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Meint denn Janssen wirklich, Musa und Luther hütten garnichts von dem, was sie predigten, für wahr gehalten? Es wird dem Musa ergangen sei, wie wohl jedem, welcher von der seligen Wahrheit aus Ueberzeugung predigt, daß Christi Gnade größer sei als alle Sünde. Er wußte es und konnte es doch nicht immer „glauben." Es wurde ihm ebenso schwer, wie seinen besten Zuhörern, diese, alle menschliche Vorstellung übersteigende Botschaft sich selbst im Glauben anzueignen. So erging es auch Luther. Alle von Janssen citierten Worte Luthers reden also nicht von Zweifeln an der Wahrheit seiner Predigt, sondern von Anfechtungen hinsichtlich des eigenen Gnadenstandes.

Wie aber hat Luther diese Anfechtungen, da seine Sünde ihn ängstigen wollte, zu überwinden gesucht?

Wir werden zwei Fälle zu unterscheiden haben. Das eine Mal versetzte die Anfechtung seine Seele in wirkliche Angst, indem er zunächst in dem Jrrtum befangen war, die Anfechtung gehe von Gott aus; das andre Mal erkannte er die Versuchung sogleich als solche. Was er in dem ersteren Falle gethan hat, wird wohl jeder sich selbst sagen können. Unzähligemal bezeugt es Luther; z. B.: „Wenn der Teufel mit mir auf das Gesetz kommt, so habe ich verloren. Aber ich muß ihm Christus vorhalten und ihn damit verjagen und ihm einen andern Text vor die Nase halten, nämlich: Christus hat sich selbst für die Sünder gegeben."222) Natürlich war diese selige Gewißheit erst die Folge der Anfechtung. Die Anfechtung selbst bestand eben darin, daß er noch nicht der Gnade Gottes, des Verdienstes Christi sich getrösten konnte. War es also eine sehr tiefe Anfechtung, so konnte es ihm während derselben so ergehen, wie er einmal an Melanchthon schrieb: „Da ich Christum ganz verloren hatte, ward ich umhergeworfen von den Fluten und Stürmen der Verzweiflung und der Lästerung gegen Gott."22') Natürlich ist er nicht verzweifelt und hat nicht Gott gelästert; aber er wurde dazu versucht, daß er um seiner Sünde willen verzweifeln und von Gott denken solle, er sei nicht barmherzig.2") Und das Ende war: „Christus aber, der Besieger des Todes, der Aesieger der Hölle, der Besieger der Sünde, der Welt, des Fleisches sei und werde stark mit seinem Geiste in uns und euch, Amen." Auch darüber wundern wir uns nicht, daß Luther bisweilen in schweren Anfechtungen zu Mute war, als litte er etwas ganz besonderes. Es ist dies wahrend der Dunkelheit der Anfechtung gewöhnlich der Fall. Daher erzählt Luther, er habe früher oft gedacht: „Bin ich's denn allein, der so traurig im Geiste sein muß und angefochten werden" ?2«) Betrübend war es für ihn, daß er nicht jedesmal, wenn er eine neue Sünde erkannt hatte, auch sofort sich der Gnade Gottes getrösten konnte. Er äußerte daher einmal: „Jch bin oft selbst auf mich zornig, daß ich nicht kann in der Anfechtung durch Christum meine Gedanken austreiben, noch derselben kann los werden; denn ich doch soviel davon gelesen, geschrieben und gepredigt habe."22«) Was fällt Janssen an diesem Worte auf? Er giebt es nicht an. Sollen wir etwa daraus lesen, daß Luther niemals solche Gedanken los geworden sei? Aber er redet ja nur von dem, wie es ihm während der Anfechtung selbst ergeht, und immer wieder bezeugt er: „Der Satan ist meiner Gottlob noch nie mächtig geworden, wiewohl er mir manchen Angstschweiß ausgetrieben hat; denn er hat sich an Christo, unserm Herrn, zu hart verbrannt."22')

