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für Unrecht halten, daß sein Bruder sich aus dem Vaterhause entfernt hat, und doch diesen Bruder glücklich preisen, wenn etwa der Vater auf schändliche Wege geraten ist und dem Sohne vermöge seiner väterlichen Autorität etwas gebietet, was gegen das Gewissen ist. Andererseits freilich würde Luther wohl nicht in dieser Weise von den Böhmen geredet haben, wenn er noch wie in alten Zeiten dem Satze zugestimmt hätte: „Außerhalb der römischen Kirchengemeinschaft giebt es kein Heil". Jnsofern hatte wirklich ein Meinungswechsel' stattgefunden, daß er das Heil von etwas anderem abhängig wußte. Aber darum hielt er doch noch dafür, daß die Liebe nicht Trennung von der Kirche, der man angehört, sondern Besserung derselben gebietet.

Freilich erklärt er auch, er wolle in jenem hoffentlich nicht eintretenden Falle, „es nicht mehr mit der römischen Kirche halten, sondern sie preisgeben und verleugnen." Aber unter dieser „römischen Kirche" hat er nicht die „katholische Kirche" verstanden, wie Janssen nach seinem Belieben dafür setzt/") sondern jenen Teil der allgemeinen, „katholischen" Kirche, welcher nach des Prierias Forderung die Gesamtkirche beherrschen sollte. Heutzutage ist freilich in Bezug auf die Gegenwart eine solche Unterscheidung nicht mehr möglich. Denn es ist des Prierias Verlangen in Erfüllung gegangen. Die römische Kirche hat alle katholischen Partikularkirchen so vollständig sich unterworfen, daß man jetzt den Ausdruck „römische Kirche" für das Ganze anwendet. Wir fürchten auch, daß wir einen Janssen schwerlich bewegen werden, diesen Unterschied als noch zu Luthers Zeiten geltend anzuerkennen. Denn da die römische Kirche alles von ihrer Lehre Abweichende als eine „Neuerung," sich aber als die Bewahrerin des Alten darzustellen liebt, kann sie nicht zugeben, daß in ihr selbst die allergrößtsten Neuerungen zur Herrschaft gelangt sind. Sie sucht daher ihre heutigen Anschauungen als zu allen Zeiten bestehend nachzuweisen. So überträgt Janssen seine heutigen, auf dem Tridentinischen und Vatikanischen Koncil und dergleichen Neuerungen beruhenden Anschauungen ganz sorglos auf Luthers Zeiten. Auch bei der vorliegenden Frage. Jndem Luther gegen die Lehre des Prierias von der Unfehlbarkeit des Papstes schreibt, soll er gegen „die Kirche" geschrieben haben; wenn er gegen die „römische Kirche" redet, soll er die .katholische Kirche' angegriffen haben. Als wenn schon damals diese beiden Begriffe identisch gewesen waren! Vielmehr war zu jener Zeit eine solche Unterscheidung zwischen der römischen Partikularkirche und der katholischen d. h. allgemeinen Kirche möglich und gewöhnlich. Nur zwei Beweise! Eben die Schrift des Prierias, gegen welche Luther schreibt, unterscheidet .die römische Kirche' von .den andern Kirchen', nennt jene.die erste', welche .das Haupt aller Kirchen' sein müsse.-«) Und Papst Leo X. gebraucht in der Bulle, mit welcher er Luther verdammt, dieselbe Unterscheidung, indem er .die römische Kirche die Mutter aller anderen Kirchen' nennt.'') An eine Trennung von der katholischen Kirche, in welcher er aufgewachsen war, denkt Luther nicht im Entferntesten.

