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betrachten werde. Hätte Preussen Erbansprüche auf die Herzogthümer machen wollen, so hätte es dieselben zur Geltung bringen müssen, bevor es in London am 28. Mai die gemeinsame Erklärung mit Österreich abgab. Österreich könne in eine Einverleibung der Herzogthümer in Preussen nur gegen das Äquivalent einer ihm selbst zu gewährenden Vergrösserung seines deutschen Besitzes willigen'). Österreichisches Blut sei nicht geflossen, um das Gleichgewicht der beiden deutschen Grossmächte durch einseitige Vergrösserung zu stören.

Die Controverse ruhte nun einige Zeit, ohne dass jedoch Preussen bezüglich seiner Pläne auf die Herzogthümer anderen Sinnes ward.

Um sich den Anschein zu geben, als ob es fremdes Bechl nicht gänzlich missachten wollte, überwies dq| preussische Cabinet gegen Ende December die Prüfung der Erbansprüche auf die Herzogthümer seinen eigenen Kronjuristen, welche sowohl die Ansprüche der anderen Staaten als jene der preussischen Krone, die theils aus älteren brandenburgischen Erbrechten, theils aus dem letzten Friedensvertrage fliessen sollten, in's Auge zu fassen hatten.

Am 15. Jänner 1865 traf Prinz Friedrich Carl zum Besuche am kaiserlichen Hofe in Wien ein; er hatte für das ihm von Sr. Majestät dem Kaiser verliehene Commandeurkreuz des Maria Theresien-Ordens seinen Dank abzustatten und wohl auch die Glückwünsche zu seinen Siegen entgegenzunehmen; — auf die nicht mehr guten Beziehungen der beiden Staaten halte sein Besuch keinen besondern Einfluss.

Indessen bemächtigte sich auch die sohleswig-holsteinische Bevölkerung der Discussion über die Schicksale ihres Landes.

Die Masse der Bevölkerung sprach sich, ihrer alten Gesinnung getreu, für die Selbstständigkeit ihres Landes als deutsches Bundesland unter de*r Regierung des Erbprinzen Friedrich von Augustenburg aus.

Auf ein am 7. December durch die Civil-Commissäre Österreichs und Preussens an die schleswig-holsteinische Beamtenschaft und Geistlichkeit gerichtetes Verlangen zur Ausstellung eines Reverses, die Erbfolgelrage nicht präjudiciren zu wollen, lief allgemein die Antwort ein, dass die Beamten und die Geistlichkeit die von dem Lande an den Tag gelegte Überzeugung hinsichtlich der verfassungsmässigen Landesrechte vollkommen theillen.

Nur eine Fraction von wenigen Grossgrundbesitzern, unter der Führung des Barons Scheel-Plessen, richtete zu Ende December eine Adresse an die verbündeten Souveräne, in welcher der Wunsch nach Einverleibung des

i) Natürlich auf Kosten Preussens.

Landes in Preussen ausgesprochen war, — doch rief diese wider die allgemeine Ansicht lautende Erklärung massenhalte Gegenerklärungen und Adressen hervor.

So namentlich sprach am 12. Jänner 1865 der Ausschuss der schleswig-holsteinischen Vereine zu Rendsburg in der sogenannten Vierziger Erklärung — einer von 60,800 freien und selbstständigen Männern unterzeichneten Adresse — aus, dass das Land die sittlichen Bande, welche zwischen ihm und dem Erbprinzen geknüpft seien, als unzerreissbar erachte, —der Versuch, auch nur einem Theil des Landes einen andern Herrscher aufzudringen, als Treubruch aufgefasst werden und bei dem Volke jenen zähen "Widerstand herausfordern würde, den es im Kampfe gegen Dänemark gelernt.

Am 19. Februar ward den Civil-Commissären eine von Abgeordnelen fast aller Städte und Districte des Landes unterzeichnete Denkschrift über die [."beistände des Provisoriums, und ungefähr einen Monat später, eine ähnliche von Depulirten der Kaufleute und Industriellen überreicht, und in der letzteren um baldige Beendigung des die Handelsinteressen so schwer gefährdenden Provisoriums gebeten.

In einer Erklärung vom 26. März 1865 formulirten mehrere Abgeordnete der schleswig-holsteinischen Landesvertretung die Zugeständnisse, welche der einstige Herzog unter Wahrung der Interessen der Herzogthümer zu machen berechtigt sei, und wiesen einen grossen Theil von Forderungen, welche mittlerweile in einer preussischen, am 21. Februar nach Wien gerichteten Depesche ausgesprochen worden waren, und welche wir gleich anführen werden, mit Entschiedenheit zurück.

Dieser Erklärung trat am 19. April eine Versammlung Delegirter von 117 schleswig-holsteinischen Vereinen bei1).

