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General v. F a 1 c k c n s t e i n, welcher sich bei der Division G 0 e b e n befand, beorderte diese am 16. Morgens gegen Hannover aufzubrechen; gleichzeitig erliess er folgenden Armee-Befehl:

„Hannover, Sachsen und Kurhessen, mit denen wir bis jetzt in Frieden „und Freundschaft lebten, haben auf Ansuchen Österreichs beschlossen, eine „Executions-Armee gegen Preussen in's Feld zu stellen. Es ist nicht unsere „Sache, die Gründe dafür zu erforschen; aber selbstverständlich ist dieserhalb „Sr. Majestät unserm Allergnädigslen Könige Nichts übrig geblieben, als den „übermüthigen Regierungen jener Kleinstaalen den Krieg zu erklären. Heule „rücken wir nun als Feinde ein. Nichtsdestoweniger wollen wir es uns angelegen sein lassen, den ruhigen Landes-Einwohnern gegenüber, denen diese „Vorgänge gar nicht lieb sind, auch unsererseits zu zeigen, wie wir es beklagen, „zu einembruderniörderischenKriege herausgefordert zu sein. Soldaten „des weslphälischen Armee-Corps! In diesem Sinne lassl uns den bevorstehenden Krieg durchkämpfen; wir wollen unseren gegenwärtigen Feinden zeigen, „dass eine mehr denn fünfzigjährige Freundschalt in uns eine zu schöne Erinnerung zurückgelassen hat, um uns solort zu rücksichtslosen Feinden umstimmen zu können.

Der commandirende General

gez. v. F a 1 c k e n s t e i n."

Es rückten nun die preussischeu Divisionen Manteuffel und G o e b e n, die eine von A11 o n a, die andere vonMinden im Königreiche Hannover ein, während die Division Beyer von Wetzlar aus das Kurfürstenthum Hessen occupirle.

General - Lieutenant Manteuffel überschritt noch vor erfolgter Kriegserklärung die Grenze Hannovers. Unter dem Vorwande, die Eisenbahn zur Fahrt nach Minden in Westphalen benützen zu wollen, ward Harburg am 15. Juni Nachmittags von der Avantgarde des GL. Manteuffel (Brigade GM. Flies) besetzt.

Am 16. gelangte der Rest der Division (gegen 10.000 Mann) über die Elbe, und deren Avantgarde wurde bis Lüneburg vorgeschoben; das Hauptquartier des GL. Manteuffel kam nach Harburg.

Noch am Abende desselben Tages wurden zwei Kanonenboote gegen Brunnshausen entsendet, und die dort befindliche, von den Hannoveranern nicht bewachte Strandbatlerie (mit 8 schweren Kanonen) in Besitz genommen.

Am 17. Juni verlügte GL. Manteuffel den Überlall der kleinen hannoverschen Festung Stade durch das 1.Bataillon des 25. Infanterie-Regiments. Das Bataillon ward an diesem Tage Abends 10 Uhr auf den Kanonenbooten Loreley und Cyclop und einem Privatdampier in Harburg eingeschifft und landetc Nachts 1 Uhr bei Twilenfleth, von wo es sich gegen Stade in Bewegung setzte.

Bevor noch die kleine Besatzung sich gesammelt halte, ward das Festungslhor eingeschlagen, worauf nach kurzem Hin- und Herschiessen die Capitulation der Festung erfolgte ').

Den Preussen fielen hier viele Vorräthe, darunter 34 Geschütze, 14.000 neue gezogene Gewehre etc. in die Hände *).

Das Gros der Division Man teuf fei rückte indessen in 2 Colonncn weiter vor und gelangle am 18. Juni bis Lüneburg und Heber (Strasse nach Celle). Die bei Lüneburg stehende Colonne wurde sodann in der Nacht zum 19. mittelst Eisenbahn nach Hannover befördert, wo sie am 20. Rastlag hielt, während die andere Colonne (Brigade Flies) am 19. nach Bergen und am 20. nach Celle marschirte.

