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dem, welcher dem sanften, milden Friedens-Engel in starrer Herzenshärtigkeit, in tausendfach von Furcht pulsirenden Herzensschlägen entgegenblidt! Der Engel des Todes naht so sanft, so mild. Er tritt an das Lager des Scheidenden und füßt ihn auf die brechenden Augen, der beste Freund, den der Allmächtige als seinen Engel der eines neuen Lebens bedürftigen Menschheit gesandt hat."

So schrieb im April 1868 an seinem 48. Geburtstage Herr Karl von Schmidt-Bürgler in einem Aufsaß über den Frühling: Neues Leben", in welchem er des jungen emporteimenden Lenzes gedachte, und womit er ein allegorisches Parallel-Gebilde des menschlichen Frühlings, des menschlichen neuen Lebens, höchst poetisch verwob. Und nun ruht er unter der Scholle, nicht sowohl unter dem jugendlich sproßenden grünen Rafen des jungen Lenzes, als unter der herbstlichen grauen Erde, bestreut mit dem weltenden Laube des nahenden Winters. Rauhe Herbstesstürme sausen über den Grabhügel hinweg, allein der da drunten ruht, schläft in Frieden; er fand den Frieden, den ein vielbewegtes Leben ihn kaum hienieden und nie vollkommen zu Theil werden ließ.

Herr von Bürgeler wurde am 20. April 1820 auf dem Gute Bürgelen, in der Nähe von Weimar geboren. Er genoß in seiner Jugend eine vortreffliche Erziehung und nur durch ein etwas leichtsinniges Leben verscherzte er sich die Unterstüßung wohlhabender Verwandten. Als er später gar eine junge Schauspielerin heirathete, was von der adeligen Familie als eine Mesalliance angesehen wurde, da mußte er, enterbt, sich auf sich selbst verlassen. Er wanderte mit seiner jungen Gattin nach Amerifa aus, 1846, und fristete zur Zeit sein und seiner Frau Leben, indem sie Beide auf den deutschen Bühnen des hiesigen Landes auftraten. So kamen sie nach Cincinnati, woselbst er später kleben blieb und zum Journalismus übertrat.

In 1850 war er in der Redaktion der von Rittig und Rothacker dahier ge= gründeten Zeitung Der Unabhängige" thätig. Zur selben Zeit war Herr von Bürgeler eines der eifrigsten Mitglieder und hervorragendsten Agitatoren des hiefigen Freimännervereins". Nachdem jedoch das Feuer dieser erzradikalen Bewe= gung einige Jahre darauf ausgebrannt hatte, trat er in die Redaktion des „Volksblatt" ein, in welcher er circa acht Jahre beschäftigt war.

Um diese Zeit entspann sich leider ein unglückliches Verhältniß zwischen den beiden Bürgeler'schen Eheleuten und er wurde von seiner Frau verlassen, was er sich so sehr zu Herzen nahm, daß er sich eine Zeitlang dem Trunke ergab, wodurch) er dann obendrein seine Stellung im Voltsblatt" verlor. Er ging darauf nach dem Osten und war, wenn wir nicht irren, in New York literarisch beschäftigt, als in 1861 der Krieg ausbrach. Durch Vermittlung politischer Freunde erhielt er eine Anstellung als Feldkaplan im Blenker'schen 8. N. Y. Regiment, mit welchem er den Krieg durchmachte. Seine Kriegserlebnisse hat er seiner Zeit in einer Reihe von Artifeln, welche im Sonntagsblatt des Cincinnati Volksfreund" erschienen, mitgetheilt, worin er vornehmlich den so schwer angefeindeten General Blenker lebhaft vertheidigte.

Nach Beendigung des Krieges fam er nach Cincinnati zurück, woselbst seine Frau damals lebte, um eine Vereinigung mit dieser wieder zu bezwecken, was ihm jedoch nur halbwegs gelang. Hier erhielt er nun eine Anstellung im Redaktions

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Personal des Volksfreund", woselbst er mit dem damaligen Herausgeber desselben, Herrn J. B. Jeup, innig befreundet wurde.