Er will nicht einmal von der „römischen Kirche" sich trennen. Denn wozu läßt er überhaupt diese Schrift gegen Prierias ausgehen? Um womöglich diese unerhörte Auffassung von dem Papsttum noch rechtzeitig wieder zu ersticken; um zu verhüten, daß dieselbe zu einem Glaubenssatz erhoben werde; um also nicht genötigt zu werden, diese römische Kirche zu verleugnen. Sein Wunsch ist ja auch in Erfüllung gegangen. Erst über 300 Jahre später ist jene Lehre von der päpstlichen Unfehlbarkeit zum Dogma geworden. So hat denn Luther von einem möglichen Falle geredet, der ihn zwingen würde, „es nicht mehr mit der römischen Kirche zu halten", welcher aber bei seinen Lebzeiten nicht eingetreten ist. Ja, eben der Satz in Luthers Schrift, aus dem Janssen folgern will, er habe sich von der Kirche „reißen und scheiden" gewollt, daher zum Religionskriege aufgerufen', der Satz, daß er eventuell kein anderes Rettungsmittel mehr sehe, als den Papst und seine Helfershelfer mit den Waffen anzugreifen, um ein Konzil zu erzwingen, zeigt deutlich, daß er das andere Rettungsmittel, eine Trennung von der römischen Kirche, nicht beabsichtigte. Denn wozu will er gegen den Papst und die Seinen ein Konzil haben? Um .die Kirche zu zerstören'? Nein, weil sie „Gottes Kirche ohne Unterlaß vergiften und zu grunde richten", und damit „der elenden, jämmerlich zerrissenen und verwüsteten Kirche geraten und geholfen werde." Helfen will er seiner Kirche, nicht sich trennen von ihr.

Sollen wir noch all die nebensächlichen Aeußerungen Luthers einer Prüfung unterziehen, aus denen etwa ein Evers das Gegenteil heraus liest? Nur ein Beispiel! .Luther will', schreibt Evers, .auch die Kanones und Decretalen, also das kanonische Recht und damit die ganze Verfassung der Kirche umstürzen'.^) So liest er in einem Briefe vom Mai 1518. Und doch steht in dem fraglichen Satze neben den eben angeführten Dingen, welche .umgestürzt' werden sollen, auch „die Logik." Ob denn Luther auch die Logik hat aus der Welt schaffen wollen? Nun, jener Briefs) ist an den Professor der Universität Erfurt, Trutfetter gerichtet, und die fragliche Stelle handelt von nichts weiter als davon, daß „die Studien" der jungen Theologen eine Aenderung erfahren müßten. „Die Art, wie die Kanones, Decretalen, die scholastische Theologie, die Philosophie, die Logik jetzt behandelt werden, muß gänzlich ausgerottet werden; das rechte Studiuni der Bibel und der heiligen Kirchenväter muß wieder beginnen." Und doch operiert Evers unermüdlich weiter mit jenen Worten zur Jrreleitung seiner Leser.")

Oder sollen wir alle jene Worte Luthers zurechtstellen, in welchen er ausspricht, daß er „ewiglich nicht mit ihnen sich aussöhnen wolle."?") Sie handeln allesamt nicht von einem Verhältnis zur Kirche, sondern von einer Aussöhnung mit der römischen Kurie und den Verteidigern eines unfehlbaren Papsttums. Kann man denn nicht in starker Liebe an dem Volke hangen, welchem man von Geburt angehört, und doch der augenblicklich in den Regierungskreisen herrschenden Strömung unversöhnlich feind sein, ja eben aus Liebe zu seinem Volke gegen sie kämpfen? „So weit, so breit, so tief wie nur möglich unterscheide ich zwischen der römischen Kirche und der römischen Kurie", schreibt Luther im September 1519. „Sie sollen wissen, daß sie irren, wenn sie schreien, ich hielte nicht mit der römischen Kirche; ich, der ich so rein liebe nicht allein die römische, sondern die ganze Kirche Christi."-«) Natürlich muß all denen solche Unterscheidung unsinnig erscheinen, welche mit Prierias dafür halten, daß .der Papst virtullliter die Kirche' sei. Aber damals war eben diese Ansicht noch eine disputable Meinung.

Wie wenig Luther daran gedacht hat, neben der bisherigen Kirche eine andere zu gründen, könnten seine Gegner sehr wohl selbst erkennen. Obwohl Janssen behauptet hat: .Seit dem Jahre 1519 war Luther entschlossen, mit der katholischen Kirche für immer zu brechen',^) schreibt er doch auch — und diesesmal richtig —: .Bis zum Herbst 1521 wurde an die Aufstellung eines eigenen neuen Kirchenwesens fton Luther und seinen Anhängern^ noch nicht gedacht'.^) Er meint sogar: .Natürlich war es unmöglich, auf Grundlage jenes Gemeindeprincips ^des allgemeinen Priestertums, welches er .zun: Umsturze des katholischen Kirchenwesens aufgestellt' haben soll,^ eine neue Kirche und eine kirchliche Verfassung zu gründen'. Soll, denn Luther wirklich ein so bodenlos beschrankter Kopf gewesen sein, daß er, um das bisherige Kirchenwesen zu stürzen und ein anderes daneben zu gründen, ein Princip aufstellte, auf dessen Grundlage .eine Kirchengemeinschaft zu gründen natürlich unmöglich war'? Selbst Döllinger kann sich nicht verbergen, in welch unlösbare Rätsel diese römische Lutherlegende führt. .Es ist wirklich auffallend', schreibt er,2°) .daß ein Mann, der sonst in der Beurteilung mancher Verhältnisse einen gesunden praktischen Blick bewährte, bei der Behandlung kirchlicher Verfassungsformen' so unklug sich benahm. Uns ist nur auffallend, daß man noch heute nicht erkannt hat, wie wenig Luther es sich in den Sinn kommen ließ, von der katholischen Kirche sich zu trennen.

