor allem in Erwägung kommen, dass das Schweissfieber in England schon seit mindestens einem halben Jahre als Volkskrankheit aufgehört hatte –, dass das Vorkommen desselben in einzelnen Fällen zwar nach allgemeinen Ansichten nicht weggeleugnet, aus geschichtlichen Angaben aber durchaus nicht erwiesen werden kann, dass also der Verkehr der Schiffsgesellschaft von Hermann Evers mit irgend einem Schweissfieberkranken in England zu den ganz unbestätigten Vermuthungen gehört. Bringen wir dagegen in Anschlag, dass die Nordsee schon in gewöhnlichen Jahren sehr nebelreich ist, so dass sie bei wehenden Nordwestwinden die dicksten Regenwolken über Deutschland herabsendet, erwägen wir, dass sie im Jahre 1529 noch viel dichtere Nebel als sonst aufsteigen liess, so zeigt sich uns auf ihren Wellen die Hauptursache des englischen Schweissfiebers in ihrer stärksten Entwickelung, wir können daher mit grösster Wahrscheinlichkeit annehmen, dass die Schweissfieberseuche unter der Gesellschaft von Hermann Evers selbstständig und ohne englische Mittheilung ausbrach, vielleicht in ähnlicher Weise, wie einst auf den Schiffen Heinrich's VII. Hierzu

I ) „So balde didt Ship tho Hamborch qwam, begunden de Lude auer de ganze Stadt thosteruen, undt der Morgens horde men dadt 4 darinne gestoruen weren.“ – Aus Reimar Kock's handschriftlicher Chronik von Lübeck. (Die Excerpte daraus verdankt der Verf der Güte des Hrn. Professor

Dr. Ackermann in Lübeck.)

kommt, dass die Schiffe der damaligen Zeit überaus unreinlich gehalten wurden, und das Leben auf ihnen bei schlechter Kost höchst unbequem und unzuträglich war, so dass selbst bei kleineren Seereisen der Scharbock, der Schrecken der damaligen Seefahrer, leicht zum Ausbruch kam. Endlich haben wir auch noch ganz bestimmte Nachrichten, dass in den nördlichen Meeren Ungewöhnliches vorging, so dass auf stärkere Entwickelung krankmachender Einflüsse in der Seeluft mit vollem Rechte geschlossen werden kann. So bemerkte man während der Fastenzeit in Stettin mit grosser Verwunderung, dass Delphine in grosser Anzahl das frische Haff herüber bis an die Brücke kamen, während die Ostsee viele todte Thiere dieser Art auswarf "). Was aber nun den Einfluss der von Schweissfiebergeruch durchzogenen Gefährten von Hermann Evers auf die Bewohner von Hamburg betrifft, so ist keinesweges zu leugnen, dass ihr Verkehr mit Menschen in den unreinen und engen Gassen dieser Handelsstadt einen Anstoss zum Ausbruch der Schweissfieberseuche gegeben haben möge, insofern sie den schon vorhandenen Zunder noch entzündbarer machten, oder den ersten Funken hineinwarfen, – doch kann nicht in Abrede gestellt werden, dass unter den obwaltenden Umständen die Schweissfieberseuche auch ohne den Schiffer Evers über Deutschland hereingebrochen wäre, wenn auch vielleicht erst einige Wochen später, und vielleicht nicht zuerst in Hamburg, dessen Bewohner durch die täglichen Nordseenebel zur ersten Aufnahme der mörderischen Krankheit allem Anscheine nach bevorrechtet waren.

1) Klemzen, S. 254. Man glaubte, das Ostseewasser wäre vergiftet.

Den Ausbruch lange vorbereiteter Volkskrankheiten auf den Tag zu bestimmen, ist selbst für einen gegenwärtigen Beobachter überaus schwer, und auch unter günstigen Umständen zuweilen unmöglich, denn es fehlt nicht an gewissen Uebergängen verwandter Krankheiten in die Seuche, und an einer Stufenfolge von Erscheinungen, die gewöhnlich schon einige Zeit vorher begonnen haben, und wenn nicht alle Vermuthungen trügen, auch bei der Schweissfieberseuche nicht fehlten, wenn auch freilich von den damaligen Aerzten hierüber keine Rechenschaft zu verlangen ist. Nach dieser allgemeinen Erfahrung sind die folgenden Angaben zu beurtheilen, deren buchstäbliche Genauigkeit wir freilich nach drei Jahrhunderten nicht mehr verbürgen, die aber doch in ihrer Gesammtheit die eigenthümliche, fast wunderbare Art der Verbreitung des Schweissfiebers über Deutschland anschaulich machen können.

In Lübeck, der nächsten Ostseestadt, zeigte sich das Schweissfieber fast um dieselbe Zeit. Denn schon am Freitag vor Petri Kettenfeier (den 30. Juli) wurde es bekannt, dass in der Nacht vorher eine Frau daran gestorben wäre *). In den nächsten Tagen nahmen die Todesfälle reissend zu, und die Krankheit wüthete alsbald so gewaltig, dass man sich wohl noch des schwarzen Todes von 1349 erinnern konnte. Es starben unzählige Menschen, in der Stadt wie in der Umgegend, und die Bestürzung war nicht geringer, als in Hamburg *). Am meisten erkrankten, wie überall, die kräftigen und wohllebenden jungen Leute, wogegen die Kinder und die Armen in den Kellern und in den Dachstuben fast ganz verschont blieben *). Nun könnte man, in Voraussetzung einer fortschreitenden Luftveränderung, wie etwa bei den Influenzen, oder wenn an eine Mittheilung von Menschen zu Menschen gedacht werden soll, welche als Hauptursache dieser Volkskrankheit nicht angenommen werden kann, eine allmähliche Verbreitung des Schweissfiebers von Hamburg und Lübeck aus in immer grösseren Kreisen erwarten, in der Wirklichkeit aber ergab es sich nicht so. Denn zunächst brach nun die Schweisssucht am Fusse des Erzgebirges, in Zwickau aus, funfzig deutsche Meilen von Hamburg Zwickau, den entfernt, und ohne vorher die gewerbreiche Handels- 14. August. stadt Leipzig berührt zu haben. Hier wurden schon am 14. August 19 an ihr Verstorbene beerdigt, und in einer der folgenden Nächte erkrankten daran über 100*), woraus zu entnehmen ist, dass die Seuche in Zwickau ihre Herrschaft auf eine sehr empfindliche Weise geltend machte. Möglich, dass das grosse Gewitter vom 10. Äu-Gewitter, den gust in der Entwickelung unserer über alles denkwür- 10. August. digen Volkskrankheit den Ausschlag gab, denn elektrische Spannungen und Entladungen steigern die Empfänglichkeit für Krankheiten, auch ist nicht zu übersehen, dass am 24. August bei bedecktem Himmel Grosse Hitze, eine unerträgliche Hitze entstand *), welche die Körper den 24. Aunach lange ertragener nasskalter Witterung erschlaffen

Lübeck, den 29. Juli.

1) Reimar Kock's Chronik von Lübeck.

2) „A 1529 ist die schwere Kranckheit in Deutschland überall gegangen, in sehr kurzer Zeit und sind in dieser Kranckheit zu Lübeck in der Vornacht Wincula Petri viel 1) Reimar Kock. – 2) Schmidt, S. 307. 3) S. oben S. 93. und Klemzen, S. 254.

treflicher seiner Bürger gestorben. Regkman, S. 135. – Vergl. Kirchring, S. 143. – Bonn, S. 144.

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