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Vorrede.

Wenn man in neuester Zeit in Frankreich, Belgien und England dem Schauspiele des Mittelalters eine Aufmerksamkeit widmet, wie es lange vorher nicht geschehen, so möchte dieses Werk schon dadurch gerechtfertigt seyn, daß es auch Leutschland in diesen Kreis der literarischen Forschung durch eine größere Arbeit einführt. Aber auch abgesehen von diesem Verhältniß zum Ausland bedarf die Geschichte der teutschen Literatur noch der Bekanntmachung und Erklärung der alten Schauspiele, weil das alte Drama gegenüber dem Epos und der Lyrik noch so wenig bekannt und gewürdigt ist, daß dieser Mangel eine auffallende Lücke in der Geschichte unserer Literatur bildet. Die Anzahl der Stücke, die ich gefunden, erlaubte mir, in die Geschichte der teutschen dramatischen Dichtkunft weiter einzugehen, als es bei der Herausgabe der altteutschen Schauspiele (Quedlinburg 1841) thunlich war. Der Ursprung und die Hauptzüge der Entwicklung dieser Dichtart lassen sich bereits erkennen, aber es müssen noch mehr Stücke aufgefunden werden, um die Uebergänge von einer Stufe zur andern zu zeigen und dadurch eine zusammenhängende Geschichte des teutschen Schauspiels im Mittelalter möglich zu machen. Um dieß vorzubereiten, habe ich meine Sammlung nach der Zeitfolge

geordnet, denn der Stufengang der Ausbildung wird dadurch anschaulich, und man erkennt darin leichter, wo Zwischenglieder fehlen, als wenn man die Stücke nach ihrem Inhalt zusammen stellt. Für das sechzehnte und siebenzehnte Jahrhundert, wo die Quellen zahlreicher werden, habe ich ein Verzeichniß ungedruckter Schauspiele angefügt, weil ich meine Arbeit nicht über das Mittelalter ausdehne. Andere Herausgeber und LiterarHistoriker mögen diese Fundgruben zur Förderung der Nationalliteratur ausbeuten.

Bisher wurde die Geschichte des altteutschen Schauspiels nur aphoristisch behandelt, man ging nicht auf den Grund ein und konnte daher auch nicht den Zusammenhang der Ausbildung darstellen. Dieß wird nur möglich, wenn man gleichsam die Geschichte jedes einzelnen Stückes untersucht. Dadurch lernt man die Beziehungen seiner Theile zu einander kennen und kann darnach die Abfaffung anderer Stücke verstehen und würdigen. Denn gerade in den ältesten Schauspielen trifft man eine sehr mannigfaltige Behandlung desselben Stoffes an und kann über die relative Vollständigkeit der Abfassung nicht richtig urtheilen, wenn man nicht weiß, welches die Grundanschauung war und in welcher nothwendigen Beziehung die Personen und Handlungen zu einander gedacht wurden. Da diese Vorstellungen des Mittelalters von unsern Begriffen oft sehr verschieden sind, so war ich genöthigt, mich darüber ausführlicher zu verbreiten, als ich früher gethan, um die eigenthümlichen Verhältnisse der alten dramatischen Dichtkunst deutlich zu

machen. Diese Bemerkungen sind freilich in den Einleitungen zerstreut, denn ich konnte sie nur da machen, wo der Tert dazu Anlaß gab, eine zusammen hängende Darstellung gehört in eine Geschichte der teutschen dramatischen Dichtkunst, welche für das Mittelalter noch zu bearbeiten ist. Denn was wir an solchen Schriften besigen, genügt selbst nach dem nicht, was bereits an Quellen bekannt gemacht ist. Zum Beweise gebe ich einige Beispiele. Kehrein (dram. Poesie der Deutschen 1840. 1,52—56) übergeht die altteutschen Schauspiele in Hoffmanns Fundgruben, ein Mangel, der in einem Buche um so mehr auffällt, als es für die Geschichte der dramatischen Dichtkunst bestimmt ist. Andere Schriften, welche die teutsche Literatur überhaupt behandeln, gewähren auch wenig Befriedigung. Bei Wachler (Vorles. über die Gesch. der teutschen Nat.-Lit. 2. Aufl. 1834. 1, 141) werden herkömmlich Rosenplüt, Folz und Schernberg genannt, aber keine Auskunft gegeben über Ursprung, Anlage und Ausbildung der Schauspiele. Gervinus (Gesch. der Nat.-L. 2, 358 flg.) erkennt zwar richtig den Zusammenhang zwischen dem altteutschen Schauspiel und den zeichnenden Künsten, verwechselt aber die Allegorie mit der Vorbildlichkeit, d. h. die Parabel mit der Geschichte, wodurch er auf einen allegorischen Inhalt als Ursprung des Dramas geleitet wird, was unrichtig ist, weil der ursprüngliche Inhalt des alten Schauspiels geschichtlich

war.

Den Zusammenhang des Schauspiels mit dem Gottesdienste kennt er nicht, darum bleibt ihm auch der musikalische Charakter des alten Dramas unerklärlich.

In einer späteren Schrift (Handbuch der Gesch. d. teutsch. Lit. 1842. 177. 178) beschreibt er die äußere Beschaf= fenheit der alten Schauspiele ziemlich gut, geht aber auch darin auf ihre innere Anlage nicht ein. Koberstein (Grundriß der Gesch. der teutsch. Nat.-Lit. 3. Aufl. 1837. S. 305) enthält mehr Notizen als Wachler, läßt jedoch die Fastnachtsspiele zu gleicher Zeit mit den Mysterien entstehen und kennt den eigentlichen Ursprung dieser leßten nicht, indem er ihren Inhalt nur im Allgemeinen auf die Bibel und Legende zurückführt, aber die specielle Beziehung auf den Gottesdienst und das Kirchenjahr nicht angibt. Pischon (Leitfaden zur Gesch. der teutsch. Lit. 7. Aufl. 1843) beschränkt sich auf die Namen wie Wachler. Brederlow (Vorles. über die Gesch. der teutsch. Lit. 1844. 1, 166) wiederholt dieselben Namen und läßt nach gewöhnlichem Irrthum das eigentliche Schauspiel in der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts zu Nürnberg ent= stehen, und zwar aus dem Fastnachtsspiel (S. 167). Dieß war aber nur ein Auswuchs des alten Schauspiels, ein Verderbniß desselben, woraus man nicht den Ursprung des Dramas ableiten kann, ohne das Trauerspiel gänzlich auszuschließen. Besser hat Vilmar (Gesch. der teutsch. Nat.-Lit. 1845. S. 316) über die Anfänge und den Charakter des alten Dramas gehandelt und sich auch um Erweiterung der Quellenkenntniß bekümmert. Da sich in neuester Zeit die Schriften über die Geschichte der teutschen Literatur vermehren, so ist es um so nöthiger, richtige Ansichten über den dramatischen Theil dersel= ben aufzustellen, nicht nur um die Verbreitung irriger

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