Hat er doch selbst dann, als längst das Regiment der römischen Kirche ihn aus dieser ausgestoßen hatte, noch nicht es für seinen Beruf gehalten, eine neben dieser stehende neue Kirche zu gründen! Bei Janssen selbst'«) finden wir gelegentlich die Behauptung Melanchthons aus einem Briefe desselben an seinen Freund Camerarius vom Jahre 1530 angeführt: „Wäre es auch erlaubt, die kirchliche Ordnung umzustürzen, so wäre es doch schwerlich heilsam. So hat auch Luther immer gedacht."") Und Janssen hätte nur noch etwas mehr über Luthers Stellung zu dieser Frage seinen Lesern verraten sollen! Denn eben in dem Jahre, da Melanchthon dies behauptete, hat Luther noch die Möglichkeit in Betracht gezogen, daß er und seine Anhänger mit den Widersachern in einer Kirchengemeinschaft unter den katholischen Bischöfen vereinigt blieben. Jn einem während des Augsburger Reichstags erlassenen Sendschreiben wendet er sich an die Bischöfe: „Gebt uns das Evangelium frei zu lehren, und lasset uns dem armen Volk, das fromm zu sein begehrt, dienen. Verfolgt und wehrt doch dem nicht. . . So wollen wir euch lassen bleiben, was ihr seid, und lehren, daß man euch lasse Fürsten und Herren sein, um des Friedens willen, und eure Güter lassen, welches doch die Hussiten und Wicleffiten nicht gethan, auch jetzt noch keine Schwärmer und Rottengeister thun wollen. Und könnt ihr den bischöflichen Zwang wiederaufrichten, da will ich für mein Teil auch getrost zu helfen und raten."'2)

Freilich ist sein Wunsch nicht in Erfüllung gegangen. Auch wir glauben, daß der Riß, welcher jetzt äußerlich durch die Christenheit hindurchgeht, nicht nach dem Willen Gottes ist. Die Schuld hieran aber trägt nicht Luther, sondern die römische Hierarchie, welche „das Evangelium", d.h. die Lehre, in welcher Luther und die Seinen den Frieden ihrer Seele mit Gott hatten, nicht einmal „freigeben", zu glauben und zu lehren erlauben wollte, sondern dafür nur Verdammungsurteil und den Bann hatte. Mögen die Römischen sagen: Wir konnten nicht anders, denn in unseren Augen ist jene Lehre auch nicht zu dulden! Dann haben sie uns unsre Lehre vorgeworfen. Und darauf sind wir stolz. Aber nun den historischen Thatbestand in sein Gegenteil zu verkehren, nun die Schuld der Trennung auf Luther abzuschieben, ihm nachzusagen, daß er .eine Kirchentrennung bezweckt' habe, das erweckt den Schein eines bösen Gewissens.

Und auch insofern hat Luther .die historische Continuität' mit der bisherigen Kirche nicht zerrissen, als es die Wahrheit geradezu auf den Kopf stellen heißt, wenn man seinen Lesern erzählt: .Alles, so erklärte Luther, was nicht den Buchstaben der Bibel für sich hat, alles, was nicht bereits zur Zeit der Apostel in Uebung war, ist falsch und abzuthun'.^) Weiß man wirklich so wenig von Luther? Sein Grundsatz war: Nur das, was der Bibel geradezu widerspricht, ist abzuthun; was nicht von der Bibel gerichtet ist, kann, ja soll bestehen bleiben. Darum hat er auch die geschichtlich gewordenen kirchlichen Einrichtungen, wie die Ordnung des Gottesdienstes, der Taufe, des Gebrauchs von Bildern, Orgeln u. dergl. nur soweit geändert, als sie mit dem Worte Gottes in direktem Widerspruch standen. Wer wüßte

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