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Bauernbursche um den großen Torfheerd versammelt antraf, da bewillkommneten ihn diese als einen alten Genoffen mit freundlichem Gruße:

„Siehe da, Schulmeisters Franz! Wie, lebst du noch ?"

Wie ihr seht," erwiderte der junge Mann, indem er den Burschen der Reihe nach die ihm dargebotenen Hände drückte, „ich bin es selber und zwar munter und gesund."

Mittlerweile hatte die emsige Wirthin einen von Binsenstroh geflochtenen Stuhl an den Heerd gerückt und, indem sie ihn zum Eigen einlud, dem jungen Mann ein Spizgläschen voll Kornbranntwein eingeschenkt, welches dieser aber mit dem Bemerken ablehnte, daß er feinen Branntwein, sondern nus Bier trinfe; ez wünsche, um seine falten durchnäßten Glieder zu erwärmen, ein warmes Eierbier, er müsse noch denselben Abend zu seinem Bruder nach der Geest hin.

„Der wird sich wundern," bemerfte die Wirthin, wenn er dich wiedersieht, aber willst du denn nicht zuerst zu deinen Eltern, der Weg ist doch nicht weiter dort hin als bis zur Geeft ?“

Ich muß erst zum Bruder hin, damit er bei meiner Zurüdfunft im elterlichen Hause ein gutes Wort für mich spricht. Ihr wißt ja, daß ich vor fünf Jahren meinem Vater vom Gymnasium Karolinum in Osnabrück davonlief, weil ich nun einmal fein Schulmeister werden wollte."

Ja", erwiederte die Wirthin, und du weißt wohl noch nicht, daß dein Bater damals heilig und theuer gelobte, daß er dich nie wieder als Sohn aufnehmen würde."

Ich weiß, ich weiß," bemerkte der junge Mann, allein das wird sich wohl geben, denn ich bin mittlerweile nicht müßig gewesen und habe ein Handwerk erlernt, das scinen Mann ernähren kann, und dann, wo das Blut nicht gehen kann, da kriecht es, wenn ich einmal wohlbestallter Buchbinder in Damme bin, so wird. der Vater wohl seif herbes Urtheil mildern. Deshalb will ich ja auch gerade zu meinem Bruder hin, damit er für mich ein gutes Wort einlegt, und ein gutes Bort wird auch wohl noch seinen guten Ort finden. Ich vertraue das Beste.,,*), Mittlerweile war der steinerne Biertrug in der glühenden Torfasche heiß geworden und die Wirthin beeilte sich die zu Schaum geschlagenen Eier nebst Zucker und etwas geriebener Muscatnuß in das kochende Bier einzurühren, wodurch das Eierbier vollendet ward. Außerdem brachte sie dem Gaste eine derbe Schnitte Pum pernickel, sowie ein Stüd Mettwurst und frische Butter auf einem blanken zinnernen Teller und lud ihn zu einem Besperbrod, wie sie sagte, ein. Nachdem sich der Jüng ling so gestärkt hatte, packte er sein schweres Felleisen wieder auf, nahm den KnotenRock zur Hand und wanderte weiter den Moorweg entlang nach der Geeft zu.

Der Weg war durch den vielen Regen in ganz abscheulichem Zustand gerathen und es war bereits gegen neun Uhr Abends, als er in stockfinsterer Nacht an die Thür seines Bruders in der Geest anflopste.

*) Der Bruder des Franz Joseph, und Vater des jezt in Cincinnati lebenden Richters Jo» hann Bernhard Stallo, war wie sein Vater und Großvater Schulmeister geworden. Derselbe war jur Beit Lehrer in der Bauerschaft Sierhaufen in der Geeft und bereits verheirathet als Franz Joseph von München zurückkam.