Die Herzlosigkeit seines Weibes, die ihn nun abermals auf frivole Weise, nachdem sie sein im Kriege erworbenes kleines Vermögen leichtsinnig durchgebracht hatte, verließ, führte ihn zur Melancholie, die sich bei ihm in der Folge nie mehr verlor. Vergebens strebte er, die Ungetreue wieder an sich zu fesseln, allein sie blieb kalt. In dieser verzweiflungsvollen Lage, half ihm die erworbene Freundschaft Jeup's, der den Verlassenen zu sich nahm, trösten. Sein darauf erfolgter öffentlicher Uebertritt zur katholischen Religion gab zu vielfachem Stadtklatsch Veranlassung, wobei die tollsten Hypothesen und die drolligsten Achselzuckungen zu den Alltäglichkeiten gehörten. Genug, Herr von Bürgeler gab wiederholt dem Verfasser dieser Skizze die Versicherung, daß er aus voller Ueberzeugung den Schritt gethan habe.

"Sieh, lieber Freund," sagte er kaum zwei Monate vor seinem Tode, „ich war ein willentos umherschwankendes Rohr, dem es an jeglichem Schuße gebrach, und nun erst, nachdem ich mich an die katholische Kirche angeklammert habe, nun erst fühle ich mich gestüßt und geschirmt, ich habe Seelenruhe gefunden, die mir bisher mangelte. Ich weiß es, die Welt schiebt mir falsche Motive unter, allein ich habe in Aufrichtigkeit und nach reiflicher Ueberlegung gehandelt." Und in einem Gedichte „Zuversicht“, welches er kurz nach seiner Convertion schrieb, singt er:

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Auf denn zum Sieg! Wir werden nicht verlieren! Als trübe Stunden eisern mich umwanden.

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Um diese Zeit versuchte er ein anderes schwankendes Rohr, welches zerknickt und gebrochen im Schlamme der tiefsten Versunkenheit das jämmerliche Dasein fristete, aus diesem Pfuhle emporzuzichen; eine ehemals bedeutende Persönlichkeit, die Seele der einstigen deutsch-katholischen Bewegung, Dowiat. Aus jeder anstän digen menschlichen Gesellschaft verbannt, nahm ihn Bürgeler zu sich und legte ein gutes Wort für den übrigens geistreichen Kopf bei Jeup ein, welcher ihm dann auch Beschäftigung gab. Es war ein harter Kampf, diesen bereits auf der tiefsten Stufe stehenden Menschen zu beffern. Lange währte er, allein Bürgeler hatte die Genug

thuung, daß er das fast verlorene Genie rettete, und Dowiat ist jest wohlbestallter Professor in irgend einem katholischen Seminar im Nordwesten. Auch er hat seinen Frieden wiedergefunden.

Später war Bürgeler noch in der Redaktion des Wahrheitsfreund" thätig, und noch später wirkte er als Lehrer zuerst in der katholischen "Boys Protectory" in Cincinnati und zulezt an der Bonaventura Schule in Fairmount.

Herr von Bürgeler hatte als Literat eine faft sentimentale Schreibweise, doch fonnte er auch zuweilen in Humor gerathen. Leßteres wollte ihm jedoch nie recht. gelingen, besonders in den späteren Jahren. Auch besaß er, wie wir bereits gesehen haben, eine dichterische Ader und manches poetische Schriftchen aus seiner Feder be= fundet mehr als mittelmäßige Begabung. In den meisten seiner Gedichte tritt aber ftets die Schwermuth, die Melancholie zu Tage, und ein Anflug der Bezugnahme auf seine unglücklichen ehelichen Verhältnisse bekundet sich in fast allen, selbst wenn der angelegte Faden des Gedichtes ein gänzlich verschiedener war. So singt er:

Dir will ich eine Thräne weinen,
Dir trautes Herz. dir theures Lieb,
Mit dem ich in den Buchenhainen,
In Minne mir die Zeit vertrieb,
Beglückt!

Schalk! wie du unter Blättern lauschtest,
Ob ich die Blume dir gepflückt?

Und wie du Kuß um Kuß daun tauschtest.
Als mit dem Strauß ich dich geschmückt,
Beglückt!

Olas ich's nicht in deinen Zügen?
Das blaue Auge strahlte auf!
Nein, dieser Blick, er kann nicht trügen,
Der Unschuld Himmel schwamm darauf
Beglückt!

Und wie du dann mit zarten Händen
In keuscher Schaam, das blonde Haar
Bierlich geflochten, wie's bei „Wenden"
Vor alter Zeit noch Sitte war.

Beglückt!

Und wie in jubelnden Accorden
Der Drossel Schlag du übersangst,
Und dann mit herzig füßen Worten
Die Arme liebend um mich schlangst
Beglückt!

Wie träumten wir in duft ger Halde
Von Glück und Ehr in künftiger Zeit.
Es flüsterte so lieb im Walde

Der Gnomen Heer: Husch, husch! Ihr seid
Beglückt!