Bei den verschiedenartigen Zwecken der Condominat - Regierungen mussle es nolhwendigerweise früher oder später auch zu Differenzen im Schosse der gemeinschaftlichen Landes-Regierungen kommen.

Bei aller Rücksicht für Preussen musste das Verhalten des österreichischen Regierungs-Commissärs den Kundgebungen des Volkes gegenüber ein anderes sein, als jenes des preussischen Commissärs, welcher in diesen eine Bedrohung der Absichten und Zwecke seiner Regierung sah.

Diese letzteren hatten indess theils in den Noten an Österreich, theils in den Erklärungen am Bundeslage, immer mehr an Entschiedenheit und Präcision gewonnen.

i) Eine Denkschrift des Prinzen von Augustenburg vom 31. März 1865 über die möglichen Concessionen an Preussen theilte die Anschauungen des Landes.

In der schon erwähnten Depesche vom 21. Februar 1865 sprach Graf Bismarck die Bedingungen aus, deren Erfüllung das preussische Cabinet inden Herzogthümern zur Sicherslellung der Interessen Preussens und Deutschlands verlangen müsse.

1. „Ewiges und unauflösliches Schutz- und Trutzbünd„niss der Herzogthümer mit Preussen, durch welches sich Preussen „zum Schulze und zur Vertheidigung gegen jeden Angriff verpflichte. — „Dagegen stellen die Herzogthümer ihre ganzen Streitkräfte, die dem „Könige von Preussen den Fahneneid 1 eisten, Letzterem zur Verfügung.

2. „Die Bundespflicht des Souveräns der Herzogthümer bleibt dieselbe „wie bisher.

3. „ Rendsburg wird Bundesfestung und bleibt bis dahin von Preussen „besetzt.

4. „Behufs des Schutzes der Herzogthümer werden an Preussen folgende Territorien mit voller Souveränetät abgetreten:

0) „die Stadt Sonderburg mit entsprechendem Gebiete auf beiden Seiten „des Alsen-Sundes;

1) „zum Schutze Kiels die Festung Friedrichsort mit entsprechendem „Gebiete;

c) „an den Mündungen des von der Ost- in die Nordsee anzulegenden „Canales das zur Anlegung von Befestigungen nolhwendige Terrain, ferner „Bestimmung über die Richtung und Leitung des Baues und die Oberaufsicht.

5. „Die Herzogthümer treten mit ihrem ganzen Gebiete dem preussischen Zollsysteme bei.

6. „Das Post- und Telegrafenwesen der Herzogthümer wird mit dem „Preussischen vereinigt.

„Die Übergabe der Herzogthümer an den künftigen „Souverän erfolgt nach Sicherstellung und Ausführung aller „vorstehenden Bedingungen. Kämen solche nicht zur Ausführung, so „träte Preussen in die aus dem Wiener Frieden ihm zustehenden Rechte „wieder ein, und behalte sich dasselbe die Geltendmachung aller sonstigen in „Betreff der Herzogthümer ihm zustehenden Ansprüche vor."

Graf Mensdorff beantwortete diese Forderungen am 5. März dahin, dass jede derselben dem Bundesrechte und der Selbständigkeit des neuen Bundeslandes widerspräche, und verlangte erneuert Selbständigkeit für das letztere und Regelung seines kündigen Verhältnisses zu Preussen innerhalb der Grenzen der Bundes-Gesetzgebung.

Mittlerweile war die Angelegenheit auch beim Bunde wieder zur Sprache gebracht worden.

In der 10. Sitzung, vom 27. März, stellten die Regierungen von Bayern, Sachsen und dem Grossherzogthum Hessen, mit dem Zflsatze, es möge über denselben binnen 8 Tagen abgestimmt werden, den Antrag:

„Die Bundesversammlung wolle unter Vorbehalt weiterer Beschluss„fassung die vertrauensvolle Erwartung aussprechen, die Begierungen von „Österreich und Preussen würden dem Erbprinzen von Schleswig - Holstein„Sonderburg-Augustenburg das Herzoglhum Holstein in eigene Verwaltung „nunmehr übergeben, bezüglich der wegen des Herzogtums Lauenburg aber „unter ihnen getroffenen Vereinbarungen der Bundesversammlung Eröffnung „zugehen lassen."

Die erwähnten drei Regierungen begründeten den Antrag damit:

1. dass zur Zeit kein Gerichtshof bestände, welcher competent wäre, ein processualisches Verfahren einzuleiten, somit die Bundesversammlung berechtigt sei, über den bestberechtigten Prätendenten zu entscheiden;

2. dass es nothwendig erscheine, die suspendirte Stimme nicht mehr länger ruhen zu lassen;

3. durch Hinweisung auf die Seitens der deutschen Grossmächle in der Londoner Conferenz gegebene Erklärung;

4. endlich, dass durch die Einsetzung des Erbprinzen dem rechtlichen Verfolge anderer Ansprüche der Weg nicht abgeschnitten, ja vielmehr dieser erst rechtlich möglich wäre, da für die Mitprätendenten das Beschreiten des Austrägal-Verfahrens offen stehen würde.

