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Freilich, solange man von jenen Enthüllungen seiner.Beängstigungen' nur das kennt, was unsere Gegner von ihnen berichten, kann man noch darüber zweifelhaft sein, was denn Luther bewogen habe, trotz der traurigen Folgen, die seinem Auftreten nicht fehlten, auf dem eingeschlagenen Wege zu verharren. Er aber sagt es klar genug, auch an fast all den Stellen, welche uns seine Gegner vorgehalten haben; nur freilich lieben sie es, dieses zu verschweigen. Er sagt uns,'^) er habe solche schmerzliche Wahrnehmungen über schlimme Folgen seines Wirkens dadurch zu überwinden gesucht, daß er dem Teufel „geantwortet, es sei doch auch viel Gutes aus seiner Lehre gekommen". Doch auch das „wisse der Teufel meisterlich zu verkehren"; er könne das, was gutes aus der Lehre gekommen „— dessen gottlob sehr viel ist — zu eitel Sünde machen". Ein anderes aber habe ihn getröstet: „Ich weiß gottlob, daß meine Sache gut, recht und göttlich ist. Jst Christus nicht im Himmel und ein Herr über alles, so ist meine Sache unrecht. Was ich lehre, schreibe, predige und vorhabe in der Schule und Kirche, das führe ich frei öffentlich am Tage, nicht verborgen in einem Winkel, und richte alles aus dem Evangelium, Taufe, Vaterunser". „Die freudige Gewißheit unseres Herzens ist die Gewißheit unsers Berufs. Sonst wird 'niemand in Unglück oder in Versuchung bestehen können, wenn er nicht gewiß ist, er sei von Gott dazu berufen. . . Das ist ein einiger Trost in der Versuchung, der uns öfters bei so großen Aergernissen unserer Lehre erquickt hat, weil wir wissen, daß dieselbe nicht unser, sondern Gottes sei, der regiere sein Werk, zu welchem er uns wider Willen gezogen hat. Dieses ist ein einiger Trost, mit welchem ich mich sehr oft aufgerichtet habe wider den Gedanken <des Satans, daß er die gegenwärtigen Aergernisse dem Evangelium beimißt".'"«)

Damals freilich, als ihm dieser Beruf befohlen wurde, war er noch so zaghaft und unsicher, daß er ihn nicht übernommen haben würde, wenn er vorher gewußt hätte, was alles er darum erleben sollte: „Wenn mir nun Gott nicht die Augen zugeschlossen hätte, und ich hätte diese Aergernis vorhergesehen, so hätte ich nimmermehr angefangen, das Evangelium zu lehren. Nunmehr tröstet mich dieses, daß ich weiß, mein Amt ist Gottes Amt fton Gott mir auferlegt^. Diese Gewißheit erhält mich wider alle Uebel". Er würde, wenn er damals alles vorausgewußt hätte, „nicht angefangen haben zu lehren", wie Janssen richtig mitteilt. „Aber" — so fährt Luther fort, Janssen aber erwähnt es nicht — „nun wir darin ^in dem Beruf^ sind, müssen wir herhalten und solches lehren und sehen, daß es nicht Menschenthun noch Kraft ist, sondern der Heilige Geist selbst thun und erhalten muß. Sonst wären wir die Leute nicht, die solches ertragen und ausführen könnten." Wenn er dann sieht, wie selbst unter seinen Anhängern wieder Spaltungen entstehen, so ruft er wohl aus: „Ach, ich sollte wohl billig vor den Meinen Frieden haben; es wäre an den Papisten genug. Es möchte einer schier sagen: Jch wollte, daß ich nie geboren wäre. Aber" — so fährt gleich nachher Luther fort, Janssen aber erwähnt es nicht — „aber um der Frommen willen, so da selig werden wollen, müssen wir leben, predigen, schreiben, alles thun und leiden. Sonst, wo man die Teufel und falschen Brüder anstehet, wäre es besser, nichts gepredigt, geschrieben, gethan, sondern nur bald gestorben und begraben: sie verkehren und lästern doch alle Dinge, machen eitel Aergernis und Schaden daraus, wie sie der Teufel reitet und führet. Es will und muß gekämpfet und gelitten sein. Wir können nicht besser sein, denn die lieben Propheten und Apostel, denen es auch also ergangen ist.""')