Natürlich redet ein Christ nicht vor der Oeffentlichkeit von den geheimnisvollen Kämpfen seiner Seele; daher sind auch alle hierher gehörenden Worte Luthers nicht von ihm niedergeschrieben; es sind nur Aeußerungen von ihm, mit welchen er seine vertrauten Freunde in ihren Anfechtungen aufzurichten und zu unterweisen suchte. Von diesen erst wurden seine Worte später niedergeschrieben. So schrieb auch Luther einmal an einen Freund: „Viele denken, weil ich mich unterweilen in meinem äußerlichen Wandel fröhlich stelle, ich gehe auf eitel Rosen; aber Gott weiß, wie es um mich steht meines Lebens halber si. h. in Wirklichkeit^." Janssen findet dies sehr auffallend. Meint er wohl, Luther gestehe damit, daß er die Menschen durch Verstellung über seinen wahren Seelenzustand betrügen wolle? So sei er an das Wort der Schrift erinnert: Wenn du fastest, so salbe dein Haupt und wasche dein Angesicht, auf daß du nicht scheinest vor den Leuten mit deinem Fasten. Er möge vielmehr aus diesem Worte Luthers erkennen, daß es ein schweres Unrecht ist, die geheimen Seelenkämpfe eines anderen vor der Oeffentlichkeit breit zu treten.

Anders lag die Sache bei Luther, wenn ihm alsbald klar wurde, daß die zur Verzweiflung reizenden Gedanken nur eine Anfechtung von dem bösen Geiste seien. Ließ er sich dann doch auf eine weitläufige Widerlegung derselben ein. so wurden dadurch nur neue, beunruhigende Gedanken erzeugt, wie wenn man — sagt er einmal — „nach einem bellenden Hunde mit dem Stocke schlägt; man muß vielmehr schweigend an ihm vorübergehen." Dankbar erwähnt er oftmals den Gerson, welcher gelehrt habe, in solchem Falle thue man am besten, den Satan mit Verachtung einfach abzuweisen. So antwortete er wohl dem Teufel: „Du Bösewicht, wie darfst Du Dich unterstehen, mich solches zu bereden? hat mir doch mein Herr Christus befohlen, ich sollte Dir nicht glauben." Und bei seiner bekannten drastischen Art dürfen wir uns nicht wundern, daß er auch einmal äußerte: „Wenn ich des Nachts erwache, so kommt der Teufel bald und disputiert mit mir und macht mir allerlei seltsame Gedanken, bis solang ich mich ermuntere und sage: „Küsse mich auf —; Gott ist nicht zornig, wie Dn sagst. "22H

Sehr häufig erfuhr Luther auch, daß der Teufel nach seinem „Namen cliadolus, d. i. ein Verkehrer und Lästerer, auch das, so gut, nötig, nützlich uud heilsam ist, uns und anderen lästerlich verkehrt"; „er kann da Sünde machen, da gar keine oder gar kleine Sünde ist."22») Jn diesen Fällen handelte es sich fast immer um solches, was er früher selbst für Sünde gehalten hatte, da es nach katholischer Anschauung Sünde war. Bei der unbiblischen Strömung, welche die ganze römische Moral durchzieht, mußten derartige Fälle nicht selten vorkommen. So ist die von Gott uns anerschaffene geschlechtliche Liebe nach römischem Begriff Sünde; in einem späteren Hefte »Verden wir ausführlicher davon zu reden haben. Luther hatte eingesehen, daß diese römische Anschauung irrig sei. Wenn nun ein früherer Katholik etwa „an ein schönes Mädchen gedacht" hatte, so hielt ihm vielleicht der Teufel das als Sünde vor. Um nun zu zeigen, daß er über diese lächerliche Moral erhaben sei, konnte er seine „Verachtung" am besten dadurch kund thun, daß er „das Verbotene erst recht that." Daher schreibt Luther an seinen jungen Freund Weller: „Wenn etwa der Teufel sagt: .Trink nicht', so magst Du ihm antworten: Weil Du es verbietest, will ich gerade tüchtig trinken, ich will sogar in dem Namen Christi noch reichlicher trinken; so ist immer das Gegenteil von dem zu thun, was der Teufel will".2^«) Janssen schreibt: Jus dem Kampfe mit seinem Gewissen suchte er. . . durch Gedanken an ein schönes Mädchen zu entkommen'.2") Nun, es ist nirgends ein Wort davon zu lesen, daß Luther selbst so gehandelt habe. Aber er hat dem Weller geraten, wenn ihm der Teufel das zu einer Sünde machen wolle, daß er geschlechtliche Liebe gefühlt habe, so möge er gerade dann zur „Verachtung des Teufels" an ein schönes Mädchen denken. Da nun solcher Gedanke nach den Einflüsterungen des Satans und nach katholischer Anschauung Sünde war, so drückt Luther seinen Rat auch so aus: „Man muß irgend eine Sünde thun zur Verabscheuung des Satans."