Österreichs Gesandteram Bunde, Baron K ü b ek, stimmte diesem Antrage bei; der Gesandte Preussens, Herr v. Savigny, bemerkte jedoch sogleich, dass ihm der Antrag, ohne Prüfung im Ausschusse, übereilt erscheine.

Als dennoch beschlossen ward, am 6. April über denselben abzustimmen, erklärte Herr v. Savigny: „er müsse in dem so eben gefassten Beschlüsse „mit Bedauern eine Überstürzung erkennen, welche der Sache nicht förderlich „sein würde.

„Zugleich sei er schon jetzt zu erklären beauftragt, dass die königliche „Regierung, da sie die Ansprüche des Erbprinzen von Augustenburg als „nachgewiesen nicht erachten kann, ihr Votum gegen den vorliegenden Anntrag abgeben werde, und dass sie sich im voraus gegen einen beschluss„mässigen Ausspruch der Bundesversammlung über bestrittene Fragen verfahre. Die königliche Regierung dürfe vielmehr von der Bundesversammlung „insbesondere erwarten und verlangen, dass, bevor bei einem Bundesbe„schlusse eine Formulirung der Ansichten festgestellt wird, dieselbe eine „Prüfung nicht nur der Augustenburg'schen, sondern aller coneurrirenden „Ansprüche vornehmen werde, namentlich der Seilens des Grossherzogs von ..Oldenburg erhobenen Rechte und derjenigen Rechte, welche Preussen selbst, „sowohl aus der Cession Königs Christian IX., als'aus den alten Ansprüchen des brandenbnrgischen Hauses herzuleiten habe."

In der über den eingebrachten Antrag am 6. April erfolgten Abstimmung präcisirle der preussische Gesandle die eben angeführte Erklärung dahin, dass die preussische Regierung die Erbansprüche des Erbprinzen von Augustenburg nicht nur nicht nachgewiesen, sondern nicht nachweisbar erachte, — und was die im Punkte 3 der Begründung des Tripel-Anlrages erörterte Hallung und Erklärung Preussens in London anbelangt, so sei sie lediglich nur ein Mittel zur Lösung der kriegerischen Complicalionen gewesen. Dieser Vorschlag habe mit seiner definitiven Ablehnung jede weitere Bedeutung um so mehr verloren , als seitdem durch die mehrfache Geltendmachung von Ansprüchen die , rechtliche und faclische Lage eine andere geworden sei.

Der Antrag ward trotz der Einsprache des preussischen Gesandten mit Stimmenmehrheit zumBeschluss erhoben; — doch trat selbst Österreich demselben nur insoweit bei, als dies „ohne Störung des zwischen Preussen und dem Kaiserstaate bestehenden Einverständnisses möglich wäre."

Der preussische Gesandle erklärte aber kurzweg, dass seitens seiner Regierung die Erfüllung dieses Beschlusses nicht in Aussicht stehe, — übrigens er auch gegen die Auffassung Verwahrung einlegen müsse, dass mit der Forderung einer gleichmässigen Prüfung der Ansprüche dem Bunde auch ein Recht auf die endgiltige Entscheidung zuerkannt worden sei.

Das Recht zu dieser Entscheidung wollte die preussische Regierung allein haben, und sie bewies diesen Willen bald, indem sie, alle Rücksichten gegen Österreich bei Seile setzend, den Weg der Thatsachen betrat.

Am 3. April erklärte der preussische Regierungs-Commissär Herr von Zedlitz der Landesregierung, der König von Preussen habe die Verlegung der preussischen Ostsee-Marine-Station von Danzig nach Kiel und die Befestigung dieses Hafens anbefohlen.

Gegen diese Erklärung des preussischen Commissärs legte Freiherr von Halbhuber Protest ein, und die österreichische Regierung Hess, um wenigstens ihr Mitbesitzrecht auf Kiel zu conslatiren, zwei in Geestemünde liegende k. k. Kriegsschiffe ebenfalls in Kiel Station nehmen.

Später, um den Conftict nicht zu verschärfen, willigte Österreich in die Elablirung der preussischen Marine in Kiel, unter der Bedingung, dass die preussischen Landtruppen, die denBedarf im Frieden ohnehin weit überstiegen, um die Zahl der in Kiel unterzubringenden preussischen Marinemannschafl vermindert würden.

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