In der vom Kachelofen behäbig erwärmten Wohnstube saß der Lehrer Stallo im Lesen des Wessenberg'schen Buches, „Die Elementarbildung des Volfes", vertieft, als er plötzlich durch lautes Pochen an der Hausthür aus seinem Studium gerissen wurde. Er stand auf, nahm die Lampe vom Tische und ging die Thüre zu öffnen. Er hätte beinahe vor Schrecken die Lampe fallen lassen, als er in solcher Nacht seinen Bruder vor sich erblickte, faßte sich jedoch und führte diesen darauf in die er wärmte Wohnstube, wo ihn die Frau Schulmeisterin mit herzlichem Willkommen empfing.

Nachdem der Jüngling dem Bruder sein Anliegen sowie seine Pläne für die Zukunft mitgetheit hatte, welche Leßterer zum Theil billigte, wurde Franz Joseph vorerst als Hausgenosse der Lehrerfamilie aufgenommen. Die Bitterkeit des Vaters wurde einigermaßen beruhigt als dieser erfuhr, daß der Sohn, welcher durchaus Abneigung gegen das Schulfach hegte, mittlerweile in München Buchbinderei erlernt habe und in seinem Fache ganz tüchtig geworden sei. Als er nun gar die Schriften des Freiherrn von Wessenberg, welche in den Stallo'schen Wohnungen einen Ehrenplaß einnahmen, aus seinem Felleisen hervorholte, da wurde die Versöhnung vervollständigt.

Vater und Bruder halfen dem jungen Franz Joseph nun in Damme eine Buchbinderei einrichten, und da in einem Radius von vier bis fünf Stunden Weges In der Umgegend keine Buchbinderei sich befand, so waren alle Aussichten vorhanden, daß er sich bald zum Wohlstande emporarbeiten werde. Anfangs ging auch Alles nach Wunsch und als er sich später verheirathete und ihm seine Frau auch noch etwas Vermögen zutrug, da war die Stallo'sche Buchbinderei bald im Flor. Begabt mit großen speculativen Anlagen, errichtete Stallo nun neben der Buchbinderei auch eine Buchdruckerei, zwar flein, allein für die Verhältnisse der Gegend vollkommen genügend.

Troßdem sich sein Geschäft in blühendem Zustande befand, so litt dasselbe doch bedeutend durch alle nur möglichen Experimente, die er nun vornahm und wobei er sein Geschäft zum Theil vernachlässigte. Bekam er Bücher wissenschaftlichen Inhaltes, so las er diese zuerst durch, ehe er sie einband, wie er denn auch stets einen großen Trieb zu wissenschaftlichem Studium an den Tag legte. Durch seine Viel belesenheit bekam er theilweise Einsichten in die chemischen und mechanischen Geseze, und nun wurden allerlei Versuche angestellt. Da waren zuerst Electrifirmaschinen und Galvanische Batterien; und etwas eingehenderes Studium des Electromagne tismus hätte ihn möglicherweise damals auf die Erfindung des electrischen Telegraphen führen können, denn er hatte bereits einen längeren Drahtleiter hergestellt und die Leitekraft entdeckt, ohne sie jedoch praktisch verwerthen zu können. Dann speculirte Stallo auch auf die Entdeckung des Perpetuum Mob.le", ohne es hierin überhaupt weiter zu bringen, als alle anderen Erperimenteure dieses unmöglichen imaginären Luftgebildes eines mit Idiosyncrasie behafteten Gehirns. Eines Tages überraschte er auch den Bruder mit der Nachricht, daß es ihm nach ungeheurer Mühe endlich gelungen sei, die Berechnung der Quadratur des Cirkels zu entdecken, allein bei genauerer Untersuchung stellte sich die Lösung des Problems, wie alle dis tausend anderen, die vorher und nachher angestellt worden sind und werden, als falfth heraus.

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Eine für seine Landesgegend jedoch entschieden nüßliche Entdeckung war das Moorbrennen, welches in Franz Joseph Stallo den Erfinder hatte. Er legte nämlich im Vördener Moor eine Strecke durch Drainirung mittelst Abzuggräben trocken, sündete dann im Herbste das trockene Moor an und fäete darauf in die Asche Buchweizen, welcher außerordentlich gedieh und eine sehr profitabele Erndte lieferte. Seither ist das Moorbrennen im ganzen Nord-Westphalen, sowie in den friesischen Ländern in Gebrauch und unter dem Namen „Venenbrennen“ bekannt. Daß von diesem der im nordwestlichen Europa im Herbste vorkommende Harrauch (auch wohl Föhnrauch genannt) herrühre, wie vielfach behauptet wird, ist nicht so, denn diefer war lange vorher bekannt, che man an das Moorbrennen dachte.