Jeht steh' ich da, ein müder Wand'rer,
An deinem Grab' und weine still,
Bin nicht mehr der, ich bin ein And'rer,
Thu, was ich soll und was ich will
Beglückt?

Onein! die weiße duft'ge Rose,
Ich pflanzte dir sie auf das Grab.
Ich riß sie aus der Erde Schooße
Und riß mit ihr mein Lieben ab
Berdrückt!

Herr von Bürgeler starb am 2. November 1875, nachdem er bereits seit längerer Zeit an der Wassersucht gelitten hatte. Ihm, wie jedem Menschen, der hier unten nicht die Glückseligkeit findet, die er ersehnt und dem hienieden der Seelenfrieden mangelt, dem ist der Frieden, den das Grab gewährt, und der Troft einer erhofften nachmaligen Seligkeit wohl zu gönnen. Möge Herrn von Bürgeler also im Tode die Erde leichter sein, als sie ihm im Leben war!

R.

3. A. Kümmerlen.

Der „Lutherischen Zeitschrift" des Pastors Brobst entnehmen wir folgende Data's über das Ableben eines alten deutschen Pioniers der Stadt Philadelphia, Vater J. U. Kimmerlen:

Derselbe war in Ebersbach, Würtemberg, am 21. Juni 1798 geboren. Sein Vater hieß Joh. Ulrich Kümmerlen und seine Mutter Justine Karoline, geb. Hechlin. Von 8 Kindern war er das dritte, und zwar der älteste Sohn. Darum mußte er auch schon frühe dem Vater, welcher Drechsler war, an die Hand gehen. Des Vaters Geschäft brachte es mit sich, daß er jährlich zweimal mit Drechslerwaare die Frankfurter Messe besuchte, dahin durfte meistens sein Sohn Joh. Ulrich ihn begleiten. Doch in jener sturmbewegten Zeit, welche im Anfang unsers Jahrhunderts Frankreich über das alte Vaterland heraufbeschwor, folgte Unglück auf Unglück, Schlag auf Schlag und sein Vater verarmte so, daß der Entschlafene viel von einer harten, kümmerlichen Jugend zu erzählen wußte. Schon frühe entwickelten sich in ihm hoffnungsreiche Anlagen. Er war schon im 10. Jahre der erste Schüler der Dorfschule. Damals war er schon alt genug, um die traurige Lage der Eltern zu fühlen. Er suchte darum durch kleine Dienstleistungen bei einem Apotheker einige Kreuzer zu verdienen. So blieb ihm als Knabe fast keine Spielzeit übrig. Zur Zeit seiner Confirmation, 1811, mußte er auf die Frankfurter Messe mit Waaren. Durch Hunger und Kälte hatte er viel auszustehen. Weil er versprochen, am Confirmationstage wieder zu Hause zu sein, so wanderte er allein, noch ehe die Messe zu Ende war, zu Fuß von Frankfurt nach Hause, wo er gerade noch beim Beginn des Gottesdienstes anfam, um confirmirt zu werden. Nach der Confirmation trat er bei einem Chirugen und Barbier in die Lehre und hatte nebenbei die Anfangs, gründe der lateinischen Sprache zu erlernen. Vier harte Lehrjahre waren zu be= stehen, da er oft den bittersten Hunger erleiden mußte. Um dem Militärdienst zu entgehen, entschloß er sich mit andern Kameraden im Jahre 1818 nach Amerika auszuwandern. Armselig war sein Auszug. Er konnte mit Jacob sagen: Ich hatte nichts als diesen Stab, als ich über den Jordan ging. Mehrere Tage hatte er nur von Brod zu leben. Am 13. September landeten sie in Philadelphia, wo er 57 Jahre wohnhaft war. Das Schiffsgeld der Ueberfahrt hatte er zuerst abzuverdienen. Weil er nun bei seinem erlernten Geschäft nicht sein Brod verdienen konnte, so ent= schloß er sich, die Bäckerei zu erlernen.

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Er selbst sagt: nun fängt eine wichtige Periode meines Lebens an." Die Einfalt seiner früheren Jugend wurde durch leichtsinnige Kameraden mehr und mehr verdrängt, doch schloß er sich später der lutherischen St. Paulus Gemeinde in Philadelphia an und verblieb ein frommes und eifriges Mitglied dieser Gemeinde bis zu seinem am 17. November 1875 erfolgten Tode.