Man möchte glauben, wenn Luther hätte ahnen können, es würde sein an Weller gerichteter Brief später sogar Katholiken bekannt werden, so hätte er sich so ausgedrückt, daß nicht nur Weller, welcher Luthers Grauen vor jeder wirklichen Sünde hinreichend kannte, ihn nicht mißverstehen konnte, sondern auch die Katholiken ihn nicht mißdeuten könnten. Doch nein, er hat sich niemals darum gegrämt, wenn er durch schärfste Betonung der einen Seite einer Wahrheit seinen verstockten Feinden Gelegenheit gegeben hatte, seine Worte zu verdrehen. Hätte er gewußt, daß dieser geheime Brief von Katholiken gemißbraucht werden würde, so möchte er wohl gar noch schärfer sich ausgedrückt haben. Er würde dann vielleicht den Satz: „Wir müssen den ganzen Dekalog Wottes Gesetzt aus den Augen und Herzen setzen", nicht noch mit der Erklärung erläutert haben: „Wenn also der Teufel uns unsre Sünden vorwirft und uns des Todes und der Hölle schuldig erklärt, dann müssen wir ihm so sagen: Jch bekenne zwar, daß ich des Todes und der Hölle schuldig bin; aber was weiter? Also wirst du auch in Ewigkeit verdammt werden? Keineswegs! Denn ich kenne einen, welcher für mich gelitten und genug gethan hat, und der heißt Jesus Christus, Gottes Sohn. Wo der bleiben wird, da werde ich auch bleiben."

Während alle bisherigen Worte Luthers, welche nach Janssen seine Zweifel an der Wahrheit seiner Predigt offenbaren sollen, von etwas ganz anderem, nämlich von der persönlichen Heilsgewißheit reden, handelt ein anderes Wort Luthers in der That von Zweifeln an seiner Lehre. „Der Teufel", so sagte er einst einigen Freunden, „hat mir oft solche Argumente gebracht, dah ich nicht wußte, ob ein Gott war, oder nicht"/"') Jn diesem Worte liegt mehr auffallendes, als in all denen, welche unsere Gegner zu verdrehen gesucht haben; es liegt aber nicht mehr darin, als wir Luther zugetraut haben.

Zunächst zeigt uns dieses Wort, daß es eine Entstellung ist, wenn seine Feinde so reden, als hätte er nur an dem gezweifelt, was er „seine Lehre" nannte; als ob die Schlechtigkeit seiner Sonderlehren verursacht hätte, daß er ihrer nicht gewiß gewesen sei. Er hat vielmehr auch an dem gezweifelt, was er mit der katholischen Kirche gemeinsam lehrte. Seine Zweifel beweisen also nicht die Unrichtigkeit seiner Lehre; denn den Glauben an das Dasein Gottes werden auch die Katholiken für richtig halten.

Luther redet von der längst vergangenen Zeit, da er Gewißheit zu erlangen suchte über das Wesen des heiligen Abendmahls. Er sagt, „was Menschen erdacht und erfunden wider das Abendmahl" hätte ihn niemals sehr bewegt. Aber die in ihm selbst auftauchenden Gedanken, welche er dem Teufel zuschrieb, hätten ihm viel zu schaffen gemacht. Er sei bei solchem Grübeln zuweilen sogar bis auf die Frage gekommen, ob Gott sei oder nicht. — Es ist dies wohl begreiflich. Denn alle Gewißheit der Ueberzeugung, welche er besaß, hatte er nicht angenommen, sondern sie war in ihm selbst geboren. Wenn ihm nun irgend eine göttliche Wahrheit noch unklar war, und er diese Unklarheit bis zu ihren letzten Konsequenzen verfolgte, so wurde ihm zunächst alle göttliche Wahrheit, da diese ein fest zusammenhängendes Ganze ist, unklar und unsicher. Wenn er etwa, auch nur hinsichtlich einer einzigen Sünde, darüber zweifelhaft war, ob Gottes vergebende Gnade ihm offen stehe, so mußte er bei konsequenter Verfolgung dieser Frage zu der anderen kommen, ob Gott sei oder nicht. Denn hat Gott uns erschaffen, so muß er uns auch die Möglichkeit geben, selig zu werden. Sonst wäre er grausam. Da aber Gott dieses nicht sein kann, so ist kein drittes möglich: Entweder müssen wir Vergebung

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