So dokumentiert Luther keineswegs — wie es nach der Janssenschen Zusammenstellung scheinen kann — mit jenen Aussprüchen etwas wie Reue über sein Auftreten; ebensowenig, wie der Mann, welcher sehr viel Schweres in seinem Ehestande erlebt, zu bereuen braucht, daß er sich verheiratet hat, wenn er sagt: Es ist gut, daß ich nicht das alles vorher gewußt habe, sonst wäre ich nie» in den Ehestand getreten. Vielleicht freut er sich, daß es ihm verborgen geblieben ist. Und gefreut hat Luther sich, daß er nicht vorher geahnt, welche Schmerzen ihm sein Beruf auferlegen würde, sich gefreut, daß er sich nicht desselben geweigert hat, gefreut mitten in seinem Seufzen. „Hätte ichs zuvor gewußt, es hätte Mühe bedürft", sugt er, „daß er mich dazu hätte gebracht... Wiederum, wenn ich auf den sehe, der mich dazu berufen hat, so wollte ich

auch nicht, daß ich es nicht angefangen hätte. Jch will auch nun keinen anderen Gott haben."'»«) „Jch habe oft gesagt und sage es noch, ich wollte nicht der Welt Gut nehmen für mein Doctorat. Denn ich müßte wahrlich zuletzt verzagen und verzweifeln in der großen, schweren Sache, so auf mir liegt. Aber nun muß Gott und alle Welt mir zeugen, daß ichs in meinem Doctoramt und Predigeramt öffentlich habe angefangen und bis daher geführt mit Gottes Gnade und Hülfe.""»)

So lehrt die nähere Betrachtung der Selbstbekenntnisse' Luthers unwidersprechlich, daß er nicht an der Gültigkeit seiner Berufung gezweifelt hat, daß vielmehr die Ueberzeugung von seiner Berufspflicht unerschütterlich fest genug war, um ihm die staunenswerte Kraft zu verleihen, allen unerwarteten und bitteren Folgen seines Wirkens zum Trotz unentwegt auf dem von Gott gewiesenen Wege zu verharren.

Die sonstigen Anfechtungen Luthers gehören nicht eigentlich zu der von uns ins Auge gefaßten Frage nach seinem Berufe, sondern zu derjenigen nach dem Jnhalt seiner Verkündigung, welche wir erst in dem folgenden Hefte behandeln werden. Doch dürfte es erlaubt sein, nicht so scharf zu scheiden, sondern eine Besprechung der übrigen .Gewissensängste' des Reformators sogleich anzuschließen.

Wie notwendig aber es ist, die verschiedenen Arten von Anfechtungen Luthers klar auseinander zu halten, das zeigt sich schon an einem Umstande: Alles was seine Gegner von den .unaufhörlichen Gewissensbeängftigungen Luthers hinsichtlich der Rechtmäßigkeit seines Auftretens' berichteten, hat sich uns als reine Verdrehung herausgestellt; dasjenige dagegen, was sie von seinen sonstigen Anfechtungen zu erzählen wissen, ist keineswegs ohne alle Wahrheit. Die Frage, ob er das Recht und die Pflicht zu seinem Wirken habe, hat Luther nur im Anfang seines Auftretens beschäftigt, und sie ist bald mit der Gewißheit seines Berufs erledigt gewesen. Sein ganzes Leben hindurch aber sind ihm immer wieder die anderen drei Arten von Anfechtungen gekommen: Melancholie, Zweifel an dem eigenen Gnadenstande, Unsicherheit über die Richtigkeit seiner Lehre.

