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Oder ein Flugblatt aus der Refornmtionszeit, „ein kurz gedicht" eines „thurgöuischen Bauern", beginnt:

Des Luthers Such Ist noch nicht schwach. Wiewohl viel Gewalt Ganz manigfalt Wider ihn Wirt geübt, Das ihn nit betrübt Als um ein Haar. Er hat sich gar An Christum gehenkt Und sich versenkt In die Wunden sein. Er meint, darein Sei ihm bereit All Sicherheit, Keins Menschen Grimm Halte sich der Stimm, Die Ehristus sprach. Alles Ungemach Das auch geschicht Das achten nicht Und fürchten den, Der auch die Pen Der Hölle möcht gen Und Leib und Seel In ewig' Quäl' Verdammen mag".

Oder — um auch einen Feind Luthers zu hören — der Venetianer Marino Sanuto schrieb: .Jch sehe, wie fest dieser Mensch sich gemacht hat, und daß er weder durch Vernunftgründe, noch durch Furcht, noch durch Bitten von seiner Meinung abgebracht werden kann'."«)

Das also war der Eindrnck, den Luther auf seine Zeitgenossen machte; sie meinten an ihm einen Mut zu sehen, den viele sich nur als Sorglosigkeit oder Tollkühnheit erklären konnten.

Freilich können auch seine heutigen Feinde nicht leugnen, daß er bisweilen mit großer Kühnheit aufgetreten ist. Diese aber'soll nicht den edlen Namen des sittlichen Mutes verdienen; er soll nicht im Vertrauen auf Gott sich Gefahren ausgesetzt haben. .Eine mächtige Bundesgenossenschaft' soll .er für sein Evangelium gewonnen' haben, vor allem .die adlige Revolutionspartei', .auf die gestützt er alles „Bannen, Dräuen und Schrecken seiner Feinde" verachtete'."^) — Aber mit dieser .mächtigen Bundesgenossenschaft' stand er doch noch in absolut keiner Verbindung, als er jenen folgenreichen ersten Schritt that, als er die Thesen an die Thür der Wittenberger Schloßkirche schlug. So muß denn hier ein anderer Ausweg gefunden werden. Janssen hat ihn entdeckt. Er belehrt uns: .Wer die damals allgemein üblichen Gebrauche der Universitäten und besonders der theologischen Facultäten betreffs der Disputationen kennt, findet in dem Anschlagen der Disputationsthesen an einer Kirchenthür weder eine Merkwürdigkeit noch eine kühne That'."') .Es war dies', schreibt ein anderer ab, .weder merkwürdig, noch kühn, sondern üblich'. Nun ja, es war .üblich', Thesen, die man verteidigen wollte, zu veröffentlichen. Es war auch keine .kühne That', Papier an eine Kirchenthür zu nageln. Es ist sogar möglich, daß Luther dies nicht selbst gethan hat, sondern durch einen Universitätsdiener besorgen ließ. Es thut uns leid, daß dieses letztere nicht gewiß ist. Die Römischen könnten dann sagen, Luther habe in seiner Krankhaften Verfolgungsfurcht' den ersten entscheidenden Schritt einem andern aufgebürdet. — Nicht aber .üblich' war es, solche Thesen öffentlich verteidigen zu wollen. Und wohl war es .merkwürdig', daß so ein paar Thesen in kurzer Zeit die ganze Christenheit in Bewegung gesetzt haben. Was sollen solche kleinliche Nörgeleien an einer großen That, wenn selbst Janssen sie für des Bemerkens würdig hat halten müssen, wenn er selbst die .Verbreitung von Luthers Lehre' .seit dem 31. Oktober 1517' datiert? Da merkt man doch die Absicht allzusehr und wird verstimmt. So erklärt denn Janssen später, er habe mit jener Bemerkung nicht .die allerdings lawinenartigen Wirkungen der Lutherschen Thesen' leugnen wollen.*) .Nur wegen der Thatsache des Anschlagens der Thesen habe' er jene geringschätzenden Worte gemeint. .Der Standort Luthers war bei diesem Anschlagen im Jahre 1517 nicht höher, wie der eines jeden anderen Mitgliedes der Wittenberger Universität'. Will er damit die anderen Mitglieder der Wittenberger Universität erheben oder Luther herabsetzen? Sollen sie ebenso kühn gewesen sein wie er, oder er so gewöhnlich wie sie? Jedenfalls ist es Janssen selbst, welcher uns auseinandersetzt, daß Luther nicht durch die bei dem Ablaß vorgekommenen Mißbräuche zu solchem .Vorgehen veranlaßt' worden sei, daß er vielmehr dadurch den Ablaß selbst und die seinen Anschauungen entgegenstehende Kirchenlehre habe angreifen wollen. Wenn Janssen diese — nicht ganz richtige — Ansicht hegt, wie mag er denn sagen, daß das Anschlagen d. h. die Veröffentlichung jener Thesen keine kühne That gewesen sei? Weiß er denn