Die Division Goebeuwar am 16. bis Stadlhagen gekommen und rückte schon am 17. Abends in der hannoverschen Hauptstadt ein.

Die preussische Division Beyer, welche Kurhessen zu besetzen hatte, concentrirte sich am 15. von Wetzlar aus ander hessendarmslädtischen Grenze in der Nähe von Giessen.

Am 16. Morgens 2 Uhr erfolgte der Einmarsch in Hessen*).

Nach 3 forcirten Märschen, während deren — durch die Zerstörung der Cassel-Bebraer-Bahn bei Melsungen — ein nicht unbedeutendes Kriegsmaterial, das nicht mehr nach dem Süden hatte befördert werden können, erbeutet wurde, gelangte eine Brigade dieser Division im Laufe des 19., der Rest am 20. Juni nach Cassel, ohne auf dem Wege dahin auf Widersland zu stossen, da die kurhessischen Truppen, wie erwähnt, mittlerweile schon nach Fulda resp. Hanau abgerückt waren *).

1) Die Besatzung bestand, nebst der Artillerie, aus Kekruten der Depot-Abtheiluugen des 4. (Stader) Infanterie-Regiments. (Officieller Bericht Seite 4).

2) Nach dem Überfall von Stade wurden am 19. die Woser-Forts, welche von den Hannoveranern bereits verlassen waren, durch Abtheilungen des Arminius und Cyclop besetzt. Emden und die Strandbatterie an der Ems, — wo der Hannoversche Commandaut, Oberstlioutenaut von Freitag, ohne Widerstand zu leisten, capitulirte, — fielen am 22., endlich die Insel Norderney am 27. Juni in die Hände der Preussen. Damit endete auch die Wirksamkeit der preussischeu Flottille in diesem Feldzuge.

3) Es versteht sich von selbst, dass alle preussischeu Generale Proclamationen an die Bevölkerungen der invadirten Länder erliessen. Wir glauben uns der Reproduetion dieser Ansprachen überheben zu können.

•l) Während dos Vormarsches hatte General Beyer nebst der Cassel-Bebraer auch die gegen Frankfurt führende Eisenbahn, der sich hier ansammelnden Bundestruppeu wegen, an mehreren Punkten zerstören lassen.

Der auf Wilhelmshöhe zurückgebliebene Kurfürst wurde nach dem Einrücken der Preussen in Cassel zum Staatsgefangenen erklärt und anfänglich nach Minden, später nach Stettin abgeführt.

Wie aus dem früher citirten Erlasse des Königs von Preussen hervorgeht, war des General-Lieutenants von Falckenstein nächste militärische Aufgabe, so rasch als möglich die hannoversche Arm#e unschädlich zu machen. Die Abtheilungen dieser Armee, welche schon theilweise im Marsche nach 4 verschiedenen Übungslagern (Verden, Harburg, Burgdorf, Liebenau) begriffen waren, hatten nach einem am 15. Mittags in Herrenhausen abgehaltenen Conseil noch im Laufe dieses Tages telcgraphisch Befehl erhalten, sich bei Göttingen zu versammeln.

Von hier aus wollte der König, wo möglich, den Anschluss an andere Bundestruppen zu gewinnen suchen.

Nach 3 Tagen war die gesammle Armee, mit Ausnahme dreier Compagnien des in Stade belassenen Artillerie-Bataillons und einzelner Detachements, in und um Götüngen vereinigt. Der König mit dem Kronprinzen kam schon am Morgen des 16. Juni daselbst an und war nun bestrebt, die in Eile concentrirte Armee für ihre Verwendung im Felde möglichst zu organisiren.

Dieselbe ward in 4 Infanterie-Brigaden, ferner in eine Reserve-CavallerieBrigade und die Reserve-Artillerie getheilt').

Jede der 4 Infanterie-Brigaden bestand aus 5 Bataillons Infanterie, einem Cavallerie-Regiment, einer Batterie und einem Sanitätszuge; die ReserveCavallerie-Brigade aus 2 Cavallerie-Regimentern und einer Batterie; die Reserve-Artillerie aus 3 Batterien (16 Geschütze). Den Brigaden Bothmer und Bülow wurden später beim Abmärsche von Göttingen noch je eine PionnierCompagnie zugetheilt').