Beginnen wir mit der Schwermut, so dürfte es doch in der That nicht verwunderlich sein, daß Luther sehr oft daran gelitten hat. Beispiellos groß war die Last der Arbeit, welche auf ihm lag. Und während weitaus die meisten Geistesprodukte im Grunde nur eine neue Darstellung von schon bekannten Wahrheiten sind, so mußte Luther nicht weniges von dem, was er schrieb, vollständig neu producieren. Bekanntlich aber werden alle wirklich produktiven Geister leicht reizbar und zum Trübsinn geneigt. Dazu war ihm die notwendige Rekreation der übermäßig angestrengten Kräfte fast niemals möglich. So mußte eine Nervenüberreizung eintreten, welche bis zu physikalischen Täuschungen führen konnte, oder auch eine Erschlaffung und damit Schwermut sich einstellen. Dazu kamen die schweren körperlichen Leiden, welchen er unterworfen war; besonders jenes Steinleiden, welches ihn 20 Jahre hindurch so arg gequält hat, daß er mehr als einmal dem Tode nahe war. Endlich vergesse man nicht die ungemein starke Aufregung und Spannung, in welcher sein Gemüt nicht selten lange Zeit hindurch schweben mußte, wenn es sich um wichtige Entscheidungen über sein eigenes Schicksal oder das .seiner Lehre' handelte. War dann eine Entscheidung gefällt, so trat naturgemäß wieder eine psychische Abspannung ein. Höhnend auf Luthers melancholische Stimmungen hinzuweisen, ist eben so gemein, als wenn man einen Krieger um der Gebrechen willen verspottet, die der Feldzug ihm eingebracht hat. Für andere hat Luther die Folgen seines schweren Berufs getragen.

So war es selbstverständlich, daß nach den ungeheuren Aufregungen, welche vor allem die Wormser Tage ihm gebracht hatten, in der Ruhe und der gänzlich veränderten Lebensweise auf der Wartburg eine starke Abspannung sich einstellte. Kein Wunder, daß Janssen auf .Luthers traurige Seelenzustände während dieses Aufenthalts' hinweisen kann."") Doch sehen wir uns die Beweise dafür etwas näher an.

Zuerst citiert Janssen .De Wette 2, 2'. Ob er wohl selbst diese Stelle nachgelesen hat? Es ist auf der ganzen angeführten Seite über Luthers .Seelenzustände' nichts anderes zu finden, als folgende Worte, welche Luther an seinen intimen Freund Melanchthon geschrieben: „Der Herr hat mich mit großen Schmerzen am After geschlagen. Der Stuhlgang ist so hart, daß ich ihn mit großer Anstrengung, bis zum Schweiß, auspressen muß. Gestern hatte ich nach 4 Tagen einmal Oeffnung; daher habe ich auch die ganze Nacht nicht geschlafen und habe auch jetzt noch keine Ruhe. Bitte doch für mich; denn dieses Uebel wird unerträglich werden, wenn es so zunimmt, wie es angefangen hat". Wollte Janssen wirklich, daß wir diese Stelle nachsähen und so 6ie sehr natürliche Ursache von Luthers Melancholie finden sollten? — Er verweist uns weiter auf S. 10 der De Wette'schen Briefsammlung. Dort findet sich über die .traurigen Seelenzustände' Luthers nichts weiter, als die an Melanchthon gerichteten Worte: „Um mich braucht ihr durchaus nicht besorgt zu sein. Mir persönlich geht es sehr wohl; nur daß die Schwermut noch nicht gewichen ist und der bisherige Geist und Glaubensschwachheit noch anhält". Daß wir uns hierunter aber nichts Schreckliches vorzustellen haben, zeigen schon die anderen Worte in diesem Briefe: „So oft haben wir von Glauben und Hoffnung dessen, was man nicht sieht, geredet; wohlan, nun wollen wir es auch einmal bei der kleinen Gefahr für die Lehre mit der That beweisen. Siehe zu, daß ihr nicht betrübt werdet, sondern singt den Gesang des Herrn, der für die Nacht befohlen ist; ich will mit singen".

Weitere Mitteilungen über Luthers traurige Seelenzustände will Janssen bei De Wette 2, 16. 17. gelesen haben. Ueber sich selbst hat Luther hier durchaus nichts anderes geschrieben, als die Worte: „Jch bin hier in vollster Muße und in vollster Arbeit, lerne hebräisch und griechisch und schreibe ohne Unterbrechung. Noch nicht hat mich das Uebel verlassen, an dem ich in Worms litt, es ist sogar noch ärger geworden. Jch leide an entsetzlicher Hartleibigkeit, wie noch nie in meinem Leben, sodaß ich kein Heilmittel mehr dagegen weiß. Der Herr sucht mich so heim, damit ich nicht ohne die Reliquien des Kreuzes sei. Er sei gelobt, Amen".

Hören wir dann noch weiter, welche entsetzlichen Folgen für seinen Körper dieses Leiden mit sich führte — es läßt sich hier

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