Eine andere nüßliche Entdeckung Stallo's war das Bewässern der Haidestreden in der Geest, und das Besäen derselben mit norwegischen Piniensamen, wodurch diese öden Ländereien, auf denen nicht einmal Haidekraut wachsen wollte, zu Tannenwälder umgestaltet wurden. Ueberhaupt befleißigte sich Stallo vielfach und eingehends mit Naturwissenschaft, und er wurde deshalb, troß seines verschrobenen Charakters, von der ganzen Umgegend in hoher Achtung gehalten.

So legte Stallo bei Damme eine Baumschule an und versorgte aus dieser die Landleute der Gegend, welche sich zur Zeit noch nicht auf die Obstbaumzucht verstanden. Dann betrieb er auch Bienenzucht in ausgedehntem Maße, und schrieb seiner Zeit ein Buch über diesen Gegenstand, welches besonders über die Haideblüthen als Nahrung der Bienen handelte.

Bei seinem vielfachen Experimentiren gerieth Stallo jedoch immer mehr und mehr auf Abwege, und seine Finanzverhältnisse gestalteten sich immer precärer. So baute er, als er durch des Vaters Tod etwas Vermögen geerbt hatte, einen Luftballon mit einem Steuerapparat, wie er meinte, füllte denselben mit Gas, weldes er aus Torf fabrizirte, und stieg auch wirklich mit demselben in die Höhe. Allein das Experiment sollte nicht gelingen, denn Stallo blieb mit seinem Luftballon in den Dammer Tannen hängen.

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Neben diesen größtentheils verunglückten Experimenten, lag Stallo, welcher in religiöser sowohl wie politischer Beziehung eine höchst freisinnige Nichtung einschlug. — er, sowohl wie sein verstorbener Vater und auch sein Bruder hingen der damals in kirchlicher Beziehung höchst verpönten Weffenberg'schen Richtung an, welche durch das badische Concordat später ein höchst trauriges Ende erreichte mit der Geistlichkeit und der oldenburgischen Regierung in beständigem Hader. Er ging in feine Kirche mehr und nöthigte durch allerlei luftige Streiche den sonst gutmüthigen Bastor von Damme, sich gegen Stallo öffentlich zu erklären. Der Bruder, welcher im Stillen höchst freisinnig war, aber öffentlich schwieg, weil es ihn sonst mit den staatlichen und firchlichen Behörden in Conflict und um seine Schullehrerstelle gebracht hätte, mußte dieserhalb unter dem Uebermuth des Franz Joseph vieles leiden. So rief dieser eines Sonntags den Lehrer in seine Werkstatt, um ihm, wie er sagte, ein foeben vollendetes Bild des Moses zu zeigen. Er war nämlich gleichfalls ein ausgezeichneter Zeichner und guter Maler. Der Bruder trat herein, und nun zeigte ihm Franz seinen „Moses“, welcher auf einem Felsen stand und sich von seinem Bruder Aaron beweihräuchern ließ. Der Bruder aber erstaunte, als er sich in der

Person des Aaron und den Pastor der Gemeinde im Moses portraitirt sah und verließ voller Unwillen die Werkstatt.