Die ganze Armee zählte bei Beginn der Operationen annähernd 15.000 Mann Infanterie (darunter 2000 Mann erst vor 2 Monaten eingestellter Rekruten), — 2200 Pferde — und 42 Feldgeschütze.

Hiezu kamen noch:

1. Eine Munitions-Colonne mit 40 Fuhrwerken;

2. ein bewegliches Artillerie-Depot, dem ein Park von 10 Reserve-Geschützen beigegeben war, und die eintretenden Falles auch als Positions-Geschütze hätten verwendet werden können.

3. Der Armee-Train, welcher ausser den Chargen und weniger Mannschaft nur aus unmilitärischen Elementen bestand.

Den Befehl über die gesammle Armee übernahm GL. von Arentsschildts).

1) Ordre de bataille der hannoverschen Armee, Beilage zum VII. Abschnitte Nr. 2.

2) Das Infanterie-Bataillon war durchschnittlich 700 Mann, das Cavallerie-Regiment 350 Pferde stark, und die 5 bei den Brigaden eingeteilten Batterien zählten 26 Geschütze.

3) Dio Ansprache dos Königs aus dem Hauptquartier Göttingen an die Bevölkerung, und die des Generallieutenants von Arentssehildt an die Armee lauteten:

Die Schwierigkeiten, die Armee nur einigermassen mobil zu machen, waren gross. Vieles Material konnte in Folge des überraschend schnellen Einmarsches der Preussen gar nicht mehr herangezogen werden; der Mangel an Pferden bot unüberwindliche Hindernisse bei Mobilisirung des Armee-Trains; die Bespannung der Infanterie-Fuhrwerke war gar nicht mehr zu beschaffen. Die beim Artillerie-Depöt befindlichen 10 Geschütze mussten, um sie mitführen zu können, mit Pferden des königlichen Marstalles bespannt werden.

Proclamation des Königs von Hannover an sein Volk.
„An Mein getreues Volk!"

„Seine Majestät der König von Preussen hat Mir den Krieg erklärt.

„Das ist geschehen, weil Ich ein Bitudniss nicht eingehen wollte, welches die „Unabhängigkeit Meiner Krone und die Selbständigkeit Meines Königreiches antastete, die Ehre und das Recht Meiner Krone deiniithigte und die Wohlfahrt Meines „getreuen Volkes erheblich zu verletzen geeignet war.

„Eine solche Erniedrigung war gegen Mein Recht und wider Meine Pflicht, „und weil Ich sie zurückwies, brach der Feind in Mein Land.

„Ich vcrliess die augenblicklich gegen feindlichen Überfall nicht zu schützende „Residenz, die Königin und Meine Tochter, die Prinzessinnen, als theure Pfänder „Meines Vertrauens zu den getreuen Bewohnern Meiner Hauptstadt dort zurücklassend, und begab Mich mit dem Kronprinzen, wohin Meine Pflicht Mich rief, zu Mei„ner treuen, auf Mein Geheiss im Süden Meines Königreichs rasch sich sammelnden „Armee.

„Von hier aus richte Ich an Mein getreues Volk Meine Worte: bleibt getreu „Eurem Könige auch unter dem Drucke der Fremdherrschaft, harret aus in dej Wech„selfällen der kommenden Zeiten, haltet fest wie Euere Väter, die für ihr Welfeuhaus „und für ihr Vaterland in nahen und fernen Landen kämpften und endlich siegten, „und hoffet mit Mir, dass der Allmächtige Gott die ewigen Gesetze des Rechtes und „der Gerechtigkeit unwandelbar durchführt zu einem glorreichen Ende!

„Ich, in der Mitte Meiner treu ergebenen, zu jedem Opfer bereiten Armee, verneinige mit dem Kronprinzen Meine Bitten für Euer Wohl.

„Moine Zuversicht stehet zu Gott, Mein Vertrauen wurzelt in Euerer Treue.
Döttingen, den 17. Juni 1866.

