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Städten, und wurde wahrscheinlich nach damaliger
Sitte aufgelöst *).
In London soll die Schweisssucht erst am 21. Sep-
tember ausgebrochen sein *), doch haben die Ge-
schichtschreiber mit diesem Tage wohl nur den An-
fang ihres heftigen Wüthens bezeichnet, das bis zu
Ende des folgenden Monats, im Ganzen also fünf
Wochen fortdauerte. Während dieser kurzen Zeit
erlag eine übergrosse Volkszahl *) der neuen Seuche,
und die Betrübniss war ohne Gränzen, so lange man
noch nicht wusste, dass dieses entsetzliche Uebel, un-
fähig seine Herrschaft zu befestigen, nur wie ein Wet-
terstrahl die Bevölkerung durchzuckte, um sogleich
wieder dem regen Treiben des Tages und freudiger
Lebenshoffnung Raum zu geben.
Das einmalige Ueberstehen der Schweisssucht gab
keine Sicherheit; denn viele Genesene erkrankten mit
gleicher Heftigkeit noch das zweite - und drittemal, so
dass ihnen selbst nicht der geringe Trost der Pest-
und Pockenkranken zu Theil wurde, nach überwun-

1) Baco, p. 7. – Marsolier, p. 142. – Noch in demselben Herbst errichtete Heinrich, wie noch kein früherer König von England, eine Leibwache. Sie bestand nur aus 50 nach Art der französischen Gens d'armes bewaffneten „Yomen of the crowne,“ deren jedem zwei Mann zu Fuss, ein Archer und ein Demilance, und ein Trossbube, Custrell, zur Wartung seiner drei Pferde zugeordnet waren. Der erste Befehlshaber dieser Leibwache, die den ältesten Stamm zu dem englischen stehenden Heere bildete, war der Graf Henry Bourchier von Essex. – Herbert of Cherbury, p. 9. – Grafton und die anderen Chronisten, a. a. O. – Baker, p. 254.

2) Baco, Stow, Baker, a. a. O. Rapin nimmt die Mitte Sept, als den Zeitpunkt des Ausbruches an. T. IV. p. 386.

3) Infinite persons. Baco, a wonderfull number. Stow, many thousands. Baker, a. a. O.

dener Lebensgefahr frei und unbesorgt umherzuwandeln *). So verbreitete sich die Seuche bis zu Ende des Verbreitung. Jahres über ganz England, und hauste aller Orten mit gleicher Heftigkeit wie in der Hauptstadt. Nicht wenige Vornehme, geistlichen und weltlichen Standes, forderte sie ab. Gross war der Schrecken, als sie noch im August in Oxford ausbrach. Lehrer und Schüler flohen alsbald nach allen Seiten, doch ereilte der Tod viele von ihnen, und sechs Wochen lang blieb die berühmte Hochschule verödet *). In Croyland zeigte sie sich ein Vierteljahr später, und tödtete den Abt des Klosters Lambert Fosse dyke am 14. November *). Von allen übrigen Orten sind keine bestimmten Angaben auf unsere Zeit gekommen, doch ist aus den Zeichen allgemeiner Angst und Noth zu entnehmen, dass der Menschenverlust sehr bedeutend gewesen.

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Die Aerzte wussten dem Volke in so harter Bedrängniss wenig oder nichts zu rathen *). Nirgends ist von ihnen in dieser Seuche die Rede, auch waren diejenigen, welche als Helfer und Retter ihrer Mitmenschen hätten auftreten können, auf galenistische Abwege gerathen, so dass ihr dialectischer Geist vor einer so gewaltigen Erscheinung zurückweichen musste. Dies gilt selbst von dem damals weltberühmten Thomas Linacre, dem nachherigen Leibarzte zweier Könige“)

1) Holinshed, Vol. III. p. 482. – 2) Wood, p. 233. 3) Histor. Croyland. p. 569. Fell. 4) Nophysick afforded any cure. Baker, p. 254. 5) Heinrich VII. und Heinrich VIII. Vergl. die treffliche Lebensbeschreibung dieses Gelehrten bei Aikin.

und Gründer des Collegiums der Aerzte in London (1518). Er war in kräftiger Jugendblüthe Augenzeuge der Vorfälle in Oxford gewesen, und erlebte noch den zweiten und dritten Ausbruch der Schweisssucht, nirgends aber findet sich in seinen Schriften ein Wort von dieser für alle Zeiten denkwürdigen Krankheit. Ueberhaupt waren die Wiederhersteller der altgriechischen Heilkunde, denen sich ausser Linacre die geistvollsten Männer Europas anschlossen, mehr mit den alten Sprachen, als mit Beobachtungen beschäftigt, und vergassen über ihr „kritisches Bestreben“ die grossartige Gegenwart"). Dies erinnert an die späteren griechischen Aerzte, welche die Pocken vier Jahrhunderte lang unbeachtet liessen, weil ihre Beschreibung sich nicht in Galen's unsterblichen Werken vorfand *). Dem geängsteten englischen Volke blieb also keine andere Zuflucht übrig, als zu seinem eigenen gesunden Verstande, und dieser ertheilte ihm den Rath, den kein Arzt der Welt besser hätte geAltenglisches ben können: Keine gewaltsamen Arzneien,