Mit der Landesregierung gerieth er ebenfalls in häufige Conflicte, indem er fich regelmäßig weigerte, die gefeßlichen Steuern, vornehmlich die Gewerbesteuer, zu bezahlen, was zu vielfachen Pfändungen und Einsperrungen des Inculpaten führte. Auch regte er die Bauern gegen die Steuerzahlungen auf, was natürlich weitere Inhaftirungen zur Folge hatte. Vor allem aber zog er sich die Ungnade der oldenburgischen Regierung durch die Publikation und Verbreitung aufrührerischer Schriften, Lieder u. s. w., zu, weshalb er unter beständiger polizeilicher Aufsicht stand. Diese gespannte Stellung mit der Landespolizei wurde noch dadurch erhöht, daß er für eine Bremer Rhederfirma in seinem Heimathsdorfe als Agent für Auswanderer fungirte, wodurch er mit seinem späteren Compagnon, dem Schiffskapitän Beekmann aus Twiftringen, bekannt wurde. Zum Behufe der Agitation der Auswanderung unterhielt Stallo mit mehreren Landsleuten in Amerika Correspondenzen, welche er dann unter die Bauern der Umgegend verbreitete.

Unter denjenigen Leuten, mit welchen Stallo in Amerika im brieflichen Verlehr stand, war auch ein gleichgesinnter Charakter aus Holtrup, dessen Namen Schreiber dieses jedoch nicht erfahren konnte. Dieser hatte nun, obgleich ohne hö. here Schulbildung, eine poetische Ader und seine Episteln, welche er an Stalls schickte, waren gewöhnlich in Verse gezimmert, die, wenn auch in Politur und Styl mangelhaft, sich doch durch einen höchst kräftigen Inhalt auszeichneten, welcher bei den derben westphälischen Bauern um so sicheren Eingang fand. Da erhielt Stallo im Jahre 1831 von diesem das nachfolgende Gedicht, welches er druckte und ver breitete, und welches dann in der ganzen Gegend gesungen wurde.

Lied aus Amerika.*)

Heil dir Columbus, sei gepriesen,
Sei hochgelobt in Ewigkeit!
Du hast uns einen Weg gewiesen,
Der uns aus harter Dienstbarkeit
Erretten kann, wenn man es wagt
Und seinem Vaterland entsagt.
Erledigt euch der Sclavenkette,
Die euch und eure Kinder drückt
Und wählet euch die Blumenbeete,
Womit sich unser Voden schmückt.
3a. hier verschafft euch Fröhlichkeit
Nach langer harter Dienstbarkeit.

Mel: Jüngling, willst du dich verbinden.
Wir sehn mit wehmuthsvollem Blicke
In die Vergangenheit zurück
Und fluchen des Geschickes Tücke.
Das euch mit Sclavenfesseln drückt,
Wo ench beständig bis zum Tod
Die herbe Sclaven-Peitsche droht.

Habt ihr bei allen euren Sorgen
Nicht oftmals kaum das liebe Brod?
Bringt auch nicht jeder neue Morgen
Nur neuen Gram und neue Noth?
O, tröstet eure Kinder da 1)
Mit unserm Land Amerika.

*) Wir geben dieses nach Orthographie und Syntax höchft mangelhafte Gedicht lediglich als culturhistorischen Beitrag zur deutschen Auswanderungsgeschichte, weil es zu Anfang der dreißiger Jahre vielfach junge Leute aus den oldenburgischen und osnabrücker Landen zur Auswanderung anregte. Da das einzige uns zur Verfügung stehende abgefchriebene Exemplar augenscheinlich fehlerhaft copirt war, so haben wir das Gedicht etwas abgefeilt, um es einigermaßen mundgerecht zu machen, jedoch so, daß es den ursprünglichen Charakter bewahrt hat.

1) Dieses sollte dann heißen und ist nur des Reimes wegen gebraucht worden.

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4) Anspielung auf die „Stadt der Bruderliebe“, wie Philadelphia und zuweilen sogar Benyfylvanien genannt wird.

5) Sollte neben heißen und ist des Versmaßes wegen benugt worden.

6) Orthographische Unrichtigkeiten wie dieses macht statt ma chen finden sich häufig lu dem Gedichte; mehrere derselben haben wir bereits herausgefeilt.

7) Mit dem Worte „Gauner“ scheint der Verfaffer die Beamten im Allgemeinen, sowie die Bolizei, Gensdarmerie 2c. im Besonderen betitelt zu haben.

8) Der Beamtenstand.

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