Georg Rex."

Armee-Befehl des hannoverschen Gene ral - Lieutenants von
Arentssehildt bei Übernahme des Com man dos.

„Soldaten!

„Aus vorstehender Proclamation seht Ihr, dass das Wohl und die Zukunft des „Vaterlandes, die Sicherheit unseres königlichen Herrn in Euren Händen ruht.

„Seine Majestät der König hat in dieser drohenden Lage mir den Oberbefehl „über Euch übertragen, den ich freudig übernommen habe, in dem festen Vertrauen „auf die gerechte Sache, auf die altbewährte Tapferkeit der Hannoveraner und deren „Liebe für König und Vaterland.

„Welche Anforderungen an Euch gestellt werden, Entbehrungen und Mühen, „Ihr werdet sie mit Festigkeit ertragen, vor Allem aber werdet Ihr freudig in einen „Kampf gehen, der in der gerechtesten Sache das Wohl Eueres Königs und des Vaterlandes Rechte zu wahren bestimmt ist.

Göttingen, den 18. Juni 1866.

Der eommandirende General-Lieutenant v. Arentssehildt."

Die Intendantur und das Medicinalwesen konnte man nur sehr mangelhaft einrichten, für Feldspitäler erübrigten beinahe keine Mittel. Indessen wurde geleistet, was nur immer für die rasche Verwendbarkeit der Armee geschehen konnte, und es bleibt kein kleines Verdienst dieses in so misslicher Lage befindlichen Heeres, dass es, treu und gehorsam seinem Könige folgend, sich auf dessen Geheiss muthig mit dem Feinde schlug und selbst einen Sieg über denselben zu erkämpfen wusste.

Am 18. Juni hatte die hannoversche Armee bei Göltin. gen eineSlellung bezogen, die darauf berechnet war, sowohl gegen einen Angriff von Norden (DivisionGoeben und Man teuf fei), als von Süden (Division Beyer in Cassel) Front machen zu können ').

Die Brigade de Vaux war auf der Strasse gegen Nordheim, die Brigaden Bothmer und Bülo w auf der Strasse gegen Minden und Witzenhausen vorgeschoben.

Die Reserve-Cavallerie lagerte zwischen den letztgenannten InfanterieBrigaden. Sicherheitstruppen umgaben die Armee in weitem Bogen. Um die Preussen an einer raschen Vereinigung ihrer Streitkräfte zu hindern, waren schon in der Nacht vom 15. zum 16. Juni die Schienenstränge der MindenBraunschweiger Bahn unterbrochen, und das Betriebs-Material nach Süden in Sicherheit gebracht worden.

Ebenso ward im Laufe des 18. und 19. Juni die Südbahn von Nordstemmen bis Salzderhelden und von Dransfeld gegen Cassel nach Möglichkeit unfahrbar gemacht.

Die auf dem rechten Werra-Ufer liegende Vorstadl von Münden Iiess man mit der Werra-Brücke zur Vertheidigung einrichten und durch 1 Compagnie und 1 Escadron besetzen; dessgleichen wurden die Leine-Übergänge bei Reckershausen und Niedergandern durch Infanterie gesichert.

In der eben beschriebenen Aufstellung blieb die hannoversche Armee drei volle Tage unthätig, den 18., 19. und 20. Juni.

Man war im Hauptquartier nicht ganz klar, ob man in der Stellung bei Göttingen den Angriff des Feindes erwarten, oder sich in den Harz, wo eine längere Vertheidigung möglich schien, zurückziehen, oder endlich ob man gegen Süden weiter marschiren und die Verbindung mit den Bundestruppen suchen sollte.

Nachdem man sich endlich für Letzleres entschieden, schwankte man wieder zwischen dem zu nehmenden Wege, ob durch Hessen über Witzenhausen, oder über Eisenach.

Da der letztere Weg durch Thüringen weniger Schwierigkeiten und

i) Officieller Bericht (1. Theil, S. 17), dem auch alle übrigen anf die Operationen der Hannoveraner bezüglichen Daten entnommen sind.

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