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1) Erasmus äussert sich in dieser Angelegenheit in gewohnter Weise. Er war mit Linacre, den er bei anderen Gelegenheiten höchlich rühmt, eng befreundet, dies hindert ihn jedoch nicht, ihn als einen Sprachpedanten seine Geissel fühlen zu lassen. „Novi quendam Tourszvóraror, graecum, latinum, mathematicum, philosophum, medicum, tairra ßaotuxöv, iam sexagenarium (er war 1460 geboren und starb 1524), qui ceteris rebus omissis, annis plus viginti se torquet ac discruciat in grammatica, prorsus felicem se fore ratus, si tam diu lice at vivere, donec certo statuat, quomodo distinguendae sint octo partes orationis, quod hactenus nemo Graecorum aut Latinorum ad plenum praestare valuit.“ Laus stultitiae p. 200. – Dass hier Linacre gemeint sei, liegt am Tage, die Stelle passt auf keinen andern Zeitgenossen.

2) Des Werf Gesch. d. Heilk. Bd. II. S, 311.

keine Nahrung, und nur wenig mildes Getränk zu geniessen, und in ruhiger Lage vierundzwanzig Stunden geduldig auszuharren, bis zur Entscheidung des gefahrvollen Uebels. Die bei Tage befallen wurden, legten sich, um jede Kühlung zu vermeiden, in ihren Kleidern zu Bett, die bei Nacht erkrankten, standen nicht wieder auf von ihrem Lager, und alle hüteten sich sorgsam, eine Hand oder einen Fuss hervorzustrecken. So vermieden sie ängstlich Erhitzung und Abkühlung, um weder durch jene den Schweiss hervorzurufen, noch durch diese zu unterdrücken, denn sie wussten wohl, beides brachte ihnen den sicheren Tod *). Bald ging die Kunde durch das ganze Land, dies Verfahren sei zuverlässig, und so wurden denn bis gegen Neujahr 1486 noch Viele dem Verderben entrissen. An diesem Tage wehete ein gewaltiger Sturm aus Südosten, der durch Erfrischung des Luftmeers die gefahrvolle Spannung in den Leibern der Menschen löste, so dass die Seuche zur Freude des ganzen Volkes spurlos verschwand *).

3. Ursachen.

Es fiel schon damals auf, dass die Schweisssucht nicht über die Gränzen von England hinausging, und während sie ein trauriges Eigenthum der Britten blieb, nicht einmal nach Schottland oder Irland, oder dem brittischen Calais sich verbreitete. Vieles lag ohne Zweifel an der Eigenthümlichkeit des Landes, mehr noch an Veränderungen im Luftmeer, nicht wenig an den Gewohnheiten der Menschen und den Ereignissen der Zeit. Es zeigte sich in der Folge augenfällig, dass der englische Schweifs ein Gespenst des Nebels war, das in den grauen Wolken seine Schwingen regte. Nun lasten diese Wolken schon in gewöhnlichen Jahren schwer und lange auf England, in feuchten Jahren aber konnten sie der Gesundheit um so nachtheiliger werden, weil die damaligen Engländer weder an Reinlichkeit, noch in ihren Bedürfnissen an Mässigkeit und behagliche Verfeinerung gewöhnt waren. Der thierische Genuss des Vielessens wurde von Vornehmen und Geringen hochgehalten, den Weinkrügen wurde über die Gebühr zugesprochen !), und die Landessitte billigte bei Gelagen und Gastmählern ein so verderbliches Uebermaass. Beachtet man nun, dass gerade die kräftigen Männer von der Krankheit am meisten ergriffen wurden, also der Theil des Volkes, der den Freuden der Tafel und des Schenktisches am zügellosesten fröhnte, während die Kinder, Weiber und Greise fast ganz verschont blieben, so liegt es nahe, der groben Genussgier dieses Zeitalters einen beträchtlichen Antheil an der Hervorbringung der unerhörten Seuche einzuräumen. Hierzu kam die Feuchtigkeit des Jahres 1485, die in den meisten Zeitbüchern als sehr bedeutend geschildert wird *). In ganz Europa strömte überreichlicher Regen vom Himmel herab, und Ueberschwemmungen waren häufig. Nun wird feuchte Witterung der Gesundheit nicht nachtheilig, wenn sie vorübergehend ist, bleibt aber ein Uebermaass von Re

1) Grafton, p. 161, und die übrigen Chronisten.

2) Wood, a. a. O.

Wöllerei.

Nässe.

1) Die schweren griechischen Weine waren in dieser Zeit die beliebtesten, vorzüglich der kretische, der Malvasier und der Muscatwein. Lemnius, de compl. L. II. sol 111. b. – Reusner, p. 70.

2) Werlich, S. 248.

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