*) Janssen, l. Wort, S. 22. Wenn er hier hervorhebt, daß er nur .die Worte des Münchener Professors Prantl citiert' habe, so hätte er auch bewerken sollen, daß er dieses Citat mit den Worten eingeleitet hat: Mit Recht bemerkt Prantl'. Dadurch also, daß er nur citiert, wird das Gewicht der Worte nicht geringer, sondern nur stärker, indem nun zwei Autoritäten aufgetreten sind, Prantl und Janssen.

nicht, was ein Angriff gegen eine Jnstitution und die Lehre der Kirche nach sich ziehen mußte? — Jedenfalls aber mußte Luther durch Aufstellung dieser Thesen den brennenden Zorn der mit päpstlicher Autorisation und bischöflicher Approbation — ein mehres wußte freilich Luther damals noch nicht — handelnden Ablaßkrämer sich zuziehen und sich das Mitglied des Jnquisitionsgerichtes Tetzel zum Todfeinde machen. Und jedenfalls sind unter denjenigen Sätzen, um derer willen der Papst den Bannstrahl gegen Luther geschleudert hat, auch eine Anzal dieser Thesen."") So wird Luthers That doch eine kühne That bleiben.

Jm Jahre 1520 erst war es, daß Hutten und Sickingen dem Reformator ihren Schutz anboten."«) Dies soll die große Umwandlung bei Luther hervorgebracht haben. Auf diese mächtige Bundesgenossenschaft gestützt verachtete er alles Dräuen seiner Feinde' sagt Janssen;"^ Mr ein anderer: Ms dahin ängstlich, furchtsam, kriecherisch, faßte Luther neuen Mut, gab das Ränkespiel auf, das er bis dahin mit der geistlichen Obrigkeit getrieben, und verkündete, im Vertrauen auf seine handfesten, in jeder Gewaltthat erfahrenen Gönner, offen den allgemeinen Umsturz'I^) Das also war sein sogenanntes Gottvertrauen! Jst ihm doch einmal das .Selbstbekenntnis' entschlüpft, auf Sickingen setze er größeres Vertrauen und größere Hoffnung als auf irgend einen Fürsten. Aber warum citiert Janssen^«) diesen Satz in indirekter Form? Weil wir nicht mehr die direkten Worte haben. Es ist der wütende Feind Luthers Cochläus, welcher vierzehn Jahre später'-") erzählt, Luther habe so au Hutten geschrieben. Ein recht unsicherer Beweis, da es hier auf den genauen Ausdruck ankommt und schon ein geringer Gedächtnisfehler des Cochläus alles entstellt haben kann. Janssen scheint dies zu fühlen. Daher möchte er die Wörtlichkeit der Wiedergabe retten, schreibt deshalb: .Excerpt bei OuoKIasus'. Ob er nicht damit eine .Lücke der Ueberlieferungen mit eigenem Gebilde ausgefüllt' hat? Ja, alles spricht dagegen, daß Cochläus bei jener Mitteilung den Brief Luthers vor sich gehabt; alles dafür, daß ihm wie zufällig eine Erinnerung an eine briefliche Aeußerung Luthers in den Sinn kam. Denn er teilt nicht wörtlich, sondern nur in indirekter Rede mit; er erwähnt nur diesen einen Satz; er, welcher sein ganzes Werk annalenartig angelegt, erwähnt diese Aeußerung nicht zum Jahre 1520, wohin das Datum des Briefes sie verwiesen haben würde, sondern zur Erzählung von Sickingens Tode. So ist das Ianssensche .Excerpt' zu streichen und damit schwindet die ganze Beweiskraft des Citats. Denn wir werden doch nicht auf die Aeußerung eines Gegners hin, daß er vor Jahren gehört, Luther habe vor 14 Jahren an jemanden dies und das geschrieben, den Reformator in Anklagezustand versetzen oder gar — wie Janssen thut — für überführt ausgeben. Besitzen wir doch in den noch erhaltenen Briefen Luthers so unwidersprechlich klare Aussprüche darüber, wie er über den Schutz Gottes und dieser Ritter gedacht hat! Warum in die unsichere Ferne schweifen, wenn das Gute so nahe liegt? Freilich nicht bei Ianssen. Dieser erwähnt z. B. Luthers Brief an Spalatin vom 13. Mai 1520, doch nur, um zu zeigen, was den an .krankhafter Furcht vor Verfolgung leidenden' Luther mutig gemacht habe: .Im Mai 1520 versicherte ihn auch der Ritter Sylvester von Schaumburg seines Schutzes'. Weiter nichts verrät Janssen aus diesem Briefe. Und doch hätte es nur noch der Mitteilung weniger Worte bedurft, um eben das, was Janssen in diesem ganzen Abschnitt zeigen will, ins hellste Licht zu stellen, nämlich wie Luther diese Zusicherungen des ritterlichen Schutzes aufgenommen hat. Dieser nämlich schreibt: „Jch hatte vor zwei Tagen eine ^mündliche^ Botschaft von Sylvester von Schaumburg, einem fränkischen Ritter, welcher mir sicheren Schutz verspricht, falls der Kurfürst meinetwegen irgendwie in Gefahr käme. Einerseits verachte ich dies nicht, anderseits aber will ich einzig auf den Beschützer Christum mich stützen; vielleicht hat dieser ihm stem Ritter^ jenen Sinn gegeben."^») Diese Worte lehren zunächst, um was für einen „Schutz" es sich gehandelt hat. Jn jenen Tagen wurden Luther und seine Anhänger von einer Frage aufs lebhafteste bewegt, davon, was er thun solle, wenn der Kurfürst Friedrich seinetwegen in Gefahr käme, wenn derselbe nicht länger ohne schweren Nachteil für sich selbst dem wahrscheinlich bald vom Banne getroffenen Luther sicheren Aufenthalt gewähren könne. Luther selbst wußte bisher keinen anderen Ausweg, als nach Böhmen sich aufzumachen. Hiervon suchten ihn diejenigen