„Am 7. August 1823 trat er in den Stand der Ehe mit der nun traueraden Wittwe Elisabeth Großmann, die 52 Jahre lang Freud' und Leid mit ihm theilte. Vor 2 Jahren war es diesem Ehepaare vergönnt, die goldene Hochzeit mit den Kindern und Kindeskindern und Freunden zu feiern.

„Da Kümmerlen eine mehr als gewöhnliche Dorfschulbildung genossen hatte, so wurde er von seiner Gemeinde und der Zions-Gemeinde in Philadelphia viele Jahre lang als Delegat in die Synodalversammlungen der deutschen lutherischen Kirche von Pennsylvanien erwählt, in welchen er eine höchst achtungswerthe Stellung einnahm. Auch führte er ein eigenes Tagebuch, in welchem er seine Erlebnisse niederschrieb, das voll der frommsten Ergüsse einer frommen Seele ist. So schrieb er am Jahrestage seines 25-jährigen Ehestandes: Gütiger Gott, es sind nun 25

Jahre verflossen, daß ich in den heil. Ehestand getreten bin. Wenn ich nun zurückblicke auf die vergangenen Jahre, so muß mein Herz mit Dank erkennen und ausrufen Der Herr hat Großes an uns gethan. Du hast mir zwar körperliche Leiden zugesendet, aber um uns zu Dir zu ziehen, um der Welt abzusterben und Dir zu leben. Verleihe, daß wir die wenigen Jahre oder die Tage, die Du uns noch schenkest, Dir und Deinem Dienste weihen. Soll es Dein Wille sein, himmlischer Vater, Eines von uns bald abzurufen, so laß mich es sein, doch Dein Wille geschehe!“ Dieser Wunsch vor 27 Jahren ist nun in Erfüllung gegangen. In Wahrheit konnte er sagen: „Ich habe lieb die Stätte Deines Hauses," denn fast 57 Jahre war er Glied der evangelisch-lutherischen Kirche Philadelphia's. 36 Jahre war er deren Glied des Kirchenraths. In der Sonntagsschule war er in früheren Jahren mit den theilweise gestorbenen Freunden Rommel, Stils, Fell und Andern sehr thätig.

Außerdem verblieb er stets deutsch in seinen Gesinnungen und bewahrte seiner Muttersprache ein treues Herz. Sanft ist er nun am Mittwoch Morgen, den 17. November 1875, entschlafen. An seinem Grabe trauert die hochbetagte Wittwe, zwei Töchter, der Tochtermann und fünf Enkel. Der Herr hat ihn heimgerufen, seine Stelle ist leer. Möge sein Segen ruhen auf Kind und Kindeskind!“

Die Halleschen Nachrichten.

Aus der Lutherischen Zeitschrift“ ersehen wir, daß die „Halleschen Nachrichten“, dieses so äußerst wichtige historische Werk deutsch-amerikanischer Geschichte in einer neuen Auflage erscheinen wird. Wo, wann und durch wen es verlegt wird, ist nicht angegeben. Das ist eine höchst erfreuliche Nachricht, da dieses Werk so ziemlich die einzige Geschichte der Deutschen Pennsylvaniens beider vergangenen Jahrhunderte -gänzlich vergriffen und kaum noch irgendwo aufzufinden ist. Fassen die Nachrichten" auch hauptsächlich die Religionsgeschichte Pennsylvaniens in sich, so enthalten sie doch der historischen Daten und Namen so viele, so innig verbun= dene mit der deutschen Volksgeschichte unseres Landes, daß wir, abgesehen von der religiösen Bedeutung, auch anderweitig ihre Verbreitung mit Freuden begrüßen. Die Lutherische Zeitschrift“ sagt darüber unter Anderem :

,,Kaum möchte wohl ein Werk genannt werden können, welches mehr Anspruch auf die Theilnahme aller Lutheraner Nordamerika's machen dürfte als die Halleschen Nachrichten". Dieselben sind so oft schon genannt und citirt worden in unseren geschichtlichen Werken und allen lutherischen Blättern unseres Landes, daß sie dem Namen nach so ziemlich allgemein bekannt sind. Sie sind die eigent liche Fundgrube für den, der sich darüber eine Einsicht verschaffen will, wie unsere lutherischen Gemeinden in dieser neuen Welt um die Mitte des vorigen Jahrhunderts, in den Zeiten jenes Patriarchen der lutherischen Kirche, des Ehrw. Pastor Dr. H. M. Mühlenberg und seiner treuen Mitarbeiter, in' 3' Leben gerufen wurden; mit welchen außerordentlichen Schwierigkeiten die

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