Walther, Luther« Neruf. 7

zurückzuhalten, welche noch auf eine endlich günstige Entscheidung seiner Sache hofften. Und das, und das allein, war der Schutz, den jene Ritter ihm zusagten: Auf einer ihrer Burgen solle er einstweilen sicheren Aufenthalt finden. Janssen scheint von dieser damals soviel ventilierten Frage, welche die Äeußerungen Luthers und semer Freunde bestimmte, nichts zu wissen. Da er aber doch von den darauf bezüglichen Äeußerungen eine Anzahl von Sätzen mitteilt, ohne deren Ziel zu verraten, so muß das ganze Bild dieser Verhandlungen ein unrichtiges werden. Jndem Luther diese Anerbietungen emes sicheren Aufenthaltsortes nicht von der Hand wies, soll sein Anschluß an die Revolutionspartei eine vollendete Thatsache'"») gewesen sein. Oder was für blutige Pläne scheinen sich zu offenbaren, wenn Janssen berichtet: Am 11. Juni erbot sich der Ritter Sylvester von Schaumburg, zu seinem Schutze hundert vom Adel aufzubringen', nachdem er eben vorher den Hutten hatte an Luther schreiben lassen: Mir wollen miteinander*) das schon solange geknechtete Vaterland befreien'."') Wie anders lautet dasselbe in dem Brief jenes Ritters!"») Luther, so schreibt dieser, wolle „durch eine gemein christlich Berufung oder sonst unverdächtiger frommer Männer Rechtsprechen" über die Richtigkeit seiner Lehre entscheiden lassen, stehe aber in der Gefahr, zu den Böhmen gehen zu müssen. Der Ritter bitte ihn, dies nicht zu thun, da es seinem guten Namen schaden könne. Er könne zu ihm kommen. „Denn ich und sonst, meines Versehens, hundert vom Adel, die ich (ob Gott will!) aufbringen will, euch redlich zu halten und gegen euere Widerwärtigen vor Gefahr schützen wollen." Er wolle ihn solange schützen, bis seine Sache durch ein Concil oder auf andere Weise entschieden oder Luther „besser unterrichtet ^seine Lehre widerrufen^ würde."

Sodann lehrt uns obige Aeußerung Luthers, daß sein Vertrauen allein zu dem Herrn gestanden, daß er aber nicht Wunder vom Himmel zu seinem Schutz erwartet, sondern für möglich gehalten hat, der Herr wolle eben durch einen dieser Ritter ihn schützen.

Janssen klammert sich an ein anderes Wort Luthers. Er

') Dieses Wort steht nicht in Huttens Brief, Böcking, Nutt. opp, I, 355.

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